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Allgemeine Zeitung. Nr. 31. Augsburg, 1. Februar 1840.

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geht dann immer etwas für die Politik und das Land Nützliches hervor. Können wir jetzt solchen Vortheil genießen? Ist nicht das Departement der auswärtigen Angelegenheiten stumm und gelähmt? Welche schmerzliche Empfindung muß dem Marschall Soult der Gedanke erregen, sich an der Spitze unsrer Diplomatie nur darum zu befinden, um unmächtiger Zeuge einer englisch-russischen Allianz zu seyn, er, der die ausgezeichnete Ehre genoß, in den Straßen von London als das lebende Symbol der englisch-französischen Allianz begrüßt zu werden! Nur die bekannte Klugheit des Königthums beruhigt uns einigermaßen. Ohne sie könnten wir nicht ruhig seyn. Wenn General Sebastiani in London Unterredungen wünscht, so erfährt er von Lord Palmerston Ablehnungen, die zuweilen an Unhöflichkeit streifen. Hier empfängt Marschall Soult von unserm Botschafter nur uninteressante Depeschen, und befindet sich außer Stand, durch Erfahrung die ihm fehlenden Nachweisungen zu ergänzen. Vergessen wir aber nicht, daß die englische Allianz, die wir eben so sehr den Eingebungen des Königthums wie der Geschicklichkeit des Hrn. v. Talleyrand verdanken, fortwährend die hohe Klugheit, die sie aufgefaßt, zur Stütze hat. Dieser Gedanke kann mit Recht die Besorgnisse des Landes vermindern, aber er vermindert nicht das Unrecht des Ministeriums, das unsere Berührungen mit einem befreundeten Lande solchergestalt verkümmern läßt. Durch welches Verhängniß haben sich, seit Marschall Soult an der Spitze der auswärtigen Angelegenheiten steht, unsere Berührungen mit England so herbe gemacht? Das Cabinet hat für den Vorfall auf Mauritius keine Genugthuung erhalten,*) und jetzt tritt noch ein grober Matrose in einem Schreiben in der Times auf, stellt mit der brutalsten Unverschämtheit die Injurien gegen Frankreich auf die Spitze, und überbietet selbst die veraltetsten Antipathien John Bulls, wie er einst war. Wir wollen die englische Regierung nicht für die Briefzänkereien eines Subalternen verantwortlich machen, aber es ist jetzt weniger als jemals der Augenblick, zu temporisiren, oder amtliche Genugthuungen, die wir noch erwarten, schwächer zu betreiben, hauptsächlich wenn wir die unhöfliche Steifheit Lord Palmerstons vor uns haben, der in seiner Sphäre den Driver der Diplomatie spielen zu wollen scheint."

(Moniteur.) Das Bureau der Deputirtenkammer begab sich am 25 Jan. Abends zu dem König, um ihm zu der Verbindung des Herzogs von Nemours ihre Glückwünsche darzubringen. Am Nachmittag hatte sich das Bureau der Paiskammer in derselben Absicht zu Sr. Maj. begeben.

Der Gesetzesentwurf, der für den Herzog von Nemours eine jährliche Dotation von 500,000 Fr. verlangt, hat bei seiner Ankündigung in der Deputirtenkammer auf den Bänken der äußersten Linken Murren verursacht. Die meisten Pariser Blätter ereifern sich gegen jenes Verlangen. In erster Linie der Opposition steht wie gewöhnlich der National, der besonders darauf sich bezieht, daß Ludwig Philipp bei seiner Thronbesteigung sein Vermögen unter seine Kinder getheilt habe, statt daß bei allen frühern Königen deren Privatvermögen zur Domäne der Krone geschlagen worden. Der Staat habe also nichts empfangen, und sey daher auch nichts zu geben schuldig. Das jetzige Vermögen des Herzogs von Nemours wäre hinreichend, zweitausend Bürger zu ernähren. - Auch alle gemäßigteren Oppositionsblätter, wie der Courrier francais, Siecle, Commerce sprechen in ähnlicher Weise. "Unter welcher Regierung leben wir?" - ruft das Commerce. Was will man noch aus Frankreich machen? Das Volk wird mit Abgaben erdrückt, der Handel leidet, in Algier ist der Krieg ausgebrochen, im Orient bestehen ernste Verwicklungen - und in einem solchen Augenblick verlangt das Ministerium eine Rente von 500,000 Fr. für den Herzog von Nemours. Ist Frankreich in den Augen der Regierung nur ein Pachthof, den sie willkürlich ausbeuten kann?" Der Courrier francais sagt: "Die Minister, welche diesen Entwurf einer Dotation vorlegten, sind dieselben, welche durch Wort und Votum das frühere Verlangen einer Apanage für den Herzog scheitern machten. Jetzt werden sie sagen, 500,000 Fr. in Renten seyen etwas ganz Anderes als 50,000 Fr. in Grundstücken; Dotation sey nicht synonym mit Apanage. Also geht Alles nach Wunsch des Hofs. Ein Budget, das ein Deficit zeigt, ein Cabinet ohne Verantwortlichkeit, ein Dotationsentwurf - so versteht man bei uns die constitutionelle Regierung!" Der Constitutionnel und das Siecle fragen, ob die Privatdomäne zureichend sey oder nicht, und meinen, daß dem Inhalt des Gesetzes über die Civilliste gemäß die ganze Frage hierin liege. "Man mag, sagt letzteres Journal, sie noch so sehr verwirren wollen, so handelt es sich hier weder von Monarchie, noch von Hingebung, noch von Würde; es liegt eine unbestrittene Thatsache, ein Gesetz vor, dessen Bestimmungen sehr klar sind, und ein Raisonnement, das allen Intelligenzen zugänglich ist."

Das Journal des Debats nimmt den Dotationsentwurf gegen die Oppositionsblätter in Schutz. "Was liegt daran, heißt es nach der Sprache der Opposition, was liegt dem Land daran, daß ein Prinz von königlichem Geblüt, wie Jedermann, Weib, Kinder, Familie habe? Fünfmalhunderttausend Franken Renten für den zweiten Sohn des Königs der Franzosen, für den, der möglicherweise einst berufen werden kann, die französische Krone, die erste der Welt zu tragen, ist dieß nicht eine übertriebene Forderung? Dann folgen die alten Declamationen gegen den Luxus der Höfe im Vergleich mit dem Elend so vieler Leute. Fünfmalhunderttausend Franken Revenuen für den Herzog von Nemours! Man will also Frankreich zu Grund richten? Wie werden wir die Kosten der Armee in Afrika bestreiten können? Und wenn ein allgemeiner Krieg ausbräche, wo fänden wir Ressourcen, seine Kosten zu decken? Da die Opposition nun einmal auf dem Wege der Ersparnisse ist, warum schlägt sie nicht gleich vor, daß man überhaupt die Kosten des Königthums erspare? Wenn man keine Prinzen will, muß man auch keine Könige wollen. Es ist Unsinn, eine erbliche Monarchie gründen und denen, die für immer als Candidaten für die Krone ausersehen sind, das Mittel entziehen, einen so hohen Rang zu behaupten. Entweder nehmt keine königliche Familie, oder ihre Stellung sey der Größe Frankreichs würdig! Weil unter der edlen Familie, deren Händen wir die Bewahrung unserer Institutionen anvertrauten, Frankreich einer Freiheit genießt, die es nie zuvor gekannt, müssen wir deßhalb diese Familie aus Patriotismus unter allen königlichen Geschlechtern halten? Wären wir freigebiger gegen unsere Prinzen, wenn sie ein weniger französisches Herz hätten? Besteht die Freiheit darin, Alles kleiner zu machen? Man verlangt von der Civilliste - und dieß ist das große Mittel der Opposition, auf feine Weise die Dotation zu verwerfen - man verlangt von der Civilliste, daß sie ihre Rechnungsbücher vorlege. Will die Opposition wissen, was zum Beispiel das königliche Museum von Versailles und die Wiederherstellung von Fontainebleau gekostet hat? Warum hat der König zur Ausstattung seiner Söhne nicht, wie es einem sparsamen Familienvater geziemt, das Geld bestimmt, das er durch den Ankauf von Gemälden, Statuen und andern Kunstgegenständen vergeudet hat? Mit dem Geld,

*) Und doch hat die englische Hofzeitung die Abberufung des dortigen Gouverneurs gemeldet.


geht dann immer etwas für die Politik und das Land Nützliches hervor. Können wir jetzt solchen Vortheil genießen? Ist nicht das Departement der auswärtigen Angelegenheiten stumm und gelähmt? Welche schmerzliche Empfindung muß dem Marschall Soult der Gedanke erregen, sich an der Spitze unsrer Diplomatie nur darum zu befinden, um unmächtiger Zeuge einer englisch-russischen Allianz zu seyn, er, der die ausgezeichnete Ehre genoß, in den Straßen von London als das lebende Symbol der englisch-französischen Allianz begrüßt zu werden! Nur die bekannte Klugheit des Königthums beruhigt uns einigermaßen. Ohne sie könnten wir nicht ruhig seyn. Wenn General Sebastiani in London Unterredungen wünscht, so erfährt er von Lord Palmerston Ablehnungen, die zuweilen an Unhöflichkeit streifen. Hier empfängt Marschall Soult von unserm Botschafter nur uninteressante Depeschen, und befindet sich außer Stand, durch Erfahrung die ihm fehlenden Nachweisungen zu ergänzen. Vergessen wir aber nicht, daß die englische Allianz, die wir eben so sehr den Eingebungen des Königthums wie der Geschicklichkeit des Hrn. v. Talleyrand verdanken, fortwährend die hohe Klugheit, die sie aufgefaßt, zur Stütze hat. Dieser Gedanke kann mit Recht die Besorgnisse des Landes vermindern, aber er vermindert nicht das Unrecht des Ministeriums, das unsere Berührungen mit einem befreundeten Lande solchergestalt verkümmern läßt. Durch welches Verhängniß haben sich, seit Marschall Soult an der Spitze der auswärtigen Angelegenheiten steht, unsere Berührungen mit England so herbe gemacht? Das Cabinet hat für den Vorfall auf Mauritius keine Genugthuung erhalten,*) und jetzt tritt noch ein grober Matrose in einem Schreiben in der Times auf, stellt mit der brutalsten Unverschämtheit die Injurien gegen Frankreich auf die Spitze, und überbietet selbst die veraltetsten Antipathien John Bulls, wie er einst war. Wir wollen die englische Regierung nicht für die Briefzänkereien eines Subalternen verantwortlich machen, aber es ist jetzt weniger als jemals der Augenblick, zu temporisiren, oder amtliche Genugthuungen, die wir noch erwarten, schwächer zu betreiben, hauptsächlich wenn wir die unhöfliche Steifheit Lord Palmerstons vor uns haben, der in seiner Sphäre den Driver der Diplomatie spielen zu wollen scheint.“

(Moniteur.) Das Bureau der Deputirtenkammer begab sich am 25 Jan. Abends zu dem König, um ihm zu der Verbindung des Herzogs von Nemours ihre Glückwünsche darzubringen. Am Nachmittag hatte sich das Bureau der Paiskammer in derselben Absicht zu Sr. Maj. begeben.

Der Gesetzesentwurf, der für den Herzog von Nemours eine jährliche Dotation von 500,000 Fr. verlangt, hat bei seiner Ankündigung in der Deputirtenkammer auf den Bänken der äußersten Linken Murren verursacht. Die meisten Pariser Blätter ereifern sich gegen jenes Verlangen. In erster Linie der Opposition steht wie gewöhnlich der National, der besonders darauf sich bezieht, daß Ludwig Philipp bei seiner Thronbesteigung sein Vermögen unter seine Kinder getheilt habe, statt daß bei allen frühern Königen deren Privatvermögen zur Domäne der Krone geschlagen worden. Der Staat habe also nichts empfangen, und sey daher auch nichts zu geben schuldig. Das jetzige Vermögen des Herzogs von Nemours wäre hinreichend, zweitausend Bürger zu ernähren. – Auch alle gemäßigteren Oppositionsblätter, wie der Courrier français, Siècle, Commerce sprechen in ähnlicher Weise. „Unter welcher Regierung leben wir?“ – ruft das Commerce. Was will man noch aus Frankreich machen? Das Volk wird mit Abgaben erdrückt, der Handel leidet, in Algier ist der Krieg ausgebrochen, im Orient bestehen ernste Verwicklungen – und in einem solchen Augenblick verlangt das Ministerium eine Rente von 500,000 Fr. für den Herzog von Nemours. Ist Frankreich in den Augen der Regierung nur ein Pachthof, den sie willkürlich ausbeuten kann?“ Der Courrier français sagt: „Die Minister, welche diesen Entwurf einer Dotation vorlegten, sind dieselben, welche durch Wort und Votum das frühere Verlangen einer Apanage für den Herzog scheitern machten. Jetzt werden sie sagen, 500,000 Fr. in Renten seyen etwas ganz Anderes als 50,000 Fr. in Grundstücken; Dotation sey nicht synonym mit Apanage. Also geht Alles nach Wunsch des Hofs. Ein Budget, das ein Deficit zeigt, ein Cabinet ohne Verantwortlichkeit, ein Dotationsentwurf – so versteht man bei uns die constitutionelle Regierung!“ Der Constitutionnel und das Siècle fragen, ob die Privatdomäne zureichend sey oder nicht, und meinen, daß dem Inhalt des Gesetzes über die Civilliste gemäß die ganze Frage hierin liege. „Man mag, sagt letzteres Journal, sie noch so sehr verwirren wollen, so handelt es sich hier weder von Monarchie, noch von Hingebung, noch von Würde; es liegt eine unbestrittene Thatsache, ein Gesetz vor, dessen Bestimmungen sehr klar sind, und ein Raisonnement, das allen Intelligenzen zugänglich ist.“

Das Journal des Débats nimmt den Dotationsentwurf gegen die Oppositionsblätter in Schutz. „Was liegt daran, heißt es nach der Sprache der Opposition, was liegt dem Land daran, daß ein Prinz von königlichem Geblüt, wie Jedermann, Weib, Kinder, Familie habe? Fünfmalhunderttausend Franken Renten für den zweiten Sohn des Königs der Franzosen, für den, der möglicherweise einst berufen werden kann, die französische Krone, die erste der Welt zu tragen, ist dieß nicht eine übertriebene Forderung? Dann folgen die alten Declamationen gegen den Luxus der Höfe im Vergleich mit dem Elend so vieler Leute. Fünfmalhunderttausend Franken Revenuen für den Herzog von Nemours! Man will also Frankreich zu Grund richten? Wie werden wir die Kosten der Armee in Afrika bestreiten können? Und wenn ein allgemeiner Krieg ausbräche, wo fänden wir Ressourcen, seine Kosten zu decken? Da die Opposition nun einmal auf dem Wege der Ersparnisse ist, warum schlägt sie nicht gleich vor, daß man überhaupt die Kosten des Königthums erspare? Wenn man keine Prinzen will, muß man auch keine Könige wollen. Es ist Unsinn, eine erbliche Monarchie gründen und denen, die für immer als Candidaten für die Krone ausersehen sind, das Mittel entziehen, einen so hohen Rang zu behaupten. Entweder nehmt keine königliche Familie, oder ihre Stellung sey der Größe Frankreichs würdig! Weil unter der edlen Familie, deren Händen wir die Bewahrung unserer Institutionen anvertrauten, Frankreich einer Freiheit genießt, die es nie zuvor gekannt, müssen wir deßhalb diese Familie aus Patriotismus unter allen königlichen Geschlechtern halten? Wären wir freigebiger gegen unsere Prinzen, wenn sie ein weniger französisches Herz hätten? Besteht die Freiheit darin, Alles kleiner zu machen? Man verlangt von der Civilliste – und dieß ist das große Mittel der Opposition, auf feine Weise die Dotation zu verwerfen – man verlangt von der Civilliste, daß sie ihre Rechnungsbücher vorlege. Will die Opposition wissen, was zum Beispiel das königliche Museum von Versailles und die Wiederherstellung von Fontainebleau gekostet hat? Warum hat der König zur Ausstattung seiner Söhne nicht, wie es einem sparsamen Familienvater geziemt, das Geld bestimmt, das er durch den Ankauf von Gemälden, Statuen und andern Kunstgegenständen vergeudet hat? Mit dem Geld,

*) Und doch hat die englische Hofzeitung die Abberufung des dortigen Gouverneurs gemeldet.
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[0251/0003] geht dann immer etwas für die Politik und das Land Nützliches hervor. Können wir jetzt solchen Vortheil genießen? Ist nicht das Departement der auswärtigen Angelegenheiten stumm und gelähmt? Welche schmerzliche Empfindung muß dem Marschall Soult der Gedanke erregen, sich an der Spitze unsrer Diplomatie nur darum zu befinden, um unmächtiger Zeuge einer englisch-russischen Allianz zu seyn, er, der die ausgezeichnete Ehre genoß, in den Straßen von London als das lebende Symbol der englisch-französischen Allianz begrüßt zu werden! Nur die bekannte Klugheit des Königthums beruhigt uns einigermaßen. Ohne sie könnten wir nicht ruhig seyn. Wenn General Sebastiani in London Unterredungen wünscht, so erfährt er von Lord Palmerston Ablehnungen, die zuweilen an Unhöflichkeit streifen. Hier empfängt Marschall Soult von unserm Botschafter nur uninteressante Depeschen, und befindet sich außer Stand, durch Erfahrung die ihm fehlenden Nachweisungen zu ergänzen. Vergessen wir aber nicht, daß die englische Allianz, die wir eben so sehr den Eingebungen des Königthums wie der Geschicklichkeit des Hrn. v. Talleyrand verdanken, fortwährend die hohe Klugheit, die sie aufgefaßt, zur Stütze hat. Dieser Gedanke kann mit Recht die Besorgnisse des Landes vermindern, aber er vermindert nicht das Unrecht des Ministeriums, das unsere Berührungen mit einem befreundeten Lande solchergestalt verkümmern läßt. Durch welches Verhängniß haben sich, seit Marschall Soult an der Spitze der auswärtigen Angelegenheiten steht, unsere Berührungen mit England so herbe gemacht? Das Cabinet hat für den Vorfall auf Mauritius keine Genugthuung erhalten, *) und jetzt tritt noch ein grober Matrose in einem Schreiben in der Times auf, stellt mit der brutalsten Unverschämtheit die Injurien gegen Frankreich auf die Spitze, und überbietet selbst die veraltetsten Antipathien John Bulls, wie er einst war. Wir wollen die englische Regierung nicht für die Briefzänkereien eines Subalternen verantwortlich machen, aber es ist jetzt weniger als jemals der Augenblick, zu temporisiren, oder amtliche Genugthuungen, die wir noch erwarten, schwächer zu betreiben, hauptsächlich wenn wir die unhöfliche Steifheit Lord Palmerstons vor uns haben, der in seiner Sphäre den Driver der Diplomatie spielen zu wollen scheint.“ (Moniteur.) Das Bureau der Deputirtenkammer begab sich am 25 Jan. Abends zu dem König, um ihm zu der Verbindung des Herzogs von Nemours ihre Glückwünsche darzubringen. Am Nachmittag hatte sich das Bureau der Paiskammer in derselben Absicht zu Sr. Maj. begeben. Der Gesetzesentwurf, der für den Herzog von Nemours eine jährliche Dotation von 500,000 Fr. verlangt, hat bei seiner Ankündigung in der Deputirtenkammer auf den Bänken der äußersten Linken Murren verursacht. Die meisten Pariser Blätter ereifern sich gegen jenes Verlangen. In erster Linie der Opposition steht wie gewöhnlich der National, der besonders darauf sich bezieht, daß Ludwig Philipp bei seiner Thronbesteigung sein Vermögen unter seine Kinder getheilt habe, statt daß bei allen frühern Königen deren Privatvermögen zur Domäne der Krone geschlagen worden. Der Staat habe also nichts empfangen, und sey daher auch nichts zu geben schuldig. Das jetzige Vermögen des Herzogs von Nemours wäre hinreichend, zweitausend Bürger zu ernähren. – Auch alle gemäßigteren Oppositionsblätter, wie der Courrier français, Siècle, Commerce sprechen in ähnlicher Weise. „Unter welcher Regierung leben wir?“ – ruft das Commerce. Was will man noch aus Frankreich machen? Das Volk wird mit Abgaben erdrückt, der Handel leidet, in Algier ist der Krieg ausgebrochen, im Orient bestehen ernste Verwicklungen – und in einem solchen Augenblick verlangt das Ministerium eine Rente von 500,000 Fr. für den Herzog von Nemours. Ist Frankreich in den Augen der Regierung nur ein Pachthof, den sie willkürlich ausbeuten kann?“ Der Courrier français sagt: „Die Minister, welche diesen Entwurf einer Dotation vorlegten, sind dieselben, welche durch Wort und Votum das frühere Verlangen einer Apanage für den Herzog scheitern machten. Jetzt werden sie sagen, 500,000 Fr. in Renten seyen etwas ganz Anderes als 50,000 Fr. in Grundstücken; Dotation sey nicht synonym mit Apanage. Also geht Alles nach Wunsch des Hofs. Ein Budget, das ein Deficit zeigt, ein Cabinet ohne Verantwortlichkeit, ein Dotationsentwurf – so versteht man bei uns die constitutionelle Regierung!“ Der Constitutionnel und das Siècle fragen, ob die Privatdomäne zureichend sey oder nicht, und meinen, daß dem Inhalt des Gesetzes über die Civilliste gemäß die ganze Frage hierin liege. „Man mag, sagt letzteres Journal, sie noch so sehr verwirren wollen, so handelt es sich hier weder von Monarchie, noch von Hingebung, noch von Würde; es liegt eine unbestrittene Thatsache, ein Gesetz vor, dessen Bestimmungen sehr klar sind, und ein Raisonnement, das allen Intelligenzen zugänglich ist.“ Das Journal des Débats nimmt den Dotationsentwurf gegen die Oppositionsblätter in Schutz. „Was liegt daran, heißt es nach der Sprache der Opposition, was liegt dem Land daran, daß ein Prinz von königlichem Geblüt, wie Jedermann, Weib, Kinder, Familie habe? Fünfmalhunderttausend Franken Renten für den zweiten Sohn des Königs der Franzosen, für den, der möglicherweise einst berufen werden kann, die französische Krone, die erste der Welt zu tragen, ist dieß nicht eine übertriebene Forderung? Dann folgen die alten Declamationen gegen den Luxus der Höfe im Vergleich mit dem Elend so vieler Leute. Fünfmalhunderttausend Franken Revenuen für den Herzog von Nemours! Man will also Frankreich zu Grund richten? Wie werden wir die Kosten der Armee in Afrika bestreiten können? Und wenn ein allgemeiner Krieg ausbräche, wo fänden wir Ressourcen, seine Kosten zu decken? Da die Opposition nun einmal auf dem Wege der Ersparnisse ist, warum schlägt sie nicht gleich vor, daß man überhaupt die Kosten des Königthums erspare? Wenn man keine Prinzen will, muß man auch keine Könige wollen. Es ist Unsinn, eine erbliche Monarchie gründen und denen, die für immer als Candidaten für die Krone ausersehen sind, das Mittel entziehen, einen so hohen Rang zu behaupten. Entweder nehmt keine königliche Familie, oder ihre Stellung sey der Größe Frankreichs würdig! Weil unter der edlen Familie, deren Händen wir die Bewahrung unserer Institutionen anvertrauten, Frankreich einer Freiheit genießt, die es nie zuvor gekannt, müssen wir deßhalb diese Familie aus Patriotismus unter allen königlichen Geschlechtern halten? Wären wir freigebiger gegen unsere Prinzen, wenn sie ein weniger französisches Herz hätten? Besteht die Freiheit darin, Alles kleiner zu machen? Man verlangt von der Civilliste – und dieß ist das große Mittel der Opposition, auf feine Weise die Dotation zu verwerfen – man verlangt von der Civilliste, daß sie ihre Rechnungsbücher vorlege. Will die Opposition wissen, was zum Beispiel das königliche Museum von Versailles und die Wiederherstellung von Fontainebleau gekostet hat? Warum hat der König zur Ausstattung seiner Söhne nicht, wie es einem sparsamen Familienvater geziemt, das Geld bestimmt, das er durch den Ankauf von Gemälden, Statuen und andern Kunstgegenständen vergeudet hat? Mit dem Geld, *) Und doch hat die englische Hofzeitung die Abberufung des dortigen Gouverneurs gemeldet.

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 31. Augsburg, 1. Februar 1840, S. 0251. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_032_18400201/3>, abgerufen am 13.04.2024.