Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

me von Cento, die ihren Mann in der Revolution ver¬
loren hatte. Wir zahlten gut und fuhren schlecht,
und wären noch schlechter gefahren, wenn wir nicht
zuweilen eine der schlimmsten Strecken zu Fusse ge¬
gangen waren. Einige Stunden von Ferrara aus ging
es leidlich, dann sank aber der Wagen ein bis an die
Achse. Der Vetturino wollte Ochsenvorspannung neh¬
men; die billigen Bauern foderten aber für zwey
Stunden nicht mehr als acht und zwanzig Liren für
zwey Ochsen, ungefähr sechs Gulden Reichsgeld. Der
arme Teufel von Fuhrmann jammerte mich und ich
rieth ihm selbst gar kein Gebot auf die unverschämte
Foderung zu thun. Die Gaule arbeiteten mit der
furchbarsten Anstrengung absatzweise eine halbe Stunde
weiter; dann ging es nicht mehr. Wir stiegen aus
und arbeiteten uns zu Fusse durch, und es ward mit
dem leeren Wagen immer schlimmer. Erst fiel ein
Pferd, und als sich dieses wieder erhoben hatte, das
andere, und einige hundert Schritte weiter fielen alle
beyde und wälzten sich ermattet in dem schlammigen
thonigen Boden. Da hatten wir denn in Italien das
ganze deutsche salzmannische menschliche Elend in
concreto
. Die Pferde halfen sich endlich wieder auf;
aber der Wagen sass fest. Nun stelle Dir die ganz be¬
kothete Personalität deines Freundes vor, wie ich mit
der ganzen Kraft meines physischen Wesens meine
Schulter unter die Hinterachse des Wagens setzte und
heben und schieben half, dass die Dame und der
Kriegskommissär und der Vetturino erstaunten. Es
ging, und nach drey Versuchen machte ich den Fuhr¬
mann wieder flott. Aber ans Einsetzen war nicht zu

me von Cento, die ihren Mann in der Revolution ver¬
loren hatte. Wir zahlten gut und fuhren schlecht,
und wären noch schlechter gefahren, wenn wir nicht
zuweilen eine der schlimmsten Strecken zu Fuſse ge¬
gangen waren. Einige Stunden von Ferrara aus ging
es leidlich, dann sank aber der Wagen ein bis an die
Achse. Der Vetturino wollte Ochsenvorspannung neh¬
men; die billigen Bauern foderten aber für zwey
Stunden nicht mehr als acht und zwanzig Liren für
zwey Ochsen, ungefähr sechs Gulden Reichsgeld. Der
arme Teufel von Fuhrmann jammerte mich und ich
rieth ihm selbst gar kein Gebot auf die unverschämte
Foderung zu thun. Die Gaule arbeiteten mit der
furchbarsten Anstrengung absatzweise eine halbe Stunde
weiter; dann ging es nicht mehr. Wir stiegen aus
und arbeiteten uns zu Fuſse durch, und es ward mit
dem leeren Wagen immer schlimmer. Erst fiel ein
Pferd, und als sich dieses wieder erhoben hatte, das
andere, und einige hundert Schritte weiter fielen alle
beyde und wälzten sich ermattet in dem schlammigen
thonigen Boden. Da hatten wir denn in Italien das
ganze deutsche salzmannische menschliche Elend in
concreto
. Die Pferde halfen sich endlich wieder auf;
aber der Wagen saſs fest. Nun stelle Dir die ganz be¬
kothete Personalität deines Freundes vor, wie ich mit
der ganzen Kraft meines physischen Wesens meine
Schulter unter die Hinterachse des Wagens setzte und
heben und schieben half, daſs die Dame und der
Kriegskommissär und der Vetturino erstaunten. Es
ging, und nach drey Versuchen machte ich den Fuhr¬
mann wieder flott. Aber ans Einsetzen war nicht zu

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0140" n="114"/>
me von Cento, die ihren Mann in der Revolution ver¬<lb/>
loren hatte. Wir zahlten gut und fuhren schlecht,<lb/>
und wären noch schlechter gefahren, wenn wir nicht<lb/>
zuweilen eine der schlimmsten Strecken zu Fu&#x017F;se ge¬<lb/>
gangen waren. Einige Stunden von Ferrara aus ging<lb/>
es leidlich, dann sank aber der Wagen ein bis an die<lb/>
Achse. Der Vetturino wollte Ochsenvorspannung neh¬<lb/>
men; die billigen Bauern foderten aber für zwey<lb/>
Stunden nicht mehr als acht und zwanzig Liren für<lb/>
zwey Ochsen, ungefähr sechs Gulden Reichsgeld. Der<lb/>
arme Teufel von Fuhrmann jammerte mich und ich<lb/>
rieth ihm selbst gar kein Gebot auf die unverschämte<lb/>
Foderung zu thun. Die Gaule arbeiteten mit der<lb/>
furchbarsten Anstrengung absatzweise eine halbe Stunde<lb/>
weiter; dann ging es nicht mehr. Wir stiegen aus<lb/>
und arbeiteten uns zu Fu&#x017F;se durch, und es ward mit<lb/>
dem leeren Wagen immer schlimmer. Erst fiel ein<lb/>
Pferd, und als sich dieses wieder erhoben hatte, das<lb/>
andere, und einige hundert Schritte weiter fielen alle<lb/>
beyde und wälzten sich ermattet in dem schlammigen<lb/>
thonigen Boden. Da hatten wir denn in Italien das<lb/>
ganze deutsche salzmannische menschliche Elend <hi rendition="#i">in<lb/>
concreto</hi>. Die Pferde halfen sich endlich wieder auf;<lb/>
aber der Wagen sa&#x017F;s fest. Nun stelle Dir die ganz be¬<lb/>
kothete Personalität deines Freundes vor, wie ich mit<lb/>
der ganzen Kraft meines physischen Wesens meine<lb/>
Schulter unter die Hinterachse des Wagens setzte und<lb/>
heben und schieben half, da&#x017F;s die Dame und der<lb/>
Kriegskommissär und der Vetturino erstaunten. Es<lb/>
ging, und nach drey Versuchen machte ich den Fuhr¬<lb/>
mann wieder flott. Aber ans Einsetzen war nicht zu<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[114/0140] me von Cento, die ihren Mann in der Revolution ver¬ loren hatte. Wir zahlten gut und fuhren schlecht, und wären noch schlechter gefahren, wenn wir nicht zuweilen eine der schlimmsten Strecken zu Fuſse ge¬ gangen waren. Einige Stunden von Ferrara aus ging es leidlich, dann sank aber der Wagen ein bis an die Achse. Der Vetturino wollte Ochsenvorspannung neh¬ men; die billigen Bauern foderten aber für zwey Stunden nicht mehr als acht und zwanzig Liren für zwey Ochsen, ungefähr sechs Gulden Reichsgeld. Der arme Teufel von Fuhrmann jammerte mich und ich rieth ihm selbst gar kein Gebot auf die unverschämte Foderung zu thun. Die Gaule arbeiteten mit der furchbarsten Anstrengung absatzweise eine halbe Stunde weiter; dann ging es nicht mehr. Wir stiegen aus und arbeiteten uns zu Fuſse durch, und es ward mit dem leeren Wagen immer schlimmer. Erst fiel ein Pferd, und als sich dieses wieder erhoben hatte, das andere, und einige hundert Schritte weiter fielen alle beyde und wälzten sich ermattet in dem schlammigen thonigen Boden. Da hatten wir denn in Italien das ganze deutsche salzmannische menschliche Elend in concreto. Die Pferde halfen sich endlich wieder auf; aber der Wagen saſs fest. Nun stelle Dir die ganz be¬ kothete Personalität deines Freundes vor, wie ich mit der ganzen Kraft meines physischen Wesens meine Schulter unter die Hinterachse des Wagens setzte und heben und schieben half, daſs die Dame und der Kriegskommissär und der Vetturino erstaunten. Es ging, und nach drey Versuchen machte ich den Fuhr¬ mann wieder flott. Aber ans Einsetzen war nicht zu

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/140
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 114. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/140>, abgerufen am 08.08.2020.