Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Allgemeine Zeitung. Nr. 90. Augsburg, 30. März 1840.

Bild:
<< vorherige Seite

mehr darum, was England thun will, die Zeit der freien Wahl ist vorüber, und es gebietet unumschränkt die eiserne Nothwendigkeit. Man hat sich, aus Unkenntniß und Mißachtung der Völker des chinesischen Cultursystems, die Begebenheiten so über den Kopf wachsen lassen, daß man jetzt fast besinnungslos von ihnen fortgerissen und mit reißender Schnelligkeit einem Ziele, das man nicht ahnt, das man nicht wünscht, entgegen geschleudert wird. Die wiederholten Warnungen der einsichtsvollen Directoren der ostindischen Compagnie, hervorgegangen aus der Erfahrung eines zweihundertjährigen mannichfachen Verkehrs mit dem Reiche der Mitte, die ruhige Einsicht eines Staunten und Davis, auf der Kenntniß des Charakters der Bevölkerung und der Regierungsweise des östlichen Asiens fußend, ward übertäubt von den wilden Leidenschaften und der gierigen Habsucht niedriger Krämerseelen, die, unbekümmert um die Zukunft, dem Momente leben. Es hatte nämlich der Hof der Directoren alle Uebergriffe seiner Beamten und der Kaufherren der brittischen Factorei zu Canton, während der letzten Jahrzehnte des Privilegiums der ostindischen Compagnie, so wie die Schmuggelerexpeditionen hin zu den Nordostküsten des Reiches, unter Lindsay und dem Missionär Gützlaff, welche falsche chinesische Namen angenommen hatten, höchlich mißbilligt. Bedenkt es doch, schrieben die wackern Regenten des ostindischen Hauses gen Canton, bedenkt es doch, ihr beklagt euch über die Zweizüngigkeit der Chinesen, während ihr zu gleicher Zeit, unter falscher Verkleidung, gegen die bestehenden Gesetze gewaltsamerweise in das Innere des Reiches eindringt und die Beamten eines selbstständigen Staates mißhandelt, welche streng die Befehle ihrer Obern vollziehen. *)*)

Sowohl unser Handel mit China, sagt Staunton **)**) als diejenigen, welche ihn während meines langen Aufenthalts von 1800 bis 1817 in diesem Reiche leiteten, erfreuten sich, einige zufällige Ausnahmen abgerechnet, einer solchen praktischen Freiheit und Wohlfahrt, wie in irgend einem andern Lande der Erde, mit welchem wir Handelstractate abgeschlossen haben und überdieß in mannichfachen freundschaftlichen Verbindungen stehen. Diese Ausnahmen hatten aber bloß in politischen Zwistigkeiten ihren Grund, in welche wir mit den Chinesen durch unsere eigene Schuld verwickelt wurden. Und dessenungeachtet ward während dieser siebzehn Jahre der Handel nur auf die kurze Zeit von einigen Monaten unterbrochen! Wenn wir bedenken, wie wir die Chinesen durch die militärische Besetzung Macao's im Jahr 1808 herausforderten, wenn wir uns an die Ungebührlichkeiten erinnern, die wir 1814 in dem chinesischen Meere begangen haben - wollten wir doch ein amerikanisches Schiff kapern, welches unter chinesischem Schutze zu Wampo ruhig vor Anker lag - so könnte wohl, wenn wir beide, Engländer und Chinesen, unsere Unbilden und Klagen, gegenseitig abwägen, unsere Wagschale zu leicht befunden werden. "Was wollt ihr aber jetzt?" fährt der kundige Staatsmann und Sinologe fort, zu Lindsay, Matheson und andern Leuten dieser Gesinnung sich wendend; "ihr wollt aus nichtigem Vorwand einen Krieg mit China, einen Krieg mit einem unabhängigen Staate beginnen, um durch Gewalt und List einen Handelstractat, größere Freiheiten euch zu erzwingen, zu erkämpfen! Dieß scheint mir abscheulich und findet kaum seinesgleichen in der Kriegsgeschichte der civilisirten Nationen neuerer Zeit (seems to me outrageous, and quite unparalleled in the record of the comparatively civilized wars of modern days). Jeder Chinese, der das Unglück hätte, in unsere Hände zu fallen oder auf irgend eine Weise Schaden zu erleiden durch unsere Waffen, könnte er nicht mit Recht so zu euch sprechen: "Ihr seyd nicht besser denn Seeräuber und Freibeuter; ihr habt uns mitten in unsern gesetzlichen Bestrebungen aufgefangen; ihr habt Leuten, die euch niemals mißhandelten, arges und vielleicht unersetzliches Uebel zugefügt; und dieß alles habt ihr gethan eurer Selbstsucht wegen - wegen des niedrigen Endzweckes der Handelsgewinnste für euch und euer Land." Es waren aber alle diese Warnungen, es waren alle diese philippischen Reden der Edeln des brittischen Volks - und keine Nation zählt deren mehr, als das Mutterland der Freiheit des neuern Europa's - dieß alles war vergebens. Gleichwie bei Thucydides die Athenienser zu den Meliern, so sprachen die Krämer mit unverschämtem Trotze zu ihren Gegnern: "Wir glauben, daß die Gottheit nach freiem Ermessen, die Menschen aber sicherlich durch eine Naturnothwendigkeit da allenthalben herrschen, wo sie die Uebermächtigen sind. Wir haben dieses Gesetz weder zuerst aufgebracht, noch des vorhandenen uns zuerst bedient, sondern es bestehend vorgefunden, es angewendet und werden es auch für alle Zeiten der Nachwelt überlassen. Wir wissen, daß ihr und Andere dasselbe thun würden, wenn ihr an Macht uns gleich wäret. Mit gutem Grunde fürchten wir deßhalb nicht, von der Gottheit gezüchtigt zu werden." Aber jetzt, wo die Weissagungen und Befürchtungen Stauntons, des kenntnißreichen Verfassers des Artikels im Quarterly Review vom Januar 1834, wie aller einsichtsvollen, moralisch gesinnten Männer Großbritanniens buchstäblich eingetroffen sind - jetzt erschallen die kläglichen Stimmen der Täuschung und der Dummdreistigkeit, welche noch vor kurzer Zeit alle Vernunftgründe mit Hohnlachen von sich gewiesen hatte. Wer hätte diesem verfaulten Staatskörper, schreien die über ihre Verluste bekümmerten Handelsleute, wer hätte diesem förmlichen Mandarinenvolke, in lange, üppige, seidene Gewänder eingehüllt, so viele Kraft oder Uebermuth zugetraut, der Weltmacht Großbritanniens die Spitze zu bieten; wer hätte geglaubt, daß sie es wagen könnten, selbst über alle unsere Erzeugnisse und Fabricate, sogar wenn sie unter fremder Flagge eingeführt würden, auf ewige Zeiten die Acht und Aberacht auszusprechen? Das habt ihr uns, ihr Lindsay, ihr Matheson, ihr Gützlaff und ihr Andern der kriegerischen Schaar nicht gesagt; im Gegentheile habt ihr allenthalben es laut verkündet, wir brauchten bloß fest aufzutreten, es bedürfe bloß einer einfachen Drohung, und es würde der Kaiser von seinem Thron, und es würde dem obersten Mandarinen des Han lin der Pinsel aus der Hand fallen! Und o Jammer über Jammer, sehet nur, wie unsere Rivalen, die Amerikaner, die Vortheile und Gewinnste, die uns entgehen, sich zu Nutze machen! Müssen wir ihnen doch auf der kurzen Strecke von Hong kong (22° 17' nördl. Br.) bis Wampo (23° 6 1/2' nördl. Br.) für den Ballen Baumwolle sieben, sage sieben Dollars Fracht bezahlen? Und wie standen sie nicht, schadenfrohen Blickes umherschauend, am Ufer zu Macao, als wir uns mit Zurücklassung der nothwendigsten Bedürfnisse einschiffen mußten, um einer wiederholten, wo möglich noch schmachvollern Gefangenschaft zu entgehen? Am ärgsten trieb und treibt es aber einer jener Heiligen, Hr. Olyphant, *)*)

*) Ein Auszug dieser denkwürdigen Depesche der Directoren vom Jahr 1833 befindet sich in Davis' Werk, der damals an der Spitze der Factorei stand. The Chinese. London 1836. I. 126.
**) Remarks on the British relations with China, and the proposed plans for improving them. Zweite Auflage. London 1836.
*) Hr. Olyphant, einer der reichsten amerikanischen Kaufleute zu

mehr darum, was England thun will, die Zeit der freien Wahl ist vorüber, und es gebietet unumschränkt die eiserne Nothwendigkeit. Man hat sich, aus Unkenntniß und Mißachtung der Völker des chinesischen Cultursystems, die Begebenheiten so über den Kopf wachsen lassen, daß man jetzt fast besinnungslos von ihnen fortgerissen und mit reißender Schnelligkeit einem Ziele, das man nicht ahnt, das man nicht wünscht, entgegen geschleudert wird. Die wiederholten Warnungen der einsichtsvollen Directoren der ostindischen Compagnie, hervorgegangen aus der Erfahrung eines zweihundertjährigen mannichfachen Verkehrs mit dem Reiche der Mitte, die ruhige Einsicht eines Staunten und Davis, auf der Kenntniß des Charakters der Bevölkerung und der Regierungsweise des östlichen Asiens fußend, ward übertäubt von den wilden Leidenschaften und der gierigen Habsucht niedriger Krämerseelen, die, unbekümmert um die Zukunft, dem Momente leben. Es hatte nämlich der Hof der Directoren alle Uebergriffe seiner Beamten und der Kaufherren der brittischen Factorei zu Canton, während der letzten Jahrzehnte des Privilegiums der ostindischen Compagnie, so wie die Schmuggelerexpeditionen hin zu den Nordostküsten des Reiches, unter Lindsay und dem Missionär Gützlaff, welche falsche chinesische Namen angenommen hatten, höchlich mißbilligt. Bedenkt es doch, schrieben die wackern Regenten des ostindischen Hauses gen Canton, bedenkt es doch, ihr beklagt euch über die Zweizüngigkeit der Chinesen, während ihr zu gleicher Zeit, unter falscher Verkleidung, gegen die bestehenden Gesetze gewaltsamerweise in das Innere des Reiches eindringt und die Beamten eines selbstständigen Staates mißhandelt, welche streng die Befehle ihrer Obern vollziehen. *)*)

Sowohl unser Handel mit China, sagt Staunton **)**) als diejenigen, welche ihn während meines langen Aufenthalts von 1800 bis 1817 in diesem Reiche leiteten, erfreuten sich, einige zufällige Ausnahmen abgerechnet, einer solchen praktischen Freiheit und Wohlfahrt, wie in irgend einem andern Lande der Erde, mit welchem wir Handelstractate abgeschlossen haben und überdieß in mannichfachen freundschaftlichen Verbindungen stehen. Diese Ausnahmen hatten aber bloß in politischen Zwistigkeiten ihren Grund, in welche wir mit den Chinesen durch unsere eigene Schuld verwickelt wurden. Und dessenungeachtet ward während dieser siebzehn Jahre der Handel nur auf die kurze Zeit von einigen Monaten unterbrochen! Wenn wir bedenken, wie wir die Chinesen durch die militärische Besetzung Macao's im Jahr 1808 herausforderten, wenn wir uns an die Ungebührlichkeiten erinnern, die wir 1814 in dem chinesischen Meere begangen haben – wollten wir doch ein amerikanisches Schiff kapern, welches unter chinesischem Schutze zu Wampo ruhig vor Anker lag – so könnte wohl, wenn wir beide, Engländer und Chinesen, unsere Unbilden und Klagen, gegenseitig abwägen, unsere Wagschale zu leicht befunden werden. „Was wollt ihr aber jetzt?“ fährt der kundige Staatsmann und Sinologe fort, zu Lindsay, Matheson und andern Leuten dieser Gesinnung sich wendend; „ihr wollt aus nichtigem Vorwand einen Krieg mit China, einen Krieg mit einem unabhängigen Staate beginnen, um durch Gewalt und List einen Handelstractat, größere Freiheiten euch zu erzwingen, zu erkämpfen! Dieß scheint mir abscheulich und findet kaum seinesgleichen in der Kriegsgeschichte der civilisirten Nationen neuerer Zeit (seems to me outrageous, and quite unparalleled in the record of the comparatively civilized wars of modern days). Jeder Chinese, der das Unglück hätte, in unsere Hände zu fallen oder auf irgend eine Weise Schaden zu erleiden durch unsere Waffen, könnte er nicht mit Recht so zu euch sprechen: „Ihr seyd nicht besser denn Seeräuber und Freibeuter; ihr habt uns mitten in unsern gesetzlichen Bestrebungen aufgefangen; ihr habt Leuten, die euch niemals mißhandelten, arges und vielleicht unersetzliches Uebel zugefügt; und dieß alles habt ihr gethan eurer Selbstsucht wegen – wegen des niedrigen Endzweckes der Handelsgewinnste für euch und euer Land.“ Es waren aber alle diese Warnungen, es waren alle diese philippischen Reden der Edeln des brittischen Volks – und keine Nation zählt deren mehr, als das Mutterland der Freiheit des neuern Europa's – dieß alles war vergebens. Gleichwie bei Thucydides die Athenienser zu den Meliern, so sprachen die Krämer mit unverschämtem Trotze zu ihren Gegnern: „Wir glauben, daß die Gottheit nach freiem Ermessen, die Menschen aber sicherlich durch eine Naturnothwendigkeit da allenthalben herrschen, wo sie die Uebermächtigen sind. Wir haben dieses Gesetz weder zuerst aufgebracht, noch des vorhandenen uns zuerst bedient, sondern es bestehend vorgefunden, es angewendet und werden es auch für alle Zeiten der Nachwelt überlassen. Wir wissen, daß ihr und Andere dasselbe thun würden, wenn ihr an Macht uns gleich wäret. Mit gutem Grunde fürchten wir deßhalb nicht, von der Gottheit gezüchtigt zu werden.“ Aber jetzt, wo die Weissagungen und Befürchtungen Stauntons, des kenntnißreichen Verfassers des Artikels im Quarterly Review vom Januar 1834, wie aller einsichtsvollen, moralisch gesinnten Männer Großbritanniens buchstäblich eingetroffen sind – jetzt erschallen die kläglichen Stimmen der Täuschung und der Dummdreistigkeit, welche noch vor kurzer Zeit alle Vernunftgründe mit Hohnlachen von sich gewiesen hatte. Wer hätte diesem verfaulten Staatskörper, schreien die über ihre Verluste bekümmerten Handelsleute, wer hätte diesem förmlichen Mandarinenvolke, in lange, üppige, seidene Gewänder eingehüllt, so viele Kraft oder Uebermuth zugetraut, der Weltmacht Großbritanniens die Spitze zu bieten; wer hätte geglaubt, daß sie es wagen könnten, selbst über alle unsere Erzeugnisse und Fabricate, sogar wenn sie unter fremder Flagge eingeführt würden, auf ewige Zeiten die Acht und Aberacht auszusprechen? Das habt ihr uns, ihr Lindsay, ihr Matheson, ihr Gützlaff und ihr Andern der kriegerischen Schaar nicht gesagt; im Gegentheile habt ihr allenthalben es laut verkündet, wir brauchten bloß fest aufzutreten, es bedürfe bloß einer einfachen Drohung, und es würde der Kaiser von seinem Thron, und es würde dem obersten Mandarinen des Han lin der Pinsel aus der Hand fallen! Und o Jammer über Jammer, sehet nur, wie unsere Rivalen, die Amerikaner, die Vortheile und Gewinnste, die uns entgehen, sich zu Nutze machen! Müssen wir ihnen doch auf der kurzen Strecke von Hong kong (22° 17' nördl. Br.) bis Wampo (23° 6 1/2' nördl. Br.) für den Ballen Baumwolle sieben, sage sieben Dollars Fracht bezahlen? Und wie standen sie nicht, schadenfrohen Blickes umherschauend, am Ufer zu Macao, als wir uns mit Zurücklassung der nothwendigsten Bedürfnisse einschiffen mußten, um einer wiederholten, wo möglich noch schmachvollern Gefangenschaft zu entgehen? Am ärgsten trieb und treibt es aber einer jener Heiligen, Hr. Olyphant, *)*)

*) Ein Auszug dieser denkwürdigen Depesche der Directoren vom Jahr 1833 befindet sich in Davis' Werk, der damals an der Spitze der Factorei stand. The Chinese. London 1836. I. 126.
**) Remarks on the British relations with China, and the proposed plans for improving them. Zweite Auflage. London 1836.
*) Hr. Olyphant, einer der reichsten amerikanischen Kaufleute zu
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0011" n="0715"/>
mehr darum, was England thun <hi rendition="#g">will</hi>, die Zeit der freien Wahl ist vorüber, und es gebietet unumschränkt die eiserne Nothwendigkeit. Man hat sich, aus Unkenntniß und Mißachtung der Völker des chinesischen Cultursystems, die Begebenheiten so über den Kopf wachsen lassen, daß man jetzt fast besinnungslos von ihnen fortgerissen und mit reißender Schnelligkeit einem Ziele, das man nicht ahnt, das man nicht wünscht, entgegen geschleudert wird. Die wiederholten Warnungen der einsichtsvollen Directoren der ostindischen Compagnie, hervorgegangen aus der Erfahrung eines zweihundertjährigen mannichfachen Verkehrs mit dem Reiche der Mitte, die ruhige Einsicht eines Staunten und Davis, auf der Kenntniß des Charakters der Bevölkerung und der Regierungsweise des östlichen Asiens fußend, ward übertäubt von den wilden Leidenschaften und der gierigen Habsucht niedriger Krämerseelen, die, unbekümmert um die Zukunft, dem Momente leben. Es hatte nämlich der Hof der Directoren alle Uebergriffe seiner Beamten und der Kaufherren der brittischen Factorei zu Canton, während der letzten Jahrzehnte des Privilegiums der ostindischen Compagnie, so wie die Schmuggelerexpeditionen hin zu den Nordostküsten des Reiches, unter Lindsay und dem Missionär Gützlaff, welche falsche chinesische Namen angenommen hatten, höchlich mißbilligt. Bedenkt es doch, schrieben die wackern Regenten des ostindischen Hauses gen Canton, bedenkt es doch, ihr beklagt euch über die Zweizüngigkeit der Chinesen, während ihr zu gleicher Zeit, unter falscher Verkleidung, gegen die bestehenden Gesetze gewaltsamerweise in das Innere des Reiches eindringt und die Beamten eines selbstständigen Staates mißhandelt, welche streng die Befehle ihrer Obern vollziehen. <hi rendition="#sup">*)</hi><note place="foot" n="*)"> Ein Auszug dieser denkwürdigen Depesche der Directoren vom Jahr 1833 befindet sich in Davis' Werk, der damals an der Spitze der Factorei stand. The Chinese. London 1836. I. 126.</note></p><lb/>
        <p>Sowohl unser Handel mit China, sagt Staunton <hi rendition="#sup">**)</hi><note place="foot" n="**)"> Remarks on the British relations with China, and the proposed plans for improving them. Zweite Auflage. London 1836.</note> als diejenigen, welche ihn während meines langen Aufenthalts von 1800 bis 1817 in diesem Reiche leiteten, erfreuten sich, <hi rendition="#g">einige zufällige Ausnahmen abgerechnet</hi>, einer solchen praktischen Freiheit und Wohlfahrt, wie in irgend einem andern Lande der Erde, mit welchem wir Handelstractate abgeschlossen haben und überdieß in mannichfachen freundschaftlichen Verbindungen stehen. Diese Ausnahmen hatten aber bloß in politischen Zwistigkeiten ihren Grund, in welche wir mit den Chinesen durch unsere eigene Schuld verwickelt wurden. Und dessenungeachtet ward während dieser siebzehn Jahre der Handel nur auf die kurze Zeit von einigen Monaten unterbrochen! Wenn wir bedenken, wie wir die Chinesen durch die militärische Besetzung Macao's im Jahr 1808 herausforderten, wenn wir uns an die Ungebührlichkeiten erinnern, die wir 1814 in dem chinesischen Meere begangen haben &#x2013; wollten wir doch ein amerikanisches Schiff kapern, welches unter chinesischem Schutze zu Wampo ruhig vor Anker lag &#x2013; so könnte wohl, wenn wir beide, Engländer und Chinesen, unsere Unbilden und Klagen, gegenseitig abwägen, unsere Wagschale zu leicht befunden werden. &#x201E;Was wollt ihr aber jetzt?&#x201C; fährt der kundige Staatsmann und Sinologe fort, zu <hi rendition="#g">Lindsay</hi>, <hi rendition="#g">Matheson</hi> und andern Leuten dieser Gesinnung sich wendend; &#x201E;ihr wollt aus nichtigem Vorwand einen Krieg mit China, einen Krieg mit einem unabhängigen Staate beginnen, um durch Gewalt und List einen Handelstractat, größere Freiheiten euch zu erzwingen, zu erkämpfen! Dieß scheint mir abscheulich und findet kaum seinesgleichen in der Kriegsgeschichte der civilisirten Nationen neuerer Zeit (seems to me outrageous, and quite unparalleled in the record of the comparatively civilized wars of modern days). Jeder Chinese, der das Unglück hätte, in unsere Hände zu fallen oder auf irgend eine Weise Schaden zu erleiden durch unsere Waffen, könnte er nicht mit Recht so zu euch sprechen: &#x201E;Ihr seyd nicht besser denn Seeräuber und Freibeuter; ihr habt uns mitten in unsern gesetzlichen Bestrebungen aufgefangen; ihr habt Leuten, die euch niemals mißhandelten, arges und vielleicht unersetzliches Uebel zugefügt; und dieß alles habt ihr gethan eurer Selbstsucht wegen &#x2013; wegen des niedrigen Endzweckes der Handelsgewinnste für euch und euer Land.&#x201C; Es waren aber alle diese Warnungen, es waren alle diese philippischen Reden der Edeln des brittischen Volks &#x2013; und keine Nation zählt deren mehr, als das Mutterland der Freiheit des neuern Europa's &#x2013; dieß alles war vergebens. Gleichwie bei Thucydides die Athenienser zu den Meliern, so sprachen die Krämer mit unverschämtem Trotze zu ihren Gegnern: &#x201E;Wir glauben, daß die Gottheit nach freiem Ermessen, die Menschen aber sicherlich durch eine Naturnothwendigkeit da allenthalben herrschen, wo sie die Uebermächtigen sind. Wir haben dieses Gesetz weder zuerst aufgebracht, noch des vorhandenen uns zuerst bedient, sondern es bestehend vorgefunden, es angewendet und werden es auch für alle Zeiten der Nachwelt überlassen. Wir wissen, daß ihr und Andere dasselbe thun würden, wenn ihr an Macht uns gleich wäret. Mit gutem Grunde fürchten wir deßhalb nicht, von der Gottheit gezüchtigt zu werden.&#x201C; Aber jetzt, wo die Weissagungen und Befürchtungen Stauntons, des kenntnißreichen Verfassers des Artikels im Quarterly Review vom Januar 1834, wie aller einsichtsvollen, moralisch gesinnten Männer Großbritanniens buchstäblich eingetroffen sind &#x2013; jetzt erschallen die kläglichen Stimmen der Täuschung und der Dummdreistigkeit, welche noch vor kurzer Zeit alle Vernunftgründe mit Hohnlachen von sich gewiesen hatte. Wer hätte diesem verfaulten Staatskörper, schreien die über ihre Verluste bekümmerten Handelsleute, wer hätte diesem förmlichen Mandarinenvolke, in lange, üppige, seidene Gewänder eingehüllt, so viele Kraft oder Uebermuth zugetraut, der Weltmacht Großbritanniens die Spitze zu bieten; wer hätte geglaubt, daß sie es wagen könnten, selbst über alle unsere Erzeugnisse und Fabricate, sogar wenn sie unter fremder Flagge eingeführt würden, auf ewige Zeiten die Acht und Aberacht auszusprechen? Das habt ihr uns, ihr Lindsay, ihr Matheson, ihr Gützlaff und ihr Andern der kriegerischen Schaar nicht gesagt; im Gegentheile habt ihr allenthalben es laut verkündet, wir brauchten bloß fest aufzutreten, es bedürfe bloß einer einfachen Drohung, und es würde der Kaiser von seinem Thron, und es würde dem obersten Mandarinen des Han lin der Pinsel aus der Hand fallen! Und o Jammer über Jammer, sehet nur, wie unsere Rivalen, die Amerikaner, die Vortheile und Gewinnste, die uns entgehen, sich zu Nutze machen! Müssen wir ihnen doch auf der kurzen Strecke von Hong kong (22° 17' nördl. Br.) bis Wampo (23° 6 1/2' nördl. Br.) für den Ballen Baumwolle sieben, sage sieben Dollars Fracht bezahlen? Und wie standen sie nicht, schadenfrohen Blickes umherschauend, am Ufer zu Macao, als wir uns mit Zurücklassung der nothwendigsten Bedürfnisse einschiffen mußten, um einer wiederholten, wo möglich noch schmachvollern Gefangenschaft zu entgehen? Am ärgsten trieb und treibt es aber einer jener Heiligen, Hr. Olyphant, <hi rendition="#sup">*)</hi><note place="foot" n="*)"> Hr. Olyphant, einer der reichsten amerikanischen Kaufleute zu<lb/></note></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0715/0011] mehr darum, was England thun will, die Zeit der freien Wahl ist vorüber, und es gebietet unumschränkt die eiserne Nothwendigkeit. Man hat sich, aus Unkenntniß und Mißachtung der Völker des chinesischen Cultursystems, die Begebenheiten so über den Kopf wachsen lassen, daß man jetzt fast besinnungslos von ihnen fortgerissen und mit reißender Schnelligkeit einem Ziele, das man nicht ahnt, das man nicht wünscht, entgegen geschleudert wird. Die wiederholten Warnungen der einsichtsvollen Directoren der ostindischen Compagnie, hervorgegangen aus der Erfahrung eines zweihundertjährigen mannichfachen Verkehrs mit dem Reiche der Mitte, die ruhige Einsicht eines Staunten und Davis, auf der Kenntniß des Charakters der Bevölkerung und der Regierungsweise des östlichen Asiens fußend, ward übertäubt von den wilden Leidenschaften und der gierigen Habsucht niedriger Krämerseelen, die, unbekümmert um die Zukunft, dem Momente leben. Es hatte nämlich der Hof der Directoren alle Uebergriffe seiner Beamten und der Kaufherren der brittischen Factorei zu Canton, während der letzten Jahrzehnte des Privilegiums der ostindischen Compagnie, so wie die Schmuggelerexpeditionen hin zu den Nordostküsten des Reiches, unter Lindsay und dem Missionär Gützlaff, welche falsche chinesische Namen angenommen hatten, höchlich mißbilligt. Bedenkt es doch, schrieben die wackern Regenten des ostindischen Hauses gen Canton, bedenkt es doch, ihr beklagt euch über die Zweizüngigkeit der Chinesen, während ihr zu gleicher Zeit, unter falscher Verkleidung, gegen die bestehenden Gesetze gewaltsamerweise in das Innere des Reiches eindringt und die Beamten eines selbstständigen Staates mißhandelt, welche streng die Befehle ihrer Obern vollziehen. *) *) Sowohl unser Handel mit China, sagt Staunton **) **) als diejenigen, welche ihn während meines langen Aufenthalts von 1800 bis 1817 in diesem Reiche leiteten, erfreuten sich, einige zufällige Ausnahmen abgerechnet, einer solchen praktischen Freiheit und Wohlfahrt, wie in irgend einem andern Lande der Erde, mit welchem wir Handelstractate abgeschlossen haben und überdieß in mannichfachen freundschaftlichen Verbindungen stehen. Diese Ausnahmen hatten aber bloß in politischen Zwistigkeiten ihren Grund, in welche wir mit den Chinesen durch unsere eigene Schuld verwickelt wurden. Und dessenungeachtet ward während dieser siebzehn Jahre der Handel nur auf die kurze Zeit von einigen Monaten unterbrochen! Wenn wir bedenken, wie wir die Chinesen durch die militärische Besetzung Macao's im Jahr 1808 herausforderten, wenn wir uns an die Ungebührlichkeiten erinnern, die wir 1814 in dem chinesischen Meere begangen haben – wollten wir doch ein amerikanisches Schiff kapern, welches unter chinesischem Schutze zu Wampo ruhig vor Anker lag – so könnte wohl, wenn wir beide, Engländer und Chinesen, unsere Unbilden und Klagen, gegenseitig abwägen, unsere Wagschale zu leicht befunden werden. „Was wollt ihr aber jetzt?“ fährt der kundige Staatsmann und Sinologe fort, zu Lindsay, Matheson und andern Leuten dieser Gesinnung sich wendend; „ihr wollt aus nichtigem Vorwand einen Krieg mit China, einen Krieg mit einem unabhängigen Staate beginnen, um durch Gewalt und List einen Handelstractat, größere Freiheiten euch zu erzwingen, zu erkämpfen! Dieß scheint mir abscheulich und findet kaum seinesgleichen in der Kriegsgeschichte der civilisirten Nationen neuerer Zeit (seems to me outrageous, and quite unparalleled in the record of the comparatively civilized wars of modern days). Jeder Chinese, der das Unglück hätte, in unsere Hände zu fallen oder auf irgend eine Weise Schaden zu erleiden durch unsere Waffen, könnte er nicht mit Recht so zu euch sprechen: „Ihr seyd nicht besser denn Seeräuber und Freibeuter; ihr habt uns mitten in unsern gesetzlichen Bestrebungen aufgefangen; ihr habt Leuten, die euch niemals mißhandelten, arges und vielleicht unersetzliches Uebel zugefügt; und dieß alles habt ihr gethan eurer Selbstsucht wegen – wegen des niedrigen Endzweckes der Handelsgewinnste für euch und euer Land.“ Es waren aber alle diese Warnungen, es waren alle diese philippischen Reden der Edeln des brittischen Volks – und keine Nation zählt deren mehr, als das Mutterland der Freiheit des neuern Europa's – dieß alles war vergebens. Gleichwie bei Thucydides die Athenienser zu den Meliern, so sprachen die Krämer mit unverschämtem Trotze zu ihren Gegnern: „Wir glauben, daß die Gottheit nach freiem Ermessen, die Menschen aber sicherlich durch eine Naturnothwendigkeit da allenthalben herrschen, wo sie die Uebermächtigen sind. Wir haben dieses Gesetz weder zuerst aufgebracht, noch des vorhandenen uns zuerst bedient, sondern es bestehend vorgefunden, es angewendet und werden es auch für alle Zeiten der Nachwelt überlassen. Wir wissen, daß ihr und Andere dasselbe thun würden, wenn ihr an Macht uns gleich wäret. Mit gutem Grunde fürchten wir deßhalb nicht, von der Gottheit gezüchtigt zu werden.“ Aber jetzt, wo die Weissagungen und Befürchtungen Stauntons, des kenntnißreichen Verfassers des Artikels im Quarterly Review vom Januar 1834, wie aller einsichtsvollen, moralisch gesinnten Männer Großbritanniens buchstäblich eingetroffen sind – jetzt erschallen die kläglichen Stimmen der Täuschung und der Dummdreistigkeit, welche noch vor kurzer Zeit alle Vernunftgründe mit Hohnlachen von sich gewiesen hatte. Wer hätte diesem verfaulten Staatskörper, schreien die über ihre Verluste bekümmerten Handelsleute, wer hätte diesem förmlichen Mandarinenvolke, in lange, üppige, seidene Gewänder eingehüllt, so viele Kraft oder Uebermuth zugetraut, der Weltmacht Großbritanniens die Spitze zu bieten; wer hätte geglaubt, daß sie es wagen könnten, selbst über alle unsere Erzeugnisse und Fabricate, sogar wenn sie unter fremder Flagge eingeführt würden, auf ewige Zeiten die Acht und Aberacht auszusprechen? Das habt ihr uns, ihr Lindsay, ihr Matheson, ihr Gützlaff und ihr Andern der kriegerischen Schaar nicht gesagt; im Gegentheile habt ihr allenthalben es laut verkündet, wir brauchten bloß fest aufzutreten, es bedürfe bloß einer einfachen Drohung, und es würde der Kaiser von seinem Thron, und es würde dem obersten Mandarinen des Han lin der Pinsel aus der Hand fallen! Und o Jammer über Jammer, sehet nur, wie unsere Rivalen, die Amerikaner, die Vortheile und Gewinnste, die uns entgehen, sich zu Nutze machen! Müssen wir ihnen doch auf der kurzen Strecke von Hong kong (22° 17' nördl. Br.) bis Wampo (23° 6 1/2' nördl. Br.) für den Ballen Baumwolle sieben, sage sieben Dollars Fracht bezahlen? Und wie standen sie nicht, schadenfrohen Blickes umherschauend, am Ufer zu Macao, als wir uns mit Zurücklassung der nothwendigsten Bedürfnisse einschiffen mußten, um einer wiederholten, wo möglich noch schmachvollern Gefangenschaft zu entgehen? Am ärgsten trieb und treibt es aber einer jener Heiligen, Hr. Olyphant, *) *) *) Ein Auszug dieser denkwürdigen Depesche der Directoren vom Jahr 1833 befindet sich in Davis' Werk, der damals an der Spitze der Factorei stand. The Chinese. London 1836. I. 126. **) Remarks on the British relations with China, and the proposed plans for improving them. Zweite Auflage. London 1836. *) Hr. Olyphant, einer der reichsten amerikanischen Kaufleute zu

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Deutsches Textarchiv: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-06-28T11:37:15Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: gekennzeichnet; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: Lautwert transkribiert; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: gekennzeichnet; Kustoden: gekennzeichnet; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): als r/et transkribiert; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: Lautwert transkribiert; Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert; Vollständigkeit: teilweise erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_090_18400330
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_090_18400330/11
Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 90. Augsburg, 30. März 1840, S. 0715. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_090_18400330/11>, abgerufen am 24.04.2024.