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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889.

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philosophia.
die methode. den subjectivismus des Protagoras hat Euripides zwar ge-
legemtlich berücksichtigt (Aiolos 19), aber nicht geteilt, und panton
khrematon metron anthropos nicht in verse gebracht. wol aber hat er
die kunst des antilegein so sehr ausgebildet wie nicht einmal ein
rhetor, und seine ganze technik ist davon durchdrungen. der leser hat
immer damit zu rechnen, dass in jedem einzelnen spruche nur einer der
beiden logoi zu worte kommt, die es von jeder sache gibt; was der
dichter wirklich meint, kann aus einer äusserung nicht abstrahirt werden.

Zu Prodikos sind berührungen nicht nachweisbar: denn die ety-
mologischen spiele, an denen Euripides seine freude hat 47), und die er
wenigstens in seinen letzten 20 jahren mit grösserem ernste vorträgt als
die andern dichter, weisen vielmehr auf die orthoepeia des Protagoras
und auf Heraklit zurück. die synonymik des Prodikos, die Platon im
Protagoras persifflirt und Thukydides ernsthaft anwendet, kommt wol
nirgends vor. Gorgias trat erst 427 in Athen auf; seine schüler sind
Thukydides und Antiphon geworden, Euripides war dazu zu alt. seine
speciell rhetorische technik weist vielmehr auf Thrasymachos 48). indessen
ist am der sophistik ja nicht der einzelne name von bedeutung. was
sie im ganzen leistet, die verarbeitung und vermittelung der philoso-
phischen und überhaupt wissenschaftlichen gedanken, welche die einzelnen
grossen denker in der einsamkeit gefunden hatten, und die dialektisch
rhetorische schulung, welche dem redner wie dem schriftsteller erst die
zunge löste, ist nicht an einen einzelnen gebunden. die hippokratische
sammlung und die dorischen dialexeis lehren das am besten. und so
ist Euripides einfach als sophist zu fassen, und nicht nach den etwaigen
vermittlern sondern nach den urhebern der gedanken zu fragen, welche
er vorträgt. so mag ihm die kenntnis des Herakleitos durch bekenner
von dessen lehre zuerst vermittelt sein, die in Athen nicht fehlten: dass
er sein buch selbst gelesen hat, ist ganz unzweifelhaft 49). ebenso hat
er Xenophanes gekannt 50), allein bezeichnender weise bezieht er sich
nur auf dessen polemik gegen die vorstellungen und wertschätzungen
der menge: die lehre vom ewigen sein und der monotheismus wird nicht
berührt, und von einer benutzung des Parmenides oder der sophistischen

47) Vgl. zu v. 155.
48) Vgl. zu v. 336.
49) Vgl. zu v. 101. die fabel hat das schliesslich so weit ausgesponnen, dass
Euripides nach Ephesos reist, die bei der Artemis deponirte schrift des Herakleitos
auswendig lernt und einem erwählten kreise mitteilt und erläutert; Tatian 3.
50) Vgl. zu v. 1346.

φιλοσοφία.
die methode. den subjectivismus des Protagoras hat Euripides zwar ge-
legemtlich berücksichtigt (Aiolos 19), aber nicht geteilt, und πάντων
χρημάτων μέτρον ἄνϑρωπος nicht in verse gebracht. wol aber hat er
die kunst des ἀντιλέγειν so sehr ausgebildet wie nicht einmal ein
rhetor, und seine ganze technik ist davon durchdrungen. der leser hat
immer damit zu rechnen, daſs in jedem einzelnen spruche nur einer der
beiden λόγοι zu worte kommt, die es von jeder sache gibt; was der
dichter wirklich meint, kann aus einer äuſserung nicht abstrahirt werden.

Zu Prodikos sind berührungen nicht nachweisbar: denn die ety-
mologischen spiele, an denen Euripides seine freude hat 47), und die er
wenigstens in seinen letzten 20 jahren mit gröſserem ernste vorträgt als
die andern dichter, weisen vielmehr auf die ὀρϑοέπεια des Protagoras
und auf Heraklit zurück. die synonymik des Prodikos, die Platon im
Protagoras persifflirt und Thukydides ernsthaft anwendet, kommt wol
nirgends vor. Gorgias trat erst 427 in Athen auf; seine schüler sind
Thukydides und Antiphon geworden, Euripides war dazu zu alt. seine
speciell rhetorische technik weist vielmehr auf Thrasymachos 48). indessen
ist am der sophistik ja nicht der einzelne name von bedeutung. was
sie im ganzen leistet, die verarbeitung und vermittelung der philoso-
phischen und überhaupt wissenschaftlichen gedanken, welche die einzelnen
groſsen denker in der einsamkeit gefunden hatten, und die dialektisch
rhetorische schulung, welche dem redner wie dem schriftsteller erst die
zunge löste, ist nicht an einen einzelnen gebunden. die hippokratische
sammlung und die dorischen διαλέξεις lehren das am besten. und so
ist Euripides einfach als sophist zu fassen, und nicht nach den etwaigen
vermittlern sondern nach den urhebern der gedanken zu fragen, welche
er vorträgt. so mag ihm die kenntnis des Herakleitos durch bekenner
von dessen lehre zuerst vermittelt sein, die in Athen nicht fehlten: daſs
er sein buch selbst gelesen hat, ist ganz unzweifelhaft 49). ebenso hat
er Xenophanes gekannt 50), allein bezeichnender weise bezieht er sich
nur auf dessen polemik gegen die vorstellungen und wertschätzungen
der menge: die lehre vom ewigen sein und der monotheismus wird nicht
berührt, und von einer benutzung des Parmenides oder der sophistischen

47) Vgl. zu v. 155.
48) Vgl. zu v. 336.
49) Vgl. zu v. 101. die fabel hat das schlieſslich so weit ausgesponnen, daſs
Euripides nach Ephesos reist, die bei der Artemis deponirte schrift des Herakleitos
auswendig lernt und einem erwählten kreise mitteilt und erläutert; Tatian 3.
50) Vgl. zu v. 1346.
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[27/0047] φιλοσοφία. die methode. den subjectivismus des Protagoras hat Euripides zwar ge- legemtlich berücksichtigt (Aiolos 19), aber nicht geteilt, und πάντων χρημάτων μέτρον ἄνϑρωπος nicht in verse gebracht. wol aber hat er die kunst des ἀντιλέγειν so sehr ausgebildet wie nicht einmal ein rhetor, und seine ganze technik ist davon durchdrungen. der leser hat immer damit zu rechnen, daſs in jedem einzelnen spruche nur einer der beiden λόγοι zu worte kommt, die es von jeder sache gibt; was der dichter wirklich meint, kann aus einer äuſserung nicht abstrahirt werden. Zu Prodikos sind berührungen nicht nachweisbar: denn die ety- mologischen spiele, an denen Euripides seine freude hat 47), und die er wenigstens in seinen letzten 20 jahren mit gröſserem ernste vorträgt als die andern dichter, weisen vielmehr auf die ὀρϑοέπεια des Protagoras und auf Heraklit zurück. die synonymik des Prodikos, die Platon im Protagoras persifflirt und Thukydides ernsthaft anwendet, kommt wol nirgends vor. Gorgias trat erst 427 in Athen auf; seine schüler sind Thukydides und Antiphon geworden, Euripides war dazu zu alt. seine speciell rhetorische technik weist vielmehr auf Thrasymachos 48). indessen ist am der sophistik ja nicht der einzelne name von bedeutung. was sie im ganzen leistet, die verarbeitung und vermittelung der philoso- phischen und überhaupt wissenschaftlichen gedanken, welche die einzelnen groſsen denker in der einsamkeit gefunden hatten, und die dialektisch rhetorische schulung, welche dem redner wie dem schriftsteller erst die zunge löste, ist nicht an einen einzelnen gebunden. die hippokratische sammlung und die dorischen διαλέξεις lehren das am besten. und so ist Euripides einfach als sophist zu fassen, und nicht nach den etwaigen vermittlern sondern nach den urhebern der gedanken zu fragen, welche er vorträgt. so mag ihm die kenntnis des Herakleitos durch bekenner von dessen lehre zuerst vermittelt sein, die in Athen nicht fehlten: daſs er sein buch selbst gelesen hat, ist ganz unzweifelhaft 49). ebenso hat er Xenophanes gekannt 50), allein bezeichnender weise bezieht er sich nur auf dessen polemik gegen die vorstellungen und wertschätzungen der menge: die lehre vom ewigen sein und der monotheismus wird nicht berührt, und von einer benutzung des Parmenides oder der sophistischen 47) Vgl. zu v. 155. 48) Vgl. zu v. 336. 49) Vgl. zu v. 101. die fabel hat das schlieſslich so weit ausgesponnen, daſs Euripides nach Ephesos reist, die bei der Artemis deponirte schrift des Herakleitos auswendig lernt und einem erwählten kreise mitteilt und erläutert; Tatian 3. 50) Vgl. zu v. 1346.

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889, S. 27. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_tragoedie_1889/47>, abgerufen am 24.08.2019.