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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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Die tendenz des dichters.
Athena: was das erste lied des Agamemnon verhiess, ist erfüllt, die kharis
daimonon hat sich manifestirt.

Wenn die Athener aus dem theater kamen, konnten die anhängerDie ten-
denz des
dichters.

des Ephialtes sagen "der alte meister ist für uns. er ist mit unsern
gesetzen ganz zufrieden. sein Areopag ist auch nur eine heliaea." und
die anhänger des alten konnten sagen "er ist wider die bürger, die mit
üblem zuguss die gesetze neu machen wollen und durch ihren schmutz
die reine quelle verderben. er ist wider die zügellosigkeit des demos."
beide hatten nicht unrecht und beide hatten doch nicht recht. der hehre
meister stand über ihnen; er sah, wie sich die sitten und meinungen
und gesetze und götter ewig wandeln, das eine aber ewig darunter das-
selbe bleibt, recht und wahrheit, menschenadel und gottesreinheit: ek
d ugieias phrenon o pasin philos kai polueuktos olbos.

So stand er, obwol in jeder fiber seines wesens ein Athener und
ein ächter sohn seiner zeit, doch als dichter hoch über den parteiungen
des tages. das gedicht im ganzen ist nicht vom momente eingegeben
noch für den moment berechnet; aber wol ist in ein par nebendingen
eine solche berücksichtigung der gegenwart vorhanden. das eine ist
allbekannt, die einführung des argivischen bündnisses, das er gewiss
nicht erst selbst in die urzeit verlegt hat; es hatte unter Peisistratos
bestanden und manches deutet auf ältere bedeutsame beziehungen, zu
denen vielleicht selbst der Eumenidencult gehört. das andere ist die
aussicht auf gewaltige äussere kämpfe und die siegeszuversicht (864.
914), die gerade 458 sich erfüllt hat. aber die furcht vor bürgerzwist
war vor der schlacht bei Tanagra auch gerechtfertigt. nach dieser
richtung stehen zwei sehr bedeutende äusserungen hier, die ein wort
der erläuterung heischen. 909 bittet Athena die Eumeniden, die men-
schen gedeihen zu lassen ton dussebounton d ekphorotera pelois;
stergo gar andros phitupoimenos diken to ton dikaion tond
apentheton genos. die unfrommen möge sie lieber entfernen, da Athena
es macht wie der -- gärtner oder hirt? die ausleger sagen gärtner.
ich weiss nicht warum, denn phitu ist nicht pflanze sondern phuteuma,
und steht von der pflanze (Soph. fgm. 803) so gut wie vom vieh (Eupol.
Autol. 8). phitupoimen ist der hirt, der viehzucht treibt, nicht bloss
vieh weidet. und worin beruht die vergleichung? beim gärtner kann man
sich gar nichts denken, und beim hirten auch nicht viel, wenn er bloss
gern hat, dass seine gute herde nicht geschädigt wird. das hat mit dem
satze, den es begründen soll, ton dussebounton ekphorotera pelois
nichts zu tun. ausserdem aber ist das deiktische pronomen tonde ganz

Die tendenz des dichters.
Athena: was das erste lied des Agamemnon verhieſs, ist erfüllt, die χάϱις
δαιμόνων hat sich manifestirt.

Wenn die Athener aus dem theater kamen, konnten die anhängerDie ten-
denz des
dichters.

des Ephialtes sagen “der alte meister ist für uns. er ist mit unsern
gesetzen ganz zufrieden. sein Areopag ist auch nur eine heliaea.” und
die anhänger des alten konnten sagen “er ist wider die bürger, die mit
üblem zuguſs die gesetze neu machen wollen und durch ihren schmutz
die reine quelle verderben. er ist wider die zügellosigkeit des demos.”
beide hatten nicht unrecht und beide hatten doch nicht recht. der hehre
meister stand über ihnen; er sah, wie sich die sitten und meinungen
und gesetze und götter ewig wandeln, das eine aber ewig darunter das-
selbe bleibt, recht und wahrheit, menschenadel und gottesreinheit: ἐκ
δ̕ ὑγιείας φϱενῶν ὁ πᾶσιν φίλος καὶ πολύευκτος ὄλβος.

So stand er, obwol in jeder fiber seines wesens ein Athener und
ein ächter sohn seiner zeit, doch als dichter hoch über den parteiungen
des tages. das gedicht im ganzen ist nicht vom momente eingegeben
noch für den moment berechnet; aber wol ist in ein par nebendingen
eine solche berücksichtigung der gegenwart vorhanden. das eine ist
allbekannt, die einführung des argivischen bündnisses, das er gewiſs
nicht erst selbst in die urzeit verlegt hat; es hatte unter Peisistratos
bestanden und manches deutet auf ältere bedeutsame beziehungen, zu
denen vielleicht selbst der Eumenidencult gehört. das andere ist die
aussicht auf gewaltige äuſsere kämpfe und die siegeszuversicht (864.
914), die gerade 458 sich erfüllt hat. aber die furcht vor bürgerzwist
war vor der schlacht bei Tanagra auch gerechtfertigt. nach dieser
richtung stehen zwei sehr bedeutende äuſserungen hier, die ein wort
der erläuterung heischen. 909 bittet Athena die Eumeniden, die men-
schen gedeihen zu lassen τῶν δυσσεβούντων δ̕ ἐκφοϱωτέϱα πέλοις·
στέϱγω γὰϱ ἀνδϱὸς φιτυποίμενος δίκην τὸ τῶν δικαίων τῶνδ̕
ἀπένϑητον γένος. die unfrommen möge sie lieber entfernen, da Athena
es macht wie der — gärtner oder hirt? die ausleger sagen gärtner.
ich weiſs nicht warum, denn φῖτυ ist nicht pflanze sondern φύτευμα,
und steht von der pflanze (Soph. fgm. 803) so gut wie vom vieh (Eupol.
Autol. 8). φιτυποίμην ist der hirt, der viehzucht treibt, nicht bloſs
vieh weidet. und worin beruht die vergleichung? beim gärtner kann man
sich gar nichts denken, und beim hirten auch nicht viel, wenn er bloſs
gern hat, daſs seine gute herde nicht geschädigt wird. das hat mit dem
satze, den es begründen soll, τῶν δυσσεβούντων ἐκφοϱωτέϱα πέλοις
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[341/0351] Die tendenz des dichters. Athena: was das erste lied des Agamemnon verhieſs, ist erfüllt, die χάϱις δαιμόνων hat sich manifestirt. Wenn die Athener aus dem theater kamen, konnten die anhänger des Ephialtes sagen “der alte meister ist für uns. er ist mit unsern gesetzen ganz zufrieden. sein Areopag ist auch nur eine heliaea.” und die anhänger des alten konnten sagen “er ist wider die bürger, die mit üblem zuguſs die gesetze neu machen wollen und durch ihren schmutz die reine quelle verderben. er ist wider die zügellosigkeit des demos.” beide hatten nicht unrecht und beide hatten doch nicht recht. der hehre meister stand über ihnen; er sah, wie sich die sitten und meinungen und gesetze und götter ewig wandeln, das eine aber ewig darunter das- selbe bleibt, recht und wahrheit, menschenadel und gottesreinheit: ἐκ δ̕ ὑγιείας φϱενῶν ὁ πᾶσιν φίλος καὶ πολύευκτος ὄλβος. Die ten- denz des dichters. So stand er, obwol in jeder fiber seines wesens ein Athener und ein ächter sohn seiner zeit, doch als dichter hoch über den parteiungen des tages. das gedicht im ganzen ist nicht vom momente eingegeben noch für den moment berechnet; aber wol ist in ein par nebendingen eine solche berücksichtigung der gegenwart vorhanden. das eine ist allbekannt, die einführung des argivischen bündnisses, das er gewiſs nicht erst selbst in die urzeit verlegt hat; es hatte unter Peisistratos bestanden und manches deutet auf ältere bedeutsame beziehungen, zu denen vielleicht selbst der Eumenidencult gehört. das andere ist die aussicht auf gewaltige äuſsere kämpfe und die siegeszuversicht (864. 914), die gerade 458 sich erfüllt hat. aber die furcht vor bürgerzwist war vor der schlacht bei Tanagra auch gerechtfertigt. nach dieser richtung stehen zwei sehr bedeutende äuſserungen hier, die ein wort der erläuterung heischen. 909 bittet Athena die Eumeniden, die men- schen gedeihen zu lassen τῶν δυσσεβούντων δ̕ ἐκφοϱωτέϱα πέλοις· στέϱγω γὰϱ ἀνδϱὸς φιτυποίμενος δίκην τὸ τῶν δικαίων τῶνδ̕ ἀπένϑητον γένος. die unfrommen möge sie lieber entfernen, da Athena es macht wie der — gärtner oder hirt? die ausleger sagen gärtner. ich weiſs nicht warum, denn φῖτυ ist nicht pflanze sondern φύτευμα, und steht von der pflanze (Soph. fgm. 803) so gut wie vom vieh (Eupol. Autol. 8). φιτυποίμην ist der hirt, der viehzucht treibt, nicht bloſs vieh weidet. und worin beruht die vergleichung? beim gärtner kann man sich gar nichts denken, und beim hirten auch nicht viel, wenn er bloſs gern hat, daſs seine gute herde nicht geschädigt wird. das hat mit dem satze, den es begründen soll, τῶν δυσσεβούντων ἐκφοϱωτέϱα πέλοις nichts zu tun. auſserdem aber ist das deiktische pronomen τῶνδε ganz

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 341. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/351>, abgerufen am 14.11.2019.