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[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742.

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des deutschen Witzes.
vortheilhafte Urtheil oder Lob, wenn es nicht
auf den innern Werth einer Schrift gegründet,
wenn es hiemit ungerecht ist, eben darum auch grob
und unhöflich seyn könne. Niemand wird sagen,
daß derjenige höflich sey, der einen Tiresias we-
gen seiner Scharfsichtigkeit, einen Euclio wegen
seiner Freygebigkeit, eine Cleopatra wegen ih-
rer Keuschheit offentlich oder ins Angesicht lobet,
weilen dergleichen Lob eine offenbare Lügen, und
eben so viel als eine Vorrückung der schändlich-
sten Laster ist. Doch ist die Eitelkeit der Men-
schen so groß, daß sie dergleichen critische Unge-
rechtigkeiten, die allezeit mit einer Unhöflichkeit
gepaaret gehen, gemeiniglich ohne Verdruß an-
hören, und man weiß wenig Exempel, daß sich
einer über diese Art Unbill, die er sich vortheil-
haft zu seyn gläubt, beschweret habe. Hinge-
gen sind die Menschen gantz anders gesinnet,
wenn die critischen Urtheile ihre Unvollkommen-
heiten entdecken; da sind sie so empfindlich, daß
sie also bald über Ungerechtigkeit und Unbill, oder
wenn sie gar nichts anders zur Entschuldigung
offenbarer Fehler vorzubringen wissen, wenig-
stens über Unhöflichkeit und Grobheit klagen:
Sie fodern eine Höflichkeit, die andere gegen
ihre Fehler und Unvollkommenheiten mit sehen-
den Augen blind, oder wenigstens stumm mache:
Und sie rechnen es einem schon für eine Unhöflich-
keit und Grobheit an, daß er sich vermessen hat,
ihre Gebrechen, die sie selbst ohne Noth entdeckt
haben, zu offenbaren und zu anten. Nach die-
ser Leute Meinung ist die Critick in so fern sie in

Ent-
C 2

des deutſchen Witzes.
vortheilhafte Urtheil oder Lob, wenn es nicht
auf den innern Werth einer Schrift gegruͤndet,
weñ es hiemit ungerecht iſt, eben darum auch grob
und unhoͤflich ſeyn koͤnne. Niemand wird ſagen,
daß derjenige hoͤflich ſey, der einen Tireſias we-
gen ſeiner Scharfſichtigkeit, einen Euclio wegen
ſeiner Freygebigkeit, eine Cleopatra wegen ih-
rer Keuſchheit offentlich oder ins Angeſicht lobet,
weilen dergleichen Lob eine offenbare Luͤgen, und
eben ſo viel als eine Vorruͤckung der ſchaͤndlich-
ſten Laſter iſt. Doch iſt die Eitelkeit der Men-
ſchen ſo groß, daß ſie dergleichen critiſche Unge-
rechtigkeiten, die allezeit mit einer Unhoͤflichkeit
gepaaret gehen, gemeiniglich ohne Verdruß an-
hoͤren, und man weiß wenig Exempel, daß ſich
einer uͤber dieſe Art Unbill, die er ſich vortheil-
haft zu ſeyn glaͤubt, beſchweret habe. Hinge-
gen ſind die Menſchen gantz anders geſinnet,
wenn die critiſchen Urtheile ihre Unvollkommen-
heiten entdecken; da ſind ſie ſo empfindlich, daß
ſie alſo bald uͤber Ungerechtigkeit und Unbill, oder
wenn ſie gar nichts anders zur Entſchuldigung
offenbarer Fehler vorzubringen wiſſen, wenig-
ſtens uͤber Unhoͤflichkeit und Grobheit klagen:
Sie fodern eine Hoͤflichkeit, die andere gegen
ihre Fehler und Unvollkommenheiten mit ſehen-
den Augen blind, oder wenigſtens ſtumm mache:
Und ſie rechnen es einem ſchon fuͤr eine Unhoͤflich-
keit und Grobheit an, daß er ſich vermeſſen hat,
ihre Gebrechen, die ſie ſelbſt ohne Noth entdeckt
haben, zu offenbaren und zu anten. Nach die-
ſer Leute Meinung iſt die Critick in ſo fern ſie in

Ent-
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[35/0035] des deutſchen Witzes. vortheilhafte Urtheil oder Lob, wenn es nicht auf den innern Werth einer Schrift gegruͤndet, weñ es hiemit ungerecht iſt, eben darum auch grob und unhoͤflich ſeyn koͤnne. Niemand wird ſagen, daß derjenige hoͤflich ſey, der einen Tireſias we- gen ſeiner Scharfſichtigkeit, einen Euclio wegen ſeiner Freygebigkeit, eine Cleopatra wegen ih- rer Keuſchheit offentlich oder ins Angeſicht lobet, weilen dergleichen Lob eine offenbare Luͤgen, und eben ſo viel als eine Vorruͤckung der ſchaͤndlich- ſten Laſter iſt. Doch iſt die Eitelkeit der Men- ſchen ſo groß, daß ſie dergleichen critiſche Unge- rechtigkeiten, die allezeit mit einer Unhoͤflichkeit gepaaret gehen, gemeiniglich ohne Verdruß an- hoͤren, und man weiß wenig Exempel, daß ſich einer uͤber dieſe Art Unbill, die er ſich vortheil- haft zu ſeyn glaͤubt, beſchweret habe. Hinge- gen ſind die Menſchen gantz anders geſinnet, wenn die critiſchen Urtheile ihre Unvollkommen- heiten entdecken; da ſind ſie ſo empfindlich, daß ſie alſo bald uͤber Ungerechtigkeit und Unbill, oder wenn ſie gar nichts anders zur Entſchuldigung offenbarer Fehler vorzubringen wiſſen, wenig- ſtens uͤber Unhoͤflichkeit und Grobheit klagen: Sie fodern eine Hoͤflichkeit, die andere gegen ihre Fehler und Unvollkommenheiten mit ſehen- den Augen blind, oder wenigſtens ſtumm mache: Und ſie rechnen es einem ſchon fuͤr eine Unhoͤflich- keit und Grobheit an, daß er ſich vermeſſen hat, ihre Gebrechen, die ſie ſelbſt ohne Noth entdeckt haben, zu offenbaren und zu anten. Nach die- ſer Leute Meinung iſt die Critick in ſo fern ſie in Ent- C 2

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Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742, S. 35. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung06_1742/35>, abgerufen am 02.03.2024.