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Andolt, Ernst [d. i. Bernhard Abeken]: Eine Nacht. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 22. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–287. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Aber nun zu der Bowle eine Geschichte! Wer erzählt uns eine Geschichte?

Ja eine Geschichte, aber eine wahre.

Und die zugleich überraschend ist.

Und recht schauerlich; o Herr Pastor, Sie sind unser Mann; würzen Sie unsern Punsch mit einer Geschichte aus Ihrem thatenreichen Leben! --

Alle Blicke richteten sich auf den Pastor, welcher schmunzelnd umherschaute. Aus meinem thatenreichen Leben? sagte er mitleidig lächelnd. -- Wahrhaftig -- wenn alle Menschen so thatenreich gelebt hätten, als ich -- es sähe recht still und friedlich auf der Welt aus. Nein, meine Lieben! ich bin weder ein Gil-Blas, noch ein Münchhausen; ich bin ein ruheliebender Diener des Herrn, der seit vielen Jahren nicht über die Grenze seiner Pfarre hinausgekommen ist. Wenden Sie sich lieber an den Herrn Major --

Beileibe nicht! rief dieser, ich will mich hängen lassen, wenn mein Kriegerleben in dieser friedlichen Zeit nicht eben so unblutig als das seiner Hochehrwürden gewesen! Aber wenn ich nicht irre, so sind Sie, Herr Pastor, in der westphälischen Zeit Mitglied einer geheimen Verbindung gewesen -- auch sollen Sie einmal über Hals und Kopf bei nächtlicher Weile wegen Conspirationen nach Cassel transportirt sein; ich weiß

Aber nun zu der Bowle eine Geschichte! Wer erzählt uns eine Geschichte?

Ja eine Geschichte, aber eine wahre.

Und die zugleich überraschend ist.

Und recht schauerlich; o Herr Pastor, Sie sind unser Mann; würzen Sie unsern Punsch mit einer Geschichte aus Ihrem thatenreichen Leben! —

Alle Blicke richteten sich auf den Pastor, welcher schmunzelnd umherschaute. Aus meinem thatenreichen Leben? sagte er mitleidig lächelnd. — Wahrhaftig — wenn alle Menschen so thatenreich gelebt hätten, als ich — es sähe recht still und friedlich auf der Welt aus. Nein, meine Lieben! ich bin weder ein Gil-Blas, noch ein Münchhausen; ich bin ein ruheliebender Diener des Herrn, der seit vielen Jahren nicht über die Grenze seiner Pfarre hinausgekommen ist. Wenden Sie sich lieber an den Herrn Major —

Beileibe nicht! rief dieser, ich will mich hängen lassen, wenn mein Kriegerleben in dieser friedlichen Zeit nicht eben so unblutig als das seiner Hochehrwürden gewesen! Aber wenn ich nicht irre, so sind Sie, Herr Pastor, in der westphälischen Zeit Mitglied einer geheimen Verbindung gewesen — auch sollen Sie einmal über Hals und Kopf bei nächtlicher Weile wegen Conspirationen nach Cassel transportirt sein; ich weiß

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[0007] Aber nun zu der Bowle eine Geschichte! Wer erzählt uns eine Geschichte? Ja eine Geschichte, aber eine wahre. Und die zugleich überraschend ist. Und recht schauerlich; o Herr Pastor, Sie sind unser Mann; würzen Sie unsern Punsch mit einer Geschichte aus Ihrem thatenreichen Leben! — Alle Blicke richteten sich auf den Pastor, welcher schmunzelnd umherschaute. Aus meinem thatenreichen Leben? sagte er mitleidig lächelnd. — Wahrhaftig — wenn alle Menschen so thatenreich gelebt hätten, als ich — es sähe recht still und friedlich auf der Welt aus. Nein, meine Lieben! ich bin weder ein Gil-Blas, noch ein Münchhausen; ich bin ein ruheliebender Diener des Herrn, der seit vielen Jahren nicht über die Grenze seiner Pfarre hinausgekommen ist. Wenden Sie sich lieber an den Herrn Major — Beileibe nicht! rief dieser, ich will mich hängen lassen, wenn mein Kriegerleben in dieser friedlichen Zeit nicht eben so unblutig als das seiner Hochehrwürden gewesen! Aber wenn ich nicht irre, so sind Sie, Herr Pastor, in der westphälischen Zeit Mitglied einer geheimen Verbindung gewesen — auch sollen Sie einmal über Hals und Kopf bei nächtlicher Weile wegen Conspirationen nach Cassel transportirt sein; ich weiß

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Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T12:28:07Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
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Zitationshilfe: Andolt, Ernst [d. i. Bernhard Abeken]: Eine Nacht. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 22. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–287. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/andolt_nacht_1910/7>, abgerufen am 18.04.2021.