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Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 3: Das XVIII. Jahrhundert. Braunschweig, 1897.

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Einleitung.
Bald wird des Dampfes Kraft den flüchtigen Wagen
Die Strasse entlang,
Die träge Barke durch die Wellen tragen
In sicherem Gang.
Ja, durch des Windes leichtbewegte Schwingen,
Durchs luftige Reich
Ein neu Gefährt zum fernsten Ziele bringen,
Dem Adler gleich!

Der Dichter ist hier Prophet, dem die Zukunft enthüllt ist. Bis
zur Eröffnung der ersten Eisenbahn bedurfte es aber noch einer ge-
raumen Zeit, und das lenkbare Luftschiff gehört noch heute zu den
unerfüllten Wünschen.

Tiefeingreifend waren die Wirkungen der Erfindung der Dampf-
maschine auf die Eisenindustrie; denn einerseits war damit eine Kraft
quelle von unbegrenzter Stärke geboten, anderseits war sie nicht an
örtliche Bedingungen gebunden. Überall, auf Höhen und Tiefen, in
Stadt und Land, liessen sich Dampfmaschinen aufstellen. Die Eisen-
industrie war nicht mehr gefesselt an das Gefälle des Wasserlaufes,
sie war erlöst aus dem "Waldthal"; die Kraft, die sie nötig hatte,
band sie nicht mehr an eine bestimmte Örtlichkeit; sie konnte frei
da ihr Arbeitsfeld aufschlagen, wo sich ihr die günstigsten Bedingungen
darboten. Dies war aber besonders in den Steinkohlenrevieren, wo
der Bezug des Brennmaterials leicht und billig war, der Fall. Die
Eisenhütten verliessen ihre alten Sitze in oft abgelegenen unzugäng-
lichen Waldthälern und wanderten in das Steinkohlengebiet aus.
Hier entstanden weit grössere Werke, als man sie früher jemals ge-
kannt hatte; denn man war ja nicht mehr beschränkt durch die zu-
gemessene Kraft des Wassergefälles, sondern konnte mit Steinkohlen
und Dampfmaschinen beliebige Kraftmengen auf beschränktem Raume
erzeugen. Auf diese Weise entstanden neue, grossartige Eisenindustrie-
gebiete, wie namentlich in Schottland, Süd-Wales, Staffordshire, Ober-
schlesien u. s. w.

Auch die Chemie arbeitete eifrig an den Fortschritten im Eisen-
hüttenwesen mit. War sie darin auch lange Zeit gehemmt durch die
falsche Lehre vom Phlogiston, so konnte sie nach dem Sturze dieser
durch die Entdeckung des Sauerstoffs und Lavoisiers Lehre von
der Verbrennung sich frei entfalten und durch die richtige Erklärung
der Konstitution der verschiedenen Eisensorten und der Vorgänge
bei den hüttenmännischen Prozessen der Industrie den richtigen
Weg und die richtigen Grenzen zeigen.


Einleitung.
Bald wird des Dampfes Kraft den flüchtigen Wagen
Die Straſse entlang,
Die träge Barke durch die Wellen tragen
In sicherem Gang.
Ja, durch des Windes leichtbewegte Schwingen,
Durchs luftige Reich
Ein neu Gefährt zum fernsten Ziele bringen,
Dem Adler gleich!

Der Dichter ist hier Prophet, dem die Zukunft enthüllt ist. Bis
zur Eröffnung der ersten Eisenbahn bedurfte es aber noch einer ge-
raumen Zeit, und das lenkbare Luftschiff gehört noch heute zu den
unerfüllten Wünschen.

Tiefeingreifend waren die Wirkungen der Erfindung der Dampf-
maschine auf die Eisenindustrie; denn einerseits war damit eine Kraft
quelle von unbegrenzter Stärke geboten, anderseits war sie nicht an
örtliche Bedingungen gebunden. Überall, auf Höhen und Tiefen, in
Stadt und Land, lieſsen sich Dampfmaschinen aufstellen. Die Eisen-
industrie war nicht mehr gefesselt an das Gefälle des Wasserlaufes,
sie war erlöst aus dem „Waldthal“; die Kraft, die sie nötig hatte,
band sie nicht mehr an eine bestimmte Örtlichkeit; sie konnte frei
da ihr Arbeitsfeld aufschlagen, wo sich ihr die günstigsten Bedingungen
darboten. Dies war aber besonders in den Steinkohlenrevieren, wo
der Bezug des Brennmaterials leicht und billig war, der Fall. Die
Eisenhütten verlieſsen ihre alten Sitze in oft abgelegenen unzugäng-
lichen Waldthälern und wanderten in das Steinkohlengebiet aus.
Hier entstanden weit gröſsere Werke, als man sie früher jemals ge-
kannt hatte; denn man war ja nicht mehr beschränkt durch die zu-
gemessene Kraft des Wassergefälles, sondern konnte mit Steinkohlen
und Dampfmaschinen beliebige Kraftmengen auf beschränktem Raume
erzeugen. Auf diese Weise entstanden neue, groſsartige Eisenindustrie-
gebiete, wie namentlich in Schottland, Süd-Wales, Staffordshire, Ober-
schlesien u. s. w.

Auch die Chemie arbeitete eifrig an den Fortschritten im Eisen-
hüttenwesen mit. War sie darin auch lange Zeit gehemmt durch die
falsche Lehre vom Phlogiston, so konnte sie nach dem Sturze dieser
durch die Entdeckung des Sauerstoffs und Lavoisiers Lehre von
der Verbrennung sich frei entfalten und durch die richtige Erklärung
der Konstitution der verschiedenen Eisensorten und der Vorgänge
bei den hüttenmännischen Prozessen der Industrie den richtigen
Weg und die richtigen Grenzen zeigen.


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[10/0024] Einleitung. Bald wird des Dampfes Kraft den flüchtigen Wagen Die Straſse entlang, Die träge Barke durch die Wellen tragen In sicherem Gang. Ja, durch des Windes leichtbewegte Schwingen, Durchs luftige Reich Ein neu Gefährt zum fernsten Ziele bringen, Dem Adler gleich! Der Dichter ist hier Prophet, dem die Zukunft enthüllt ist. Bis zur Eröffnung der ersten Eisenbahn bedurfte es aber noch einer ge- raumen Zeit, und das lenkbare Luftschiff gehört noch heute zu den unerfüllten Wünschen. Tiefeingreifend waren die Wirkungen der Erfindung der Dampf- maschine auf die Eisenindustrie; denn einerseits war damit eine Kraft quelle von unbegrenzter Stärke geboten, anderseits war sie nicht an örtliche Bedingungen gebunden. Überall, auf Höhen und Tiefen, in Stadt und Land, lieſsen sich Dampfmaschinen aufstellen. Die Eisen- industrie war nicht mehr gefesselt an das Gefälle des Wasserlaufes, sie war erlöst aus dem „Waldthal“; die Kraft, die sie nötig hatte, band sie nicht mehr an eine bestimmte Örtlichkeit; sie konnte frei da ihr Arbeitsfeld aufschlagen, wo sich ihr die günstigsten Bedingungen darboten. Dies war aber besonders in den Steinkohlenrevieren, wo der Bezug des Brennmaterials leicht und billig war, der Fall. Die Eisenhütten verlieſsen ihre alten Sitze in oft abgelegenen unzugäng- lichen Waldthälern und wanderten in das Steinkohlengebiet aus. Hier entstanden weit gröſsere Werke, als man sie früher jemals ge- kannt hatte; denn man war ja nicht mehr beschränkt durch die zu- gemessene Kraft des Wassergefälles, sondern konnte mit Steinkohlen und Dampfmaschinen beliebige Kraftmengen auf beschränktem Raume erzeugen. Auf diese Weise entstanden neue, groſsartige Eisenindustrie- gebiete, wie namentlich in Schottland, Süd-Wales, Staffordshire, Ober- schlesien u. s. w. Auch die Chemie arbeitete eifrig an den Fortschritten im Eisen- hüttenwesen mit. War sie darin auch lange Zeit gehemmt durch die falsche Lehre vom Phlogiston, so konnte sie nach dem Sturze dieser durch die Entdeckung des Sauerstoffs und Lavoisiers Lehre von der Verbrennung sich frei entfalten und durch die richtige Erklärung der Konstitution der verschiedenen Eisensorten und der Vorgänge bei den hüttenmännischen Prozessen der Industrie den richtigen Weg und die richtigen Grenzen zeigen.

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Zitationshilfe: Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 3: Das XVIII. Jahrhundert. Braunschweig, 1897, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen03_1897/24>, abgerufen am 12.04.2024.