Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Bd. 2. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

Kann man aber mehr thun, als sich ändern, reinigen, bessern?
Hat man Macht über geschehene Dinge? Gäbe man nicht
Leben und Glück, um manches wieder herzustellen? Gehört
das mit zur unreinen That, oder vielmehr, zu dem verwirrten
Willen dabei? Antworten Sie mir hierauf, Liebste! besonders
was Sie unter "verloren" verstehn.

Sie diesen Sommer zu besuchen, gehört unter die Lieb-
linge meiner möglichen Ideale! Freilich könnten wir viel zu-
sammen sehen, aus uns hervorholen, sprechen, spazirengehen,
und so gewiß "durch einander lernen!" Im Freien, von Ge-
meinem abgewandt, neben Gescheidten zu sein, kann eine Se-
ligkeit sein; und angemeldet hätte ich mich, hätten Sie mich
nicht bald eingeladen. Hören Sie aber, ich will es aufrichtig
sagen, was mich abhält. Nichts würde mich abhalten, wäre
in Ihrem Dorf ein Wirths- oder anderes Haus, wo ich mich
einmiethen könnte. Besuchte ich Sie nur allein, nur Frau
von Fouque, so ginge alles an: aber so würde ich mich im-
mer als Gast der andern Herrschaften auch fühlen, und mich
gewiß gut benehmen, aber den Gedanken nicht verlieren, was
haben die von dir, und was sollen die von dir denken! Ich
habe kein Talent, als mein Dasein, und damit können Sie
nur zufrieden sein: bin nichts, und ohne agrement. Dann habe
ich keine -- besonders jetzt -- schußfeste Gesundheit; und bin
leidend und ganz unbrauchbar, wenn ich gewisse Bequemlich-
keiten missen soll, als mein Mädchen, die ich wahrlich zur
Gefundheits-Toilette gebrauche: ich bin ferner zu manchen Ta-
gesstunden ganz unfähig, unter Menschen zu bleiben; wo aber
grade die Hausgesellschaft vielleicht die Gegenwart ihrer Gäste

Kann man aber mehr thun, als ſich ändern, reinigen, beſſern?
Hat man Macht über geſchehene Dinge? Gäbe man nicht
Leben und Glück, um manches wieder herzuſtellen? Gehört
das mit zur unreinen That, oder vielmehr, zu dem verwirrten
Willen dabei? Antworten Sie mir hierauf, Liebſte! beſonders
was Sie unter „verloren“ verſtehn.

Sie dieſen Sommer zu beſuchen, gehört unter die Lieb-
linge meiner möglichen Ideale! Freilich könnten wir viel zu-
ſammen ſehen, aus uns hervorholen, ſprechen, ſpazirengehen,
und ſo gewiß „durch einander lernen!“ Im Freien, von Ge-
meinem abgewandt, neben Geſcheidten zu ſein, kann eine Se-
ligkeit ſein; und angemeldet hätte ich mich, hätten Sie mich
nicht bald eingeladen. Hören Sie aber, ich will es aufrichtig
ſagen, was mich abhält. Nichts würde mich abhalten, wäre
in Ihrem Dorf ein Wirths- oder anderes Haus, wo ich mich
einmiethen könnte. Beſuchte ich Sie nur allein, nur Frau
von Fouqué, ſo ginge alles an: aber ſo würde ich mich im-
mer als Gaſt der andern Herrſchaften auch fühlen, und mich
gewiß gut benehmen, aber den Gedanken nicht verlieren, was
haben die von dir, und was ſollen die von dir denken! Ich
habe kein Talent, als mein Daſein, und damit können Sie
nur zufrieden ſein: bin nichts, und ohne agrément. Dann habe
ich keine — beſonders jetzt — ſchußfeſte Geſundheit; und bin
leidend und ganz unbrauchbar, wenn ich gewiſſe Bequemlich-
keiten miſſen ſoll, als mein Mädchen, die ich wahrlich zur
Gefundheits-Toilette gebrauche: ich bin ferner zu manchen Ta-
gesſtunden ganz unfähig, unter Menſchen zu bleiben; wo aber
grade die Hausgeſellſchaft vielleicht die Gegenwart ihrer Gäſte

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0042" n="34"/>
Kann man aber mehr thun, als &#x017F;ich ändern, reinigen, be&#x017F;&#x017F;ern?<lb/>
Hat man Macht über ge&#x017F;chehene Dinge? Gäbe man nicht<lb/>
Leben und Glück, um manches wieder herzu&#x017F;tellen? Gehört<lb/>
das mit zur unreinen That, oder vielmehr, zu dem verwirrten<lb/>
Willen dabei? Antworten Sie mir hierauf, Lieb&#x017F;te! be&#x017F;onders<lb/>
was Sie unter &#x201E;verloren&#x201C; ver&#x017F;tehn.</p><lb/>
          <p>Sie die&#x017F;en Sommer zu be&#x017F;uchen, gehört unter die Lieb-<lb/>
linge meiner möglichen Ideale! Freilich könnten wir viel zu-<lb/>
&#x017F;ammen &#x017F;ehen, aus uns hervorholen, &#x017F;prechen, &#x017F;pazirengehen,<lb/>
und &#x017F;o gewiß &#x201E;durch einander lernen!&#x201C; Im Freien, von Ge-<lb/>
meinem abgewandt, neben Ge&#x017F;cheidten zu &#x017F;ein, kann eine Se-<lb/>
ligkeit &#x017F;ein; und angemeldet hätte ich mich, hätten Sie mich<lb/>
nicht bald eingeladen. Hören Sie aber, ich will es aufrichtig<lb/>
&#x017F;agen, was mich abhält. Nichts würde mich abhalten, wäre<lb/>
in Ihrem Dorf ein Wirths- oder anderes Haus, wo ich mich<lb/>
einmiethen könnte. Be&#x017F;uchte ich Sie nur allein, nur Frau<lb/>
von Fouqu<hi rendition="#aq">é</hi>, &#x017F;o ginge alles an: aber &#x017F;o würde ich mich im-<lb/>
mer als Ga&#x017F;t der andern Herr&#x017F;chaften auch fühlen, und mich<lb/>
gewiß gut benehmen, aber den Gedanken nicht verlieren, was<lb/>
haben <hi rendition="#g">die</hi> von dir, und was &#x017F;ollen die von dir denken! Ich<lb/>
habe kein Talent, als mein Da&#x017F;ein, und damit können Sie<lb/>
nur zufrieden &#x017F;ein: bin nichts, und ohne <hi rendition="#aq">agrément.</hi> Dann habe<lb/>
ich keine &#x2014; be&#x017F;onders jetzt &#x2014; &#x017F;chußfe&#x017F;te Ge&#x017F;undheit; und bin<lb/>
leidend und ganz unbrauchbar, wenn ich gewi&#x017F;&#x017F;e Bequemlich-<lb/>
keiten mi&#x017F;&#x017F;en &#x017F;oll, als mein Mädchen, die ich wahrlich zur<lb/>
Gefundheits-Toilette gebrauche: ich bin ferner zu manchen Ta-<lb/>
ges&#x017F;tunden ganz unfähig, unter Men&#x017F;chen zu bleiben; wo aber<lb/>
grade die Hausge&#x017F;ell&#x017F;chaft vielleicht die Gegenwart ihrer Gä&#x017F;te<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[34/0042] Kann man aber mehr thun, als ſich ändern, reinigen, beſſern? Hat man Macht über geſchehene Dinge? Gäbe man nicht Leben und Glück, um manches wieder herzuſtellen? Gehört das mit zur unreinen That, oder vielmehr, zu dem verwirrten Willen dabei? Antworten Sie mir hierauf, Liebſte! beſonders was Sie unter „verloren“ verſtehn. Sie dieſen Sommer zu beſuchen, gehört unter die Lieb- linge meiner möglichen Ideale! Freilich könnten wir viel zu- ſammen ſehen, aus uns hervorholen, ſprechen, ſpazirengehen, und ſo gewiß „durch einander lernen!“ Im Freien, von Ge- meinem abgewandt, neben Geſcheidten zu ſein, kann eine Se- ligkeit ſein; und angemeldet hätte ich mich, hätten Sie mich nicht bald eingeladen. Hören Sie aber, ich will es aufrichtig ſagen, was mich abhält. Nichts würde mich abhalten, wäre in Ihrem Dorf ein Wirths- oder anderes Haus, wo ich mich einmiethen könnte. Beſuchte ich Sie nur allein, nur Frau von Fouqué, ſo ginge alles an: aber ſo würde ich mich im- mer als Gaſt der andern Herrſchaften auch fühlen, und mich gewiß gut benehmen, aber den Gedanken nicht verlieren, was haben die von dir, und was ſollen die von dir denken! Ich habe kein Talent, als mein Daſein, und damit können Sie nur zufrieden ſein: bin nichts, und ohne agrément. Dann habe ich keine — beſonders jetzt — ſchußfeſte Geſundheit; und bin leidend und ganz unbrauchbar, wenn ich gewiſſe Bequemlich- keiten miſſen ſoll, als mein Mädchen, die ich wahrlich zur Gefundheits-Toilette gebrauche: ich bin ferner zu manchen Ta- gesſtunden ganz unfähig, unter Menſchen zu bleiben; wo aber grade die Hausgeſellſchaft vielleicht die Gegenwart ihrer Gäſte

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834/42
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Bd. 2. Berlin, 1834, S. 34. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834/42>, abgerufen am 13.08.2020.