nicht ungelesen lassen; ein Meisterwerk der Natur im Men- schen, wenn auch nicht des Menschen, der es schrieb, und auch dies Gesagte möchte ich gleich wieder zurücknehmen, weil man viel darüber sprechen kann und doch nicht ausdrücken, wie vortrefflich es ist; Ihnen muß es besonders gefallen mit Ihrem ausgebildeten Sinn für Gebäude. Mir Laien gefiel es im ersten Augenblick, wie sonst schon bedeutende gothische Ge- bäude, nur nach und nach wurde ich entzückt von dem klei- nen und großen Zusammenhang des Kunstwerkes. Jedenfalls ist es mir ein lauter Beweis, wie sehr die französische Nation umgemischt worden ist. (Wieder eigenhändig:) Adieu, adieu, lieber Fürst! Nicht eine Phrase wurde natürlich beim Dik- tiren. Auch soll hier der Brief aus sein. Aber Sie kommen gewiß bald. Alle Freunde warten darauf!
An Frau Generalin von C.
Donnerstag, den 13. Oktober 1831.
Den größten, herzlichsten Antheil an solchem Glück, wel- ches solche Erhebung bewirkt. Heil für immer dem 13. Ok- tober!
Ihren schönen Brief, wahrlich schönen Brief, vermag ich auch nicht materiell zu beantworten: ich muß meinem Auge schmeichlen. Morgen hoffe ich Sie zu sehen! Um 12 fahre ich nach Schöneberg: Schwefelbäder nehme ich, und das mit Erfolg. Sahen Sie denn gestern nicht die Franzosen spielen! Apropos! ich bin auf Thiers und Royer-Collard
nicht ungeleſen laſſen; ein Meiſterwerk der Natur im Men- ſchen, wenn auch nicht des Menſchen, der es ſchrieb, und auch dies Geſagte möchte ich gleich wieder zurücknehmen, weil man viel darüber ſprechen kann und doch nicht ausdrücken, wie vortrefflich es iſt; Ihnen muß es beſonders gefallen mit Ihrem ausgebildeten Sinn für Gebäude. Mir Laien gefiel es im erſten Augenblick, wie ſonſt ſchon bedeutende gothiſche Ge- bäude, nur nach und nach wurde ich entzückt von dem klei- nen und großen Zuſammenhang des Kunſtwerkes. Jedenfalls iſt es mir ein lauter Beweis, wie ſehr die franzöſiſche Nation umgemiſcht worden iſt. (Wieder eigenhändig:) Adieu, adieu, lieber Fürſt! Nicht eine Phraſe wurde natürlich beim Dik- tiren. Auch ſoll hier der Brief aus ſein. Aber Sie kommen gewiß bald. Alle Freunde warten darauf!
An Frau Generalin von C.
Donnerstag, den 13. Oktober 1831.
Den größten, herzlichſten Antheil an ſolchem Glück, wel- ches ſolche Erhebung bewirkt. Heil für immer dem 13. Ok- tober!
Ihren ſchönen Brief, wahrlich ſchönen Brief, vermag ich auch nicht materiell zu beantworten: ich muß meinem Auge ſchmeichlen. Morgen hoffe ich Sie zu ſehen! Um 12 fahre ich nach Schöneberg: Schwefelbäder nehme ich, und das mit Erfolg. Sahen Sie denn geſtern nicht die Franzoſen ſpielen! Apropos! ich bin auf Thiers und Royer-Collard
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nicht ungeleſen laſſen; ein Meiſterwerk der Natur im Men-
ſchen, wenn auch nicht des Menſchen, der es ſchrieb, und auch
dies Geſagte möchte ich gleich wieder zurücknehmen, weil man
viel darüber ſprechen kann und doch nicht ausdrücken, wie
vortrefflich es iſt; Ihnen muß es beſonders gefallen mit Ihrem
ausgebildeten Sinn für Gebäude. Mir Laien gefiel es im
erſten Augenblick, wie ſonſt ſchon bedeutende gothiſche Ge-
bäude, nur nach und nach wurde ich entzückt von dem klei-
nen und großen Zuſammenhang des Kunſtwerkes. Jedenfalls
iſt es mir ein lauter Beweis, wie ſehr die franzöſiſche Nation
umgemiſcht worden iſt. (Wieder eigenhändig:) Adieu, adieu,
lieber Fürſt! Nicht eine Phraſe wurde natürlich beim Dik-
tiren. Auch ſoll hier der Brief aus ſein. Aber Sie kommen
gewiß bald. Alle Freunde warten darauf!
An Frau Generalin von C.
Donnerstag, den 13. Oktober 1831.
Den größten, herzlichſten Antheil an ſolchem Glück, wel-
ches ſolche Erhebung bewirkt. Heil für immer dem 13. Ok-
tober!
Ihren ſchönen Brief, wahrlich ſchönen Brief, vermag ich
auch nicht materiell zu beantworten: ich muß meinem Auge
ſchmeichlen. Morgen hoffe ich Sie zu ſehen! Um 12 fahre
ich nach Schöneberg: Schwefelbäder nehme ich, und das
mit Erfolg. Sahen Sie denn geſtern nicht die Franzoſen
ſpielen! Apropos! ich bin auf Thiers und Royer-Collard
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Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Bd. 3. Berlin, 1834, S. 534. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel03_1834/542>, abgerufen am 20.11.2024.
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