Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742.

Bild:
<< vorherige Seite
Echo
Es gleicht, wie ein gewisser Scribent sagt,
einer Mine, durch welche der Feind, ehe er
sichs versiehet, in die Luft gesprenget wird,
und es ist selten ohne Würckung.
Liscov Bl. 209.



DJe christliche Religion ist eine Lehre der
Wahrheit zur Gottseligkeit. Der Lehrbe-
griff derselben ist ein Zusammenhang der erha-
bensten theoretischen und practischen Wahrhei-
ten, welche die Vernunft, nachdem sie einmahl
geoffenbaret worden sind, nicht genugsam be-
wundern kan. Diese heilsamen Lehrsätze grün-
den sich auf gewisse historische Begebenheiten,
ohne welche sie weder gründlich erkennt; noch
derselben Wahrheit und Göttlichkeit sattsam er-
wiesen werden kan. Daher leget die H. Schrift,
in welcher die göttliche Offenbarung enthalten
ist, auch eine historische Erzehlung zum Grund
voraus, die mit denen geoffenbareten Wahr-
heiten in einem genauen Zusammenhange stehet.
Daraus läßt sich aber keineswegs schliessen, daß
alle absonderlichen Geschichten, die in den Heil.
Schriften erzehlet werden, eine gleich nahe und
nothwendige Verbindung mit dem Wesentlichen
in der Religion haben; zumahlen da einige der-
selben nur als Nebenumstände zu betrachten sind,
welche alleine in der Absicht angeführet werden,
um der gantzen Erzehlung einen mehrern Grad
der Wahrscheinlichkeit mitzutheilen, und dieselbe

in
Echo
Es gleicht, wie ein gewiſſer Scribent ſagt,
einer Mine, durch welche der Feind, ehe er
ſichs verſiehet, in die Luft geſprenget wird,
und es iſt ſelten ohne Wuͤrckung.
Liſcov Bl. 209.



DJe chriſtliche Religion iſt eine Lehre der
Wahrheit zur Gottſeligkeit. Der Lehrbe-
griff derſelben iſt ein Zuſammenhang der erha-
benſten theoretiſchen und practiſchen Wahrhei-
ten, welche die Vernunft, nachdem ſie einmahl
geoffenbaret worden ſind, nicht genugſam be-
wundern kan. Dieſe heilſamen Lehrſaͤtze gruͤn-
den ſich auf gewiſſe hiſtoriſche Begebenheiten,
ohne welche ſie weder gruͤndlich erkennt; noch
derſelben Wahrheit und Goͤttlichkeit ſattſam er-
wieſen werden kan. Daher leget die H. Schrift,
in welcher die goͤttliche Offenbarung enthalten
iſt, auch eine hiſtoriſche Erzehlung zum Grund
voraus, die mit denen geoffenbareten Wahr-
heiten in einem genauen Zuſammenhange ſtehet.
Daraus laͤßt ſich aber keineswegs ſchlieſſen, daß
alle abſonderlichen Geſchichten, die in den Heil.
Schriften erzehlet werden, eine gleich nahe und
nothwendige Verbindung mit dem Weſentlichen
in der Religion haben; zumahlen da einige der-
ſelben nur als Nebenumſtaͤnde zu betrachten ſind,
welche alleine in der Abſicht angefuͤhret werden,
um der gantzen Erzehlung einen mehrern Grad
der Wahrſcheinlichkeit mitzutheilen, und dieſelbe

in
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <cit>
            <quote><pb facs="#f0006" n="6"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Echo</hi></hi></fw><lb/>
Es gleicht, wie ein gewi&#x017F;&#x017F;er Scribent &#x017F;agt,<lb/>
einer Mine, durch welche der Feind, ehe er<lb/>
&#x017F;ichs ver&#x017F;iehet, in die Luft ge&#x017F;prenget wird,<lb/>
und es i&#x017F;t &#x017F;elten ohne Wu&#x0364;rckung.<lb/><hi rendition="#et"><hi rendition="#fr">Li&#x017F;cov Bl. 209.</hi></hi></quote>
          </cit><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <p><hi rendition="#in">D</hi>Je chri&#x017F;tliche Religion i&#x017F;t eine Lehre der<lb/>
Wahrheit zur Gott&#x017F;eligkeit. Der Lehrbe-<lb/>
griff der&#x017F;elben i&#x017F;t ein Zu&#x017F;ammenhang der erha-<lb/>
ben&#x017F;ten theoreti&#x017F;chen und practi&#x017F;chen Wahrhei-<lb/>
ten, welche die Vernunft, nachdem &#x017F;ie einmahl<lb/>
geoffenbaret worden &#x017F;ind, nicht genug&#x017F;am be-<lb/>
wundern kan. Die&#x017F;e heil&#x017F;amen Lehr&#x017F;a&#x0364;tze gru&#x0364;n-<lb/>
den &#x017F;ich auf gewi&#x017F;&#x017F;e hi&#x017F;tori&#x017F;che Begebenheiten,<lb/>
ohne welche &#x017F;ie weder gru&#x0364;ndlich erkennt; noch<lb/>
der&#x017F;elben Wahrheit und Go&#x0364;ttlichkeit &#x017F;att&#x017F;am er-<lb/>
wie&#x017F;en werden kan. Daher leget die H. Schrift,<lb/>
in welcher die go&#x0364;ttliche Offenbarung enthalten<lb/>
i&#x017F;t, auch eine hi&#x017F;tori&#x017F;che Erzehlung zum Grund<lb/>
voraus, die mit denen geoffenbareten Wahr-<lb/>
heiten in einem genauen Zu&#x017F;ammenhange &#x017F;tehet.<lb/>
Daraus la&#x0364;ßt &#x017F;ich aber keineswegs &#x017F;chlie&#x017F;&#x017F;en, daß<lb/>
alle ab&#x017F;onderlichen Ge&#x017F;chichten, die in den Heil.<lb/>
Schriften erzehlet werden, eine gleich nahe und<lb/>
nothwendige Verbindung mit dem We&#x017F;entlichen<lb/>
in der Religion haben; zumahlen da einige der-<lb/>
&#x017F;elben nur als Nebenum&#x017F;ta&#x0364;nde zu betrachten &#x017F;ind,<lb/>
welche alleine in der Ab&#x017F;icht angefu&#x0364;hret werden,<lb/>
um der gantzen Erzehlung einen mehrern Grad<lb/>
der Wahr&#x017F;cheinlichkeit mitzutheilen, und die&#x017F;elbe<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">in</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[6/0006] Echo Es gleicht, wie ein gewiſſer Scribent ſagt, einer Mine, durch welche der Feind, ehe er ſichs verſiehet, in die Luft geſprenget wird, und es iſt ſelten ohne Wuͤrckung. Liſcov Bl. 209. DJe chriſtliche Religion iſt eine Lehre der Wahrheit zur Gottſeligkeit. Der Lehrbe- griff derſelben iſt ein Zuſammenhang der erha- benſten theoretiſchen und practiſchen Wahrhei- ten, welche die Vernunft, nachdem ſie einmahl geoffenbaret worden ſind, nicht genugſam be- wundern kan. Dieſe heilſamen Lehrſaͤtze gruͤn- den ſich auf gewiſſe hiſtoriſche Begebenheiten, ohne welche ſie weder gruͤndlich erkennt; noch derſelben Wahrheit und Goͤttlichkeit ſattſam er- wieſen werden kan. Daher leget die H. Schrift, in welcher die goͤttliche Offenbarung enthalten iſt, auch eine hiſtoriſche Erzehlung zum Grund voraus, die mit denen geoffenbareten Wahr- heiten in einem genauen Zuſammenhange ſtehet. Daraus laͤßt ſich aber keineswegs ſchlieſſen, daß alle abſonderlichen Geſchichten, die in den Heil. Schriften erzehlet werden, eine gleich nahe und nothwendige Verbindung mit dem Weſentlichen in der Religion haben; zumahlen da einige der- ſelben nur als Nebenumſtaͤnde zu betrachten ſind, welche alleine in der Abſicht angefuͤhret werden, um der gantzen Erzehlung einen mehrern Grad der Wahrſcheinlichkeit mitzutheilen, und dieſelbe in

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung06_1742
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung06_1742/6
Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung06_1742/6>, abgerufen am 26.02.2024.