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Wienbarg, Ludolf: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet. Hamburg, 1834.

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tik schrieb, der deutschen Nation mehr als diese.
Nationalgefühl, muß dem Gefühl fürs Schöne,
politische Bildung der ästhetischen vorausgehen.
Ohne Kraft gibt es keine Gewandheit, ohne Cha¬
rakter keinen Ausdruck, ohne Ausdruck keine Schön¬
heit, weder im Stil des Bildhauers, noch im
Stil des Schriftstellers. Beglückter war das grie¬
chische Volk, als wir. Es besaß freilich keine
Aesthetik, aber dafür platonische Dialogen, worun¬
ter wahre Opfer an die Göttin der Schönheit,
behandelten sie auch nicht, wie sie thun, das ka¬
lon kagathon als ihren Hauptgegenstand und iden¬
tifizirte ihr Urheber auch nicht, wie er thut, das
Schöne mit dem ewig Einen, mit Gott selber.
Unsere neuere Aesthetik beschränkt sich daher auch,
aus Mangel an Lebensfülle, gänzlich auf das
Schöne oder die Schönheiten in Poesie und Kunst
und sind, wie auch viele den Namen führen,
bloße Theorien der sogenannten schönen Künste
und Wissenschaften, die zu Anfang einige vorläu¬
fige Definizionen vom Schönen, Erhabenen, An¬
muthigen, Witzigen u. s. w. aufstellen und dann
allerlei und mancherlei aus der Geschichte und
Technik der schönen Künste und Wissenschaften fol¬
gen lassen. Es gibt nur eine einzige Schrift über
gewöhnliche Aesthetik, die genial und ästhetisch ist,
die Jean Paulische, wie nur ein einziges Werk,

tik ſchrieb, der deutſchen Nation mehr als dieſe.
Nationalgefuͤhl, muß dem Gefuͤhl fuͤrs Schoͤne,
politiſche Bildung der aͤſthetiſchen vorausgehen.
Ohne Kraft gibt es keine Gewandheit, ohne Cha¬
rakter keinen Ausdruck, ohne Ausdruck keine Schoͤn¬
heit, weder im Stil des Bildhauers, noch im
Stil des Schriftſtellers. Begluͤckter war das grie¬
chiſche Volk, als wir. Es beſaß freilich keine
Aeſthetik, aber dafuͤr platoniſche Dialogen, worun¬
ter wahre Opfer an die Goͤttin der Schoͤnheit,
behandelten ſie auch nicht, wie ſie thun, das κα¬
λον κἀγαϑον als ihren Hauptgegenſtand und iden¬
tifizirte ihr Urheber auch nicht, wie er thut, das
Schoͤne mit dem ewig Einen, mit Gott ſelber.
Unſere neuere Aeſthetik beſchraͤnkt ſich daher auch,
aus Mangel an Lebensfuͤlle, gaͤnzlich auf das
Schoͤne oder die Schoͤnheiten in Poeſie und Kunſt
und ſind, wie auch viele den Namen fuͤhren,
bloße Theorien der ſogenannten ſchoͤnen Kuͤnſte
und Wiſſenſchaften, die zu Anfang einige vorlaͤu¬
fige Definizionen vom Schoͤnen, Erhabenen, An¬
muthigen, Witzigen u. ſ. w. aufſtellen und dann
allerlei und mancherlei aus der Geſchichte und
Technik der ſchoͤnen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften fol¬
gen laſſen. Es gibt nur eine einzige Schrift uͤber
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[9/0023] tik ſchrieb, der deutſchen Nation mehr als dieſe. Nationalgefuͤhl, muß dem Gefuͤhl fuͤrs Schoͤne, politiſche Bildung der aͤſthetiſchen vorausgehen. Ohne Kraft gibt es keine Gewandheit, ohne Cha¬ rakter keinen Ausdruck, ohne Ausdruck keine Schoͤn¬ heit, weder im Stil des Bildhauers, noch im Stil des Schriftſtellers. Begluͤckter war das grie¬ chiſche Volk, als wir. Es beſaß freilich keine Aeſthetik, aber dafuͤr platoniſche Dialogen, worun¬ ter wahre Opfer an die Goͤttin der Schoͤnheit, behandelten ſie auch nicht, wie ſie thun, das κα¬ λον κἀγαϑον als ihren Hauptgegenſtand und iden¬ tifizirte ihr Urheber auch nicht, wie er thut, das Schoͤne mit dem ewig Einen, mit Gott ſelber. Unſere neuere Aeſthetik beſchraͤnkt ſich daher auch, aus Mangel an Lebensfuͤlle, gaͤnzlich auf das Schoͤne oder die Schoͤnheiten in Poeſie und Kunſt und ſind, wie auch viele den Namen fuͤhren, bloße Theorien der ſogenannten ſchoͤnen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, die zu Anfang einige vorlaͤu¬ fige Definizionen vom Schoͤnen, Erhabenen, An¬ muthigen, Witzigen u. ſ. w. aufſtellen und dann allerlei und mancherlei aus der Geſchichte und Technik der ſchoͤnen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften fol¬ gen laſſen. Es gibt nur eine einzige Schrift uͤber gewoͤhnliche Aeſthetik, die genial und aͤſthetiſch iſt, die Jean Pauliſche, wie nur ein einziges Werk,

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Zitationshilfe: Wienbarg, Ludolf: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet. Hamburg, 1834, S. 9. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wienbarg_feldzuege_1834/23>, abgerufen am 23.09.2019.