Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

bey ihm, Landolina gehören. Wir waren schon weit
umher gestiegen, und setzten uns hier auf eine der
höchsten Stellen der alten Festung nieder, um rund
um uns her zu schauen. Ich halte dieses halbe Stünd¬
chen für eines der schönsten die ich genossen habe,
wenn ich nur die Melancholie heraus wischen könnte,
die für die Menschheit darin war. Von dieser Spitze
übersah man die ganze grosse ungeheure Fläche der
ehemaligen Stadt, die nun halb als Ruine und halb
als Wildniss da liegt. Rechts hinunter zog sich die
alte Mauer nach Neapolis, dem Syraka und dem Ha¬
fen: links hinab ging bis ans Meer die gegen vier
Millien lange berühmte neuere Mauer, welche Dio¬
nysius in so kurzer Zeit gegen die Karthager aufführen
liess. Von beyden sieht man noch den Gang durch
die Trümmern, und hier und da noch mächtige
Werkstücke aufgefügt. Tief hinunter nach der Insel,
die jetzt das Städtchen ausmacht, liegen die Scenen der
Grösse des ehemaligen Syrakus, die nunmehr kaum
das Auge auffindet. Rechts kommt der Anapus in
dem Thale zwischen den Bergen hervor, und weiter
hin jenseits zieht sich eine lange Kette des Hybla rund
um die Erdspitze herum. Hinter uns lag der mons
crinitus
, wo die Athenienser bey der unglücklichen
Unternehmung gegen Sicilien standen. Dort unten
rechts an der alten Mauer, welche die Herren von
Athen umsonst angriffen, stand das Haus des Timo¬
leon, wo man bey der kleinen Mühle noch die Trüm¬
mer zeigt. Links hier unten brach Marcellus herein,
drang dort hervor bis in die Gegend des kleinen Ha¬
fens, wo der schöpferische Geist Archimeds mit dem

bey ihm, Landolina gehören. Wir waren schon weit
umher gestiegen, und setzten uns hier auf eine der
höchsten Stellen der alten Festung nieder, um rund
um uns her zu schauen. Ich halte dieses halbe Stünd¬
chen für eines der schönsten die ich genossen habe,
wenn ich nur die Melancholie heraus wischen könnte,
die für die Menschheit darin war. Von dieser Spitze
übersah man die ganze groſse ungeheure Fläche der
ehemaligen Stadt, die nun halb als Ruine und halb
als Wildniſs da liegt. Rechts hinunter zog sich die
alte Mauer nach Neapolis, dem Syraka und dem Ha¬
fen: links hinab ging bis ans Meer die gegen vier
Millien lange berühmte neuere Mauer, welche Dio¬
nysius in so kurzer Zeit gegen die Karthager aufführen
lieſs. Von beyden sieht man noch den Gang durch
die Trümmern, und hier und da noch mächtige
Werkstücke aufgefügt. Tief hinunter nach der Insel,
die jetzt das Städtchen ausmacht, liegen die Scenen der
Gröſse des ehemaligen Syrakus, die nunmehr kaum
das Auge auffindet. Rechts kommt der Anapus in
dem Thale zwischen den Bergen hervor, und weiter
hin jenseits zieht sich eine lange Kette des Hybla rund
um die Erdspitze herum. Hinter uns lag der mons
crinitus
, wo die Athenienser bey der unglücklichen
Unternehmung gegen Sicilien standen. Dort unten
rechts an der alten Mauer, welche die Herren von
Athen umsonst angriffen, stand das Haus des Timo¬
leon, wo man bey der kleinen Mühle noch die Trüm¬
mer zeigt. Links hier unten brach Marcellus herein,
drang dort hervor bis in die Gegend des kleinen Ha¬
fens, wo der schöpferische Geist Archimeds mit dem

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0272" n="246"/>
bey ihm, Landolina gehören. Wir waren schon weit<lb/>
umher gestiegen, und setzten uns hier auf eine der<lb/>
höchsten Stellen der alten Festung nieder, um rund<lb/>
um uns her zu schauen. Ich halte dieses halbe Stünd¬<lb/>
chen für eines der schönsten die ich genossen habe,<lb/>
wenn ich nur die Melancholie heraus wischen könnte,<lb/>
die für die Menschheit darin war. Von dieser Spitze<lb/>
übersah man die ganze gro&#x017F;se ungeheure Fläche der<lb/>
ehemaligen Stadt, die nun halb als Ruine und halb<lb/>
als Wildni&#x017F;s da liegt. Rechts hinunter zog sich die<lb/>
alte Mauer nach Neapolis, dem Syraka und dem Ha¬<lb/>
fen: links hinab ging bis ans Meer die gegen vier<lb/>
Millien lange berühmte neuere Mauer, welche Dio¬<lb/>
nysius in so kurzer Zeit gegen die Karthager aufführen<lb/>
lie&#x017F;s. Von beyden sieht man noch den Gang durch<lb/>
die Trümmern, und hier und da noch mächtige<lb/>
Werkstücke aufgefügt. Tief hinunter nach der Insel,<lb/>
die jetzt das Städtchen ausmacht, liegen die Scenen der<lb/>
Grö&#x017F;se des ehemaligen Syrakus, die nunmehr kaum<lb/>
das Auge auffindet. Rechts kommt der Anapus in<lb/>
dem Thale zwischen den Bergen hervor, und weiter<lb/>
hin jenseits zieht sich eine lange Kette des Hybla rund<lb/>
um die Erdspitze herum. Hinter uns lag der <hi rendition="#i">mons<lb/>
crinitus</hi>, wo die Athenienser bey der unglücklichen<lb/>
Unternehmung gegen Sicilien standen. Dort unten<lb/>
rechts an der alten Mauer, welche die Herren von<lb/>
Athen umsonst angriffen, stand das Haus des Timo¬<lb/>
leon, wo man bey der kleinen Mühle noch die Trüm¬<lb/>
mer zeigt. Links hier unten brach Marcellus herein,<lb/>
drang dort hervor bis in die Gegend des kleinen Ha¬<lb/>
fens, wo der schöpferische Geist Archimeds mit dem<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[246/0272] bey ihm, Landolina gehören. Wir waren schon weit umher gestiegen, und setzten uns hier auf eine der höchsten Stellen der alten Festung nieder, um rund um uns her zu schauen. Ich halte dieses halbe Stünd¬ chen für eines der schönsten die ich genossen habe, wenn ich nur die Melancholie heraus wischen könnte, die für die Menschheit darin war. Von dieser Spitze übersah man die ganze groſse ungeheure Fläche der ehemaligen Stadt, die nun halb als Ruine und halb als Wildniſs da liegt. Rechts hinunter zog sich die alte Mauer nach Neapolis, dem Syraka und dem Ha¬ fen: links hinab ging bis ans Meer die gegen vier Millien lange berühmte neuere Mauer, welche Dio¬ nysius in so kurzer Zeit gegen die Karthager aufführen lieſs. Von beyden sieht man noch den Gang durch die Trümmern, und hier und da noch mächtige Werkstücke aufgefügt. Tief hinunter nach der Insel, die jetzt das Städtchen ausmacht, liegen die Scenen der Gröſse des ehemaligen Syrakus, die nunmehr kaum das Auge auffindet. Rechts kommt der Anapus in dem Thale zwischen den Bergen hervor, und weiter hin jenseits zieht sich eine lange Kette des Hybla rund um die Erdspitze herum. Hinter uns lag der mons crinitus, wo die Athenienser bey der unglücklichen Unternehmung gegen Sicilien standen. Dort unten rechts an der alten Mauer, welche die Herren von Athen umsonst angriffen, stand das Haus des Timo¬ leon, wo man bey der kleinen Mühle noch die Trüm¬ mer zeigt. Links hier unten brach Marcellus herein, drang dort hervor bis in die Gegend des kleinen Ha¬ fens, wo der schöpferische Geist Archimeds mit dem

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/272
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 246. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/272>, abgerufen am 19.09.2020.