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Reichspost. Nr. 53, Wien, 22.02.1909.

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Wien, Montag Reichspost 22. Februar 1909. Nr. 53

[Spaltenumbruch]

zu der positiven Behauptung verdichtet hatte, die Unter-
zeichnung sei schon erfolgt -- war, wie sich jetzt zeigt,
verfrüht; die Verhandlungen dauern noch
an;
im Wesen seien die beiden Parteien zwar einig,
doch bestünden noch Differenzen hinsichtlich zweier
Punkte: erstens des künftigen Verhältnisses der in der
Monarchie, beziehungsweise in der Türkei lebenden
Bosnier zu den betreffenden Staaten und zweitens hin-
sichtlich einer handelspolitischen Frage. Es sei aber zu
hoffen, daß die Unterzeichnung in dieser Woche erfolgen
werde. Man wird sich also noch weiter in Geduld
fassen müssen; auch betreffs des Boykotts, der einer
Konstantinopler Depesche an die Direktion des "Oester-
reichischen Lloyd" zufolge heute eingestellt werden soll.
Man sieht: ob Kiamil Pascha oder Hilmi Pascha;
die Parole bleibt dieselbe: Geduld!

Die Anerkennung der bulgarischen Königs-
würde.

Am Goldenen Horn ist man über Rußlands eigen-
mächtigen, einseitigen Schritt hinsichtlich der Anerkennung
König Ferdinands offensichtlich sehr verstimmt
und hält daran fest, daß die Anerkennung nur im Ein-
vernehmen mit der Pforte hätte erfolgen dürfen. England
stellt sich in dieser Frage ganz auf die Seite der Türkei.
Daß die durch diese Aktion Rußlands verursachte
Verstimmung auf die türkisch-bulgarischen Be-
ziehungen nur störend einwirken kann und sie
verzögern, wenn nicht gar gefährden könnte, steht
wohl außer Frage; jedenfalls hat der russische
Vermittlungsvorschlag unter solchen Verhältnissen wenig
Aussicht, von der Türkei angenommen zu werden.
Rußland hat mit seiner neuesten Ueberraschungspolitik,
wie sich zeigt, nicht viel Glück; anstatt die Entente der
Mächte zu fördern, hat Herr v. Iswolski sie gefährdet.
Auch die für Rußland so wertvolle Freundschaft mit
England scheint auf dem Spiele zu stehen; jedenfalls
ist es das erstemal, daß sich zwischen diesen zwei
Mächten, die in der jüngsten Balkankrise immer ein
Herz und ein Sinn gewesen sind, verschiedene Auf-
fassungen zeigen. Eine Wendung in der Stellung und
Gruppierung der Mächte hinsichtlich der Balkanfrage
wäre in der nächsten Zukunft sonach keineswegs aus-
geschlossen.

(Privattelegramm.) Die
Blätter melden aus Konstantinopel: Nach dem
Besuche des russischen Botschafters Sinowjeff bei
dem Großvezier traten die Minister zu einer Beratung
zusammen, worauf längere Instruktionen an den Bot-
schafter in Petersburg, sowie an die übrigen
Botschaster ergingen. Die Pforte vertritt den Stand-
punkt, daß die Anerkennung Bulgariens im Wider-
spruche zu den Berliner Abmachungen

stehe und daß die Großmächte verpflichtet gewesen
wären, vorher eine Verständigung mit
der Pforte anzubahnen.
Der hiesige englische
Botschafter äußerte sich gegenüber verschiedenen diplo-
matischen Persönlichkeiten dahin, England würde die
Unabhängigkeit und die Proklamierung Bulgariens zum
Königreiche nichteher anerkennen, als bis dies auch
seitens der Türkei geschehen ist.

Flucht des Führers der Liberalen aus
Konstantinopel.

(Privattelegramm.) Die
Blätter melden aus Konstantinopel: Der Milchbruder des
Prinzen Sabah Eddin, Fazly Bey, der als
Führer der liberalen Partei betrachtet
wird, ist nach dem Sturze Kiamil Paschas, wie
[Spaltenumbruch] jetzt bekannt wird, plötzlich aus Konstantinopel ver-
schwunden und ins Ausland gereist. Man
glaubt, daß er zu dieser fluchtartigen Abreise durch
Drohungen des Komitees für Einheit und Fortschritt
bewogen wurde, welche ihn für seine persönliche Sicher-
heit fürchten ließen. Wie es heißt, hat sich Fazly Bey
nach Paris begeben.

Tod des Metropoliten von Monastir.

(Privattelegramm.) Aus
Konstantinopel wird gemeldet: Der Metropolit von
Monastir, Joachim Phoropulos, der während
der mazedonischen Wirren zweimal von der Pforte von
seinem Amtssitze weg gewaltsam nach Konstantinopel
gebracht wurde und jetzt als Mitglied der ökumenischen
Synode in Konstantinopel weilte, ist plötzlich gestorben.
Die griechischen Blätter widmen dem Verstorbenen
ehrende Nachrufe.

Der Boykott.

Gestern abend erhielt die
Direktion des Oesterreichischen Lloyd von ihrer
Konstantinopler Agentie ein Telegramm, wonach mit
Bestimmtheit
verlautet, daß morgen die
Löscharbeiten
auf den Lloyddampfern auf-
genommen werden.

Der Boykott ist
auch in Santi Quaranta offiziell eingestellt
worden.




Politische Rundschau.
Oesterreich-Ungarn.


Der Wiederzusammentritt des Reichsrates.

Die Besprechungen, die in dieser Woche zwischen dem
Ministerpräsidenten und den Parteiführern stattfinden
werden, dürften Gewißheit über das Ergebnis des Ver-
suches der Regierung bringen, den Reichsrat zur recht-
zeitigen Erledigung der Vorlagen über das Rekruten-
kontingent, die Annexion und die Eisenbahnenverstaat-
lichung einzuberufen. Wie wir erfahren, ist für den
Fall, als das Experiment gelingt, beabsichtigt, wenigstens
die parlamentarischen Ausschüsse ihre
Arbeiten fortsetzen zu lassen,
damit nach
der Herstellung der Arbeitsfähigkeit des Hauses dieses
sofort mit den fertigen Beschlüssen und Arbeiten der
Ausschüsse beschäftigt werden kann.

Die Unstimmigkeiten im Polenklub.

Der
Lemberger "Kurjer Lwowski" greift in seinem gestrigen
Leitartikel in der heftigsten Weise den Minister für
Galizien David v. Abrahamowicz an und er-
klärt, daß von einem weiteren Verbleiben des Ministers
im Kabinette absolut keine Rede mehr sein könne. Der
Polenklub müsse sich vielmehr mit der Frage befassen,
ob Ritter v. Abrahamowicz überhaupt noch
Mitglied des Parlaments bleiben könne. In der ganzen
parlamentarischen Aera habe kein Mitglied des Polen-
klubs derart die Solidarität, das Ansehen und die Be-
deutung des Polenklubs in der Oeffentlichkeit herab-
gesetzt, wie Ritter v. Abrahamowicz, der sich krankhaft
an seinen Ministerstuhl anklammere. -- Minister
Ritter v. Abrahamowicz hatte nämlich den
Herren Glabinski, Stapinski und Ge-
nossen vorgeworfen, daß sie nach der Ministerschaft
streben. Wenn einer von einem Posten, den andere an-
streben, nicht gehen will, so gibt es eben Konflikte, wie
sie jetzt im Polenklub an der Tagesordnung sind.


[Spaltenumbruch]

Heute Mittag soll eine Konferenz des Ministers für
Galizien R. v. Abrahamovicz mit dem Minister-
präsidenten Freiherrn v. Bienerth stattfinden.

Abg. Kuhn gegen die gewalttätige tschechische
Obstruktion.

Die Bezirksvertretung Döbling hat in
ihrer vorgestern abgehaltenen Sitzung eine vom
BR. Schönwetter beantragte Resolution angenommen,
in welcher das Bedauern darüber ausgesprochen wird,
daß durch eine kleine Anzahl von Abgeordneten die
Tätigkeit des Abgeordnetenhauses lahmgelegt wurde,
und zugleich dem BV. Rabg. Kuhn für seine parla-
mentarische Tätigkeit der Dank votiert wird. BV. Kuhn
beantwortete diese Kundgebung mit einer längeren Rede,
in der er u. a. sagte: "Es ist gewiß höchst bedauerlich,
daß zwanzig Mann imstande waren, die Tätigkeit des
auf den breitesten demokratischen Prinzipien auf-
gebauten Volksparlaments unmöglich zu machen.
Den einen Vorwurf mache ich uns selbst:
daß nämlich wir arbeitswilligen Parteien nicht
imstande waren, diese Störenfriede hinauszuweisen.
Die Obstruierenden haben gezeigt, daß sie nicht einmal
eine Aussprache über die Sprachenfrage wünschen. Wer
den ehrlichen Willen zur Lösung der Sprachenfrage hat,
hätte eine solche Aussprache ermöglicht. Das Verhalten
der Tschechen im Parlament beweist, daß ihre Gelüste
noch weiter gehen. Sie wollen auch in Niederösterreich
festen Fuß fassen. Deshalb müssen wir mit allem Nach-
druck verlangen, daß die Lex Axmann Gesetz
werde. (Lebhafter Beifall.) Es ist der feste Wille
unserer Partei, daß dieses Gesetz zur Tat wird.
Eines aber weiß ich bestimmt: Wenn das Haus wieder
zusammenberufen wird, können Sie ganz ruhig sein;
eine derartige neuerliche Störung der Verhandlung wird
man sich nicht gefallen lassen!" (Stürmischer Beifall.)

Sanktionierung der Landtagswahlreform in
Steiermark.

Wie das Amtsblatt meldet, hat die vom
Landtage in Steiermark beschlossene Landtagswahlordnung
die kaiserliche Sanktion erhalten. An dem Gesetze sind
vorher vom hiezu ermächtigten Landesausschusse einige
Aenderungen vorgenommen worden. Dadurch hat sich
die längst erwartete Sanktion verzögert.

Die Christlichsozialen Salzburgs haben die
am 18. Februar erfolgte Ausschreibung der Landtags-
wahlen schon am 20. Februar mit der Veröffentlichung
ihrer Bewerberliste in der "Salzburger Chronik" beant-
wortet. Ein Zeichen, daß die Parteileitung in stiller,
zielbewußter Arbeit sich für den Kampf gerüstet hat.
Tags zuvor schrieben die liberalen Provinzblätter, daß
die Landtagswahlen sich im Zeichen des Kompromisses
vollziehen würden, weil keine Partei "für sich allein das
unbedingte Bewußtsein genügender Kraft habe, um den
Wahlkampf mit sicherer Aussicht auf Erfolg aufnehmen
zu können. Dieses Bewußtsein einer ge-
wissen Schwäche
drückt dem bevorstehenden
Wahlkampf ein charakteristisches Merkmal auf." (Linzer
"Tagespost", "Innsbrucker Nachrichten".) Nun, auf das
Bewußtsein der Schwäche deutet das kampfbereite Auf-
treten der Christlichsozialen gerade nicht hin, sie sind ja,
wenn sie auch für Bürgerstand, Bauernstand und Arbeiterschaft
gesonderte politische Organisationen haben, eine ein-
heitlich geschlossene Partei, wie die prompte Aufstellung
ihrer Wahlwerber beweist.

Für die Wahlen ist die erste Hälfte Mai be-
stimmt: Die 4. Kurie wählt am 3. Mai, die Land-
gemeinden am 7., die Städte und Märkte am 11. und
der Großgrundbesitz am 15. Mai. Die Kandidaten für
die Stadt Salzburg und den Vorortewahlbezirk Maxglan-
Gnigl werden "aus taktischen Gründen" noch nicht ge-




[Spaltenumbruch]
Literarische Post.



Walter von Molo, Klaus Tiedemann
der Kaufmann.
Roman. Berlin 1909. F. Fontane.
8° (234) broschiert Kronen 3.60.

Vom Wiener Aesthetentum, wie es sich etwa in Hugo
von Hofmannsthals ganzer dichterischen Art am deutlichsten
ausprägt, bis zur gegenständlichen Erzählungskunst eines
Walter von Molo ist ein weiter Weg. Wurzelt die Kunst
jemals in Traum und Vergangenheit und zeigt sich ihre
sprachliche Seite von allen Wundern des sinnlichen Zaubers
erfüllt, so steht dieser mit beiden Beinen auf dem harten
Boden der Wirklichkeit und des Alltags und nimmt seine
Stoffe aus der gärenden Masse drängender Zeitprobleme,
die er mit einfachsten sprachlichen Mitteln vor uns ent-
faltet. Molos erster Roman "Wie sie das Leben zwangen"
aus dem Jahre 1906 war ein starkes Versprechen
auf die Zukunft, das im vorliegenden Werke
glänzend eingelöst erscheint. Es führt in nicht
gerade erfreuliche Verhältnisse hinein, aber es packt das
Problem bei der richtigen Seite und weiß es spannend
durchzuführen. Walter von Molo erweist sich als ein her-
vorragender Erzähler, der den Hauptfaden in raschem
Tempo abwickelt und alles unnötige Rankenwerk mit un-
barmherziger Hand wegbiegt. Ein großer Teil der Er-
zählung verläuft in fast dramatischer Wechselrede, die eine
starke Begabung für die Bühne durchblicken läßt. Alles Lob
verdient die mit wenigen Strichen Charaktere von schärfster
Plastik schaffende Gestaltungskraft und die satirische Be-
leuchtung innerlich hohler Gesellschaftstypen. Der Kern des
Romans ist der Gedanke der durch nichts beirrten Pflicht
gegen Familie und Nebenmenschen, deren Vernachlässigung
den Helden des Romans in sein tragisches Geschick treibt.

Franz Ranegger.

Mitteilungen der Kunstsektion der
Oesterreichischen Leogesellschaft.
1. Heft.
Praktischer Führer auf dem Gebiete christlicher Kunst in
Oesterreich. Samt einer Auswahl neuerer Werke. -- Seit
Jahren arbeitet die Kunstsektion der Oesterreichischen Leo-
gesellschaft mit ungemeinem Eifer an der Hebung der
christlichen Kunst, insbesondere durch die Förderung eines
[Spaltenumbruch] möglichst direkten Verkehres zwischen Auftraggeber und
Künstler mit Ausschluß jedes Zwischenhandels. Die in
früheren Jahren veranstalteten diesbezüglichen Ausstellungen
im Künstlerhause und in den Räumen des Hauses der
Leogesellschaft zeitigten jedoch, weil Veranstaltungen nur
lokaler Natur, offenbar keinen wünschenswerten Erfolg,
und so wendet sich nun die Kunstsektion mit vorliegender
Publikation an einen größeren Interessentenkreis, ins-
besondere an den katholischen Klerus, indem sie in der-
selben mit lapidaren Sätzen die Notwendigkeit des direkten
Verkehres zwischen Auftraggeber und Künstler darstellt, sich
durch die zu diesem Zwecke gegründete Gesellschaft für
christliche Kunst (Wien, 1. Bezirk, Bäckerstraße 14) als un-
entgeltlicher Vermittler aubietet und gleichzeitig in einer
größeren Auswahl von Abbildungen neuere Werke lebender
österreichischer Künstler vorbildlich vor Augen stellt. Es
sind darin zunächst 38 Künstler, und zwar 11 Architekten,
13 Bildhauer und 14 Maler vertreten, dies derart, daß
von jedem derselben ein oder mehrere Werke in der Ab-
bildung und eine kurze Besprechung seines Wirkens nebst
Angabe seiner Adresse im Text Aufnahme fanden. Die
Publikation erhebt keineswegs Anspruch auf irgendwelche
Vollständigkeit, noch weniger auf eine streng kritische Aus-
wahl unter den Werken der Künstler -- dies war und ist
ja nicht der Zweck derselben. So muß es der Anhänger der
retrospektiven Stilübung hinnehmen, daß auch die Werke
solcher Künstler aufgenommen sind, welche sich ganz der
Moderne hingegeben haben, und umgekehrt. Auch sind
ebenso wohl ganz hervorragende, bereits allgemein be-
kannte Kunstwerke, wie auch solche des stillen Schaffens
dargestellt. -- Der Zweck und Erfolg dieses Führers kann
aber nicht an diesem ersten Heft, sondern wohl nur im Zu-
sammenhange mit seinen Nachfolgern erreicht und kritisch
untersucht werden; nur was gewollt wird, zeigt dasselbe
und dies ist sicher ein großer Schritt vorwärts zum Guten.
Nachdem diese Publikation mit Unterstützung des k. k.
Ministeriums für Kultus und Unterricht erfolgte, ist damit
das wohlwollende Interesse desselben für die Hebung der
christlichen Kunst und die Sache der katholischen Künstler
anerkennenswert dokumentiert. Möge sie nun auch
im Kreise des Klerus und der katholischen Bevölkerung
eine weite Verbreitung finden und gute Früchte zeitigen.


[Spaltenumbruch]
Einführung in die Volkswirtschaft,

von Dr. Eugen Schwiedland, ordentlicher Professor
der Politischen Oekonomie und Hofrat im Ministerium für
öffentliche Arbeiten. Wien 1909, Manzscher Verlag.

Wenige Wissenszweige, die für die Allgemeinheit
von so weittragender Bedeutung sind, wie die
Lehre von der Volkswirtschaft, werden bei uns in
solchem Maße vernachlässigt. Zwar können wir nicht über
einen Mangel an Lehrern, nicht einmal über Mangel an
tüchtigen Lehrern klagen; eher über einen Mangel
an Schülern, denen die Möglichkeit gegeben wäre, sich mit
dieser Wissenschaft so intensiv zu beschäftigen, wie es ihre
praktische Bedeutung und ihr Umfang verlangen. Nur etwa
ein Sechstel der Studienzeit an den rechts- und staats-
wissenschaftlichen Fakultäten ist der Volkswirtschaftslehre
zugemessen.

Daß wir aber den Mangel an geschulten National-
ökonomen im wirtschaftlichen wie im politischen Leben ver-
spüren, bedarf für den Einsichtigen keiner Betonung. Dem
Ungenügen einer Studienorganisation ließe sich aber ge-
dankenmäßig durch die Literatur abhelfen. Tatsächlich
muß dies ja für alle jene geschehen, welche
bei uns Nationalökonomie studieren wollen. Aber
gerade der Anfänger stößt auf einen Wall, der am besten
durch mündlichen Vortrag überwunden werden könnte. Die
Grundbegriffe und Grundideen, die dem Zünftigen selbst-
verständlich sind und mit denen er als tägliches Handwerk-
zeug mühelos hantiert, bereiten dem Neuling das größte
Hindernis; der Zusammenhang zwischen der Wissen-
schaft
und dem Leben, zwischen der abstrakten Lehre
und der lebendigen Anschauung, die auch der Ungeschulte
kennt, ist bisher durch wenige wissenschaftliche Werke ge-
schaffen. Tatsächlich bietet auch gerade das Ausfüllen dieser
Lücke bedeutende Schwierigkeiten, da für den Zünftigen
alle Dinge, die dem Novizen erst klar werden müssen, als
Schwierigkeiten gar nicht zum Bewußtsein kommen und
weil der wissenschaftliche Trieb bisher Abstraktionen liebte.

Diesem Mangel hilft nun die vorliegende "Ein-
führung" ab.

Ein merkwürdiges Buch! Wer es aufschlägt und weiß,
daß der Verfasser Inhaber eines Ordinariates, also An-
gehöriger der Zunft ist, mag erwarten, daß er es mit einer
jener Einführungen in die Volkswirtschaftslehre zu tun


Wien, Montag Reichspoſt 22. Februar 1909. Nr. 53

[Spaltenumbruch]

zu der poſitiven Behauptung verdichtet hatte, die Unter-
zeichnung ſei ſchon erfolgt — war, wie ſich jetzt zeigt,
verfrüht; die Verhandlungen dauern noch
an;
im Weſen ſeien die beiden Parteien zwar einig,
doch beſtünden noch Differenzen hinſichtlich zweier
Punkte: erſtens des künftigen Verhältniſſes der in der
Monarchie, beziehungsweiſe in der Türkei lebenden
Bosnier zu den betreffenden Staaten und zweitens hin-
ſichtlich einer handelspolitiſchen Frage. Es ſei aber zu
hoffen, daß die Unterzeichnung in dieſer Woche erfolgen
werde. Man wird ſich alſo noch weiter in Geduld
faſſen müſſen; auch betreffs des Boykotts, der einer
Konſtantinopler Depeſche an die Direktion des „Oeſter-
reichiſchen Lloyd“ zufolge heute eingeſtellt werden ſoll.
Man ſieht: ob Kiamil Paſcha oder Hilmi Paſcha;
die Parole bleibt dieſelbe: Geduld!

Die Anerkennung der bulgariſchen Königs-
würde.

Am Goldenen Horn iſt man über Rußlands eigen-
mächtigen, einſeitigen Schritt hinſichtlich der Anerkennung
König Ferdinands offenſichtlich ſehr verſtimmt
und hält daran feſt, daß die Anerkennung nur im Ein-
vernehmen mit der Pforte hätte erfolgen dürfen. England
ſtellt ſich in dieſer Frage ganz auf die Seite der Türkei.
Daß die durch dieſe Aktion Rußlands verurſachte
Verſtimmung auf die türkiſch-bulgariſchen Be-
ziehungen nur ſtörend einwirken kann und ſie
verzögern, wenn nicht gar gefährden könnte, ſteht
wohl außer Frage; jedenfalls hat der ruſſiſche
Vermittlungsvorſchlag unter ſolchen Verhältniſſen wenig
Ausſicht, von der Türkei angenommen zu werden.
Rußland hat mit ſeiner neueſten Ueberraſchungspolitik,
wie ſich zeigt, nicht viel Glück; anſtatt die Entente der
Mächte zu fördern, hat Herr v. Iswolski ſie gefährdet.
Auch die für Rußland ſo wertvolle Freundſchaft mit
England ſcheint auf dem Spiele zu ſtehen; jedenfalls
iſt es das erſtemal, daß ſich zwiſchen dieſen zwei
Mächten, die in der jüngſten Balkankriſe immer ein
Herz und ein Sinn geweſen ſind, verſchiedene Auf-
faſſungen zeigen. Eine Wendung in der Stellung und
Gruppierung der Mächte hinſichtlich der Balkanfrage
wäre in der nächſten Zukunft ſonach keineswegs aus-
geſchloſſen.

(Privattelegramm.) Die
Blätter melden aus Konſtantinopel: Nach dem
Beſuche des ruſſiſchen Botſchafters Sinowjeff bei
dem Großvezier traten die Miniſter zu einer Beratung
zuſammen, worauf längere Inſtruktionen an den Bot-
ſchafter in Petersburg, ſowie an die übrigen
Botſchaſter ergingen. Die Pforte vertritt den Stand-
punkt, daß die Anerkennung Bulgariens im Wider-
ſpruche zu den Berliner Abmachungen

ſtehe und daß die Großmächte verpflichtet geweſen
wären, vorher eine Verſtändigung mit
der Pforte anzubahnen.
Der hieſige engliſche
Botſchafter äußerte ſich gegenüber verſchiedenen diplo-
matiſchen Perſönlichkeiten dahin, England würde die
Unabhängigkeit und die Proklamierung Bulgariens zum
Königreiche nichteher anerkennen, als bis dies auch
ſeitens der Türkei geſchehen iſt.

Flucht des Führers der Liberalen aus
Konſtantinopel.

(Privattelegramm.) Die
Blätter melden aus Konſtantinopel: Der Milchbruder des
Prinzen Sabah Eddin, Fazly Bey, der als
Führer der liberalen Partei betrachtet
wird, iſt nach dem Sturze Kiamil Paſchas, wie
[Spaltenumbruch] jetzt bekannt wird, plötzlich aus Konſtantinopel ver-
ſchwunden und ins Ausland gereiſt. Man
glaubt, daß er zu dieſer fluchtartigen Abreiſe durch
Drohungen des Komitees für Einheit und Fortſchritt
bewogen wurde, welche ihn für ſeine perſönliche Sicher-
heit fürchten ließen. Wie es heißt, hat ſich Fazly Bey
nach Paris begeben.

Tod des Metropoliten von Monaſtir.

(Privattelegramm.) Aus
Konſtantinopel wird gemeldet: Der Metropolit von
Monaſtir, Joachim Phoropulos, der während
der mazedoniſchen Wirren zweimal von der Pforte von
ſeinem Amtsſitze weg gewaltſam nach Konſtantinopel
gebracht wurde und jetzt als Mitglied der ökumeniſchen
Synode in Konſtantinopel weilte, iſt plötzlich geſtorben.
Die griechiſchen Blätter widmen dem Verſtorbenen
ehrende Nachrufe.

Der Boykott.

Geſtern abend erhielt die
Direktion des Oeſterreichiſchen Lloyd von ihrer
Konſtantinopler Agentie ein Telegramm, wonach mit
Beſtimmtheit
verlautet, daß morgen die
Löſcharbeiten
auf den Lloyddampfern auf-
genommen werden.

Der Boykott iſt
auch in Santi Quaranta offiziell eingeſtellt
worden.




Politiſche Rundſchau.
Oeſterreich-Ungarn.


Der Wiederzuſammentritt des Reichsrates.

Die Beſprechungen, die in dieſer Woche zwiſchen dem
Miniſterpräſidenten und den Parteiführern ſtattfinden
werden, dürften Gewißheit über das Ergebnis des Ver-
ſuches der Regierung bringen, den Reichsrat zur recht-
zeitigen Erledigung der Vorlagen über das Rekruten-
kontingent, die Annexion und die Eiſenbahnenverſtaat-
lichung einzuberufen. Wie wir erfahren, iſt für den
Fall, als das Experiment gelingt, beabſichtigt, wenigſtens
die parlamentariſchen Ausſchüſſe ihre
Arbeiten fortſetzen zu laſſen,
damit nach
der Herſtellung der Arbeitsfähigkeit des Hauſes dieſes
ſofort mit den fertigen Beſchlüſſen und Arbeiten der
Ausſchüſſe beſchäftigt werden kann.

Die Unſtimmigkeiten im Polenklub.

Der
Lemberger „Kurjer Lwowski“ greift in ſeinem geſtrigen
Leitartikel in der heftigſten Weiſe den Miniſter für
Galizien David v. Abrahamowicz an und er-
klärt, daß von einem weiteren Verbleiben des Miniſters
im Kabinette abſolut keine Rede mehr ſein könne. Der
Polenklub müſſe ſich vielmehr mit der Frage befaſſen,
ob Ritter v. Abrahamowicz überhaupt noch
Mitglied des Parlaments bleiben könne. In der ganzen
parlamentariſchen Aera habe kein Mitglied des Polen-
klubs derart die Solidarität, das Anſehen und die Be-
deutung des Polenklubs in der Oeffentlichkeit herab-
geſetzt, wie Ritter v. Abrahamowicz, der ſich krankhaft
an ſeinen Miniſterſtuhl anklammere. — Miniſter
Ritter v. Abrahamowicz hatte nämlich den
Herren Glabinski, Stapinski und Ge-
noſſen vorgeworfen, daß ſie nach der Miniſterſchaft
ſtreben. Wenn einer von einem Poſten, den andere an-
ſtreben, nicht gehen will, ſo gibt es eben Konflikte, wie
ſie jetzt im Polenklub an der Tagesordnung ſind.


[Spaltenumbruch]

Heute Mittag ſoll eine Konferenz des Miniſters für
Galizien R. v. Abrahamovicz mit dem Miniſter-
präſidenten Freiherrn v. Bienerth ſtattfinden.

Abg. Kuhn gegen die gewalttätige tſchechiſche
Obſtruktion.

Die Bezirksvertretung Döbling hat in
ihrer vorgeſtern abgehaltenen Sitzung eine vom
BR. Schönwetter beantragte Reſolution angenommen,
in welcher das Bedauern darüber ausgeſprochen wird,
daß durch eine kleine Anzahl von Abgeordneten die
Tätigkeit des Abgeordnetenhauſes lahmgelegt wurde,
und zugleich dem BV. Rabg. Kuhn für ſeine parla-
mentariſche Tätigkeit der Dank votiert wird. BV. Kuhn
beantwortete dieſe Kundgebung mit einer längeren Rede,
in der er u. a. ſagte: „Es iſt gewiß höchſt bedauerlich,
daß zwanzig Mann imſtande waren, die Tätigkeit des
auf den breiteſten demokratiſchen Prinzipien auf-
gebauten Volksparlaments unmöglich zu machen.
Den einen Vorwurf mache ich uns ſelbſt:
daß nämlich wir arbeitswilligen Parteien nicht
imſtande waren, dieſe Störenfriede hinauszuweiſen.
Die Obſtruierenden haben gezeigt, daß ſie nicht einmal
eine Ausſprache über die Sprachenfrage wünſchen. Wer
den ehrlichen Willen zur Löſung der Sprachenfrage hat,
hätte eine ſolche Ausſprache ermöglicht. Das Verhalten
der Tſchechen im Parlament beweiſt, daß ihre Gelüſte
noch weiter gehen. Sie wollen auch in Niederöſterreich
feſten Fuß faſſen. Deshalb müſſen wir mit allem Nach-
druck verlangen, daß die Lex Axmann Geſetz
werde. (Lebhafter Beifall.) Es iſt der feſte Wille
unſerer Partei, daß dieſes Geſetz zur Tat wird.
Eines aber weiß ich beſtimmt: Wenn das Haus wieder
zuſammenberufen wird, können Sie ganz ruhig ſein;
eine derartige neuerliche Störung der Verhandlung wird
man ſich nicht gefallen laſſen!“ (Stürmiſcher Beifall.)

Sanktionierung der Landtagswahlreform in
Steiermark.

Wie das Amtsblatt meldet, hat die vom
Landtage in Steiermark beſchloſſene Landtagswahlordnung
die kaiſerliche Sanktion erhalten. An dem Geſetze ſind
vorher vom hiezu ermächtigten Landesausſchuſſe einige
Aenderungen vorgenommen worden. Dadurch hat ſich
die längſt erwartete Sanktion verzögert.

Die Chriſtlichſozialen Salzburgs haben die
am 18. Februar erfolgte Ausſchreibung der Landtags-
wahlen ſchon am 20. Februar mit der Veröffentlichung
ihrer Bewerberliſte in der „Salzburger Chronik“ beant-
wortet. Ein Zeichen, daß die Parteileitung in ſtiller,
zielbewußter Arbeit ſich für den Kampf gerüſtet hat.
Tags zuvor ſchrieben die liberalen Provinzblätter, daß
die Landtagswahlen ſich im Zeichen des Kompromiſſes
vollziehen würden, weil keine Partei „für ſich allein das
unbedingte Bewußtſein genügender Kraft habe, um den
Wahlkampf mit ſicherer Ausſicht auf Erfolg aufnehmen
zu können. Dieſes Bewußtſein einer ge-
wiſſen Schwäche
drückt dem bevorſtehenden
Wahlkampf ein charakteriſtiſches Merkmal auf.“ (Linzer
„Tagespoſt“, „Innsbrucker Nachrichten“.) Nun, auf das
Bewußtſein der Schwäche deutet das kampfbereite Auf-
treten der Chriſtlichſozialen gerade nicht hin, ſie ſind ja,
wenn ſie auch für Bürgerſtand, Bauernſtand und Arbeiterſchaft
geſonderte politiſche Organiſationen haben, eine ein-
heitlich geſchloſſene Partei, wie die prompte Aufſtellung
ihrer Wahlwerber beweiſt.

Für die Wahlen iſt die erſte Hälfte Mai be-
ſtimmt: Die 4. Kurie wählt am 3. Mai, die Land-
gemeinden am 7., die Städte und Märkte am 11. und
der Großgrundbeſitz am 15. Mai. Die Kandidaten für
die Stadt Salzburg und den Vorortewahlbezirk Maxglan-
Gnigl werden „aus taktiſchen Gründen“ noch nicht ge-




[Spaltenumbruch]
Literariſche Poſt.



Walter von Molo, Klaus Tiedemann
der Kaufmann.
Roman. Berlin 1909. F. Fontane.
8° (234) broſchiert Kronen 3.60.

Vom Wiener Aeſthetentum, wie es ſich etwa in Hugo
von Hofmannsthals ganzer dichteriſchen Art am deutlichſten
ausprägt, bis zur gegenſtändlichen Erzählungskunſt eines
Walter von Molo iſt ein weiter Weg. Wurzelt die Kunſt
jemals in Traum und Vergangenheit und zeigt ſich ihre
ſprachliche Seite von allen Wundern des ſinnlichen Zaubers
erfüllt, ſo ſteht dieſer mit beiden Beinen auf dem harten
Boden der Wirklichkeit und des Alltags und nimmt ſeine
Stoffe aus der gärenden Maſſe drängender Zeitprobleme,
die er mit einfachſten ſprachlichen Mitteln vor uns ent-
faltet. Molos erſter Roman „Wie ſie das Leben zwangen“
aus dem Jahre 1906 war ein ſtarkes Verſprechen
auf die Zukunft, das im vorliegenden Werke
glänzend eingelöſt erſcheint. Es führt in nicht
gerade erfreuliche Verhältniſſe hinein, aber es packt das
Problem bei der richtigen Seite und weiß es ſpannend
durchzuführen. Walter von Molo erweiſt ſich als ein her-
vorragender Erzähler, der den Hauptfaden in raſchem
Tempo abwickelt und alles unnötige Rankenwerk mit un-
barmherziger Hand wegbiegt. Ein großer Teil der Er-
zählung verläuft in faſt dramatiſcher Wechſelrede, die eine
ſtarke Begabung für die Bühne durchblicken läßt. Alles Lob
verdient die mit wenigen Strichen Charaktere von ſchärfſter
Plaſtik ſchaffende Geſtaltungskraft und die ſatiriſche Be-
leuchtung innerlich hohler Geſellſchaftstypen. Der Kern des
Romans iſt der Gedanke der durch nichts beirrten Pflicht
gegen Familie und Nebenmenſchen, deren Vernachläſſigung
den Helden des Romans in ſein tragiſches Geſchick treibt.

Franz Ranegger.

Mitteilungen der Kunſtſektion der
Oeſterreichiſchen Leogeſellſchaft.
1. Heft.
Praktiſcher Führer auf dem Gebiete chriſtlicher Kunſt in
Oeſterreich. Samt einer Auswahl neuerer Werke. — Seit
Jahren arbeitet die Kunſtſektion der Oeſterreichiſchen Leo-
geſellſchaft mit ungemeinem Eifer an der Hebung der
chriſtlichen Kunſt, insbeſondere durch die Förderung eines
[Spaltenumbruch] möglichſt direkten Verkehres zwiſchen Auftraggeber und
Künſtler mit Ausſchluß jedes Zwiſchenhandels. Die in
früheren Jahren veranſtalteten diesbezüglichen Ausſtellungen
im Künſtlerhauſe und in den Räumen des Hauſes der
Leogeſellſchaft zeitigten jedoch, weil Veranſtaltungen nur
lokaler Natur, offenbar keinen wünſchenswerten Erfolg,
und ſo wendet ſich nun die Kunſtſektion mit vorliegender
Publikation an einen größeren Intereſſentenkreis, ins-
beſondere an den katholiſchen Klerus, indem ſie in der-
ſelben mit lapidaren Sätzen die Notwendigkeit des direkten
Verkehres zwiſchen Auftraggeber und Künſtler darſtellt, ſich
durch die zu dieſem Zwecke gegründete Geſellſchaft für
chriſtliche Kunſt (Wien, 1. Bezirk, Bäckerſtraße 14) als un-
entgeltlicher Vermittler aubietet und gleichzeitig in einer
größeren Auswahl von Abbildungen neuere Werke lebender
öſterreichiſcher Künſtler vorbildlich vor Augen ſtellt. Es
ſind darin zunächſt 38 Künſtler, und zwar 11 Architekten,
13 Bildhauer und 14 Maler vertreten, dies derart, daß
von jedem derſelben ein oder mehrere Werke in der Ab-
bildung und eine kurze Beſprechung ſeines Wirkens nebſt
Angabe ſeiner Adreſſe im Text Aufnahme fanden. Die
Publikation erhebt keineswegs Anſpruch auf irgendwelche
Vollſtändigkeit, noch weniger auf eine ſtreng kritiſche Aus-
wahl unter den Werken der Künſtler — dies war und iſt
ja nicht der Zweck derſelben. So muß es der Anhänger der
retroſpektiven Stilübung hinnehmen, daß auch die Werke
ſolcher Künſtler aufgenommen ſind, welche ſich ganz der
Moderne hingegeben haben, und umgekehrt. Auch ſind
ebenſo wohl ganz hervorragende, bereits allgemein be-
kannte Kunſtwerke, wie auch ſolche des ſtillen Schaffens
dargeſtellt. — Der Zweck und Erfolg dieſes Führers kann
aber nicht an dieſem erſten Heft, ſondern wohl nur im Zu-
ſammenhange mit ſeinen Nachfolgern erreicht und kritiſch
unterſucht werden; nur was gewollt wird, zeigt dasſelbe
und dies iſt ſicher ein großer Schritt vorwärts zum Guten.
Nachdem dieſe Publikation mit Unterſtützung des k. k.
Miniſteriums für Kultus und Unterricht erfolgte, iſt damit
das wohlwollende Intereſſe desſelben für die Hebung der
chriſtlichen Kunſt und die Sache der katholiſchen Künſtler
anerkennenswert dokumentiert. Möge ſie nun auch
im Kreiſe des Klerus und der katholiſchen Bevölkerung
eine weite Verbreitung finden und gute Früchte zeitigen.


[Spaltenumbruch]
Einführung in die Volkswirtſchaft,

von Dr. Eugen Schwiedland, ordentlicher Profeſſor
der Politiſchen Oekonomie und Hofrat im Miniſterium für
öffentliche Arbeiten. Wien 1909, Manzſcher Verlag.

Wenige Wiſſenszweige, die für die Allgemeinheit
von ſo weittragender Bedeutung ſind, wie die
Lehre von der Volkswirtſchaft, werden bei uns in
ſolchem Maße vernachläſſigt. Zwar können wir nicht über
einen Mangel an Lehrern, nicht einmal über Mangel an
tüchtigen Lehrern klagen; eher über einen Mangel
an Schülern, denen die Möglichkeit gegeben wäre, ſich mit
dieſer Wiſſenſchaft ſo intenſiv zu beſchäftigen, wie es ihre
praktiſche Bedeutung und ihr Umfang verlangen. Nur etwa
ein Sechſtel der Studienzeit an den rechts- und ſtaats-
wiſſenſchaftlichen Fakultäten iſt der Volkswirtſchaftslehre
zugemeſſen.

Daß wir aber den Mangel an geſchulten National-
ökonomen im wirtſchaftlichen wie im politiſchen Leben ver-
ſpüren, bedarf für den Einſichtigen keiner Betonung. Dem
Ungenügen einer Studienorganiſation ließe ſich aber ge-
dankenmäßig durch die Literatur abhelfen. Tatſächlich
muß dies ja für alle jene geſchehen, welche
bei uns Nationalökonomie ſtudieren wollen. Aber
gerade der Anfänger ſtößt auf einen Wall, der am beſten
durch mündlichen Vortrag überwunden werden könnte. Die
Grundbegriffe und Grundideen, die dem Zünftigen ſelbſt-
verſtändlich ſind und mit denen er als tägliches Handwerk-
zeug mühelos hantiert, bereiten dem Neuling das größte
Hindernis; der Zuſammenhang zwiſchen der Wiſſen-
ſchaft
und dem Leben, zwiſchen der abſtrakten Lehre
und der lebendigen Anſchauung, die auch der Ungeſchulte
kennt, iſt bisher durch wenige wiſſenſchaftliche Werke ge-
ſchaffen. Tatſächlich bietet auch gerade das Ausfüllen dieſer
Lücke bedeutende Schwierigkeiten, da für den Zünftigen
alle Dinge, die dem Novizen erſt klar werden müſſen, als
Schwierigkeiten gar nicht zum Bewußtſein kommen und
weil der wiſſenſchaftliche Trieb bisher Abſtraktionen liebte.

Dieſem Mangel hilft nun die vorliegende „Ein-
führung“ ab.

Ein merkwürdiges Buch! Wer es aufſchlägt und weiß,
daß der Verfaſſer Inhaber eines Ordinariates, alſo An-
gehöriger der Zunft iſt, mag erwarten, daß er es mit einer
jener Einführungen in die Volkswirtſchaftslehre zu tun


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[2/0002] Wien, Montag Reichspoſt 22. Februar 1909. Nr. 53 zu der poſitiven Behauptung verdichtet hatte, die Unter- zeichnung ſei ſchon erfolgt — war, wie ſich jetzt zeigt, verfrüht; die Verhandlungen dauern noch an; im Weſen ſeien die beiden Parteien zwar einig, doch beſtünden noch Differenzen hinſichtlich zweier Punkte: erſtens des künftigen Verhältniſſes der in der Monarchie, beziehungsweiſe in der Türkei lebenden Bosnier zu den betreffenden Staaten und zweitens hin- ſichtlich einer handelspolitiſchen Frage. Es ſei aber zu hoffen, daß die Unterzeichnung in dieſer Woche erfolgen werde. Man wird ſich alſo noch weiter in Geduld faſſen müſſen; auch betreffs des Boykotts, der einer Konſtantinopler Depeſche an die Direktion des „Oeſter- reichiſchen Lloyd“ zufolge heute eingeſtellt werden ſoll. Man ſieht: ob Kiamil Paſcha oder Hilmi Paſcha; die Parole bleibt dieſelbe: Geduld! Die Anerkennung der bulgariſchen Königs- würde. Am Goldenen Horn iſt man über Rußlands eigen- mächtigen, einſeitigen Schritt hinſichtlich der Anerkennung König Ferdinands offenſichtlich ſehr verſtimmt und hält daran feſt, daß die Anerkennung nur im Ein- vernehmen mit der Pforte hätte erfolgen dürfen. England ſtellt ſich in dieſer Frage ganz auf die Seite der Türkei. Daß die durch dieſe Aktion Rußlands verurſachte Verſtimmung auf die türkiſch-bulgariſchen Be- ziehungen nur ſtörend einwirken kann und ſie verzögern, wenn nicht gar gefährden könnte, ſteht wohl außer Frage; jedenfalls hat der ruſſiſche Vermittlungsvorſchlag unter ſolchen Verhältniſſen wenig Ausſicht, von der Türkei angenommen zu werden. Rußland hat mit ſeiner neueſten Ueberraſchungspolitik, wie ſich zeigt, nicht viel Glück; anſtatt die Entente der Mächte zu fördern, hat Herr v. Iswolski ſie gefährdet. Auch die für Rußland ſo wertvolle Freundſchaft mit England ſcheint auf dem Spiele zu ſtehen; jedenfalls iſt es das erſtemal, daß ſich zwiſchen dieſen zwei Mächten, die in der jüngſten Balkankriſe immer ein Herz und ein Sinn geweſen ſind, verſchiedene Auf- faſſungen zeigen. Eine Wendung in der Stellung und Gruppierung der Mächte hinſichtlich der Balkanfrage wäre in der nächſten Zukunft ſonach keineswegs aus- geſchloſſen. Berlin, 21. Februar. (Privattelegramm.) Die Blätter melden aus Konſtantinopel: Nach dem Beſuche des ruſſiſchen Botſchafters Sinowjeff bei dem Großvezier traten die Miniſter zu einer Beratung zuſammen, worauf längere Inſtruktionen an den Bot- ſchafter in Petersburg, ſowie an die übrigen Botſchaſter ergingen. Die Pforte vertritt den Stand- punkt, daß die Anerkennung Bulgariens im Wider- ſpruche zu den Berliner Abmachungen ſtehe und daß die Großmächte verpflichtet geweſen wären, vorher eine Verſtändigung mit der Pforte anzubahnen. Der hieſige engliſche Botſchafter äußerte ſich gegenüber verſchiedenen diplo- matiſchen Perſönlichkeiten dahin, England würde die Unabhängigkeit und die Proklamierung Bulgariens zum Königreiche nichteher anerkennen, als bis dies auch ſeitens der Türkei geſchehen iſt. Flucht des Führers der Liberalen aus Konſtantinopel. London, 21. Februar. (Privattelegramm.) Die Blätter melden aus Konſtantinopel: Der Milchbruder des Prinzen Sabah Eddin, Fazly Bey, der als Führer der liberalen Partei betrachtet wird, iſt nach dem Sturze Kiamil Paſchas, wie jetzt bekannt wird, plötzlich aus Konſtantinopel ver- ſchwunden und ins Ausland gereiſt. Man glaubt, daß er zu dieſer fluchtartigen Abreiſe durch Drohungen des Komitees für Einheit und Fortſchritt bewogen wurde, welche ihn für ſeine perſönliche Sicher- heit fürchten ließen. Wie es heißt, hat ſich Fazly Bey nach Paris begeben. Tod des Metropoliten von Monaſtir. London, 21. Februar. (Privattelegramm.) Aus Konſtantinopel wird gemeldet: Der Metropolit von Monaſtir, Joachim Phoropulos, der während der mazedoniſchen Wirren zweimal von der Pforte von ſeinem Amtsſitze weg gewaltſam nach Konſtantinopel gebracht wurde und jetzt als Mitglied der ökumeniſchen Synode in Konſtantinopel weilte, iſt plötzlich geſtorben. Die griechiſchen Blätter widmen dem Verſtorbenen ehrende Nachrufe. Der Boykott. Trieſt, 21. Februar. Geſtern abend erhielt die Direktion des Oeſterreichiſchen Lloyd von ihrer Konſtantinopler Agentie ein Telegramm, wonach mit Beſtimmtheit verlautet, daß morgen die Löſcharbeiten auf den Lloyddampfern auf- genommen werden. Konſtantinopel, 21. Februar. Der Boykott iſt auch in Santi Quaranta offiziell eingeſtellt worden. Politiſche Rundſchau. Oeſterreich-Ungarn. Wien, 22. Februar. Der Wiederzuſammentritt des Reichsrates. Die Beſprechungen, die in dieſer Woche zwiſchen dem Miniſterpräſidenten und den Parteiführern ſtattfinden werden, dürften Gewißheit über das Ergebnis des Ver- ſuches der Regierung bringen, den Reichsrat zur recht- zeitigen Erledigung der Vorlagen über das Rekruten- kontingent, die Annexion und die Eiſenbahnenverſtaat- lichung einzuberufen. Wie wir erfahren, iſt für den Fall, als das Experiment gelingt, beabſichtigt, wenigſtens die parlamentariſchen Ausſchüſſe ihre Arbeiten fortſetzen zu laſſen, damit nach der Herſtellung der Arbeitsfähigkeit des Hauſes dieſes ſofort mit den fertigen Beſchlüſſen und Arbeiten der Ausſchüſſe beſchäftigt werden kann. Die Unſtimmigkeiten im Polenklub. Der Lemberger „Kurjer Lwowski“ greift in ſeinem geſtrigen Leitartikel in der heftigſten Weiſe den Miniſter für Galizien David v. Abrahamowicz an und er- klärt, daß von einem weiteren Verbleiben des Miniſters im Kabinette abſolut keine Rede mehr ſein könne. Der Polenklub müſſe ſich vielmehr mit der Frage befaſſen, ob Ritter v. Abrahamowicz überhaupt noch Mitglied des Parlaments bleiben könne. In der ganzen parlamentariſchen Aera habe kein Mitglied des Polen- klubs derart die Solidarität, das Anſehen und die Be- deutung des Polenklubs in der Oeffentlichkeit herab- geſetzt, wie Ritter v. Abrahamowicz, der ſich krankhaft an ſeinen Miniſterſtuhl anklammere. — Miniſter Ritter v. Abrahamowicz hatte nämlich den Herren Glabinski, Stapinski und Ge- noſſen vorgeworfen, daß ſie nach der Miniſterſchaft ſtreben. Wenn einer von einem Poſten, den andere an- ſtreben, nicht gehen will, ſo gibt es eben Konflikte, wie ſie jetzt im Polenklub an der Tagesordnung ſind. Heute Mittag ſoll eine Konferenz des Miniſters für Galizien R. v. Abrahamovicz mit dem Miniſter- präſidenten Freiherrn v. Bienerth ſtattfinden. Abg. Kuhn gegen die gewalttätige tſchechiſche Obſtruktion. Die Bezirksvertretung Döbling hat in ihrer vorgeſtern abgehaltenen Sitzung eine vom BR. Schönwetter beantragte Reſolution angenommen, in welcher das Bedauern darüber ausgeſprochen wird, daß durch eine kleine Anzahl von Abgeordneten die Tätigkeit des Abgeordnetenhauſes lahmgelegt wurde, und zugleich dem BV. Rabg. Kuhn für ſeine parla- mentariſche Tätigkeit der Dank votiert wird. BV. Kuhn beantwortete dieſe Kundgebung mit einer längeren Rede, in der er u. a. ſagte: „Es iſt gewiß höchſt bedauerlich, daß zwanzig Mann imſtande waren, die Tätigkeit des auf den breiteſten demokratiſchen Prinzipien auf- gebauten Volksparlaments unmöglich zu machen. Den einen Vorwurf mache ich uns ſelbſt: daß nämlich wir arbeitswilligen Parteien nicht imſtande waren, dieſe Störenfriede hinauszuweiſen. Die Obſtruierenden haben gezeigt, daß ſie nicht einmal eine Ausſprache über die Sprachenfrage wünſchen. Wer den ehrlichen Willen zur Löſung der Sprachenfrage hat, hätte eine ſolche Ausſprache ermöglicht. Das Verhalten der Tſchechen im Parlament beweiſt, daß ihre Gelüſte noch weiter gehen. Sie wollen auch in Niederöſterreich feſten Fuß faſſen. Deshalb müſſen wir mit allem Nach- druck verlangen, daß die Lex Axmann Geſetz werde. (Lebhafter Beifall.) Es iſt der feſte Wille unſerer Partei, daß dieſes Geſetz zur Tat wird. Eines aber weiß ich beſtimmt: Wenn das Haus wieder zuſammenberufen wird, können Sie ganz ruhig ſein; eine derartige neuerliche Störung der Verhandlung wird man ſich nicht gefallen laſſen!“ (Stürmiſcher Beifall.) Sanktionierung der Landtagswahlreform in Steiermark. Wie das Amtsblatt meldet, hat die vom Landtage in Steiermark beſchloſſene Landtagswahlordnung die kaiſerliche Sanktion erhalten. An dem Geſetze ſind vorher vom hiezu ermächtigten Landesausſchuſſe einige Aenderungen vorgenommen worden. Dadurch hat ſich die längſt erwartete Sanktion verzögert. Die Chriſtlichſozialen Salzburgs haben die am 18. Februar erfolgte Ausſchreibung der Landtags- wahlen ſchon am 20. Februar mit der Veröffentlichung ihrer Bewerberliſte in der „Salzburger Chronik“ beant- wortet. Ein Zeichen, daß die Parteileitung in ſtiller, zielbewußter Arbeit ſich für den Kampf gerüſtet hat. Tags zuvor ſchrieben die liberalen Provinzblätter, daß die Landtagswahlen ſich im Zeichen des Kompromiſſes vollziehen würden, weil keine Partei „für ſich allein das unbedingte Bewußtſein genügender Kraft habe, um den Wahlkampf mit ſicherer Ausſicht auf Erfolg aufnehmen zu können. Dieſes Bewußtſein einer ge- wiſſen Schwäche drückt dem bevorſtehenden Wahlkampf ein charakteriſtiſches Merkmal auf.“ (Linzer „Tagespoſt“, „Innsbrucker Nachrichten“.) Nun, auf das Bewußtſein der Schwäche deutet das kampfbereite Auf- treten der Chriſtlichſozialen gerade nicht hin, ſie ſind ja, wenn ſie auch für Bürgerſtand, Bauernſtand und Arbeiterſchaft geſonderte politiſche Organiſationen haben, eine ein- heitlich geſchloſſene Partei, wie die prompte Aufſtellung ihrer Wahlwerber beweiſt. Für die Wahlen iſt die erſte Hälfte Mai be- ſtimmt: Die 4. Kurie wählt am 3. Mai, die Land- gemeinden am 7., die Städte und Märkte am 11. und der Großgrundbeſitz am 15. Mai. Die Kandidaten für die Stadt Salzburg und den Vorortewahlbezirk Maxglan- Gnigl werden „aus taktiſchen Gründen“ noch nicht ge- Literariſche Poſt. Walter von Molo, Klaus Tiedemann der Kaufmann. Roman. Berlin 1909. F. Fontane. 8° (234) broſchiert Kronen 3.60. Vom Wiener Aeſthetentum, wie es ſich etwa in Hugo von Hofmannsthals ganzer dichteriſchen Art am deutlichſten ausprägt, bis zur gegenſtändlichen Erzählungskunſt eines Walter von Molo iſt ein weiter Weg. Wurzelt die Kunſt jemals in Traum und Vergangenheit und zeigt ſich ihre ſprachliche Seite von allen Wundern des ſinnlichen Zaubers erfüllt, ſo ſteht dieſer mit beiden Beinen auf dem harten Boden der Wirklichkeit und des Alltags und nimmt ſeine Stoffe aus der gärenden Maſſe drängender Zeitprobleme, die er mit einfachſten ſprachlichen Mitteln vor uns ent- faltet. Molos erſter Roman „Wie ſie das Leben zwangen“ aus dem Jahre 1906 war ein ſtarkes Verſprechen auf die Zukunft, das im vorliegenden Werke glänzend eingelöſt erſcheint. Es führt in nicht gerade erfreuliche Verhältniſſe hinein, aber es packt das Problem bei der richtigen Seite und weiß es ſpannend durchzuführen. Walter von Molo erweiſt ſich als ein her- vorragender Erzähler, der den Hauptfaden in raſchem Tempo abwickelt und alles unnötige Rankenwerk mit un- barmherziger Hand wegbiegt. Ein großer Teil der Er- zählung verläuft in faſt dramatiſcher Wechſelrede, die eine ſtarke Begabung für die Bühne durchblicken läßt. Alles Lob verdient die mit wenigen Strichen Charaktere von ſchärfſter Plaſtik ſchaffende Geſtaltungskraft und die ſatiriſche Be- leuchtung innerlich hohler Geſellſchaftstypen. Der Kern des Romans iſt der Gedanke der durch nichts beirrten Pflicht gegen Familie und Nebenmenſchen, deren Vernachläſſigung den Helden des Romans in ſein tragiſches Geſchick treibt. Franz Ranegger. Mitteilungen der Kunſtſektion der Oeſterreichiſchen Leogeſellſchaft. 1. Heft. Praktiſcher Führer auf dem Gebiete chriſtlicher Kunſt in Oeſterreich. Samt einer Auswahl neuerer Werke. — Seit Jahren arbeitet die Kunſtſektion der Oeſterreichiſchen Leo- geſellſchaft mit ungemeinem Eifer an der Hebung der chriſtlichen Kunſt, insbeſondere durch die Förderung eines möglichſt direkten Verkehres zwiſchen Auftraggeber und Künſtler mit Ausſchluß jedes Zwiſchenhandels. Die in früheren Jahren veranſtalteten diesbezüglichen Ausſtellungen im Künſtlerhauſe und in den Räumen des Hauſes der Leogeſellſchaft zeitigten jedoch, weil Veranſtaltungen nur lokaler Natur, offenbar keinen wünſchenswerten Erfolg, und ſo wendet ſich nun die Kunſtſektion mit vorliegender Publikation an einen größeren Intereſſentenkreis, ins- beſondere an den katholiſchen Klerus, indem ſie in der- ſelben mit lapidaren Sätzen die Notwendigkeit des direkten Verkehres zwiſchen Auftraggeber und Künſtler darſtellt, ſich durch die zu dieſem Zwecke gegründete Geſellſchaft für chriſtliche Kunſt (Wien, 1. Bezirk, Bäckerſtraße 14) als un- entgeltlicher Vermittler aubietet und gleichzeitig in einer größeren Auswahl von Abbildungen neuere Werke lebender öſterreichiſcher Künſtler vorbildlich vor Augen ſtellt. Es ſind darin zunächſt 38 Künſtler, und zwar 11 Architekten, 13 Bildhauer und 14 Maler vertreten, dies derart, daß von jedem derſelben ein oder mehrere Werke in der Ab- bildung und eine kurze Beſprechung ſeines Wirkens nebſt Angabe ſeiner Adreſſe im Text Aufnahme fanden. Die Publikation erhebt keineswegs Anſpruch auf irgendwelche Vollſtändigkeit, noch weniger auf eine ſtreng kritiſche Aus- wahl unter den Werken der Künſtler — dies war und iſt ja nicht der Zweck derſelben. So muß es der Anhänger der retroſpektiven Stilübung hinnehmen, daß auch die Werke ſolcher Künſtler aufgenommen ſind, welche ſich ganz der Moderne hingegeben haben, und umgekehrt. Auch ſind ebenſo wohl ganz hervorragende, bereits allgemein be- kannte Kunſtwerke, wie auch ſolche des ſtillen Schaffens dargeſtellt. — Der Zweck und Erfolg dieſes Führers kann aber nicht an dieſem erſten Heft, ſondern wohl nur im Zu- ſammenhange mit ſeinen Nachfolgern erreicht und kritiſch unterſucht werden; nur was gewollt wird, zeigt dasſelbe und dies iſt ſicher ein großer Schritt vorwärts zum Guten. Nachdem dieſe Publikation mit Unterſtützung des k. k. Miniſteriums für Kultus und Unterricht erfolgte, iſt damit das wohlwollende Intereſſe desſelben für die Hebung der chriſtlichen Kunſt und die Sache der katholiſchen Künſtler anerkennenswert dokumentiert. Möge ſie nun auch im Kreiſe des Klerus und der katholiſchen Bevölkerung eine weite Verbreitung finden und gute Früchte zeitigen. Architekt Geppert. Einführung in die Volkswirtſchaft, von Dr. Eugen Schwiedland, ordentlicher Profeſſor der Politiſchen Oekonomie und Hofrat im Miniſterium für öffentliche Arbeiten. Wien 1909, Manzſcher Verlag. Wenige Wiſſenszweige, die für die Allgemeinheit von ſo weittragender Bedeutung ſind, wie die Lehre von der Volkswirtſchaft, werden bei uns in ſolchem Maße vernachläſſigt. Zwar können wir nicht über einen Mangel an Lehrern, nicht einmal über Mangel an tüchtigen Lehrern klagen; eher über einen Mangel an Schülern, denen die Möglichkeit gegeben wäre, ſich mit dieſer Wiſſenſchaft ſo intenſiv zu beſchäftigen, wie es ihre praktiſche Bedeutung und ihr Umfang verlangen. Nur etwa ein Sechſtel der Studienzeit an den rechts- und ſtaats- wiſſenſchaftlichen Fakultäten iſt der Volkswirtſchaftslehre zugemeſſen. Daß wir aber den Mangel an geſchulten National- ökonomen im wirtſchaftlichen wie im politiſchen Leben ver- ſpüren, bedarf für den Einſichtigen keiner Betonung. Dem Ungenügen einer Studienorganiſation ließe ſich aber ge- dankenmäßig durch die Literatur abhelfen. Tatſächlich muß dies ja für alle jene geſchehen, welche bei uns Nationalökonomie ſtudieren wollen. Aber gerade der Anfänger ſtößt auf einen Wall, der am beſten durch mündlichen Vortrag überwunden werden könnte. Die Grundbegriffe und Grundideen, die dem Zünftigen ſelbſt- verſtändlich ſind und mit denen er als tägliches Handwerk- zeug mühelos hantiert, bereiten dem Neuling das größte Hindernis; der Zuſammenhang zwiſchen der Wiſſen- ſchaft und dem Leben, zwiſchen der abſtrakten Lehre und der lebendigen Anſchauung, die auch der Ungeſchulte kennt, iſt bisher durch wenige wiſſenſchaftliche Werke ge- ſchaffen. Tatſächlich bietet auch gerade das Ausfüllen dieſer Lücke bedeutende Schwierigkeiten, da für den Zünftigen alle Dinge, die dem Novizen erſt klar werden müſſen, als Schwierigkeiten gar nicht zum Bewußtſein kommen und weil der wiſſenſchaftliche Trieb bisher Abſtraktionen liebte. Dieſem Mangel hilft nun die vorliegende „Ein- führung“ ab. Ein merkwürdiges Buch! Wer es aufſchlägt und weiß, daß der Verfaſſer Inhaber eines Ordinariates, alſo An- gehöriger der Zunft iſt, mag erwarten, daß er es mit einer jener Einführungen in die Volkswirtſchaftslehre zu tun

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Zitationshilfe: Reichspost. Nr. 53, Wien, 22.02.1909, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_reichspost053_1909/2>, abgerufen am 12.08.2020.