Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 1. Leipzig, 1896.

Bild:
<< vorherige Seite

Einleitung.
einmal durch andere ersetzt werden. Ich war sogar versucht,
eine Gastheorie anzudeuten, wo an Stelle der während der
Zusammenstösse wirkenden Kräfte blosse Bedingungsgleichungen
im Sinne der posthumen Mechanik Hertz' treten sollten, die
allgemeiner sind, als die des elastischen Stosses; ich unterliess
es aber, da ich doch nur wieder neue willkürliche Annahmen
hätte machen müssen.

Die Erfahrung lehrt, dass man zu neuen Entdeckungen
fast ausschliesslich durch specielle mechanische Anschauungen
geleitet wurde. Maxwell selbst hat die Mängel der Weber'-
schen Elektricitätstheorie auf den ersten Blick erkannt; da-
gegen die Gastheorie aufs Eifrigste gepflegt und die Methode
der mechanischen Analogien der der reinen mathematischen
Formeln (wie er sich ausdrückt) weit vorgezogen.

So lange daher nicht anschaulichere und bessere Vor-
stellungen gewonnen sind, werden wir neben der allgemeinen
Wärmetheorie und unbeschadet ihrer Wichtigkeit die alten
Hypothesen der speciellen Wärmetheorie zu cultiviren haben.
Ja, wenn die Geschichte der Wissenschaft zeigt, wie oft
sich erkenntnisstheoretische Generalisationen als falsch er-
wiesen haben, kann da nicht auch einmal die augenblicklich
moderne jeder speciellen Vorstellung abholde Richtung, sowie
die Unterscheidung qualitativ verschiedener Energieformen als
Rückschritt erkannt werden? -- Wer sieht in die Zukunft?
Darum freie Bahn für jede Richtung, weg mit jeder Dogmatik
in atomistischem und antiatomistischem Sinne! Indem wir
obendrein die Vorstellungen der Gastheorie als mechanische
Analogien bezeichnen, drücken wir schon durch die Wahl
dieses Wortes deutlich aus, wie weit wir von der Vorstellung
entfernt sind, als träfen sie in allen Stücken die wahre Be-
schaffenheit der kleinsten Theile der Körper.


Wir wollen uns zunächst auf den modernsten Standpunkt
der reinen Beschreibung stellen und die bekannten Differential-
gleichungen für die inneren Bewegungen der festen und flüssigen
Körper acceptiren. Aus denselben folgt, dass in vielen Fällen,
z. B. beim Stosse zweier fester Körper, bei Bewegung von
Flüssigkeiten in geschlossenen Gefässen etc., sobald die Form
der Körper nur im mindesten von einer geometrisch ein-

Einleitung.
einmal durch andere ersetzt werden. Ich war sogar versucht,
eine Gastheorie anzudeuten, wo an Stelle der während der
Zusammenstösse wirkenden Kräfte blosse Bedingungsgleichungen
im Sinne der posthumen Mechanik Hertz’ treten sollten, die
allgemeiner sind, als die des elastischen Stosses; ich unterliess
es aber, da ich doch nur wieder neue willkürliche Annahmen
hätte machen müssen.

Die Erfahrung lehrt, dass man zu neuen Entdeckungen
fast ausschliesslich durch specielle mechanische Anschauungen
geleitet wurde. Maxwell selbst hat die Mängel der Weber’-
schen Elektricitätstheorie auf den ersten Blick erkannt; da-
gegen die Gastheorie aufs Eifrigste gepflegt und die Methode
der mechanischen Analogien der der reinen mathematischen
Formeln (wie er sich ausdrückt) weit vorgezogen.

So lange daher nicht anschaulichere und bessere Vor-
stellungen gewonnen sind, werden wir neben der allgemeinen
Wärmetheorie und unbeschadet ihrer Wichtigkeit die alten
Hypothesen der speciellen Wärmetheorie zu cultiviren haben.
Ja, wenn die Geschichte der Wissenschaft zeigt, wie oft
sich erkenntnisstheoretische Generalisationen als falsch er-
wiesen haben, kann da nicht auch einmal die augenblicklich
moderne jeder speciellen Vorstellung abholde Richtung, sowie
die Unterscheidung qualitativ verschiedener Energieformen als
Rückschritt erkannt werden? — Wer sieht in die Zukunft?
Darum freie Bahn für jede Richtung, weg mit jeder Dogmatik
in atomistischem und antiatomistischem Sinne! Indem wir
obendrein die Vorstellungen der Gastheorie als mechanische
Analogien bezeichnen, drücken wir schon durch die Wahl
dieses Wortes deutlich aus, wie weit wir von der Vorstellung
entfernt sind, als träfen sie in allen Stücken die wahre Be-
schaffenheit der kleinsten Theile der Körper.


Wir wollen uns zunächst auf den modernsten Standpunkt
der reinen Beschreibung stellen und die bekannten Differential-
gleichungen für die inneren Bewegungen der festen und flüssigen
Körper acceptiren. Aus denselben folgt, dass in vielen Fällen,
z. B. beim Stosse zweier fester Körper, bei Bewegung von
Flüssigkeiten in geschlossenen Gefässen etc., sobald die Form
der Körper nur im mindesten von einer geometrisch ein-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0018" n="4"/><fw place="top" type="header">Einleitung.</fw><lb/>
einmal durch andere ersetzt werden. Ich war sogar versucht,<lb/>
eine Gastheorie anzudeuten, wo an Stelle der während der<lb/>
Zusammenstösse wirkenden Kräfte blosse Bedingungsgleichungen<lb/>
im Sinne der posthumen Mechanik <hi rendition="#g">Hertz&#x2019;</hi> treten sollten, die<lb/>
allgemeiner sind, als die des elastischen Stosses; ich unterliess<lb/>
es aber, da ich doch nur wieder neue willkürliche Annahmen<lb/>
hätte machen müssen.</p><lb/>
          <p>Die Erfahrung lehrt, dass man zu neuen Entdeckungen<lb/>
fast ausschliesslich durch specielle mechanische Anschauungen<lb/>
geleitet wurde. <hi rendition="#g">Maxwell</hi> selbst hat die Mängel der <hi rendition="#g">Weber&#x2019;-</hi><lb/>
schen Elektricitätstheorie auf den ersten Blick erkannt; da-<lb/>
gegen die Gastheorie aufs Eifrigste gepflegt und die Methode<lb/>
der mechanischen Analogien der der reinen mathematischen<lb/>
Formeln (wie er sich ausdrückt) weit vorgezogen.</p><lb/>
          <p>So lange daher nicht anschaulichere und bessere Vor-<lb/>
stellungen gewonnen sind, werden wir neben der allgemeinen<lb/>
Wärmetheorie und unbeschadet ihrer Wichtigkeit die alten<lb/>
Hypothesen der speciellen Wärmetheorie zu cultiviren haben.<lb/>
Ja, wenn die Geschichte der Wissenschaft zeigt, wie oft<lb/>
sich erkenntnisstheoretische Generalisationen als falsch er-<lb/>
wiesen haben, kann da nicht auch einmal die augenblicklich<lb/>
moderne jeder speciellen Vorstellung abholde Richtung, sowie<lb/>
die Unterscheidung qualitativ verschiedener Energieformen als<lb/>
Rückschritt erkannt werden? &#x2014; Wer sieht in die Zukunft?<lb/>
Darum freie Bahn für jede Richtung, weg mit jeder Dogmatik<lb/>
in atomistischem und antiatomistischem Sinne! Indem wir<lb/>
obendrein die Vorstellungen der Gastheorie als mechanische<lb/>
Analogien bezeichnen, drücken wir schon durch die Wahl<lb/>
dieses Wortes deutlich aus, wie weit wir von der Vorstellung<lb/>
entfernt sind, als träfen sie in allen Stücken die wahre Be-<lb/>
schaffenheit der kleinsten Theile der Körper.</p><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <p>Wir wollen uns zunächst auf den modernsten Standpunkt<lb/>
der reinen Beschreibung stellen und die bekannten Differential-<lb/>
gleichungen für die inneren Bewegungen der festen und flüssigen<lb/>
Körper acceptiren. Aus denselben folgt, dass in vielen Fällen,<lb/>
z. B. beim Stosse zweier fester Körper, bei Bewegung von<lb/>
Flüssigkeiten in geschlossenen Gefässen etc., sobald die Form<lb/>
der Körper nur im mindesten von einer geometrisch ein-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[4/0018] Einleitung. einmal durch andere ersetzt werden. Ich war sogar versucht, eine Gastheorie anzudeuten, wo an Stelle der während der Zusammenstösse wirkenden Kräfte blosse Bedingungsgleichungen im Sinne der posthumen Mechanik Hertz’ treten sollten, die allgemeiner sind, als die des elastischen Stosses; ich unterliess es aber, da ich doch nur wieder neue willkürliche Annahmen hätte machen müssen. Die Erfahrung lehrt, dass man zu neuen Entdeckungen fast ausschliesslich durch specielle mechanische Anschauungen geleitet wurde. Maxwell selbst hat die Mängel der Weber’- schen Elektricitätstheorie auf den ersten Blick erkannt; da- gegen die Gastheorie aufs Eifrigste gepflegt und die Methode der mechanischen Analogien der der reinen mathematischen Formeln (wie er sich ausdrückt) weit vorgezogen. So lange daher nicht anschaulichere und bessere Vor- stellungen gewonnen sind, werden wir neben der allgemeinen Wärmetheorie und unbeschadet ihrer Wichtigkeit die alten Hypothesen der speciellen Wärmetheorie zu cultiviren haben. Ja, wenn die Geschichte der Wissenschaft zeigt, wie oft sich erkenntnisstheoretische Generalisationen als falsch er- wiesen haben, kann da nicht auch einmal die augenblicklich moderne jeder speciellen Vorstellung abholde Richtung, sowie die Unterscheidung qualitativ verschiedener Energieformen als Rückschritt erkannt werden? — Wer sieht in die Zukunft? Darum freie Bahn für jede Richtung, weg mit jeder Dogmatik in atomistischem und antiatomistischem Sinne! Indem wir obendrein die Vorstellungen der Gastheorie als mechanische Analogien bezeichnen, drücken wir schon durch die Wahl dieses Wortes deutlich aus, wie weit wir von der Vorstellung entfernt sind, als träfen sie in allen Stücken die wahre Be- schaffenheit der kleinsten Theile der Körper. Wir wollen uns zunächst auf den modernsten Standpunkt der reinen Beschreibung stellen und die bekannten Differential- gleichungen für die inneren Bewegungen der festen und flüssigen Körper acceptiren. Aus denselben folgt, dass in vielen Fällen, z. B. beim Stosse zweier fester Körper, bei Bewegung von Flüssigkeiten in geschlossenen Gefässen etc., sobald die Form der Körper nur im mindesten von einer geometrisch ein-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie01_1896
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie01_1896/18
Zitationshilfe: Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 1. Leipzig, 1896, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie01_1896/18>, abgerufen am 01.03.2024.