den. Dieser M. Schuster war ein ärgerer Melancholicus, als ich. Er war vor diesem mit mir zu gleicher Zeit Baccalaureus Philoso- phiae worden; und, nachdem er in Magistrum promoviret, wolte er eine Disputation halten von Gespenstern, die er selbst gesehen, und die wol von niemanden eher gesehen werden, als von Leuten, die nicht mehr gut transspiriren, und bey denen das dicke Geblüte nicht recht circuliren will, wie der Herr Geheimde Rath Gundling in einem Orte schreibet; allein die Facultät wolte ihm solche Disputation zu halten nicht vergönnen. Melancholici haben nicht nur ein dickes, sondern auch offters ein sehr ge- saltzenes Geblüte, und sind erschrecklich zur Geilheit geneigt, so daß die Ustiones, und das Brunst-Leiden ihre tägliche Plage ist. So waren sie es auch bey diesem M. Schuster. Er entdeckte mir solche Noth, von welcher ihn Jacob Boehme, der seiner Profession nach, wie bekannt ist, ein Schuster gewesen, dessen Schrifften er vollkommen zu verstehen sich rüh- mete, nicht befreyen konte. Er gab mir zu verstehen, er wolle heyrathen, und könne un- möglich länger in diesem Zustande ausdauren: diese, und diese Person hätte er zu nehmen im Sinne, welche auch etwas Geld hätte, und durch ihr Hoffart-machen was verdienen könte.
Jch
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inſonderheit daß er einem
den. Dieſer M. Schuſter war ein aͤrgerer Melancholicus, als ich. Er war vor dieſem mit mir zu gleicher Zeit Baccalaureus Philoſo- phiæ worden; und, nachdem er in Magiſtrum promoviret, wolte er eine Diſputation halten von Geſpenſtern, die er ſelbſt geſehen, und die wol von niemanden eher geſehen werden, als von Leuten, die nicht mehr gut transſpiriren, und bey denen das dicke Gebluͤte nicht recht circuliren will, wie der Herr Geheimde Rath Gundling in einem Orte ſchreibet; allein die Facultaͤt wolte ihm ſolche Diſputation zu halten nicht vergoͤnnen. Melancholici haben nicht nur ein dickes, ſondern auch offters ein ſehr ge- ſaltzenes Gebluͤte, und ſind erſchrecklich zur Geilheit geneigt, ſo daß die Uſtiones, und das Brunſt-Leiden ihre taͤgliche Plage iſt. So waren ſie es auch bey dieſem M. Schuſter. Er entdeckte mir ſolche Noth, von welcher ihn Jacob Bœhme, der ſeiner Profeſſion nach, wie bekannt iſt, ein Schuſter geweſen, deſſen Schrifften er vollkommen zu verſtehen ſich ruͤh- mete, nicht befreyen konte. Er gab mir zu verſtehen, er wolle heyrathen, und koͤnne un- moͤglich laͤnger in dieſem Zuſtande ausdauren: dieſe, und dieſe Perſon haͤtte er zu nehmen im Sinne, welche auch etwas Geld haͤtte, und durch ihr Hoffart-machen was verdienen koͤnte.
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inſonderheit daß er einem
den. Dieſer M. Schuſter war ein aͤrgerer
Melancholicus, als ich. Er war vor dieſem
mit mir zu gleicher Zeit Baccalaureus Philoſo-
phiæ worden; und, nachdem er in Magiſtrum
promoviret, wolte er eine Diſputation halten
von Geſpenſtern, die er ſelbſt geſehen, und die
wol von niemanden eher geſehen werden, als
von Leuten, die nicht mehr gut transſpiriren,
und bey denen das dicke Gebluͤte nicht recht
circuliren will, wie der Herr Geheimde Rath
Gundling in einem Orte ſchreibet; allein die
Facultaͤt wolte ihm ſolche Diſputation zu halten
nicht vergoͤnnen. Melancholici haben nicht
nur ein dickes, ſondern auch offters ein ſehr ge-
ſaltzenes Gebluͤte, und ſind erſchrecklich zur
Geilheit geneigt, ſo daß die Uſtiones, und das
Brunſt-Leiden ihre taͤgliche Plage iſt. So
waren ſie es auch bey dieſem M. Schuſter.
Er entdeckte mir ſolche Noth, von welcher ihn
Jacob Bœhme, der ſeiner Profeſſion nach, wie
bekannt iſt, ein Schuſter geweſen, deſſen
Schrifften er vollkommen zu verſtehen ſich ruͤh-
mete, nicht befreyen konte. Er gab mir zu
verſtehen, er wolle heyrathen, und koͤnne un-
moͤglich laͤnger in dieſem Zuſtande ausdauren:
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Bernd, Adam: Eigene Lebens-Beschreibung. Leipzig, 1738, S. 597. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bernd_lebensbeschreibung_1738/643>, abgerufen am 30.01.2025.
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