Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Allgemeine Zeitung. Nr. 137. Augsburg, 16. Mai 1840.

Bild:
<< vorherige Seite
Die Römerstadt am obern Neckar.

Seit der Wiederherstellung der Wissenschaften hat man sich in Gallien und Germanien auch vom ehemaligen Verhältniß dieser Länder zum weltherrschenden Volk der Römer Rechenschaft zu geben gesucht. Die ganze Tradition in Frankreich, Helvetien und dem südlichsten Deutschland, die Namen so vieler Städte, zahllose Monumente bestätigten vollkommen die Aussagen der römischen Geschichtschreiber, und es stand fest: alle Länder am linken Ufer des Rheins und am rechten der Donau waren mehrere Jahrhunderte lang römische Provinzen, ungefähr vom Beginn unserer Zeitrechnung an, bis das Reich nach und nach unter den Streichen der Völker fiel, deren Geschick es war, neuen Geist und neues Blut in die alternde römische Welt zu gießen und das Imperium nach Norden zu verrücken. - Die von ihm besetzten Landstriche am rechten Ufer der obern Donau nannte der Römer Rhätien und Vindelicien, das Land am linken Ufer des Rheins nannte er Ober- und Unter-Germanien. Auch Großgermanien suchten die ersten Imperatoren beharrlich mit List und Gewalt in das große Netz zu ziehen, aber vergeblich. Alle Expeditionen in das innere Land endeten mit Niederlagen oder mit schleunigem Rückzug, und ehe Rom im dritten Jahrhundert sein tausendjähriges Jubiläum feierte, galt es nur noch, die schon vielfach bedrohte Donau- und Rheingränze zu halten, und man mußte sich begnügen, zu Hause über Völker zu triumphiren, die man draußen nicht nur nicht besiegen, deren man sich kaum erwehren konnte.

Die römische Herrschaft hatte sich im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung schnell von den Alpen, von Helvetien und Gallien her bis an die Donau und den Rhein ausgebreitet. Etwa von Regensburg und von Mainz ab sind beide Ströme breit und tief genug, daß sie, so lange der Schrecken des römischen Namens weithin wirkte, leicht gegen die Barbaren vertheidigt werden konnten. Ungefähr von jenen Punkten abwärts bildete auch der Rhein ganz und die Donau wenigstens innerhalb des jetzigen Deutschlands vom Anfang an bis zum Untergang des Reichs die scharfe Gränzmark zwischen den römischen Provinzen und dem freien Germanien. Aber von den genannten Punkten aufwärts wurden die beiden Ströme, sich mehr und mehr verschmälernd und in spitzem Winkel auseinanderlaufend, eine immer schwächere Gränze im System der damaligen Kriegführung. Es war natürlich, daß die Taktik der Römer, als einmal alles Land am linken Rhein- und rechten Donau-Ufer in ihren Händen war, den Gedanken faßte, an den noch jungen Flüssen auch die dem Barbarenland zugekehrten Ufer beider in Besitz zu nehmen, jenen Winkel des südwestlichen Deutschlands abzusperren, und hier durch künstliche Mittel zu erreichen, was das tiefe Rinnsal der erstarkten Ströme größtentheils von selbst leistete.

Vom fünfzehnten Jahrhundert an richtete sich, mit dem erwachten Studium der Alten, die Aufmerksamkeit überall auch auf die materiellen Spuren der Römerherrschaft. Und so überzeugte man sich namentlich im Stromgebiete des Neckars bald, daß diese Ecke von Deutschland, zwischen Donau und Rhein, am linken Ufer jenes, am rechten dieses Stromes, die römischen Ketten nicht nur von ferne hatte klirren hören, daß dieses Land sie, längere oder kürzere Zeit, wirklich getragen.

In ganz Schwaben, in einem Theil von Bayern und Franken, in der Rheinpfalz und Hessen kamen an sehr zahlreichen Stellen die unzweideutigsten und zum Theil bedeutendsten Spuren vom Aufenthalt der Römer zu Tage: ein ganzes Netz von Heerwegen, in trefflicher Construction meist auf Landhöhen geradeaus streichend, hier als Damm in der Oedung emporragend, dort im Ackerland durch die Streifen verkümmerten Korns erkennbar, hier als Steinbruch ausgebeutet, dort noch heute befahren; eine Menge von Substructionen von Thürmen, Castellen, Wohnungen, Hypokausten, Estriche, Mosaiken, Grabhügel, ganze Thürme und Sacellen; Steinmonumente aller Art, vom zierlichen eine gebildete Hand verrathenden Votivaltar mit dem Göttercyclus bis zum unförmlichen Idol; Steinschriften, von der einfachen Legionschiffre und dem Meilenstein zu den Legenden, wo Legionssoldaten und Colonisten aus den verschiedensten Ländern des Reichs zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses und unter Invocation des Jupiter optimus maximus, der Königin Juno und gesammter Götter und Göttinnen ihre Gelübde lösen; Anticaglien aller Gattungen, von der edelsten Bronzestatuette bis zur Fibula und dem Amulet. Die Pflugschar wirft an hundert Orten Kaisermünzen aus, die der Bauer in den Klingelbeutel steckt, oder unter das Kupfergeld, womit er seine Gülten oder seinen Rauchhafer bezahlt; die Fluren ganzer Markungen sind besäet mit jenen charakteristischen Topfscherben, deren Masse die Einbildungskraft erschreckt, während ihre durchgängig edeln und zierlichen Formen uns mit Beschämung daran mahnen, wie wenig in unserer gepriesenen Cultur das Kunstgefühl die Gewerbe ergriffen hat, welche für das tägliche Bedürfniß schaffen. Ganz besondern Eindruck mußten aber die großartigen Trümmer der Befestigungen machen, welche sich, stellenweise in gewaltigen Massen erhalten, von Kehlheim an der Donau durch das alte Bisthum Eichstätt und durch Schwaben bis in die Gegend von Hohenstaufen in weitem Bogen herumziehen. Durch die ganze Tradition der christlichen Aera wurde dieses Riesenwerk nicht erklärt; als aber die classische Erudition das näher ins Auge faßte, was das Volk kurzweg als Werk des Teufels bezeichnete, so konnte sie nicht verfehlen, die zerstreuten und leider seltenen Stellen der römischen Historiker zu vergleichen, wo von Ereignissen jenseits des Rheins und der obersten Donau die Rede ist, und namentlich wurde die bekannte Stelle des Tacitus von den agri decumates (Germania, cap. 29) die Grundlage der sich bildenden Vorstellungen vom Aufenthalt der Römer in diesen Landstrichen. Man konnte nicht zweifeln, daß sie unter den Imperatoren des zweiten Jahrhunderts ein "sinus imperii" gewesen, wie es Tacitus so bezeichnend ausdrückt; aber in welcher Weise, wie lange, in welcher Ausdehnung? Diese Fragen einigermaßen zu beantworten, fehlte es an allen sichern Haltpunkten, so lange im Studium der römischen Antiquitäten die philologische Richtung die historische und philosophische überwog, abgesehen davon, daß viele und gerade die wichtigsten Monumente erst spät erhoben wurden. Noch konnte man weder die römische Gränzbefestigung zwischen Donau und Rhein in ihrem Zusammenhang, noch vielfältig die Schriftdenkmäler in ihrer eigentlichen Bedeutung auffassen; wie denn z. B. die Alterthümler des siebenzehnten Jahrhunderts auf einer bei Marbach am Neckar entdeckten Steinschrift die Worte, mit denen ein römischer Soldat aus Sicca Veneria in Afrika in gewöhnlicher Weise seine Zunft und seinen Beinamen angab (Quir. Terminus, oder T. Erminus) als eine Bezeichnung der römischen Gränzmark (Quiritium Terminus) bei einer hier gelegenen Stadt Sicca Veneria deuteten,

Die Römerstadt am obern Neckar.

Seit der Wiederherstellung der Wissenschaften hat man sich in Gallien und Germanien auch vom ehemaligen Verhältniß dieser Länder zum weltherrschenden Volk der Römer Rechenschaft zu geben gesucht. Die ganze Tradition in Frankreich, Helvetien und dem südlichsten Deutschland, die Namen so vieler Städte, zahllose Monumente bestätigten vollkommen die Aussagen der römischen Geschichtschreiber, und es stand fest: alle Länder am linken Ufer des Rheins und am rechten der Donau waren mehrere Jahrhunderte lang römische Provinzen, ungefähr vom Beginn unserer Zeitrechnung an, bis das Reich nach und nach unter den Streichen der Völker fiel, deren Geschick es war, neuen Geist und neues Blut in die alternde römische Welt zu gießen und das Imperium nach Norden zu verrücken. – Die von ihm besetzten Landstriche am rechten Ufer der obern Donau nannte der Römer Rhätien und Vindelicien, das Land am linken Ufer des Rheins nannte er Ober- und Unter-Germanien. Auch Großgermanien suchten die ersten Imperatoren beharrlich mit List und Gewalt in das große Netz zu ziehen, aber vergeblich. Alle Expeditionen in das innere Land endeten mit Niederlagen oder mit schleunigem Rückzug, und ehe Rom im dritten Jahrhundert sein tausendjähriges Jubiläum feierte, galt es nur noch, die schon vielfach bedrohte Donau- und Rheingränze zu halten, und man mußte sich begnügen, zu Hause über Völker zu triumphiren, die man draußen nicht nur nicht besiegen, deren man sich kaum erwehren konnte.

Die römische Herrschaft hatte sich im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung schnell von den Alpen, von Helvetien und Gallien her bis an die Donau und den Rhein ausgebreitet. Etwa von Regensburg und von Mainz ab sind beide Ströme breit und tief genug, daß sie, so lange der Schrecken des römischen Namens weithin wirkte, leicht gegen die Barbaren vertheidigt werden konnten. Ungefähr von jenen Punkten abwärts bildete auch der Rhein ganz und die Donau wenigstens innerhalb des jetzigen Deutschlands vom Anfang an bis zum Untergang des Reichs die scharfe Gränzmark zwischen den römischen Provinzen und dem freien Germanien. Aber von den genannten Punkten aufwärts wurden die beiden Ströme, sich mehr und mehr verschmälernd und in spitzem Winkel auseinanderlaufend, eine immer schwächere Gränze im System der damaligen Kriegführung. Es war natürlich, daß die Taktik der Römer, als einmal alles Land am linken Rhein- und rechten Donau-Ufer in ihren Händen war, den Gedanken faßte, an den noch jungen Flüssen auch die dem Barbarenland zugekehrten Ufer beider in Besitz zu nehmen, jenen Winkel des südwestlichen Deutschlands abzusperren, und hier durch künstliche Mittel zu erreichen, was das tiefe Rinnsal der erstarkten Ströme größtentheils von selbst leistete.

Vom fünfzehnten Jahrhundert an richtete sich, mit dem erwachten Studium der Alten, die Aufmerksamkeit überall auch auf die materiellen Spuren der Römerherrschaft. Und so überzeugte man sich namentlich im Stromgebiete des Neckars bald, daß diese Ecke von Deutschland, zwischen Donau und Rhein, am linken Ufer jenes, am rechten dieses Stromes, die römischen Ketten nicht nur von ferne hatte klirren hören, daß dieses Land sie, längere oder kürzere Zeit, wirklich getragen.

In ganz Schwaben, in einem Theil von Bayern und Franken, in der Rheinpfalz und Hessen kamen an sehr zahlreichen Stellen die unzweideutigsten und zum Theil bedeutendsten Spuren vom Aufenthalt der Römer zu Tage: ein ganzes Netz von Heerwegen, in trefflicher Construction meist auf Landhöhen geradeaus streichend, hier als Damm in der Oedung emporragend, dort im Ackerland durch die Streifen verkümmerten Korns erkennbar, hier als Steinbruch ausgebeutet, dort noch heute befahren; eine Menge von Substructionen von Thürmen, Castellen, Wohnungen, Hypokausten, Estriche, Mosaiken, Grabhügel, ganze Thürme und Sacellen; Steinmonumente aller Art, vom zierlichen eine gebildete Hand verrathenden Votivaltar mit dem Göttercyclus bis zum unförmlichen Idol; Steinschriften, von der einfachen Legionschiffre und dem Meilenstein zu den Legenden, wo Legionssoldaten und Colonisten aus den verschiedensten Ländern des Reichs zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses und unter Invocation des Jupiter optimus maximus, der Königin Juno und gesammter Götter und Göttinnen ihre Gelübde lösen; Anticaglien aller Gattungen, von der edelsten Bronzestatuette bis zur Fibula und dem Amulet. Die Pflugschar wirft an hundert Orten Kaisermünzen aus, die der Bauer in den Klingelbeutel steckt, oder unter das Kupfergeld, womit er seine Gülten oder seinen Rauchhafer bezahlt; die Fluren ganzer Markungen sind besäet mit jenen charakteristischen Topfscherben, deren Masse die Einbildungskraft erschreckt, während ihre durchgängig edeln und zierlichen Formen uns mit Beschämung daran mahnen, wie wenig in unserer gepriesenen Cultur das Kunstgefühl die Gewerbe ergriffen hat, welche für das tägliche Bedürfniß schaffen. Ganz besondern Eindruck mußten aber die großartigen Trümmer der Befestigungen machen, welche sich, stellenweise in gewaltigen Massen erhalten, von Kehlheim an der Donau durch das alte Bisthum Eichstätt und durch Schwaben bis in die Gegend von Hohenstaufen in weitem Bogen herumziehen. Durch die ganze Tradition der christlichen Aera wurde dieses Riesenwerk nicht erklärt; als aber die classische Erudition das näher ins Auge faßte, was das Volk kurzweg als Werk des Teufels bezeichnete, so konnte sie nicht verfehlen, die zerstreuten und leider seltenen Stellen der römischen Historiker zu vergleichen, wo von Ereignissen jenseits des Rheins und der obersten Donau die Rede ist, und namentlich wurde die bekannte Stelle des Tacitus von den agri decumates (Germania, cap. 29) die Grundlage der sich bildenden Vorstellungen vom Aufenthalt der Römer in diesen Landstrichen. Man konnte nicht zweifeln, daß sie unter den Imperatoren des zweiten Jahrhunderts ein „sinus imperii“ gewesen, wie es Tacitus so bezeichnend ausdrückt; aber in welcher Weise, wie lange, in welcher Ausdehnung? Diese Fragen einigermaßen zu beantworten, fehlte es an allen sichern Haltpunkten, so lange im Studium der römischen Antiquitäten die philologische Richtung die historische und philosophische überwog, abgesehen davon, daß viele und gerade die wichtigsten Monumente erst spät erhoben wurden. Noch konnte man weder die römische Gränzbefestigung zwischen Donau und Rhein in ihrem Zusammenhang, noch vielfältig die Schriftdenkmäler in ihrer eigentlichen Bedeutung auffassen; wie denn z. B. die Alterthümler des siebenzehnten Jahrhunderts auf einer bei Marbach am Neckar entdeckten Steinschrift die Worte, mit denen ein römischer Soldat aus Sicca Veneria in Afrika in gewöhnlicher Weise seine Zunft und seinen Beinamen angab (Quir. Terminus, oder T. Erminus) als eine Bezeichnung der römischen Gränzmark (Quiritium Terminus) bei einer hier gelegenen Stadt Sicca Veneria deuteten,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0009" n="1089"/>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Die Römerstadt am obern Neckar</hi>.</hi> </head><lb/>
        <p>Seit der Wiederherstellung der Wissenschaften hat man sich in Gallien und Germanien auch vom ehemaligen Verhältniß dieser Länder zum weltherrschenden Volk der Römer Rechenschaft zu geben gesucht. Die ganze Tradition in Frankreich, Helvetien und dem südlichsten Deutschland, die Namen so vieler Städte, zahllose Monumente bestätigten vollkommen die Aussagen der römischen Geschichtschreiber, und es stand fest: alle Länder am linken Ufer des Rheins und am rechten der Donau waren mehrere Jahrhunderte lang römische Provinzen, ungefähr vom Beginn unserer Zeitrechnung an, bis das Reich nach und nach unter den Streichen der Völker fiel, deren Geschick es war, neuen Geist und neues Blut in die alternde römische Welt zu gießen und das Imperium nach Norden zu verrücken. &#x2013; Die von ihm besetzten Landstriche am rechten Ufer der obern Donau nannte der Römer Rhätien und Vindelicien, das Land am linken Ufer des Rheins nannte er Ober- und Unter-Germanien. Auch Großgermanien suchten die ersten Imperatoren beharrlich mit List und Gewalt in das große Netz zu ziehen, aber vergeblich. Alle Expeditionen in das innere Land endeten mit Niederlagen oder mit schleunigem Rückzug, und ehe Rom im dritten Jahrhundert sein tausendjähriges Jubiläum feierte, galt es nur noch, die schon vielfach bedrohte Donau- und Rheingränze zu halten, und man mußte sich begnügen, zu Hause über Völker zu triumphiren, die man draußen nicht nur nicht besiegen, deren man sich kaum erwehren konnte.</p><lb/>
        <p>Die römische Herrschaft hatte sich im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung schnell von den Alpen, von Helvetien und Gallien her bis an die Donau und den Rhein ausgebreitet. Etwa von Regensburg und von Mainz ab sind beide Ströme breit und tief genug, daß sie, so lange der Schrecken des römischen Namens weithin wirkte, leicht gegen die Barbaren vertheidigt werden konnten. Ungefähr von jenen Punkten abwärts bildete auch der Rhein ganz und die Donau wenigstens innerhalb des jetzigen Deutschlands vom Anfang an bis zum Untergang des Reichs die scharfe Gränzmark zwischen den römischen Provinzen und dem freien Germanien. Aber von den genannten Punkten aufwärts wurden die beiden Ströme, sich mehr und mehr verschmälernd und in spitzem Winkel auseinanderlaufend, eine immer schwächere Gränze im System der damaligen Kriegführung. Es war natürlich, daß die Taktik der Römer, als einmal alles Land am linken Rhein- und rechten Donau-Ufer in ihren Händen war, den Gedanken faßte, an den noch jungen Flüssen auch die dem Barbarenland zugekehrten Ufer beider in Besitz zu nehmen, jenen Winkel des südwestlichen Deutschlands abzusperren, und hier durch künstliche Mittel zu erreichen, was das tiefe Rinnsal der erstarkten Ströme größtentheils von selbst leistete.</p><lb/>
        <p>Vom fünfzehnten Jahrhundert an richtete sich, mit dem erwachten Studium der Alten, die Aufmerksamkeit überall auch auf die materiellen Spuren der Römerherrschaft. Und so überzeugte man sich namentlich im Stromgebiete des Neckars bald, daß diese Ecke von Deutschland, zwischen Donau und Rhein, am linken Ufer jenes, am rechten dieses Stromes, die römischen Ketten nicht nur von ferne hatte klirren hören, daß dieses Land sie, längere oder kürzere Zeit, wirklich getragen.</p><lb/>
        <p>In ganz Schwaben, in einem Theil von Bayern und Franken, in der Rheinpfalz und Hessen kamen an sehr zahlreichen Stellen die unzweideutigsten und zum Theil bedeutendsten Spuren vom Aufenthalt der Römer zu Tage: ein ganzes Netz von Heerwegen, in trefflicher Construction meist auf Landhöhen geradeaus streichend, hier als Damm in der Oedung emporragend, dort im Ackerland durch die Streifen verkümmerten Korns erkennbar, hier als Steinbruch ausgebeutet, dort noch heute befahren; eine Menge von Substructionen von Thürmen, Castellen, Wohnungen, Hypokausten, Estriche, Mosaiken, Grabhügel, ganze Thürme und Sacellen; Steinmonumente aller Art, vom zierlichen eine gebildete Hand verrathenden Votivaltar mit dem Göttercyclus bis zum unförmlichen Idol; Steinschriften, von der einfachen Legionschiffre und dem Meilenstein zu den Legenden, wo Legionssoldaten und Colonisten aus den verschiedensten Ländern des Reichs zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses und unter Invocation des Jupiter optimus maximus, der Königin Juno und gesammter Götter und Göttinnen ihre Gelübde lösen; Anticaglien aller Gattungen, von der edelsten Bronzestatuette bis zur Fibula und dem Amulet. Die Pflugschar wirft an hundert Orten Kaisermünzen aus, die der Bauer in den Klingelbeutel steckt, oder unter das Kupfergeld, womit er seine Gülten oder seinen Rauchhafer bezahlt; die Fluren ganzer Markungen sind besäet mit jenen charakteristischen Topfscherben, deren Masse die Einbildungskraft erschreckt, während ihre durchgängig edeln und zierlichen Formen uns mit Beschämung daran mahnen, wie wenig in unserer gepriesenen Cultur das Kunstgefühl die Gewerbe ergriffen hat, welche für das tägliche Bedürfniß schaffen. Ganz besondern Eindruck mußten aber die großartigen Trümmer der Befestigungen machen, welche sich, stellenweise in gewaltigen Massen erhalten, von Kehlheim an der Donau durch das alte Bisthum Eichstätt und durch Schwaben bis in die Gegend von Hohenstaufen in weitem Bogen herumziehen. Durch die ganze Tradition der christlichen Aera wurde dieses Riesenwerk nicht erklärt; als aber die classische Erudition das näher ins Auge faßte, was das Volk kurzweg als Werk des Teufels bezeichnete, so konnte sie nicht verfehlen, die zerstreuten und leider seltenen Stellen der römischen Historiker zu vergleichen, wo von Ereignissen jenseits des Rheins und der obersten Donau die Rede ist, und namentlich wurde die bekannte Stelle des Tacitus von den agri decumates (Germania, cap. 29) die Grundlage der sich bildenden Vorstellungen vom Aufenthalt der Römer in diesen Landstrichen. Man konnte nicht zweifeln, daß sie unter den Imperatoren des zweiten Jahrhunderts ein &#x201E;sinus imperii&#x201C; gewesen, wie es Tacitus so bezeichnend ausdrückt; aber in welcher Weise, wie lange, in welcher Ausdehnung? Diese Fragen einigermaßen zu beantworten, fehlte es an allen sichern Haltpunkten, so lange im Studium der römischen Antiquitäten die philologische Richtung die historische und philosophische überwog, abgesehen davon, daß viele und gerade die wichtigsten Monumente erst spät erhoben wurden. Noch konnte man weder die römische Gränzbefestigung zwischen Donau und Rhein in ihrem Zusammenhang, noch vielfältig die Schriftdenkmäler in ihrer eigentlichen Bedeutung auffassen; wie denn z. B. die Alterthümler des siebenzehnten Jahrhunderts auf einer bei Marbach am Neckar entdeckten Steinschrift die Worte, mit denen ein römischer Soldat aus Sicca Veneria in Afrika in gewöhnlicher Weise seine Zunft und seinen Beinamen angab (Quir. Terminus, oder T. Erminus) als eine Bezeichnung der römischen Gränzmark (Quiritium Terminus) bei einer hier gelegenen Stadt Sicca Veneria deuteten,<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[1089/0009] Die Römerstadt am obern Neckar. Seit der Wiederherstellung der Wissenschaften hat man sich in Gallien und Germanien auch vom ehemaligen Verhältniß dieser Länder zum weltherrschenden Volk der Römer Rechenschaft zu geben gesucht. Die ganze Tradition in Frankreich, Helvetien und dem südlichsten Deutschland, die Namen so vieler Städte, zahllose Monumente bestätigten vollkommen die Aussagen der römischen Geschichtschreiber, und es stand fest: alle Länder am linken Ufer des Rheins und am rechten der Donau waren mehrere Jahrhunderte lang römische Provinzen, ungefähr vom Beginn unserer Zeitrechnung an, bis das Reich nach und nach unter den Streichen der Völker fiel, deren Geschick es war, neuen Geist und neues Blut in die alternde römische Welt zu gießen und das Imperium nach Norden zu verrücken. – Die von ihm besetzten Landstriche am rechten Ufer der obern Donau nannte der Römer Rhätien und Vindelicien, das Land am linken Ufer des Rheins nannte er Ober- und Unter-Germanien. Auch Großgermanien suchten die ersten Imperatoren beharrlich mit List und Gewalt in das große Netz zu ziehen, aber vergeblich. Alle Expeditionen in das innere Land endeten mit Niederlagen oder mit schleunigem Rückzug, und ehe Rom im dritten Jahrhundert sein tausendjähriges Jubiläum feierte, galt es nur noch, die schon vielfach bedrohte Donau- und Rheingränze zu halten, und man mußte sich begnügen, zu Hause über Völker zu triumphiren, die man draußen nicht nur nicht besiegen, deren man sich kaum erwehren konnte. Die römische Herrschaft hatte sich im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung schnell von den Alpen, von Helvetien und Gallien her bis an die Donau und den Rhein ausgebreitet. Etwa von Regensburg und von Mainz ab sind beide Ströme breit und tief genug, daß sie, so lange der Schrecken des römischen Namens weithin wirkte, leicht gegen die Barbaren vertheidigt werden konnten. Ungefähr von jenen Punkten abwärts bildete auch der Rhein ganz und die Donau wenigstens innerhalb des jetzigen Deutschlands vom Anfang an bis zum Untergang des Reichs die scharfe Gränzmark zwischen den römischen Provinzen und dem freien Germanien. Aber von den genannten Punkten aufwärts wurden die beiden Ströme, sich mehr und mehr verschmälernd und in spitzem Winkel auseinanderlaufend, eine immer schwächere Gränze im System der damaligen Kriegführung. Es war natürlich, daß die Taktik der Römer, als einmal alles Land am linken Rhein- und rechten Donau-Ufer in ihren Händen war, den Gedanken faßte, an den noch jungen Flüssen auch die dem Barbarenland zugekehrten Ufer beider in Besitz zu nehmen, jenen Winkel des südwestlichen Deutschlands abzusperren, und hier durch künstliche Mittel zu erreichen, was das tiefe Rinnsal der erstarkten Ströme größtentheils von selbst leistete. Vom fünfzehnten Jahrhundert an richtete sich, mit dem erwachten Studium der Alten, die Aufmerksamkeit überall auch auf die materiellen Spuren der Römerherrschaft. Und so überzeugte man sich namentlich im Stromgebiete des Neckars bald, daß diese Ecke von Deutschland, zwischen Donau und Rhein, am linken Ufer jenes, am rechten dieses Stromes, die römischen Ketten nicht nur von ferne hatte klirren hören, daß dieses Land sie, längere oder kürzere Zeit, wirklich getragen. In ganz Schwaben, in einem Theil von Bayern und Franken, in der Rheinpfalz und Hessen kamen an sehr zahlreichen Stellen die unzweideutigsten und zum Theil bedeutendsten Spuren vom Aufenthalt der Römer zu Tage: ein ganzes Netz von Heerwegen, in trefflicher Construction meist auf Landhöhen geradeaus streichend, hier als Damm in der Oedung emporragend, dort im Ackerland durch die Streifen verkümmerten Korns erkennbar, hier als Steinbruch ausgebeutet, dort noch heute befahren; eine Menge von Substructionen von Thürmen, Castellen, Wohnungen, Hypokausten, Estriche, Mosaiken, Grabhügel, ganze Thürme und Sacellen; Steinmonumente aller Art, vom zierlichen eine gebildete Hand verrathenden Votivaltar mit dem Göttercyclus bis zum unförmlichen Idol; Steinschriften, von der einfachen Legionschiffre und dem Meilenstein zu den Legenden, wo Legionssoldaten und Colonisten aus den verschiedensten Ländern des Reichs zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses und unter Invocation des Jupiter optimus maximus, der Königin Juno und gesammter Götter und Göttinnen ihre Gelübde lösen; Anticaglien aller Gattungen, von der edelsten Bronzestatuette bis zur Fibula und dem Amulet. Die Pflugschar wirft an hundert Orten Kaisermünzen aus, die der Bauer in den Klingelbeutel steckt, oder unter das Kupfergeld, womit er seine Gülten oder seinen Rauchhafer bezahlt; die Fluren ganzer Markungen sind besäet mit jenen charakteristischen Topfscherben, deren Masse die Einbildungskraft erschreckt, während ihre durchgängig edeln und zierlichen Formen uns mit Beschämung daran mahnen, wie wenig in unserer gepriesenen Cultur das Kunstgefühl die Gewerbe ergriffen hat, welche für das tägliche Bedürfniß schaffen. Ganz besondern Eindruck mußten aber die großartigen Trümmer der Befestigungen machen, welche sich, stellenweise in gewaltigen Massen erhalten, von Kehlheim an der Donau durch das alte Bisthum Eichstätt und durch Schwaben bis in die Gegend von Hohenstaufen in weitem Bogen herumziehen. Durch die ganze Tradition der christlichen Aera wurde dieses Riesenwerk nicht erklärt; als aber die classische Erudition das näher ins Auge faßte, was das Volk kurzweg als Werk des Teufels bezeichnete, so konnte sie nicht verfehlen, die zerstreuten und leider seltenen Stellen der römischen Historiker zu vergleichen, wo von Ereignissen jenseits des Rheins und der obersten Donau die Rede ist, und namentlich wurde die bekannte Stelle des Tacitus von den agri decumates (Germania, cap. 29) die Grundlage der sich bildenden Vorstellungen vom Aufenthalt der Römer in diesen Landstrichen. Man konnte nicht zweifeln, daß sie unter den Imperatoren des zweiten Jahrhunderts ein „sinus imperii“ gewesen, wie es Tacitus so bezeichnend ausdrückt; aber in welcher Weise, wie lange, in welcher Ausdehnung? Diese Fragen einigermaßen zu beantworten, fehlte es an allen sichern Haltpunkten, so lange im Studium der römischen Antiquitäten die philologische Richtung die historische und philosophische überwog, abgesehen davon, daß viele und gerade die wichtigsten Monumente erst spät erhoben wurden. Noch konnte man weder die römische Gränzbefestigung zwischen Donau und Rhein in ihrem Zusammenhang, noch vielfältig die Schriftdenkmäler in ihrer eigentlichen Bedeutung auffassen; wie denn z. B. die Alterthümler des siebenzehnten Jahrhunderts auf einer bei Marbach am Neckar entdeckten Steinschrift die Worte, mit denen ein römischer Soldat aus Sicca Veneria in Afrika in gewöhnlicher Weise seine Zunft und seinen Beinamen angab (Quir. Terminus, oder T. Erminus) als eine Bezeichnung der römischen Gränzmark (Quiritium Terminus) bei einer hier gelegenen Stadt Sicca Veneria deuteten,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Deutsches Textarchiv: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-06-28T11:37:15Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: gekennzeichnet; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: Lautwert transkribiert; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: gekennzeichnet; Kustoden: gekennzeichnet; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): als r/et transkribiert; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: Lautwert transkribiert; Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert; Vollständigkeit: teilweise erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_137_18400516
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_137_18400516/9
Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 137. Augsburg, 16. Mai 1840, S. 1089. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_137_18400516/9>, abgerufen am 13.04.2024.