Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Urzustände des Menschengeschlechtes.
Zeit erhalten, denn einem Feuer, auf diese ehrwürdige Weise be-
reitet, legte der Volkswahn Wunderkräfte bei. Der englische
Ausdruck willfire bezieht sich ebenfalls auf eine Entzündung durch
Reibhölzer. In Deutschland wurde eine Walze aus Eichenholz in
den Vertiefungen zweier eichener Pfähle durch ein auf- und ab-
rollendes Seil zur Erzeugung eines sogenannten Nothfeuers ge-
dreht, welches letztere die Seuchen abwenden sollte. Noch im
Jahre 1828 wurde beim Ausbruche der Bräune unter dem Borsten-
vieh und des Milzbrandes unter den Kühen im Dorfe Edesse, Amt
Meinersen in Hannover, ein Nothfeuer angezündet 1). Auch bei
anderen indogermanischen Geschwistervölkern musste jedes Feuer,
sollte es eine gewisse Weihe besitzen, durch Reibung angezündet
worden sein. War im Tempel der Vesta zu Rom durch Verschul-
dung einer Priesterin das Feuer erloschen, so durfte nicht durch
Stahl und Stein, die längst in Gebrauch waren, sondern nur durch
Reibung auf geweihtem Brett eine neue Gluth angezündet werden 2).
Das Feuer am Beginn eines kleinen Jahrhunderts wurde von den
Altmexicanern wieder frisch gerieben und im ähnlichen Sinne
löschten die Suaheli am Tage des Neujahres ihr Feuer aus und
entzündeten ein neues durch Feuerbohren 3). Das Funkenschlagen
aus spröden Steinen mit oder ohne Feuerstahl gehört in Europa
dem nachhomerischen Alterthum an und Plinius hat uns noch den
Namen eines angeblichen Erfinders aufbewahrt 4).

Ist noch nie eine Bevölkerung im feuerlosen Zustande über-
rascht worden, so passt auch für keine von ihnen die Bezeichnung
als Wilde, die einer irrigen Anschauung entsprungen ist. Ebenso
wenig dürfen wir von Naturvölkern, höchstens von Halbculturvöl-
kern sprechen, denn sicherlich ist der Naturzustand des Men-
schengeschlechtes unsrer Beobachtung, ja sogar unsrer Ahnung
entrückt. Stellen wir uns lieber vor, es stiesse jemand, der noch
nie Rosen gesehen hätte, auf eine Gesträuchgruppe dieser Pflanze
in einem vorgerückten Zustande des Wachsthums, dann wird er
zugleich neben reifenden Früchten abwelkende Blumen, Blüthen

1) Kuhn, l. c. S. 45.
2) Hermann Göll, Die Geheimnisse der Vesta. Ausland 1870. S. 177.
3) Steere im Journ. of the Anthropol. Institute, vol. I, p. CXLVIII.
4) Das Obige wurde zum grössten Theil, jedoch ohne Quellennachweise,
vom Verfasser in der österreichischen Zeitschrift für Kunst und Wissenschaft
1872 veröffentlicht.
10*

Die Urzustände des Menschengeschlechtes.
Zeit erhalten, denn einem Feuer, auf diese ehrwürdige Weise be-
reitet, legte der Volkswahn Wunderkräfte bei. Der englische
Ausdruck willfire bezieht sich ebenfalls auf eine Entzündung durch
Reibhölzer. In Deutschland wurde eine Walze aus Eichenholz in
den Vertiefungen zweier eichener Pfähle durch ein auf- und ab-
rollendes Seil zur Erzeugung eines sogenannten Nothfeuers ge-
dreht, welches letztere die Seuchen abwenden sollte. Noch im
Jahre 1828 wurde beim Ausbruche der Bräune unter dem Borsten-
vieh und des Milzbrandes unter den Kühen im Dorfe Edesse, Amt
Meinersen in Hannover, ein Nothfeuer angezündet 1). Auch bei
anderen indogermanischen Geschwistervölkern musste jedes Feuer,
sollte es eine gewisse Weihe besitzen, durch Reibung angezündet
worden sein. War im Tempel der Vesta zu Rom durch Verschul-
dung einer Priesterin das Feuer erloschen, so durfte nicht durch
Stahl und Stein, die längst in Gebrauch waren, sondern nur durch
Reibung auf geweihtem Brett eine neue Gluth angezündet werden 2).
Das Feuer am Beginn eines kleinen Jahrhunderts wurde von den
Altmexicanern wieder frisch gerieben und im ähnlichen Sinne
löschten die Suaheli am Tage des Neujahres ihr Feuer aus und
entzündeten ein neues durch Feuerbohren 3). Das Funkenschlagen
aus spröden Steinen mit oder ohne Feuerstahl gehört in Europa
dem nachhomerischen Alterthum an und Plinius hat uns noch den
Namen eines angeblichen Erfinders aufbewahrt 4).

Ist noch nie eine Bevölkerung im feuerlosen Zustande über-
rascht worden, so passt auch für keine von ihnen die Bezeichnung
als Wilde, die einer irrigen Anschauung entsprungen ist. Ebenso
wenig dürfen wir von Naturvölkern, höchstens von Halbculturvöl-
kern sprechen, denn sicherlich ist der Naturzustand des Men-
schengeschlechtes unsrer Beobachtung, ja sogar unsrer Ahnung
entrückt. Stellen wir uns lieber vor, es stiesse jemand, der noch
nie Rosen gesehen hätte, auf eine Gesträuchgruppe dieser Pflanze
in einem vorgerückten Zustande des Wachsthums, dann wird er
zugleich neben reifenden Früchten abwelkende Blumen, Blüthen

1) Kuhn, l. c. S. 45.
2) Hermann Göll, Die Geheimnisse der Vesta. Ausland 1870. S. 177.
3) Steere im Journ. of the Anthropol. Institute, vol. I, p. CXLVIII.
4) Das Obige wurde zum grössten Theil, jedoch ohne Quellennachweise,
vom Verfasser in der österreichischen Zeitschrift für Kunst und Wissenschaft
1872 veröffentlicht.
10*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0165" n="147"/><fw place="top" type="header">Die Urzustände des Menschengeschlechtes.</fw><lb/>
Zeit erhalten, denn einem Feuer, auf diese ehrwürdige Weise be-<lb/>
reitet, legte der Volkswahn Wunderkräfte bei. Der englische<lb/>
Ausdruck <hi rendition="#i">willfire</hi> bezieht sich ebenfalls auf eine Entzündung durch<lb/>
Reibhölzer. In Deutschland wurde eine Walze aus Eichenholz in<lb/>
den Vertiefungen zweier eichener Pfähle durch ein auf- und ab-<lb/>
rollendes Seil zur Erzeugung eines sogenannten Nothfeuers ge-<lb/>
dreht, welches letztere die Seuchen abwenden sollte. Noch im<lb/>
Jahre 1828 wurde beim Ausbruche der Bräune unter dem Borsten-<lb/>
vieh und des Milzbrandes unter den Kühen im Dorfe Edesse, Amt<lb/>
Meinersen in Hannover, ein Nothfeuer angezündet <note place="foot" n="1)"><hi rendition="#g">Kuhn</hi>, l. c. S. 45.</note>. Auch bei<lb/>
anderen indogermanischen Geschwistervölkern musste jedes Feuer,<lb/>
sollte es eine gewisse Weihe besitzen, durch Reibung angezündet<lb/>
worden sein. War im Tempel der Vesta zu Rom durch Verschul-<lb/>
dung einer Priesterin das Feuer erloschen, so durfte nicht durch<lb/>
Stahl und Stein, die längst in Gebrauch waren, sondern nur durch<lb/>
Reibung auf geweihtem Brett eine neue Gluth angezündet werden <note place="foot" n="2)"><hi rendition="#g">Hermann Göll</hi>, Die Geheimnisse der Vesta. Ausland 1870. S. 177.</note>.<lb/>
Das Feuer am Beginn eines kleinen Jahrhunderts wurde von den<lb/>
Altmexicanern wieder frisch gerieben und im ähnlichen Sinne<lb/>
löschten die Suaheli am Tage des Neujahres ihr Feuer aus und<lb/>
entzündeten ein neues durch Feuerbohren <note place="foot" n="3)"><hi rendition="#g">Steere</hi> im Journ. of the Anthropol. Institute, vol. I, p. CXLVIII.</note>. Das Funkenschlagen<lb/>
aus spröden Steinen mit oder ohne Feuerstahl gehört in Europa<lb/>
dem nachhomerischen Alterthum an und Plinius hat uns noch den<lb/>
Namen eines angeblichen Erfinders aufbewahrt <note place="foot" n="4)">Das Obige wurde zum grössten Theil, jedoch ohne Quellennachweise,<lb/>
vom Verfasser in der österreichischen Zeitschrift für Kunst und Wissenschaft<lb/>
1872 veröffentlicht.</note>.</p><lb/>
          <p>Ist noch nie eine Bevölkerung im feuerlosen Zustande über-<lb/>
rascht worden, so passt auch für keine von ihnen die Bezeichnung<lb/>
als Wilde, die einer irrigen Anschauung entsprungen ist. Ebenso<lb/>
wenig dürfen wir von Naturvölkern, höchstens von Halbculturvöl-<lb/>
kern sprechen, denn sicherlich ist der Naturzustand des Men-<lb/>
schengeschlechtes unsrer Beobachtung, ja sogar unsrer Ahnung<lb/>
entrückt. Stellen wir uns lieber vor, es stiesse jemand, der noch<lb/>
nie Rosen gesehen hätte, auf eine Gesträuchgruppe dieser Pflanze<lb/>
in einem vorgerückten Zustande des Wachsthums, dann wird er<lb/>
zugleich neben reifenden Früchten abwelkende Blumen, Blüthen<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">10*</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[147/0165] Die Urzustände des Menschengeschlechtes. Zeit erhalten, denn einem Feuer, auf diese ehrwürdige Weise be- reitet, legte der Volkswahn Wunderkräfte bei. Der englische Ausdruck willfire bezieht sich ebenfalls auf eine Entzündung durch Reibhölzer. In Deutschland wurde eine Walze aus Eichenholz in den Vertiefungen zweier eichener Pfähle durch ein auf- und ab- rollendes Seil zur Erzeugung eines sogenannten Nothfeuers ge- dreht, welches letztere die Seuchen abwenden sollte. Noch im Jahre 1828 wurde beim Ausbruche der Bräune unter dem Borsten- vieh und des Milzbrandes unter den Kühen im Dorfe Edesse, Amt Meinersen in Hannover, ein Nothfeuer angezündet 1). Auch bei anderen indogermanischen Geschwistervölkern musste jedes Feuer, sollte es eine gewisse Weihe besitzen, durch Reibung angezündet worden sein. War im Tempel der Vesta zu Rom durch Verschul- dung einer Priesterin das Feuer erloschen, so durfte nicht durch Stahl und Stein, die längst in Gebrauch waren, sondern nur durch Reibung auf geweihtem Brett eine neue Gluth angezündet werden 2). Das Feuer am Beginn eines kleinen Jahrhunderts wurde von den Altmexicanern wieder frisch gerieben und im ähnlichen Sinne löschten die Suaheli am Tage des Neujahres ihr Feuer aus und entzündeten ein neues durch Feuerbohren 3). Das Funkenschlagen aus spröden Steinen mit oder ohne Feuerstahl gehört in Europa dem nachhomerischen Alterthum an und Plinius hat uns noch den Namen eines angeblichen Erfinders aufbewahrt 4). Ist noch nie eine Bevölkerung im feuerlosen Zustande über- rascht worden, so passt auch für keine von ihnen die Bezeichnung als Wilde, die einer irrigen Anschauung entsprungen ist. Ebenso wenig dürfen wir von Naturvölkern, höchstens von Halbculturvöl- kern sprechen, denn sicherlich ist der Naturzustand des Men- schengeschlechtes unsrer Beobachtung, ja sogar unsrer Ahnung entrückt. Stellen wir uns lieber vor, es stiesse jemand, der noch nie Rosen gesehen hätte, auf eine Gesträuchgruppe dieser Pflanze in einem vorgerückten Zustande des Wachsthums, dann wird er zugleich neben reifenden Früchten abwelkende Blumen, Blüthen 1) Kuhn, l. c. S. 45. 2) Hermann Göll, Die Geheimnisse der Vesta. Ausland 1870. S. 177. 3) Steere im Journ. of the Anthropol. Institute, vol. I, p. CXLVIII. 4) Das Obige wurde zum grössten Theil, jedoch ohne Quellennachweise, vom Verfasser in der österreichischen Zeitschrift für Kunst und Wissenschaft 1872 veröffentlicht. 10*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/165
Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 147. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/165>, abgerufen am 27.05.2019.