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Allgemeine Zeitung. Nr. 100. Augsburg, 9. April 1840.

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Augsburger Allgemeine Zeitung.
Mit allerhöchsten Privilegien.
Donnerstag
Nr. 100.
9 April 1840.

Großbritannien.

Nachdem in der Unterhaussitzung am 1 April Sir James Graham den Inhalt seiner Motion wegen China's in der erwähnten Art angekündigt, und die treffende Committee, welche die angefochtene Parlamentswahl für Ipswich zu untersuchen gehabt, begutachtet hatte, daß Sir Thomas Cochrane rechtmäßig gewählt sey, erhob sich das ehrenwerthe Mitglied für Wolverhampton, Hr. Chas. P. Villiers (Lord Clarendons Bruder), und motivirte in einer fast vierstündigen Rede den Antrag auf Niedersetzung einer Committee, welche die Acte 9 Georgs IV über Einfuhr fremden Korns in Erwägung zu ziehen habe. Der Redner beleuchtete die Frage in allen ihren Beziehungen. Er habe gehofft, begann er, daß die grundbesitzende Aristokratie in diesem Punkte, wenn nicht der Gerechtigkeit, doch wenigstens der Nächstenliebe ein Zugeständniß machen würde, leider aber rede man an einem andern Ort (im Oberhause) im Ganzen die alte Sprache, und zeige den selben thöricht hochmüthigen und hartnäckigen Geist gegen diese Agitation, von welcher das ganze Land ergriffen sey, und die nicht ablassen werde, bis sie ihren Zweck erreicht habe. Er beschwöre die Majorität dieses Hauses, welche in der vorjährigen Session das kühne Weigerungsvotum gefällt habe, diesen Entscheid zu revidiren. Hr. Villiers schilderte nun die schlimmen Folgen der Korngesetze in mancherlei Beispielen und Zahlendetails. Die arbeitenden Classen in den Fabrikbezirken werden durch die theuern Brodpreise zu Boden gedrückt; die Landwirthe selbst, zu deren Bestem diese Gesetze angeblich erlassen seyen, leiden unter ihren üblen Folgen, und die Volkslasten im Allgemeinen werden durch sie vermehrt. Das Interesse des Landwirths erheische stätige Kornpreise, diese Gesetze erhalten sie aber in fortwährendem Schwanken. In dem Maaß habe ihre Wirksamkeit die Erwartungen der Pächter getäuscht, daß viele derselben, zum großen Nachtheil der zunehmenden Landesbevölkerung, einen großen Theil ihres Capitals dem Weizenbau entzogen haben. Wer allein durch die bestehenden Gesetze gewinne, das sey der Grundherr; alle andern Volksclassen werden durch sie benachtheiligt, vor allen aber die Arbeiter jeder Art; denn durchaus falsch sey das von den Schutzrednern dieser Gesetze angeführte Argument, daß die Arbeitslöhne in gleichem Verhältniß mit dem Preise der Lebensmittel steigen. Ganz leer und nichtig nannte Villiers die Behauptung, daß die Korngesetze eine Wohlthat, ja eine Nothwendigkeit für Irland seyen. Unter 32 irischen Grafschaften producirten nur etwa 17 Getreide in erheblicher Quantität, und auch diese würden besser daran thun, wenn sie gar keinen Weizen bauten; wenigstens sey es erwiesen, daß diejenigen irischen Pächter am besten daran seyen, die ihren Feldbau auf andere Culturzweige gerichtet. Wenn aber die Korngesetze besondere Classen der Bevölkerung benachtheiligen, so seyen sie noch nachtheiliger für das Land im Allgemeinen. Ein Steigen der Preise mache mit einemmal die Einfuhr fremden Getreides nöthig, und um dieses zu bezahlen, werden Gold und Barren ausgeführt. Die Erfahrung des vorigen Jahrs biete ein naheliegendes trauriges Beispiel. Ein solcher Wegzug der baaren Geldmittel nöthige die Bank ihre Emittirungen zu contrahiren, worunter dann die Handels- und Manufactur-Interessen schwer zu leiden haben. Man werde die starke Ausfuhr brittischer Fabricate anführen, diese aber sey kein conclusiver Beweis für den gedeihlichen Zustand des Landes, sondern nur allzu oft gezwungener Verkauf um jeden Preis auf fremden Märkten, weil das Fabricat auf dem inländischen Markt keinen Absatz finde, da das englische Volk sein Geld für Brod auslegen müsse. Als ein Beispiel der unter den Arbeitern der Fabrikstädte herrschenden Noth machte Hr. Villiers eine Schilderung des Zustandes in Bolton. In den englischen Häfen, führte er weiter an, liege jetzt amerikanisches Getreid, dürfte es frei eingehen, so könnten die Schulden amerikanischer Kaufleute an brittische Fabricanten davon bezahlt werden, und so vielen Hungernden wäre augenblicklich geholfen. Die jetzigen Gesetze (meinte Hr. Villiers mit Dr. Bowring, wie denn dieß eine fixe Idee in England geworden zu seyn scheint!) seyen das große Hinderniß, warum die kornproducirenden deutschen Staaten mit ihrem Zolltariff nicht eine für die englischen Manufacturen höchst vortheilhafte Modification vornehmen. So lange das jetzige System bestehe, sey die Auslegung einer neuen allgemeinen Landessteuer unmöglich, und erforderlichen Falls bliebe nichts übrig als eine Eigenthumssteuer für die Reichen, um die Armen für die Besteuerung ihres täglichen Brods gewissermaßen schadlos zu halten. Das Haus möge ja nicht glauben, daß mit einem abermaligen erneuernden Votum die Sache abgethan wäre; denn es sey dieß eine Frage nicht zwischen dem Fabricanten und dem Grundeigenthümer, sondern zwischen der ganzen bürgerlichen Gesellschaft und einer selbstsüchtigen Fraction derselben. Die Frage bilde ein Band der Einigung zwischen dem Mittelstand und den arbeitenden Classen, und wenn

Augsburger Allgemeine Zeitung.
Mit allerhöchsten Privilegien.
Donnerstag
Nr. 100.
9 April 1840.

Großbritannien.

Nachdem in der Unterhaussitzung am 1 April Sir James Graham den Inhalt seiner Motion wegen China's in der erwähnten Art angekündigt, und die treffende Committee, welche die angefochtene Parlamentswahl für Ipswich zu untersuchen gehabt, begutachtet hatte, daß Sir Thomas Cochrane rechtmäßig gewählt sey, erhob sich das ehrenwerthe Mitglied für Wolverhampton, Hr. Chas. P. Villiers (Lord Clarendons Bruder), und motivirte in einer fast vierstündigen Rede den Antrag auf Niedersetzung einer Committee, welche die Acte 9 Georgs IV über Einfuhr fremden Korns in Erwägung zu ziehen habe. Der Redner beleuchtete die Frage in allen ihren Beziehungen. Er habe gehofft, begann er, daß die grundbesitzende Aristokratie in diesem Punkte, wenn nicht der Gerechtigkeit, doch wenigstens der Nächstenliebe ein Zugeständniß machen würde, leider aber rede man an einem andern Ort (im Oberhause) im Ganzen die alte Sprache, und zeige den selben thöricht hochmüthigen und hartnäckigen Geist gegen diese Agitation, von welcher das ganze Land ergriffen sey, und die nicht ablassen werde, bis sie ihren Zweck erreicht habe. Er beschwöre die Majorität dieses Hauses, welche in der vorjährigen Session das kühne Weigerungsvotum gefällt habe, diesen Entscheid zu revidiren. Hr. Villiers schilderte nun die schlimmen Folgen der Korngesetze in mancherlei Beispielen und Zahlendetails. Die arbeitenden Classen in den Fabrikbezirken werden durch die theuern Brodpreise zu Boden gedrückt; die Landwirthe selbst, zu deren Bestem diese Gesetze angeblich erlassen seyen, leiden unter ihren üblen Folgen, und die Volkslasten im Allgemeinen werden durch sie vermehrt. Das Interesse des Landwirths erheische stätige Kornpreise, diese Gesetze erhalten sie aber in fortwährendem Schwanken. In dem Maaß habe ihre Wirksamkeit die Erwartungen der Pächter getäuscht, daß viele derselben, zum großen Nachtheil der zunehmenden Landesbevölkerung, einen großen Theil ihres Capitals dem Weizenbau entzogen haben. Wer allein durch die bestehenden Gesetze gewinne, das sey der Grundherr; alle andern Volksclassen werden durch sie benachtheiligt, vor allen aber die Arbeiter jeder Art; denn durchaus falsch sey das von den Schutzrednern dieser Gesetze angeführte Argument, daß die Arbeitslöhne in gleichem Verhältniß mit dem Preise der Lebensmittel steigen. Ganz leer und nichtig nannte Villiers die Behauptung, daß die Korngesetze eine Wohlthat, ja eine Nothwendigkeit für Irland seyen. Unter 32 irischen Grafschaften producirten nur etwa 17 Getreide in erheblicher Quantität, und auch diese würden besser daran thun, wenn sie gar keinen Weizen bauten; wenigstens sey es erwiesen, daß diejenigen irischen Pächter am besten daran seyen, die ihren Feldbau auf andere Culturzweige gerichtet. Wenn aber die Korngesetze besondere Classen der Bevölkerung benachtheiligen, so seyen sie noch nachtheiliger für das Land im Allgemeinen. Ein Steigen der Preise mache mit einemmal die Einfuhr fremden Getreides nöthig, und um dieses zu bezahlen, werden Gold und Barren ausgeführt. Die Erfahrung des vorigen Jahrs biete ein naheliegendes trauriges Beispiel. Ein solcher Wegzug der baaren Geldmittel nöthige die Bank ihre Emittirungen zu contrahiren, worunter dann die Handels- und Manufactur-Interessen schwer zu leiden haben. Man werde die starke Ausfuhr brittischer Fabricate anführen, diese aber sey kein conclusiver Beweis für den gedeihlichen Zustand des Landes, sondern nur allzu oft gezwungener Verkauf um jeden Preis auf fremden Märkten, weil das Fabricat auf dem inländischen Markt keinen Absatz finde, da das englische Volk sein Geld für Brod auslegen müsse. Als ein Beispiel der unter den Arbeitern der Fabrikstädte herrschenden Noth machte Hr. Villiers eine Schilderung des Zustandes in Bolton. In den englischen Häfen, führte er weiter an, liege jetzt amerikanisches Getreid, dürfte es frei eingehen, so könnten die Schulden amerikanischer Kaufleute an brittische Fabricanten davon bezahlt werden, und so vielen Hungernden wäre augenblicklich geholfen. Die jetzigen Gesetze (meinte Hr. Villiers mit Dr. Bowring, wie denn dieß eine fixe Idee in England geworden zu seyn scheint!) seyen das große Hinderniß, warum die kornproducirenden deutschen Staaten mit ihrem Zolltariff nicht eine für die englischen Manufacturen höchst vortheilhafte Modification vornehmen. So lange das jetzige System bestehe, sey die Auslegung einer neuen allgemeinen Landessteuer unmöglich, und erforderlichen Falls bliebe nichts übrig als eine Eigenthumssteuer für die Reichen, um die Armen für die Besteuerung ihres täglichen Brods gewissermaßen schadlos zu halten. Das Haus möge ja nicht glauben, daß mit einem abermaligen erneuernden Votum die Sache abgethan wäre; denn es sey dieß eine Frage nicht zwischen dem Fabricanten und dem Grundeigenthümer, sondern zwischen der ganzen bürgerlichen Gesellschaft und einer selbstsüchtigen Fraction derselben. Die Frage bilde ein Band der Einigung zwischen dem Mittelstand und den arbeitenden Classen, und wenn

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Das Interesse des Landwirths erheische stätige Kornpreise, diese Gesetze erhalten sie aber in fortwährendem Schwanken. In dem Maaß habe ihre Wirksamkeit die Erwartungen der Pächter getäuscht, daß viele derselben, zum großen Nachtheil der zunehmenden Landesbevölkerung, einen großen Theil ihres Capitals dem Weizenbau entzogen haben. Wer allein durch die bestehenden Gesetze gewinne, das sey der Grundherr; alle andern Volksclassen werden durch sie benachtheiligt, vor allen aber die Arbeiter jeder Art; denn durchaus falsch sey das von den Schutzrednern dieser Gesetze angeführte Argument, daß die Arbeitslöhne in gleichem Verhältniß mit dem Preise der Lebensmittel steigen. Ganz leer und nichtig nannte Villiers die Behauptung, daß die Korngesetze eine Wohlthat, ja eine Nothwendigkeit für Irland seyen. Unter 32 irischen Grafschaften producirten nur etwa 17 Getreide in erheblicher Quantität, und auch diese würden besser daran thun, wenn sie gar keinen Weizen bauten; wenigstens sey es erwiesen, daß diejenigen irischen Pächter am besten daran seyen, die ihren Feldbau auf andere Culturzweige gerichtet. Wenn aber die Korngesetze besondere Classen der Bevölkerung benachtheiligen, so seyen sie noch nachtheiliger für das Land im Allgemeinen. Ein Steigen der Preise mache mit einemmal die Einfuhr fremden Getreides nöthig, und um dieses zu bezahlen, werden Gold und Barren ausgeführt. Die Erfahrung des vorigen Jahrs biete ein naheliegendes trauriges Beispiel. Ein solcher Wegzug der baaren Geldmittel nöthige die Bank ihre Emittirungen zu contrahiren, worunter dann die Handels- und Manufactur-Interessen schwer zu leiden haben. Man werde die starke Ausfuhr brittischer Fabricate anführen, diese aber sey kein conclusiver Beweis für den gedeihlichen Zustand des Landes, sondern nur allzu oft gezwungener Verkauf um jeden Preis auf fremden Märkten, weil das Fabricat auf dem inländischen Markt keinen Absatz finde, da das englische Volk sein Geld für Brod auslegen müsse. Als ein Beispiel der unter den Arbeitern der Fabrikstädte herrschenden Noth machte Hr. Villiers eine Schilderung des Zustandes in Bolton. In den englischen Häfen, führte er weiter an, liege jetzt amerikanisches Getreid, dürfte es frei eingehen, so könnten die Schulden amerikanischer Kaufleute an brittische Fabricanten davon bezahlt werden, und so vielen Hungernden wäre augenblicklich geholfen. Die jetzigen Gesetze (meinte Hr. Villiers mit Dr. Bowring, wie denn dieß eine fixe Idee in England geworden zu seyn scheint!) seyen das große Hinderniß, warum die kornproducirenden deutschen Staaten mit ihrem Zolltariff nicht eine für die englischen Manufacturen höchst vortheilhafte Modification vornehmen. So lange das jetzige System bestehe, sey die Auslegung einer neuen allgemeinen Landessteuer unmöglich, und erforderlichen Falls bliebe nichts übrig als eine Eigenthumssteuer für die Reichen, um die Armen für die Besteuerung ihres täglichen Brods gewissermaßen schadlos zu halten. Das Haus möge ja nicht glauben, daß mit einem abermaligen erneuernden Votum die Sache abgethan wäre; denn es sey dieß eine Frage nicht zwischen dem Fabricanten und dem Grundeigenthümer, sondern zwischen der ganzen bürgerlichen Gesellschaft und einer selbstsüchtigen Fraction derselben. Die Frage bilde ein Band der Einigung zwischen dem Mittelstand und den arbeitenden Classen, und wenn<lb/></p>
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[0793/0001] Augsburger Allgemeine Zeitung. Mit allerhöchsten Privilegien. Donnerstag Nr. 100. 9 April 1840. Großbritannien. _ London, 2 April. Nachdem in der Unterhaussitzung am 1 April Sir James Graham den Inhalt seiner Motion wegen China's in der erwähnten Art angekündigt, und die treffende Committee, welche die angefochtene Parlamentswahl für Ipswich zu untersuchen gehabt, begutachtet hatte, daß Sir Thomas Cochrane rechtmäßig gewählt sey, erhob sich das ehrenwerthe Mitglied für Wolverhampton, Hr. Chas. P. Villiers (Lord Clarendons Bruder), und motivirte in einer fast vierstündigen Rede den Antrag auf Niedersetzung einer Committee, welche die Acte 9 Georgs IV über Einfuhr fremden Korns in Erwägung zu ziehen habe. Der Redner beleuchtete die Frage in allen ihren Beziehungen. Er habe gehofft, begann er, daß die grundbesitzende Aristokratie in diesem Punkte, wenn nicht der Gerechtigkeit, doch wenigstens der Nächstenliebe ein Zugeständniß machen würde, leider aber rede man an einem andern Ort (im Oberhause) im Ganzen die alte Sprache, und zeige den selben thöricht hochmüthigen und hartnäckigen Geist gegen diese Agitation, von welcher das ganze Land ergriffen sey, und die nicht ablassen werde, bis sie ihren Zweck erreicht habe. Er beschwöre die Majorität dieses Hauses, welche in der vorjährigen Session das kühne Weigerungsvotum gefällt habe, diesen Entscheid zu revidiren. Hr. Villiers schilderte nun die schlimmen Folgen der Korngesetze in mancherlei Beispielen und Zahlendetails. Die arbeitenden Classen in den Fabrikbezirken werden durch die theuern Brodpreise zu Boden gedrückt; die Landwirthe selbst, zu deren Bestem diese Gesetze angeblich erlassen seyen, leiden unter ihren üblen Folgen, und die Volkslasten im Allgemeinen werden durch sie vermehrt. Das Interesse des Landwirths erheische stätige Kornpreise, diese Gesetze erhalten sie aber in fortwährendem Schwanken. In dem Maaß habe ihre Wirksamkeit die Erwartungen der Pächter getäuscht, daß viele derselben, zum großen Nachtheil der zunehmenden Landesbevölkerung, einen großen Theil ihres Capitals dem Weizenbau entzogen haben. Wer allein durch die bestehenden Gesetze gewinne, das sey der Grundherr; alle andern Volksclassen werden durch sie benachtheiligt, vor allen aber die Arbeiter jeder Art; denn durchaus falsch sey das von den Schutzrednern dieser Gesetze angeführte Argument, daß die Arbeitslöhne in gleichem Verhältniß mit dem Preise der Lebensmittel steigen. Ganz leer und nichtig nannte Villiers die Behauptung, daß die Korngesetze eine Wohlthat, ja eine Nothwendigkeit für Irland seyen. Unter 32 irischen Grafschaften producirten nur etwa 17 Getreide in erheblicher Quantität, und auch diese würden besser daran thun, wenn sie gar keinen Weizen bauten; wenigstens sey es erwiesen, daß diejenigen irischen Pächter am besten daran seyen, die ihren Feldbau auf andere Culturzweige gerichtet. Wenn aber die Korngesetze besondere Classen der Bevölkerung benachtheiligen, so seyen sie noch nachtheiliger für das Land im Allgemeinen. Ein Steigen der Preise mache mit einemmal die Einfuhr fremden Getreides nöthig, und um dieses zu bezahlen, werden Gold und Barren ausgeführt. Die Erfahrung des vorigen Jahrs biete ein naheliegendes trauriges Beispiel. Ein solcher Wegzug der baaren Geldmittel nöthige die Bank ihre Emittirungen zu contrahiren, worunter dann die Handels- und Manufactur-Interessen schwer zu leiden haben. Man werde die starke Ausfuhr brittischer Fabricate anführen, diese aber sey kein conclusiver Beweis für den gedeihlichen Zustand des Landes, sondern nur allzu oft gezwungener Verkauf um jeden Preis auf fremden Märkten, weil das Fabricat auf dem inländischen Markt keinen Absatz finde, da das englische Volk sein Geld für Brod auslegen müsse. Als ein Beispiel der unter den Arbeitern der Fabrikstädte herrschenden Noth machte Hr. Villiers eine Schilderung des Zustandes in Bolton. In den englischen Häfen, führte er weiter an, liege jetzt amerikanisches Getreid, dürfte es frei eingehen, so könnten die Schulden amerikanischer Kaufleute an brittische Fabricanten davon bezahlt werden, und so vielen Hungernden wäre augenblicklich geholfen. Die jetzigen Gesetze (meinte Hr. Villiers mit Dr. Bowring, wie denn dieß eine fixe Idee in England geworden zu seyn scheint!) seyen das große Hinderniß, warum die kornproducirenden deutschen Staaten mit ihrem Zolltariff nicht eine für die englischen Manufacturen höchst vortheilhafte Modification vornehmen. So lange das jetzige System bestehe, sey die Auslegung einer neuen allgemeinen Landessteuer unmöglich, und erforderlichen Falls bliebe nichts übrig als eine Eigenthumssteuer für die Reichen, um die Armen für die Besteuerung ihres täglichen Brods gewissermaßen schadlos zu halten. Das Haus möge ja nicht glauben, daß mit einem abermaligen erneuernden Votum die Sache abgethan wäre; denn es sey dieß eine Frage nicht zwischen dem Fabricanten und dem Grundeigenthümer, sondern zwischen der ganzen bürgerlichen Gesellschaft und einer selbstsüchtigen Fraction derselben. Die Frage bilde ein Band der Einigung zwischen dem Mittelstand und den arbeitenden Classen, und wenn

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Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 100. Augsburg, 9. April 1840, S. 0793. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_100_18400409/1>, abgerufen am 15.08.2022.