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Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

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Eigenthum oder als Curiosität hat zukommen lassen
wollen.

Aber das ist nicht das Einzige. Seltsamerweise
fragen sie Alle im Kloster ihn Abends oder gar in der
tiefen Nacht um Rath, wenn sie sich am Tage lustig
über ihn gemacht haben. Die seit hundert Jahren nicht
getünchte Mönchszelle ist hinter dem Rücken von Abt
und Amtmann ein Zufluchtsort für mehr als Einen
geworden, dem das Leben durch eigene oder fremde
Schuld sauer aufstieß. Mehr als Einer und Eine in
Amelungsborn erinnern sich dankbarlich bis an ihren
Tod des Stuhls neben dem Kachelofen, des Tisches von
rothgefärbtem Tannenholz, der im Winter an diesen
Ofen und im Sommer an das Fenster gezogen stand.
Auch des Bücherfaches mit der mäßigen Bibliothek des
sonderlichen Gelehrten und Predigers in der Wüste mag
sich mehr als Einer entsinnen. Je nachdem der Mann
oder das Weib, der Alte oder Junge ist, pflegt Magister
Buchius nach dem Schaff in die Höhe zu greifen
und anderer Gelehrten Weisheit und Trost herabzu¬
langen nach dem Bedürfniß der Stunde. Wer nach
dem Hakenbrett mit den Kleidungsstücken des jetzigen
Bewohners der Zelle gucken will, mag's thun. Viel
zu finden ist da nicht. Item so in dem Kasten, der
seine Hemden, Krausen, Nachtkamisöler und Zipfelmützen
in sich schließt. Serenissimus, Herr Herzog Karl der
Erste, haben Ihrem emeritirten gelehrten Diener am
Schulamt auch freie Wäsche für den Rest seines Lebens

Eigenthum oder als Curioſität hat zukommen laſſen
wollen.

Aber das iſt nicht das Einzige. Seltſamerweiſe
fragen ſie Alle im Kloſter ihn Abends oder gar in der
tiefen Nacht um Rath, wenn ſie ſich am Tage luſtig
über ihn gemacht haben. Die ſeit hundert Jahren nicht
getünchte Mönchszelle iſt hinter dem Rücken von Abt
und Amtmann ein Zufluchtsort für mehr als Einen
geworden, dem das Leben durch eigene oder fremde
Schuld ſauer aufſtieß. Mehr als Einer und Eine in
Amelungsborn erinnern ſich dankbarlich bis an ihren
Tod des Stuhls neben dem Kachelofen, des Tiſches von
rothgefärbtem Tannenholz, der im Winter an dieſen
Ofen und im Sommer an das Fenſter gezogen ſtand.
Auch des Bücherfaches mit der mäßigen Bibliothek des
ſonderlichen Gelehrten und Predigers in der Wüſte mag
ſich mehr als Einer entſinnen. Je nachdem der Mann
oder das Weib, der Alte oder Junge iſt, pflegt Magiſter
Buchius nach dem Schaff in die Höhe zu greifen
und anderer Gelehrten Weisheit und Troſt herabzu¬
langen nach dem Bedürfniß der Stunde. Wer nach
dem Hakenbrett mit den Kleidungsſtücken des jetzigen
Bewohners der Zelle gucken will, mag's thun. Viel
zu finden iſt da nicht. Item ſo in dem Kaſten, der
ſeine Hemden, Krauſen, Nachtkamiſöler und Zipfelmützen
in ſich ſchließt. Sereniſſimus, Herr Herzog Karl der
Erſte, haben Ihrem emeritirten gelehrten Diener am
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[50/0058] Eigenthum oder als Curioſität hat zukommen laſſen wollen. Aber das iſt nicht das Einzige. Seltſamerweiſe fragen ſie Alle im Kloſter ihn Abends oder gar in der tiefen Nacht um Rath, wenn ſie ſich am Tage luſtig über ihn gemacht haben. Die ſeit hundert Jahren nicht getünchte Mönchszelle iſt hinter dem Rücken von Abt und Amtmann ein Zufluchtsort für mehr als Einen geworden, dem das Leben durch eigene oder fremde Schuld ſauer aufſtieß. Mehr als Einer und Eine in Amelungsborn erinnern ſich dankbarlich bis an ihren Tod des Stuhls neben dem Kachelofen, des Tiſches von rothgefärbtem Tannenholz, der im Winter an dieſen Ofen und im Sommer an das Fenſter gezogen ſtand. Auch des Bücherfaches mit der mäßigen Bibliothek des ſonderlichen Gelehrten und Predigers in der Wüſte mag ſich mehr als Einer entſinnen. Je nachdem der Mann oder das Weib, der Alte oder Junge iſt, pflegt Magiſter Buchius nach dem Schaff in die Höhe zu greifen und anderer Gelehrten Weisheit und Troſt herabzu¬ langen nach dem Bedürfniß der Stunde. Wer nach dem Hakenbrett mit den Kleidungsſtücken des jetzigen Bewohners der Zelle gucken will, mag's thun. Viel zu finden iſt da nicht. Item ſo in dem Kaſten, der ſeine Hemden, Krauſen, Nachtkamiſöler und Zipfelmützen in ſich ſchließt. Sereniſſimus, Herr Herzog Karl der Erſte, haben Ihrem emeritirten gelehrten Diener am Schulamt auch freie Wäſche für den Reſt ſeines Lebens

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 50. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/58>, abgerufen am 13.08.2020.