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Allgemeine Zeitung. Nr. 158. Augsburg, 6. Juni 1840.

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gleichgültig behandelt werden, sondern auch durch die ausdrücklichen Befehle des Marschalls jeder Hülfe der Truppen, die in ihrer Nähe lagern, beraubt sind. Diese nicht zu rechtfertigende Gleichgültigkeit, die sich schon bei der Rückkehr vom Biban zeigte, wo die Eigenthümer der Ebene den Räubereien der Araber überlassen wurden, dauert noch in diesem Augenblick fort. Nicht allein haben die Truppen Befehl, unter keinem Vorwand aus ihren Verschanzungen herauszugehen, sondern man läßt sogar den Colonisten, die gezwungen sind sich selbst zu vertheidigen, nicht eher Munition geben, bis der Feind sie angegriffen hat. Dieser Zustand der Dinge wird, wie man leicht begreifen kann, von Allen, die es mit ansehen, unangenehm empfunden, und der Herzog von Orleans hat kein geringes Interesse, es aufhören zu lassen. Das Votum der Kammer, das den ausdrücklichen Willen Frankreichs in Bezug auf diese Colonie ausgesprochen hat, wird es jeden erkennen lassen, daß man aus dem fruchtbaren Boden Algeriens etwas Anderes als ein Schlachtfeld machen und etwas Anderes darein säen soll als Blockhäuser. - Die Umgebungen Algiers werden fortdauernd von Zeit zu Zeit von arabischen Streifzüglern heimgesucht, die indessen weit weniger zahlreich als das erstemal sind. Die Colonisten bilden aus sich Patrouillen, um sie zu entfernen, und die Truppen in den Lagern sehen ruhig zu, wie die Ackerbauer ihr Leben und ihr Eigenthum selbst vertheidigen.

Italien.

Lebhafte Bestürzung hat hier das nur zu sehr verbürgte Gerücht verbreitet, daß der Großherzog unsere altehrwürdige Universität aufzuheben gedenke. Es ist freilich wahr, daß zwei Universitäten (Pisa und Siena) für einen kleinen Staat, wie Toscana, außer Verhältniß erscheinen, und daß unsere Hochschule mit ihrem lückenhaften Programm nicht ganz zu dem Princip des Fortschrittes passe, das der großherzige Fürst adoptirt hat. Allein andrerseits beweist uns das Beispiel deutscher kleiner Staaten, daß der Maaßstab statistischer Proportionen nicht auf Universitäten angewendet werden könne; ferner bedürfte es ja nur einer Reform der Universität, der um so weniger etwas im Wege stünde, als der Adel der Stadt, der Wiege der Tolomei, Piccolomini, Borghesi u. s. w., sich freiwillig erboten hat den Fonds der Universität so zu vergrößern, daß alle nach dem heutigen wissenschaftlichen Standpunkt nöthigen Katheder besetzt werden könnten, und endlich scheint um so weniger Grund zu einer solchen Maaßregel vorzuliegen, als die Universität dem Staate keinerlei Ausgabe verursacht, sondern sich aus ihren eigenen Fonds erhält, die, vor Jahrhunderten aus Privatstiftungen entstanden und vermehrt, eine jährliche Rente von 50,000 fl. Conventionsmünze abwerfen. Die Stadt, die dabei sehr verlöre, indem unter den 400 bis 500 Studenten die Mehrzahl Auswärtige sind, ist in einiger Aufregung, bei welcher sich die Liebe zur Vaterstadt und ihren Ruhm - dieser schöne Zug im italienischen Charakter - die würdige Haltung der Bürger, der Regierung gegenüber, so wie das Vertrauen und die Liberalität dieser letzteren deutlich ausspricht. Versammlungen wurden gehalten, hunderte von Petitionen entworfen, eine Deputation erkoren - alles, ohne daß die Regierung im mindesten opponirte. Allein kein Wort des Unglimpfs, kein Ausbruch persönlichen Unwillens wurde in jenen Versammlungen gehört, und das gegenseitige Vertrauen der Regierung und der Regierten gab sich bei einer Gelegenheit kund, wo in gewissen Staaten, die sich "constitutionelle" preisen, die bewaffnete Macht jeden freien Ausspruch der Volksmeinung niedergedrückt hätte. Der Erzbischof hat sich auf allgemeinen Wunsch nach Florenz begeben, um der Deputation der Sienesen Gehör beim Großherzoge zu verschaffen, was, wie wir eben vernehmen, sofort bewilligt wurde.

Niederlande.

In der Debatte über die Bedürfnisse des Syndicats, welcher Gesetzentwurf mit 48 gegen nur fünf Stimmen angenommen wurde, mußte die Regierung einige herbe Dinge hören, namentlich bemerkte Hr. Warin: "Die Art, Geld zu leihen, könnte einfacher seyn, und ich halte es für höchst nothwendig, auf solche Einfachheit anzudringen, denn die endlosen künstlichen Zusammenstellungen von Anlehen aus einer Landescasse an die andere, von Zinszahlungen an sich selbst, von Combination eines Anlehens mit einem andern u. s. w. haben wesentlich mitgewirkt zu einer solchen Verwirrung, daß schon seit mehreren Jahren mehr als einer unserer erfahrensten Financiers zweifelte, ob irgend Jemand noch im Stande sey, die bestehende Verwicklung zu entwirren. Diese Zweifel bestanden schon viele Jahre, ehe die Dunkelheiten durch die angeblich zur Last der überseeischen Besitzungen gemachten Anlehen vermehrt wurden. Was bedeuten doch die 30 Millionen, welche das Amortisationssyndicat angeblich als Anlehen zu Lasten der überseeischen Colonien besitzen soll? Dieß ist eine nutzlose Verwicklung, die nur Verwirrung in die Begriffe bringt. Die Schulden der überseeischen Besitzungen sind immer Schulden des Staats, und das Vermögen des Amortisationssyndicats ist immer Vermögen des Staats." Hr. Warin hat hier die Hand auf den wundesten Fleck des niederländischen Finanzwesens gelegt, und ehe hier abgeholfen ist, wird man nie klar darin sehen. Luzac, der indeß für die Annahme des Entwurfs stimmte, beklagte sich, daß man in der ungeschminkten Darlegung seiner Ansichten behindert werde durch die vertraulichen Mittheilungen, welche man von Regierungswegen der Kammer unter dem Siegel der Verschwiegenheit mache. Dieß muß sich auf die Unterhandlungen mit Belgien beziehen, denn er bemerkte gleich darauf, daß er aus diesem Grunde sehnlichst das Ende der Unterhandlungen herbeiwünsche, damit man doch endlich offen seine Ansicht aussprechen könne. Was dieß für vertrauliche Mittheilungen der Regierung sind, davon verlautet noch nichts. - Am 28 kam noch von der Regierung ein veränderter Gesetzentwurf über die Ministerverantwortlichkeit ein, der viel klarer ist als der erstere, und wonach die allenfallsigen Anklagen eines Ministers vor dem hohen Rath der Niederlande angebracht werden sollen.

Schweden.

Der mit einem Stern bezeichnete Stockholmer Correspondent hat in der Allg. Zeitung vom 6 Mai, indem er die Angaben eines andern Correspondenten von einer vermeintlichen Spannung zwischen dem König und dem Kronprinzen widerlegte, auch zugleich meinen vor einiger Zeit gelieferten Aufsatz über den schwedischen Adel Ihren Lesern verdächtig machen wollen. Was das erstere betrifft, mag der Betreffende verantworten. Nach meiner Ueberzeugung hat der Widerleger in jenem Punkte insofern Recht, daß man beim Hofe von einer solchen angeblichen Spannung nichts vermerkt hat, daß im Gegentheil häufig vertraute Gespräche zwischen den beiden hohen Personen stattfinden, und daß der König sich den umgebenden Personen immer heiter und bei der besten Laune zeigt. Von einer Abdication ist gewiß niemals die Rede gewesen, sie lebt wohl nur im Kopfe des Grafen Anckarswärd. Was nun die angeblich irrigen Ansichten, welche mein Artikel über den

gleichgültig behandelt werden, sondern auch durch die ausdrücklichen Befehle des Marschalls jeder Hülfe der Truppen, die in ihrer Nähe lagern, beraubt sind. Diese nicht zu rechtfertigende Gleichgültigkeit, die sich schon bei der Rückkehr vom Biban zeigte, wo die Eigenthümer der Ebene den Räubereien der Araber überlassen wurden, dauert noch in diesem Augenblick fort. Nicht allein haben die Truppen Befehl, unter keinem Vorwand aus ihren Verschanzungen herauszugehen, sondern man läßt sogar den Colonisten, die gezwungen sind sich selbst zu vertheidigen, nicht eher Munition geben, bis der Feind sie angegriffen hat. Dieser Zustand der Dinge wird, wie man leicht begreifen kann, von Allen, die es mit ansehen, unangenehm empfunden, und der Herzog von Orleans hat kein geringes Interesse, es aufhören zu lassen. Das Votum der Kammer, das den ausdrücklichen Willen Frankreichs in Bezug auf diese Colonie ausgesprochen hat, wird es jeden erkennen lassen, daß man aus dem fruchtbaren Boden Algeriens etwas Anderes als ein Schlachtfeld machen und etwas Anderes darein säen soll als Blockhäuser. – Die Umgebungen Algiers werden fortdauernd von Zeit zu Zeit von arabischen Streifzüglern heimgesucht, die indessen weit weniger zahlreich als das erstemal sind. Die Colonisten bilden aus sich Patrouillen, um sie zu entfernen, und die Truppen in den Lagern sehen ruhig zu, wie die Ackerbauer ihr Leben und ihr Eigenthum selbst vertheidigen.

Italien.

Lebhafte Bestürzung hat hier das nur zu sehr verbürgte Gerücht verbreitet, daß der Großherzog unsere altehrwürdige Universität aufzuheben gedenke. Es ist freilich wahr, daß zwei Universitäten (Pisa und Siena) für einen kleinen Staat, wie Toscana, außer Verhältniß erscheinen, und daß unsere Hochschule mit ihrem lückenhaften Programm nicht ganz zu dem Princip des Fortschrittes passe, das der großherzige Fürst adoptirt hat. Allein andrerseits beweist uns das Beispiel deutscher kleiner Staaten, daß der Maaßstab statistischer Proportionen nicht auf Universitäten angewendet werden könne; ferner bedürfte es ja nur einer Reform der Universität, der um so weniger etwas im Wege stünde, als der Adel der Stadt, der Wiege der Tolomei, Piccolomini, Borghesi u. s. w., sich freiwillig erboten hat den Fonds der Universität so zu vergrößern, daß alle nach dem heutigen wissenschaftlichen Standpunkt nöthigen Katheder besetzt werden könnten, und endlich scheint um so weniger Grund zu einer solchen Maaßregel vorzuliegen, als die Universität dem Staate keinerlei Ausgabe verursacht, sondern sich aus ihren eigenen Fonds erhält, die, vor Jahrhunderten aus Privatstiftungen entstanden und vermehrt, eine jährliche Rente von 50,000 fl. Conventionsmünze abwerfen. Die Stadt, die dabei sehr verlöre, indem unter den 400 bis 500 Studenten die Mehrzahl Auswärtige sind, ist in einiger Aufregung, bei welcher sich die Liebe zur Vaterstadt und ihren Ruhm – dieser schöne Zug im italienischen Charakter – die würdige Haltung der Bürger, der Regierung gegenüber, so wie das Vertrauen und die Liberalität dieser letzteren deutlich ausspricht. Versammlungen wurden gehalten, hunderte von Petitionen entworfen, eine Deputation erkoren – alles, ohne daß die Regierung im mindesten opponirte. Allein kein Wort des Unglimpfs, kein Ausbruch persönlichen Unwillens wurde in jenen Versammlungen gehört, und das gegenseitige Vertrauen der Regierung und der Regierten gab sich bei einer Gelegenheit kund, wo in gewissen Staaten, die sich „constitutionelle“ preisen, die bewaffnete Macht jeden freien Ausspruch der Volksmeinung niedergedrückt hätte. Der Erzbischof hat sich auf allgemeinen Wunsch nach Florenz begeben, um der Deputation der Sienesen Gehör beim Großherzoge zu verschaffen, was, wie wir eben vernehmen, sofort bewilligt wurde.

Niederlande.

In der Debatte über die Bedürfnisse des Syndicats, welcher Gesetzentwurf mit 48 gegen nur fünf Stimmen angenommen wurde, mußte die Regierung einige herbe Dinge hören, namentlich bemerkte Hr. Warin: „Die Art, Geld zu leihen, könnte einfacher seyn, und ich halte es für höchst nothwendig, auf solche Einfachheit anzudringen, denn die endlosen künstlichen Zusammenstellungen von Anlehen aus einer Landescasse an die andere, von Zinszahlungen an sich selbst, von Combination eines Anlehens mit einem andern u. s. w. haben wesentlich mitgewirkt zu einer solchen Verwirrung, daß schon seit mehreren Jahren mehr als einer unserer erfahrensten Financiers zweifelte, ob irgend Jemand noch im Stande sey, die bestehende Verwicklung zu entwirren. Diese Zweifel bestanden schon viele Jahre, ehe die Dunkelheiten durch die angeblich zur Last der überseeischen Besitzungen gemachten Anlehen vermehrt wurden. Was bedeuten doch die 30 Millionen, welche das Amortisationssyndicat angeblich als Anlehen zu Lasten der überseeischen Colonien besitzen soll? Dieß ist eine nutzlose Verwicklung, die nur Verwirrung in die Begriffe bringt. Die Schulden der überseeischen Besitzungen sind immer Schulden des Staats, und das Vermögen des Amortisationssyndicats ist immer Vermögen des Staats.“ Hr. Warin hat hier die Hand auf den wundesten Fleck des niederländischen Finanzwesens gelegt, und ehe hier abgeholfen ist, wird man nie klar darin sehen. Luzac, der indeß für die Annahme des Entwurfs stimmte, beklagte sich, daß man in der ungeschminkten Darlegung seiner Ansichten behindert werde durch die vertraulichen Mittheilungen, welche man von Regierungswegen der Kammer unter dem Siegel der Verschwiegenheit mache. Dieß muß sich auf die Unterhandlungen mit Belgien beziehen, denn er bemerkte gleich darauf, daß er aus diesem Grunde sehnlichst das Ende der Unterhandlungen herbeiwünsche, damit man doch endlich offen seine Ansicht aussprechen könne. Was dieß für vertrauliche Mittheilungen der Regierung sind, davon verlautet noch nichts. – Am 28 kam noch von der Regierung ein veränderter Gesetzentwurf über die Ministerverantwortlichkeit ein, der viel klarer ist als der erstere, und wonach die allenfallsigen Anklagen eines Ministers vor dem hohen Rath der Niederlande angebracht werden sollen.

Schweden.

Der mit einem Stern bezeichnete Stockholmer Correspondent hat in der Allg. Zeitung vom 6 Mai, indem er die Angaben eines andern Correspondenten von einer vermeintlichen Spannung zwischen dem König und dem Kronprinzen widerlegte, auch zugleich meinen vor einiger Zeit gelieferten Aufsatz über den schwedischen Adel Ihren Lesern verdächtig machen wollen. Was das erstere betrifft, mag der Betreffende verantworten. Nach meiner Ueberzeugung hat der Widerleger in jenem Punkte insofern Recht, daß man beim Hofe von einer solchen angeblichen Spannung nichts vermerkt hat, daß im Gegentheil häufig vertraute Gespräche zwischen den beiden hohen Personen stattfinden, und daß der König sich den umgebenden Personen immer heiter und bei der besten Laune zeigt. Von einer Abdication ist gewiß niemals die Rede gewesen, sie lebt wohl nur im Kopfe des Grafen Anckarswärd. Was nun die angeblich irrigen Ansichten, welche mein Artikel über den

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[1259/0011] gleichgültig behandelt werden, sondern auch durch die ausdrücklichen Befehle des Marschalls jeder Hülfe der Truppen, die in ihrer Nähe lagern, beraubt sind. Diese nicht zu rechtfertigende Gleichgültigkeit, die sich schon bei der Rückkehr vom Biban zeigte, wo die Eigenthümer der Ebene den Räubereien der Araber überlassen wurden, dauert noch in diesem Augenblick fort. Nicht allein haben die Truppen Befehl, unter keinem Vorwand aus ihren Verschanzungen herauszugehen, sondern man läßt sogar den Colonisten, die gezwungen sind sich selbst zu vertheidigen, nicht eher Munition geben, bis der Feind sie angegriffen hat. Dieser Zustand der Dinge wird, wie man leicht begreifen kann, von Allen, die es mit ansehen, unangenehm empfunden, und der Herzog von Orleans hat kein geringes Interesse, es aufhören zu lassen. Das Votum der Kammer, das den ausdrücklichen Willen Frankreichs in Bezug auf diese Colonie ausgesprochen hat, wird es jeden erkennen lassen, daß man aus dem fruchtbaren Boden Algeriens etwas Anderes als ein Schlachtfeld machen und etwas Anderes darein säen soll als Blockhäuser. – Die Umgebungen Algiers werden fortdauernd von Zeit zu Zeit von arabischen Streifzüglern heimgesucht, die indessen weit weniger zahlreich als das erstemal sind. Die Colonisten bilden aus sich Patrouillen, um sie zu entfernen, und die Truppen in den Lagern sehen ruhig zu, wie die Ackerbauer ihr Leben und ihr Eigenthum selbst vertheidigen. Italien. _ Siena, 28 Mai. Lebhafte Bestürzung hat hier das nur zu sehr verbürgte Gerücht verbreitet, daß der Großherzog unsere altehrwürdige Universität aufzuheben gedenke. Es ist freilich wahr, daß zwei Universitäten (Pisa und Siena) für einen kleinen Staat, wie Toscana, außer Verhältniß erscheinen, und daß unsere Hochschule mit ihrem lückenhaften Programm nicht ganz zu dem Princip des Fortschrittes passe, das der großherzige Fürst adoptirt hat. Allein andrerseits beweist uns das Beispiel deutscher kleiner Staaten, daß der Maaßstab statistischer Proportionen nicht auf Universitäten angewendet werden könne; ferner bedürfte es ja nur einer Reform der Universität, der um so weniger etwas im Wege stünde, als der Adel der Stadt, der Wiege der Tolomei, Piccolomini, Borghesi u. s. w., sich freiwillig erboten hat den Fonds der Universität so zu vergrößern, daß alle nach dem heutigen wissenschaftlichen Standpunkt nöthigen Katheder besetzt werden könnten, und endlich scheint um so weniger Grund zu einer solchen Maaßregel vorzuliegen, als die Universität dem Staate keinerlei Ausgabe verursacht, sondern sich aus ihren eigenen Fonds erhält, die, vor Jahrhunderten aus Privatstiftungen entstanden und vermehrt, eine jährliche Rente von 50,000 fl. Conventionsmünze abwerfen. Die Stadt, die dabei sehr verlöre, indem unter den 400 bis 500 Studenten die Mehrzahl Auswärtige sind, ist in einiger Aufregung, bei welcher sich die Liebe zur Vaterstadt und ihren Ruhm – dieser schöne Zug im italienischen Charakter – die würdige Haltung der Bürger, der Regierung gegenüber, so wie das Vertrauen und die Liberalität dieser letzteren deutlich ausspricht. Versammlungen wurden gehalten, hunderte von Petitionen entworfen, eine Deputation erkoren – alles, ohne daß die Regierung im mindesten opponirte. Allein kein Wort des Unglimpfs, kein Ausbruch persönlichen Unwillens wurde in jenen Versammlungen gehört, und das gegenseitige Vertrauen der Regierung und der Regierten gab sich bei einer Gelegenheit kund, wo in gewissen Staaten, die sich „constitutionelle“ preisen, die bewaffnete Macht jeden freien Ausspruch der Volksmeinung niedergedrückt hätte. Der Erzbischof hat sich auf allgemeinen Wunsch nach Florenz begeben, um der Deputation der Sienesen Gehör beim Großherzoge zu verschaffen, was, wie wir eben vernehmen, sofort bewilligt wurde. Niederlande. _ Vom Niederrhein, 31 Mai. In der Debatte über die Bedürfnisse des Syndicats, welcher Gesetzentwurf mit 48 gegen nur fünf Stimmen angenommen wurde, mußte die Regierung einige herbe Dinge hören, namentlich bemerkte Hr. Warin: „Die Art, Geld zu leihen, könnte einfacher seyn, und ich halte es für höchst nothwendig, auf solche Einfachheit anzudringen, denn die endlosen künstlichen Zusammenstellungen von Anlehen aus einer Landescasse an die andere, von Zinszahlungen an sich selbst, von Combination eines Anlehens mit einem andern u. s. w. haben wesentlich mitgewirkt zu einer solchen Verwirrung, daß schon seit mehreren Jahren mehr als einer unserer erfahrensten Financiers zweifelte, ob irgend Jemand noch im Stande sey, die bestehende Verwicklung zu entwirren. Diese Zweifel bestanden schon viele Jahre, ehe die Dunkelheiten durch die angeblich zur Last der überseeischen Besitzungen gemachten Anlehen vermehrt wurden. Was bedeuten doch die 30 Millionen, welche das Amortisationssyndicat angeblich als Anlehen zu Lasten der überseeischen Colonien besitzen soll? Dieß ist eine nutzlose Verwicklung, die nur Verwirrung in die Begriffe bringt. Die Schulden der überseeischen Besitzungen sind immer Schulden des Staats, und das Vermögen des Amortisationssyndicats ist immer Vermögen des Staats.“ Hr. Warin hat hier die Hand auf den wundesten Fleck des niederländischen Finanzwesens gelegt, und ehe hier abgeholfen ist, wird man nie klar darin sehen. Luzac, der indeß für die Annahme des Entwurfs stimmte, beklagte sich, daß man in der ungeschminkten Darlegung seiner Ansichten behindert werde durch die vertraulichen Mittheilungen, welche man von Regierungswegen der Kammer unter dem Siegel der Verschwiegenheit mache. Dieß muß sich auf die Unterhandlungen mit Belgien beziehen, denn er bemerkte gleich darauf, daß er aus diesem Grunde sehnlichst das Ende der Unterhandlungen herbeiwünsche, damit man doch endlich offen seine Ansicht aussprechen könne. Was dieß für vertrauliche Mittheilungen der Regierung sind, davon verlautet noch nichts. – Am 28 kam noch von der Regierung ein veränderter Gesetzentwurf über die Ministerverantwortlichkeit ein, der viel klarer ist als der erstere, und wonach die allenfallsigen Anklagen eines Ministers vor dem hohen Rath der Niederlande angebracht werden sollen. Schweden. _ Stockholm, 20 Mai. Der mit einem Stern bezeichnete Stockholmer Correspondent hat in der Allg. Zeitung vom 6 Mai, indem er die Angaben eines andern Correspondenten von einer vermeintlichen Spannung zwischen dem König und dem Kronprinzen widerlegte, auch zugleich meinen vor einiger Zeit gelieferten Aufsatz über den schwedischen Adel Ihren Lesern verdächtig machen wollen. Was das erstere betrifft, mag der Betreffende verantworten. Nach meiner Ueberzeugung hat der Widerleger in jenem Punkte insofern Recht, daß man beim Hofe von einer solchen angeblichen Spannung nichts vermerkt hat, daß im Gegentheil häufig vertraute Gespräche zwischen den beiden hohen Personen stattfinden, und daß der König sich den umgebenden Personen immer heiter und bei der besten Laune zeigt. Von einer Abdication ist gewiß niemals die Rede gewesen, sie lebt wohl nur im Kopfe des Grafen Anckarswärd. Was nun die angeblich irrigen Ansichten, welche mein Artikel über den

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 158. Augsburg, 6. Juni 1840, S. 1259. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_158_18400606/11>, abgerufen am 07.05.2021.