Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Weber, Max: Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik. Freiburg (Breisgau) u. a., 1895.

Bild:
<< vorherige Seite

dem dumpfen, halbbewußten Drang in die Ferne liegt ein
Moment eines primitiven Jdealismus verborgen. Wer es nicht
zu entziffern vermag, der kennt den Zauber der Freiheit nicht.
Jn der That: selten berührt uns heute ihr Geist in der Stille
der Bücherstube. Verblichen sind die naiv freiheitlichen Jdeale
unserer frühen Jugend, und manche von uns sind vorzeitig alt
und allzu klug geworden und glauben, einer der urwüchsigsten
Triebe der Menschenbrust sei mit den Schlagworten einer nieder-
gehenden politischen und wirtschaftspolitischen Anschauung zu
Grabe getragen worden.

Es ist ein massenpsychologischer Vorgang: die deutschen
Landarbeiter vermögen sich den sozialen Lebensbedingungen
ihrer Heimat nicht mehr anzupassen. Über ihr "Selbstbewußt-
sein" klagen uns Berichte der Gutsherrn aus Westpreußen. Das
alte patriarchalische Gutshintersassen-Verhältnis, welches den Tage-
löhner als einen anteilsberechtigten Kleinwirt mit den landwirt-
schaftlichen Produktionsinteressen unmittelbar verknüpfte, schwindet.
Die Saisonarbeit in den Rübenbezirken fordert Saisonarbeiter und
Geldlohn. Eine rein proletarische Existenz steht ihnen in Aussicht,
aber ohne die Möglichkeit jenes kraftvollen Aufschwungs zur ökono-
mischen Selbstständigkeit, welche das in den Städten örtlich zu-
sammengeschlossene Jndustrieproletariat mit Selbstbewußtsein er-
füllt. - Diesen Existenzbedingungen sich zu fügen vermögen die-
jenigen besser, welche an die Stelle der Deutschen treten, die polnischen
Wanderarbeiter, Nomadenzüge, welche durch Agenten in Rußland
geworben im Frühjahr zu Zehntausenden über die Grenze kommen,
im Herbst wieder abziehen. Zuerst im Gefolge der Zuckerrübe,
welche den Landwirtschaftsbetrieb in ein Saisongewerbe ver-
wandelt, treten sie auf, dann allgemein, weil man an Arbeiter-

dem dumpfen, halbbewußten Drang in die Ferne liegt ein
Moment eines primitiven Jdealismus verborgen. Wer es nicht
zu entziffern vermag, der kennt den Zauber der Freiheit nicht.
Jn der That: ſelten berührt uns heute ihr Geiſt in der Stille
der Bücherſtube. Verblichen ſind die naiv freiheitlichen Jdeale
unſerer frühen Jugend, und manche von uns ſind vorzeitig alt
und allzu klug geworden und glauben, einer der urwüchſigſten
Triebe der Menſchenbruſt ſei mit den Schlagworten einer nieder-
gehenden politiſchen und wirtſchaftspolitiſchen Anſchauung zu
Grabe getragen worden.

Es iſt ein maſſenpſychologiſcher Vorgang: die deutſchen
Landarbeiter vermögen ſich den sozialen Lebensbedingungen
ihrer Heimat nicht mehr anzupaſſen. Über ihr „Selbſtbewußt-
ſein“ klagen uns Berichte der Gutsherrn aus Weſtpreußen. Das
alte patriarchaliſche Gutshinterſaſſen-Verhältnis, welches den Tage-
löhner als einen anteilsberechtigten Kleinwirt mit den landwirt-
ſchaftlichen Produktionsintereſſen unmittelbar verknüpfte, ſchwindet.
Die Saiſonarbeit in den Rübenbezirken fordert Saiſonarbeiter und
Geldlohn. Eine rein proletariſche Exiſtenz ſteht ihnen in Ausſicht,
aber ohne die Möglichkeit jenes kraftvollen Aufſchwungs zur ökono-
miſchen Selbſtſtändigkeit, welche das in den Städten örtlich zu-
ſammengeſchloſſene Jnduſtrieproletariat mit Selbſtbewußtſein er-
füllt. – Dieſen Exiſtenzbedingungen ſich zu fügen vermögen die-
jenigen beſſer, welche an die Stelle der Deutſchen treten, die polniſchen
Wanderarbeiter, Nomadenzüge, welche durch Agenten in Rußland
geworben im Frühjahr zu Zehntauſenden über die Grenze kommen,
im Herbſt wieder abziehen. Zuerſt im Gefolge der Zuckerrübe,
welche den Landwirtſchaftsbetrieb in ein Saiſongewerbe ver-
wandelt, treten ſie auf, dann allgemein, weil man an Arbeiter-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0015" n="9"/>
dem dumpfen, halbbewußten Drang in die Ferne liegt ein<lb/>
Moment eines primitiven Jdealismus verborgen. Wer es nicht<lb/>
zu entziffern vermag, der kennt den Zauber der <hi rendition="#g">Freiheit</hi> nicht.<lb/>
Jn der That: &#x017F;elten berührt uns heute ihr Gei&#x017F;t in der Stille<lb/>
der Bücher&#x017F;tube. Verblichen &#x017F;ind die naiv freiheitlichen Jdeale<lb/>
un&#x017F;erer frühen Jugend, und manche von uns &#x017F;ind vorzeitig alt<lb/>
und allzu klug geworden und glauben, einer der urwüch&#x017F;ig&#x017F;ten<lb/>
Triebe der Men&#x017F;chenbru&#x017F;t &#x017F;ei mit den Schlagworten einer nieder-<lb/>
gehenden politi&#x017F;chen und wirt&#x017F;chaftspoliti&#x017F;chen An&#x017F;chauung zu<lb/>
Grabe getragen worden.</p><lb/>
        <p>Es i&#x017F;t ein ma&#x017F;&#x017F;enp&#x017F;ychologi&#x017F;cher Vorgang: die deut&#x017F;chen<lb/>
Landarbeiter vermögen &#x017F;ich den <hi rendition="#g">sozialen</hi> Lebensbedingungen<lb/>
ihrer Heimat nicht mehr anzupa&#x017F;&#x017F;en. Über ihr &#x201E;Selb&#x017F;tbewußt-<lb/>
&#x017F;ein&#x201C; klagen uns Berichte der Gutsherrn aus We&#x017F;tpreußen. Das<lb/>
alte patriarchali&#x017F;che Gutshinter&#x017F;a&#x017F;&#x017F;en-Verhältnis, welches den Tage-<lb/>
löhner als einen anteilsberechtigten Kleinwirt mit den landwirt-<lb/>
&#x017F;chaftlichen Produktionsintere&#x017F;&#x017F;en unmittelbar verknüpfte, &#x017F;chwindet.<lb/>
Die Sai&#x017F;onarbeit in den Rübenbezirken fordert Sai&#x017F;onarbeiter und<lb/>
Geldlohn. Eine rein proletari&#x017F;che Exi&#x017F;tenz &#x017F;teht ihnen in Aus&#x017F;icht,<lb/>
aber ohne die Möglichkeit jenes kraftvollen Auf&#x017F;chwungs zur ökono-<lb/>
mi&#x017F;chen Selb&#x017F;t&#x017F;tändigkeit, welche das in den Städten örtlich zu-<lb/>
&#x017F;ammenge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;ene Jndu&#x017F;trieproletariat mit Selb&#x017F;tbewußt&#x017F;ein er-<lb/>
füllt. &#x2013; Die&#x017F;en Exi&#x017F;tenzbedingungen &#x017F;ich zu fügen vermögen die-<lb/>
jenigen be&#x017F;&#x017F;er, welche an die Stelle der Deut&#x017F;chen treten, die polni&#x017F;chen<lb/>
Wanderarbeiter, Nomadenzüge, welche durch Agenten in Rußland<lb/>
geworben im Frühjahr zu Zehntau&#x017F;enden über die Grenze kommen,<lb/>
im Herb&#x017F;t wieder abziehen. Zuer&#x017F;t im Gefolge der Zuckerrübe,<lb/>
welche den Landwirt&#x017F;chaftsbetrieb in ein Sai&#x017F;ongewerbe ver-<lb/>
wandelt, treten &#x017F;ie auf, dann allgemein, weil man an Arbeiter-<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[9/0015] dem dumpfen, halbbewußten Drang in die Ferne liegt ein Moment eines primitiven Jdealismus verborgen. Wer es nicht zu entziffern vermag, der kennt den Zauber der Freiheit nicht. Jn der That: ſelten berührt uns heute ihr Geiſt in der Stille der Bücherſtube. Verblichen ſind die naiv freiheitlichen Jdeale unſerer frühen Jugend, und manche von uns ſind vorzeitig alt und allzu klug geworden und glauben, einer der urwüchſigſten Triebe der Menſchenbruſt ſei mit den Schlagworten einer nieder- gehenden politiſchen und wirtſchaftspolitiſchen Anſchauung zu Grabe getragen worden. Es iſt ein maſſenpſychologiſcher Vorgang: die deutſchen Landarbeiter vermögen ſich den sozialen Lebensbedingungen ihrer Heimat nicht mehr anzupaſſen. Über ihr „Selbſtbewußt- ſein“ klagen uns Berichte der Gutsherrn aus Weſtpreußen. Das alte patriarchaliſche Gutshinterſaſſen-Verhältnis, welches den Tage- löhner als einen anteilsberechtigten Kleinwirt mit den landwirt- ſchaftlichen Produktionsintereſſen unmittelbar verknüpfte, ſchwindet. Die Saiſonarbeit in den Rübenbezirken fordert Saiſonarbeiter und Geldlohn. Eine rein proletariſche Exiſtenz ſteht ihnen in Ausſicht, aber ohne die Möglichkeit jenes kraftvollen Aufſchwungs zur ökono- miſchen Selbſtſtändigkeit, welche das in den Städten örtlich zu- ſammengeſchloſſene Jnduſtrieproletariat mit Selbſtbewußtſein er- füllt. – Dieſen Exiſtenzbedingungen ſich zu fügen vermögen die- jenigen beſſer, welche an die Stelle der Deutſchen treten, die polniſchen Wanderarbeiter, Nomadenzüge, welche durch Agenten in Rußland geworben im Frühjahr zu Zehntauſenden über die Grenze kommen, im Herbſt wieder abziehen. Zuerſt im Gefolge der Zuckerrübe, welche den Landwirtſchaftsbetrieb in ein Saiſongewerbe ver- wandelt, treten ſie auf, dann allgemein, weil man an Arbeiter-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-11-06T09:08:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-11-06T09:08:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-11-06T09:08:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

Bogensignaturen: übernommen; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: wie Vorlage; I/J in Fraktur: wie Vorlage; Kolumnentitel: keine Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): transkribiert; Normalisierungen: dokumentiert; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: wie Vorlage; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/weber_nationalstaat_1895
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/weber_nationalstaat_1895/15
Zitationshilfe: Weber, Max: Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik. Freiburg (Breisgau) u. a., 1895, S. 9. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/weber_nationalstaat_1895/15>, abgerufen am 23.09.2019.