Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845.

Bild:
<< vorherige Seite

Liberaler und nicht unbewußter Weise Egoist ist, so gut als
gar nicht existirst, so hat er sich die "Bruderliebe" wahrlich
sehr leicht gemacht: er liebt in Dir nicht den Hans, von wel¬
chem er nichts weiß und wissen will, sondern den Menschen.

In Dir und Mir nichts weiter zu sehen, als "Menschen",
das heißt die christliche Anschauungsweise, wonach einer für
den andern nichts als ein Begriff (z. B. ein zur Seligkeit
Berufener u. s. w.) ist, auf die Spitze treiben.

Das eigentliche Christenthum sammelt Uns noch unter
einem minder allgemeinen Begriffe: Wir sind da "Kinder Got¬
tes" und "der Geist Gottes treibet Uns" *). Nicht Alle je¬
doch können sich rühmen Gottes Kinder zu sein, sondern "der¬
selbige Geist, welcher Zeugniß giebt unserem Geiste, daß Wir
Gottes Kinder sind, der offenbart auch, welche die Kinder des
Teufels sind" **). Mithin mußte ein Mensch, um Gottes
Kind zu sein, nicht ein Kind des Teufels sein; die Kindschaft
Gottes excludirte gewisse Menschen. Dagegen brauchen Wir,
um Menschenkinder, d. h. Menschen zu sein, nichts als
zu der Menschengattung zu gehören, brauchen nur Exem¬
plare derselben Gattung zu sein. Was Ich als dieses Ich
bin, das geht Dich als guten Liberalen nichts an, sondern ist
allein meine Privatsache; genug, daß Wir beide Kinder ein
und derselben Mutter, nämlich der Menschengattung, sind: als
"Menschenkind" bin Ich Deinesgleichen.

Was bin Ich Dir nun? Etwa dieses leibhaftige Ich,
wie Ich gehe und stehe? Nichts weniger als das. Dieses leib¬
haftige Ich mit seinen Gedanken, Entschlüssen und Leidenschaf¬

*) Röm. 8, 14.
**) Vergl. mit Röm. 8, 14. -- 1 Joh. 3, 10.
15 *

Liberaler und nicht unbewußter Weiſe Egoiſt iſt, ſo gut als
gar nicht exiſtirſt, ſo hat er ſich die „Bruderliebe“ wahrlich
ſehr leicht gemacht: er liebt in Dir nicht den Hans, von wel¬
chem er nichts weiß und wiſſen will, ſondern den Menſchen.

In Dir und Mir nichts weiter zu ſehen, als „Menſchen“,
das heißt die chriſtliche Anſchauungsweiſe, wonach einer für
den andern nichts als ein Begriff (z. B. ein zur Seligkeit
Berufener u. ſ. w.) iſt, auf die Spitze treiben.

Das eigentliche Chriſtenthum ſammelt Uns noch unter
einem minder allgemeinen Begriffe: Wir ſind da „Kinder Got¬
tes“ und „der Geiſt Gottes treibet Uns“ *). Nicht Alle je¬
doch können ſich rühmen Gottes Kinder zu ſein, ſondern „der¬
ſelbige Geiſt, welcher Zeugniß giebt unſerem Geiſte, daß Wir
Gottes Kinder ſind, der offenbart auch, welche die Kinder des
Teufels ſind“ **). Mithin mußte ein Menſch, um Gottes
Kind zu ſein, nicht ein Kind des Teufels ſein; die Kindſchaft
Gottes excludirte gewiſſe Menſchen. Dagegen brauchen Wir,
um Menſchenkinder, d. h. Menſchen zu ſein, nichts als
zu der Menſchengattung zu gehören, brauchen nur Exem¬
plare derſelben Gattung zu ſein. Was Ich als dieſes Ich
bin, das geht Dich als guten Liberalen nichts an, ſondern iſt
allein meine Privatſache; genug, daß Wir beide Kinder ein
und derſelben Mutter, nämlich der Menſchengattung, ſind: als
„Menſchenkind“ bin Ich Deinesgleichen.

Was bin Ich Dir nun? Etwa dieſes leibhaftige Ich,
wie Ich gehe und ſtehe? Nichts weniger als das. Dieſes leib¬
haftige Ich mit ſeinen Gedanken, Entſchlüſſen und Leidenſchaf¬

*) Röm. 8, 14.
**) Vergl. mit Röm. 8, 14. — 1 Joh. 3, 10.
15 *
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0235" n="227"/>
Liberaler und nicht unbewußter Wei&#x017F;e Egoi&#x017F;t i&#x017F;t, &#x017F;o gut als<lb/>
gar nicht exi&#x017F;tir&#x017F;t, &#x017F;o hat er &#x017F;ich die &#x201E;Bruderliebe&#x201C; wahrlich<lb/>
&#x017F;ehr leicht gemacht: er liebt in Dir nicht den Hans, von wel¬<lb/>
chem er nichts weiß und wi&#x017F;&#x017F;en will, &#x017F;ondern den Men&#x017F;chen.</p><lb/>
          <p>In Dir und Mir nichts weiter zu &#x017F;ehen, als &#x201E;Men&#x017F;chen&#x201C;,<lb/>
das heißt die chri&#x017F;tliche An&#x017F;chauungswei&#x017F;e, wonach einer für<lb/>
den andern nichts als ein <hi rendition="#g">Begriff</hi> (z. B. ein zur Seligkeit<lb/>
Berufener u. &#x017F;. w.) i&#x017F;t, auf die Spitze treiben.</p><lb/>
          <p>Das eigentliche Chri&#x017F;tenthum &#x017F;ammelt Uns noch unter<lb/>
einem minder allgemeinen Begriffe: Wir &#x017F;ind da &#x201E;Kinder Got¬<lb/>
tes&#x201C; und &#x201E;der Gei&#x017F;t Gottes treibet Uns&#x201C; <note place="foot" n="*)"><lb/>
Röm. 8, 14.</note>. Nicht Alle je¬<lb/>
doch können &#x017F;ich rühmen Gottes Kinder zu &#x017F;ein, &#x017F;ondern &#x201E;der¬<lb/>
&#x017F;elbige Gei&#x017F;t, welcher Zeugniß giebt un&#x017F;erem Gei&#x017F;te, daß Wir<lb/>
Gottes Kinder &#x017F;ind, der offenbart auch, welche die Kinder des<lb/>
Teufels &#x017F;ind&#x201C; <note place="foot" n="**)"><lb/>
Vergl. mit Röm. 8, 14. &#x2014; 1 Joh. 3, 10.</note>. Mithin mußte ein Men&#x017F;ch, um Gottes<lb/>
Kind zu &#x017F;ein, nicht ein Kind des Teufels &#x017F;ein; die Kind&#x017F;chaft<lb/>
Gottes excludirte gewi&#x017F;&#x017F;e Men&#x017F;chen. Dagegen brauchen Wir,<lb/>
um <hi rendition="#g">Men&#x017F;chenkinder</hi>, d. h. Men&#x017F;chen zu &#x017F;ein, nichts als<lb/>
zu der Men&#x017F;chen<hi rendition="#g">gattung</hi> zu gehören, brauchen nur Exem¬<lb/>
plare der&#x017F;elben Gattung zu &#x017F;ein. Was Ich als die&#x017F;es Ich<lb/>
bin, das geht Dich als guten Liberalen nichts an, &#x017F;ondern i&#x017F;t<lb/>
allein meine <hi rendition="#g">Privat&#x017F;ache</hi>; genug, daß Wir beide Kinder ein<lb/>
und der&#x017F;elben Mutter, nämlich der Men&#x017F;chengattung, &#x017F;ind: als<lb/>
&#x201E;Men&#x017F;chenkind&#x201C; bin Ich Deinesgleichen.</p><lb/>
          <p>Was bin Ich Dir nun? Etwa die&#x017F;es <hi rendition="#g">leibhaftige Ich</hi>,<lb/>
wie Ich gehe und &#x017F;tehe? Nichts weniger als das. Die&#x017F;es leib¬<lb/>
haftige Ich mit &#x017F;einen Gedanken, Ent&#x017F;chlü&#x017F;&#x017F;en und Leiden&#x017F;chaf¬<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">15 *<lb/></fw>
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[227/0235] Liberaler und nicht unbewußter Weiſe Egoiſt iſt, ſo gut als gar nicht exiſtirſt, ſo hat er ſich die „Bruderliebe“ wahrlich ſehr leicht gemacht: er liebt in Dir nicht den Hans, von wel¬ chem er nichts weiß und wiſſen will, ſondern den Menſchen. In Dir und Mir nichts weiter zu ſehen, als „Menſchen“, das heißt die chriſtliche Anſchauungsweiſe, wonach einer für den andern nichts als ein Begriff (z. B. ein zur Seligkeit Berufener u. ſ. w.) iſt, auf die Spitze treiben. Das eigentliche Chriſtenthum ſammelt Uns noch unter einem minder allgemeinen Begriffe: Wir ſind da „Kinder Got¬ tes“ und „der Geiſt Gottes treibet Uns“ *). Nicht Alle je¬ doch können ſich rühmen Gottes Kinder zu ſein, ſondern „der¬ ſelbige Geiſt, welcher Zeugniß giebt unſerem Geiſte, daß Wir Gottes Kinder ſind, der offenbart auch, welche die Kinder des Teufels ſind“ **). Mithin mußte ein Menſch, um Gottes Kind zu ſein, nicht ein Kind des Teufels ſein; die Kindſchaft Gottes excludirte gewiſſe Menſchen. Dagegen brauchen Wir, um Menſchenkinder, d. h. Menſchen zu ſein, nichts als zu der Menſchengattung zu gehören, brauchen nur Exem¬ plare derſelben Gattung zu ſein. Was Ich als dieſes Ich bin, das geht Dich als guten Liberalen nichts an, ſondern iſt allein meine Privatſache; genug, daß Wir beide Kinder ein und derſelben Mutter, nämlich der Menſchengattung, ſind: als „Menſchenkind“ bin Ich Deinesgleichen. Was bin Ich Dir nun? Etwa dieſes leibhaftige Ich, wie Ich gehe und ſtehe? Nichts weniger als das. Dieſes leib¬ haftige Ich mit ſeinen Gedanken, Entſchlüſſen und Leidenſchaf¬ *) Röm. 8, 14. **) Vergl. mit Röm. 8, 14. — 1 Joh. 3, 10. 15 *

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/235
Zitationshilfe: Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845, S. 227. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/235>, abgerufen am 24.09.2020.