Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

den Ruinen der alten Wasserleitungen, die vom Berge
herabkamen, ein Mann mit einem Buch einsam hin,
suchte sich rund umher zu orientieren, und schloss
sich, als ich näher kam, an mich an. Er war ein
Franzose, der sich in Veletri schon lange häuslich nie¬
dergelassen hatte, in der Stadt gewesen war und jetzt
heim ging. Seine Gesellschaft war mir hier höchst
angenehm, da er mit der Geschichte der Zeit und
den Vorfällen des Kriegs bekannt war und rund um¬
her mir alle Auftritte erklärte. Links hinauf nach
den Hügeln des Albanerbergs hatten sich die Franzo¬
sen und Insurgenten hartnäckig geschlagen. Die In¬
surgenten hatten zuerst einigen Vortheil und hatten
desswegen nach der Weise der Revolutionäre angefan¬
gen höchst grausam zu verfahren: aber die Franzosen
trieben sie mit ihrer gewöhnlichen Energie bald in die
Enge; und nun fehlte es wieder nicht an Gewalthä¬
tigkeiten aller Art. Einige Millien von Albano ist
rechts am Wege eine Gegend, welche Schwefelquellen
halten muss; denn der Geruch ist entsetzlich und
muss in der heissen Sommerperiode kaum erträglich
seyn. In einer Peripherie von mehrern hundert
Schritten keimt desswegen kein Gräschen, obgleich
übrigens der Strich nicht unfruchtbar ist.

Die Albaner bilden sich ein, dass ihre Stadt das
alte Alba longa sey, und sagen es noch bis jetzt auf
Treu und Glauben jedem Fremden, der es hören will.
Die Antiquare haben zwar gezeigt, dass das nicht seyn
könne, und dass die alte Stadt laut der Geschichte
an der andern Seite des Sees am Fusse des Berges
müsse gelegen haben: aber drey oder vier Millien,

den Ruinen der alten Wasserleitungen, die vom Berge
herabkamen, ein Mann mit einem Buch einsam hin,
suchte sich rund umher zu orientieren, und schloſs
sich, als ich näher kam, an mich an. Er war ein
Franzose, der sich in Veletri schon lange häuslich nie¬
dergelassen hatte, in der Stadt gewesen war und jetzt
heim ging. Seine Gesellschaft war mir hier höchst
angenehm, da er mit der Geschichte der Zeit und
den Vorfällen des Kriegs bekannt war und rund um¬
her mir alle Auftritte erklärte. Links hinauf nach
den Hügeln des Albanerbergs hatten sich die Franzo¬
sen und Insurgenten hartnäckig geschlagen. Die In¬
surgenten hatten zuerst einigen Vortheil und hatten
deſswegen nach der Weise der Revolutionäre angefan¬
gen höchst grausam zu verfahren: aber die Franzosen
trieben sie mit ihrer gewöhnlichen Energie bald in die
Enge; und nun fehlte es wieder nicht an Gewalthä¬
tigkeiten aller Art. Einige Millien von Albano ist
rechts am Wege eine Gegend, welche Schwefelquellen
halten muſs; denn der Geruch ist entsetzlich und
muſs in der heiſsen Sommerperiode kaum erträglich
seyn. In einer Peripherie von mehrern hundert
Schritten keimt deſswegen kein Gräschen, obgleich
übrigens der Strich nicht unfruchtbar ist.

Die Albaner bilden sich ein, daſs ihre Stadt das
alte Alba longa sey, und sagen es noch bis jetzt auf
Treu und Glauben jedem Fremden, der es hören will.
Die Antiquare haben zwar gezeigt, daſs das nicht seyn
könne, und daſs die alte Stadt laut der Geschichte
an der andern Seite des Sees am Fuſse des Berges
müsse gelegen haben: aber drey oder vier Millien,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0191" n="165"/>
den Ruinen der alten Wasserleitungen, die vom Berge<lb/>
herabkamen, ein Mann mit einem Buch einsam hin,<lb/>
suchte sich rund umher zu orientieren, und schlo&#x017F;s<lb/>
sich, als ich näher kam, an mich an. Er war ein<lb/>
Franzose, der sich in Veletri schon lange häuslich nie¬<lb/>
dergelassen hatte, in der Stadt gewesen war und jetzt<lb/>
heim ging. Seine Gesellschaft war mir hier höchst<lb/>
angenehm, da er mit der Geschichte der Zeit und<lb/>
den Vorfällen des Kriegs bekannt war und rund um¬<lb/>
her mir alle Auftritte erklärte. Links hinauf nach<lb/>
den Hügeln des Albanerbergs hatten sich die Franzo¬<lb/>
sen und Insurgenten hartnäckig geschlagen. Die In¬<lb/>
surgenten hatten zuerst einigen Vortheil und hatten<lb/>
de&#x017F;swegen nach der Weise der Revolutionäre angefan¬<lb/>
gen höchst grausam zu verfahren: aber die Franzosen<lb/>
trieben sie mit ihrer gewöhnlichen Energie bald in die<lb/>
Enge; und nun fehlte es wieder nicht an Gewalthä¬<lb/>
tigkeiten aller Art. Einige Millien von Albano ist<lb/>
rechts am Wege eine Gegend, welche Schwefelquellen<lb/>
halten mu&#x017F;s; denn der Geruch ist entsetzlich und<lb/>
mu&#x017F;s in der hei&#x017F;sen Sommerperiode kaum erträglich<lb/>
seyn. In einer Peripherie von mehrern hundert<lb/>
Schritten keimt de&#x017F;swegen kein Gräschen, obgleich<lb/>
übrigens der Strich nicht unfruchtbar ist.</p><lb/>
        <p>Die Albaner bilden sich ein, da&#x017F;s ihre Stadt das<lb/>
alte Alba longa sey, und sagen es noch bis jetzt auf<lb/>
Treu und Glauben jedem Fremden, der es hören will.<lb/>
Die Antiquare haben zwar gezeigt, da&#x017F;s das nicht seyn<lb/>
könne, und da&#x017F;s die alte Stadt laut der Geschichte<lb/>
an der andern Seite des Sees am Fu&#x017F;se des Berges<lb/>
müsse gelegen haben: aber drey oder vier Millien,<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[165/0191] den Ruinen der alten Wasserleitungen, die vom Berge herabkamen, ein Mann mit einem Buch einsam hin, suchte sich rund umher zu orientieren, und schloſs sich, als ich näher kam, an mich an. Er war ein Franzose, der sich in Veletri schon lange häuslich nie¬ dergelassen hatte, in der Stadt gewesen war und jetzt heim ging. Seine Gesellschaft war mir hier höchst angenehm, da er mit der Geschichte der Zeit und den Vorfällen des Kriegs bekannt war und rund um¬ her mir alle Auftritte erklärte. Links hinauf nach den Hügeln des Albanerbergs hatten sich die Franzo¬ sen und Insurgenten hartnäckig geschlagen. Die In¬ surgenten hatten zuerst einigen Vortheil und hatten deſswegen nach der Weise der Revolutionäre angefan¬ gen höchst grausam zu verfahren: aber die Franzosen trieben sie mit ihrer gewöhnlichen Energie bald in die Enge; und nun fehlte es wieder nicht an Gewalthä¬ tigkeiten aller Art. Einige Millien von Albano ist rechts am Wege eine Gegend, welche Schwefelquellen halten muſs; denn der Geruch ist entsetzlich und muſs in der heiſsen Sommerperiode kaum erträglich seyn. In einer Peripherie von mehrern hundert Schritten keimt deſswegen kein Gräschen, obgleich übrigens der Strich nicht unfruchtbar ist. Die Albaner bilden sich ein, daſs ihre Stadt das alte Alba longa sey, und sagen es noch bis jetzt auf Treu und Glauben jedem Fremden, der es hören will. Die Antiquare haben zwar gezeigt, daſs das nicht seyn könne, und daſs die alte Stadt laut der Geschichte an der andern Seite des Sees am Fuſse des Berges müsse gelegen haben: aber drey oder vier Millien,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/191
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 165. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/191>, abgerufen am 20.08.2019.