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Reichspost. Nr. 41, Wien, 11.02.1896.

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Wien, Dienstag Reichspost 11. Februar 1896 41

[Spaltenumbruch]

er möge sofort um seine Pensionirung ansuchen.
Es wäre interessant, zu wissen, ob hier Platz ge-
macht wird für "gewiegte Juristen" oder für
Herren mit dem "gemeinsamen Ziele" auf ver-
schiedenen Wegen nach Muster Szczepanowski.

Die unter dem Einflusse
des Judenliberalismus stehende Regierung hat über
den Tiroler Landtag wieder einen bedeutenden Sieg
davongetragen. Am 5. d. M. wurde die Regierungs-
vorlage, das Grundbuch betreffend, in allen ihren
wesentlichen Punkten angenommen. Der Annahme
ging eine heiße Debatte voraus, in welcher Dr. von
Grabmayer als begeisterter Anwalt des Grund-
buches fungirte, wogegen Herr von Zallinger
in ausgezeichneter Weise die verklebten wunden Punkte
des Grundbuches enthüllte. Wie im Vorjahre für
das Wehrgesetz, so echauffirte sich Dr. Wacker-
nel
diesmal für das von der Regierung warm
empfohlene Grundbuch und versuchte die Gegner
durch übelangebrachte Witze lächerlich zu
machen. Die Oppositionspartei aber vertrat ein
ganz positives Gegenprogramm im Antrage für ein
verbessertes Verfachbuch. Seltsam war
die in mehreren Variationen wiederkehrende Logik der
conservativen Grundbuchfreunde; dieselben behaupteten
nämlich, daß das verbesserte Verfachbuch zu drei Vier-
theilen schon Grundbuch sei, trotzdem aber verwarfen
sie das Erstere und mutheten den Gegnern noch oben-
drein zu, sie sollten von ihrem Programme abgehen
und das Grundbuch sammt seinen scharfen Ecken und
Kanten verschlucken. Die Regierungsvorlage wurde
hauptsächlich durch den Ministerial-Vicesecretär
Dr. Schumacher vertreten. Es war ein sehr
schlau berechneter Coup, die angenehme Persönlichkeit
eines Dr. Schumacher zur Liebeswerbung der Tiroler
Landesvertretung nach Innsbruck zu citiren, in dieser
Hinsicht ist die Regierung Tirol gegenüber heute
klüger als in den Siebziger Jahren. Der Coup hat
gezogen. Es muß noch hervorgehoben werden, daß die
Gegner des Grundbuches vorzüglich den social-
politischen
Schäden eines solchen die Er-
leichterung einer weiteren Hypo-
thekarverschuldung, die hie mit ver-
bundene Auslieferung Tirols
an das
ausländische Capital als Motive ihrer
ablehnenden Haltung vorführten. Es ist in der That
kein Zweifel, daß das System des Grundbuches von
capitalistischem Geiste durchweht ist, insoferne ist es
aber ganz unrichtig, daß die politische Partei-
stellung
bei der Verhandlung über dasselbe nicht
in Betracht kommen konnte,
das Gegen-
theil ist richtig, es wohnt dem Grundbuche tief der
ökonomische Liberalismus inne,
darum stimmte auch die liberale Partei geschlossen wie
ein Mann, instinktmäßig für das Grundbuch. Herzlich
zu bedauern ist es, daß 15 Conservative Nordtirols
die liberale, capitalistische Grundidee des Grundbuches
verkennend, dem letzteren zur Annahme im Hause ver-
halfen. Hiemit hat der von der Regierung noch immer
gehätschelte ökonomische Liberalismus über das Volks-
interesse gesiegt. Mit den Liberalen stimmten 9 Juristen
[Spaltenumbruch] d. i. alle Advocaten des Landtages mit Ausnahme
eineseinzigen. Einige Bauern kippten, vom Regierungswohl-
wollen betäubt, noch in letzter Stunde um, indem sie gegen
ihre vorausgehende Haltung, für das Grundbuch
stimmten. Sehr erfreulich ist es, daß sämmtliche con-
servative Südtiroler (zwölf) in gerechter und verständiger
Berücksichtigung der wirthschaftlichen Interessen des
Volkes das Grundbuch unnachsichtlich verworfen haben.
Ein besonderes Verdienst hiefür gebührt dem Obmanne
des Grundbuchausschusses, dem volksfreundlichen Herrn
von Zallinger. Die Südtiroler Conservativen haben mit
ihrer Abstimmung nicht weniger ihren scharfen Einblick
in den öconomischen capitalistischen Liberalismus, als
ihr tiefes Verständniß für die thatsächlichen Interessen
des Volkes bekundet. Dr. Kathrein durfte sich den
Faschingsscherz erlauben, sowohl gegen den Antrag der
Majorität, als den der Minorität zu stimmen. -- In
diesen Tagen fchließt die erste Session des Landtages;
letztere war besonders markirt durch das volkswirth-
schaftliche christlich-sociale Reformbestreben des hochver-
dienten Herrn Dr. Schöpfer. Wir gratuliren hiezu
dem Landtage bestens. Dr. Schöpfer ehrt gleichzeitig
hiemit die vorzügliche Lehranstalt, der er angehört.

Küstenland.

Seit sechs und ein halb Jahren
regiert und waltet gleich einem Halbgott im Küsten-
lande als Statthalter Rinaldini unbeschränkt nach
seinen eigenen Gesetzen, zum größten Nachtheile des
Gesammtstaates und des österreichischen Gedankens. Die
Folgen der unglückseligen Politik Rinaldini's haben auch
schon die entsprechenden Früchte gezeitigt, denn das
Küstenland ist, wie sich unlängst ein Irredentist in
seinem Freundeskreise äußerte, für Italien vollkommen
reif; daß auch die Führer der italienischen judenliberalen
Partei dieser Ansicht huldigen, beweisen zur Genüge die
unaufhörlichen irredentistischen Demonstrationen in
Triest, in den verschiedenen Städten Istriens und in
Görz. Auch die drei küstenländischen Landtage
reflectiren diese Strömung, da in derselben die slavischen
Abgeordneten von den Italienern in noch nie da-
gewesener Weise terrorisirt, majorisirt und bagatellisirt
werden, obwohl sie gut dreiviertel der gesammten Be-
völkerung des Landes vertreten.

Die slovenischen Abgeordneten am Triester
Landtage nahmen an den Verhandlungen desselben nicht
theil, weil sie sich weder den Beleidigungen seitens ihrer
italienischen Collegen, noch den Insulten des bezahlten
Galleriepöbels aussetzen wollten. Weil in diesem Land-
tage der Vorsitzende eine Demonstration für Baratieri
und die italienische Armee nicht zulassen durfte, ver-
ließen die extrem-radicalen Abgeordneten ostentativ den
Landtagssaal, was sie auch am Schlusse der Session
thaten, als der Landeshauptmann eben im Begriffe
war, das dreifache Hoch auf Seine Majestät
auszubringen. Die Ohren der Triester "besonnenen und
gemäßigten" Elemente vertragen eben so was nicht! --

Im Istrianer Landtage zwangen die Italiener
die slavischen Abgeordneten auf brutale, gar nicht par-
lamentarische Weise zum Austritte. Das Straßengesindel
verhöhnte und bedrohte sie, so daß sie eilig die Stadt
verlassen mußten. Uebrigens charakterisiren die Stim-
mung und die Gesinnung gewisser Kreise Istriens die
tagtäglichen Demonstrationen für Italien. So jene im




[Spaltenumbruch]

ehemaligen Samengo'schen Etablissement vorbei, das
jetzt ruht und allein eine Arbeitskraft von 300
Pferdekräften stellte. Das Flüßchen Hubel theilt
auch das Küstenland und Krain. Eine steinerne
Brücke führt über das Flußbett, die Aidussina von
Sturie scheidet. Sturie ist der erste zu Krain gehörige
Ort und scheint fast ein Theil von Aidussina zu sein.
Im weiteren Verlaufe unserer Wanderung treffen wir
auf das Heiligthum Maria Loc (Maria in der Au).
Es ist dies eine sehr besuchte Wallfahrtskirche, die be-
sonders im August und September das Ziel aller
frommen Bauern der Umgegend ist. Das Heiligthum
ist sehr groß und macht mit seinen weißgetünchten
kahlen Wänden einen melancholischen Eindruck auf den
Besucher. Die Fresken, welche das Presbyterium und
die Decke schmücken, zeugen von mehr gutem Willen,
als künstlerischem Talent und Geschmack. Auch die
Altarblätter der Seitenaltäre sind mittelmäßige Fresco-
bilder. Die Perle der Kirche ist das Marienbild des
Hochaltares, von unbekannter Hand gefertigt. Wohl
habe ich künstlerisch vollendete Madonnenbilder gesehen,
aber keines, das an Innigkeit und Zartheit dem Bilde
von Maria Loc gleichkam. Neben dem Gotteshause
steht eine Granitsäule mit der Statue eines in den
neapolitanischen Kämpfen gefallenen Husaren, welcher
hier begraben wurde.

Nun erhebt sich bald zur Linken des Weges Semona,
die großen Weinkellereien des Grafen Lanthieri, die einst
Zeugen großartiger Gelage gewesen sein sollen. Noch
eine Biegung des Weges und Wippach liegt vor uns.
Ein liebes Oertchen ist's, mit 4000 Einwohnern, in das
uns eine Brücke über den Fluß Bela führt, der aber
im Sommer gänzlich ausgetrocknet ist. Das bedeutendste
Gebäude des Ortes ist der Palast des Grafen Lanthieri,
in dem auch das Steueramt und das Bezirksgericht
untergebracht sind. Hinter dem Palaste liegt eine Re-
stauration, wo das Bier in einem in den Felsen ge-
grabenen Keller den ganzen Sommer frisch bleibt. Dort
quillt auch aus dem Berge die Wippach, der Frigidus
der Römer, rechts und links von zwei Quellen verstärkt,
so daß sie schon wenige Schritte vom Ursprung entfernt,
mit einem Kahne befahren werden kann. Wahrscheinlich
fließt die Wippach in unterirdischen, noch nicht bekannten
Höhlen im Nanos, wie man denn auch im Wippachthal,
[Spaltenumbruch] wenn man aufmerksam horcht, ein unterirdisches Rauschen
und Tosen vernehmen kann, das für den Uneinge-
weihten Anfangs allerdings etwas Unheimliches an
sich hat. Wippach hat auch eine schöne, von dem
seligen Wolf mit werthvollen Fresken geschmückte
Kirche, die dem heiligen Stefanus geweiht ist. Oft
und oft dachte ich, wenn ich diese Kirche betrat, an
mein Wien, das ja auch sein schönstes Gotteshaus
für den heiligen Erzmarthyrer erbaut hat. Verläßt
man Wippach, so öffnet sich vor uns ein weites Thal,
rechts und links von Bergen begrenzt. Geradeüber
dem Marktflecken steigt ein mäßig hoher, steinbedeckter
Hügel empor, von einer Ruine gekrönt -- -- dem
letzten Ueberreste des Stammschlosses der Grafen
Lanthieri. Hinter diesem Hügel ragt der Nanos
1300 Meter hoch in die Luft, zu seinen Füßen liegt
auf einer Erhebung das anmuthige Gradisce, mit
seinem Kirchlein inmitten, zu dem 13 Kreuzwegcapellen
emporleiten. Rechts zieht die Kette des Zaven, um
ihn ballen sich die Wolken, wenn die Wetter empor-
steigen, und es ist kein gutes Zeichen, wenn
die Blitze um seine Spitze zucken, denn das
bedeutet große Gewitter, sagen die Landleute. So weit
nun unser Auge die Ebene überschaut, Wiesen, nichts
als Wiesen. -- Die Bewohner treiben nichts als Vieh-
zucht, denn das häufig austretende Wasser, welches das
Thal so überschwemmt, daß es wie ein gewaltiger Strom
aussieht -- ich habe selbst eine solche Hochfluth erlebt --
vernichtet Alles. Kaum ein wenig Mais und Gemüse
können die armen Leute bauen. Von Wippach führt
der Weg bis St. Veit, wo das Thal sich schließt. In
neuester Zeit hat man eine Hochstraße am Fuße des
Nanos über einen Hügel gebahnt, die bis Prewald und
Adelsberg geleitet. Nicht Reichthum an pittoresken
Naturschönheiten ist's, auch kein durchaus südliches
Klima, die Bora bläst und pfeift oft empfindlich, aber
anspruchslose Einfachheit und Stille, süßer Frieden,
was der müde Wanderer hier findet und was ihn er-
innern mag an Schiller's Wort:

"Wohl ihm, selig muß ich ihn preisen,
Der in der Stille der ländlichen Flur,
Fern' von des Lebens verworrenen Kreisen
Kindlich liegt an der Brust der Natur."

[Spaltenumbruch]

Theater zu Pirano, wo man sich ganz ungenirt in
hochverrätherischen Ausdrücken für den italienischen
"Helden" Baratieri begeisterte.

Im Görzischen ist es auch nicht besser. Im
Landtage treiben, wie wir schon berichteten, die libe-
ralen italienischen Abgeordneten Obstructionspolitik
und verlassen jedesmal den Saal,. sobald die
Slovenen einen ihnen nützlichen Antrag einbringen.
Nicht besser treiben es die Herren im Finanz-Ausschusse
in welchem sie die gerechtesten und nothwendigsten
Forderungen der Slovenen begraben oder hinter-
treiben.

Solche Früchte zeitigt im Küstenlande das Regime
Rinaldini. Die Central-Regierung hätte mit Um-
gehung der Statthalterei verschiedene Mittel in der
Hand, um die Obstruction der Italiener zu hinter-
treiben und sie zu zwingen, den slovenischen Forderungen
gerecht zu sein; so z. B. Entziehung der Staats-
subvention der italienischen gewerblichen Fortbildungs-
schule, wenn die Italiener einer gleichen slovenischen
Schule eine solche aus Landesmitteln noch weiter
verweigern; ausgiebige Unterstützung aus Staats-
mitteln der angestrebten slovenischen gewerblichen
Fortbildungsschule und der slovenifchen Privatvolks-
schule in Görz. Zwei dringende Bedürfnisse der
Slovenen, die im Landtage Jahr für Jahr auf den
Widerstand der Italiener stoßen und so jede gedeihliche
Entwicklung der Landtagsverhandlungen schon a pri-
ori
unmöglich machten.

Ungarn.

Der Pulszky-Scandal zieht in Buda-
pest
immer größere Kreise. Während der Minister
Wlassics noch vor wenigen Tagen im Abge-
ordnetenhause die Versicherung gab, Pulszky
habe nur mehr über 7000 fl. Rechnung zu legen,
auch seien die vom selben angekauften Bilder
werthvolle Kunstwerke, ist es heute jedermann be-
kannt, daß sich die nicht verrechnete Summe weit
höher stellt, daß gerade die theuersten Gemälde
sich als werthlosen Schund erweisen und daß sich
der saubere Director bei den Ankäufen gemeine
Schwindeleien zu Schulden kommen ließ. Nament-
lich die Geschichte des Bilderkaufs mit der sog.
Gräfin Chevigny hat einen Hintergrund, der
die bodenlose Gewissenlosigkeit Pulszky's in das
hellste Licht stellt. Das Privatleben desselben ist
ein solches, daß die Polizei dasselbe bei jedem
gewöhnlichen Menschen beanständen müßte, bei dem
hohen Beamten that sie es nicht! Aus diesen
Gründen werden im Abgeordnetenhause stürmische
Debatten erwartet und viele Interpellationen vor-
bereitet, welche sich überdies auch auf die Ober-
und Vicegespansaffairen beziehen, welche wie Pilze
nach einem warmen Regen wachsen.

Vor der Tagesordnung unterbreitet im Abge-
ordnetenhause
Präsident Perczel das Mandat
des in Zichy-Falu gewählten Abgeordneten Daniel.
Bei Fortsetzung der Generaldebatte über das Budget
des Cultus- und Unterrichtsministeriums bespricht
Smialovszky die Frage der Congrua.
Abg. Molnar erklärt sich für den Beschlußantrag
Ugron.

Nach der Pause polemisirt Abg. Kovacs mit
dem Abg. Pap. Abg. Graf Apponyi erklärt, er
könne sich nicht mit den aufgetauchten Cultus- und
Unterrichtsfragen beschäftigen, sondern müsse eine pein-
liche Affaire erörtern, die sich zum europäischen Scan-
dale herausgewachsen habe. Es wurden verhältnismäßig
große Summen verausgabt, ohne daß die Gesetzgebung
dieselben votirt hatte. Die Regierung müsse
die Motive klarlegen, warum sie
diese Summen auf eigene Verant-
wortung verausgabt habe,
und ob sie
die diligentia patris familias beobachtet habe.

Die Gesetzgebung habe die Pflicht, sich mit diesen
Angelegenheiten zu befassen Der Beschluß der Landes-
Millenniumscommission könne nicht die Rechtbasis der
Bilderkäufe bilden. Redner erörtert die Geschichte
der Affaire Pulszky und unterzieht das
Vorgehen der gewesenen Minister Csaky und
Eötvös, sowie des gegenwörtigen Ministers Wlas-
sics
einer Kritik. Alles sei correct gewesen bis zu dem
Momente, wo demselben Manne, der, wie allgemein be-
kannt ist, eine bedenkliche Neigung besitzt, den ihm ge-
währten Credit zu überfchreiten, eine neue Summe aus-
gefolgt wurde, trotzdem die erste Abrechnung noch nicht
beendet war. Die Angelegenheit müsse vor der Welt
geklärt werden. Dieses Ziel können wir nur durch Ent-
sendung einer parlamentarischen Untersuchungscommission
erreichen." Der Redner beantragt eine aus 15 Mit-
gliedern bestehende parlamentarische Untersuchungscom-
mission zu entsenden. Ministerpräsident Baron Banffy
beginnt sodann unter größtem Lärm zu sprechen, worauf
Vicepräsident Berzeviczy zahlreiche oppositionelle
Abgeordnete zur Ordnung ruft. Der Ministerprä-
sident erklärt: "Meiner Ansicht nach liegt es weder
in unserem Interesse, noch im Interesse des
Landes und auch nicht im Interesse der uns
gegenüberstehenden Partei, wenn Tag für Tag
solche Fragen herausgesucht werden, die sodann als
Skandal hingestellt werden." Diese Worte entfesseln
auf den Bänken der Opposition einen wahren Sturm.
Später setzt der Ministerpräsident seine Rede fort. Er

Wien, Dienſtag Reichspoſt 11. Februar 1896 41

[Spaltenumbruch]

er möge ſofort um ſeine Penſionirung anſuchen.
Es wäre intereſſant, zu wiſſen, ob hier Platz ge-
macht wird für „gewiegte Juriſten“ oder für
Herren mit dem „gemeinſamen Ziele“ auf ver-
ſchiedenen Wegen nach Muſter Szczepanowski.

Die unter dem Einfluſſe
des Judenliberalismus ſtehende Regierung hat über
den Tiroler Landtag wieder einen bedeutenden Sieg
davongetragen. Am 5. d. M. wurde die Regierungs-
vorlage, das Grundbuch betreffend, in allen ihren
weſentlichen Punkten angenommen. Der Annahme
ging eine heiße Debatte voraus, in welcher Dr. von
Grabmayer als begeiſterter Anwalt des Grund-
buches fungirte, wogegen Herr von Zallinger
in ausgezeichneter Weiſe die verklebten wunden Punkte
des Grundbuches enthüllte. Wie im Vorjahre für
das Wehrgeſetz, ſo echauffirte ſich Dr. Wacker-
nel
diesmal für das von der Regierung warm
empfohlene Grundbuch und verſuchte die Gegner
durch übelangebrachte Witze lächerlich zu
machen. Die Oppoſitionspartei aber vertrat ein
ganz poſitives Gegenprogramm im Antrage für ein
verbeſſertes Verfachbuch. Seltſam war
die in mehreren Variationen wiederkehrende Logik der
conſervativen Grundbuchfreunde; dieſelben behaupteten
nämlich, daß das verbeſſerte Verfachbuch zu drei Vier-
theilen ſchon Grundbuch ſei, trotzdem aber verwarfen
ſie das Erſtere und mutheten den Gegnern noch oben-
drein zu, ſie ſollten von ihrem Programme abgehen
und das Grundbuch ſammt ſeinen ſcharfen Ecken und
Kanten verſchlucken. Die Regierungsvorlage wurde
hauptſächlich durch den Miniſterial-Viceſecretär
Dr. Schumacher vertreten. Es war ein ſehr
ſchlau berechneter Coup, die angenehme Perſönlichkeit
eines Dr. Schumacher zur Liebeswerbung der Tiroler
Landesvertretung nach Innsbruck zu citiren, in dieſer
Hinſicht iſt die Regierung Tirol gegenüber heute
klüger als in den Siebziger Jahren. Der Coup hat
gezogen. Es muß noch hervorgehoben werden, daß die
Gegner des Grundbuches vorzüglich den ſocial-
politiſchen
Schäden eines ſolchen die Er-
leichterung einer weiteren Hypo-
thekarverſchuldung, die hie mit ver-
bundene Auslieferung Tirols
an das
ausländiſche Capital als Motive ihrer
ablehnenden Haltung vorführten. Es iſt in der That
kein Zweifel, daß das Syſtem des Grundbuches von
capitaliſtiſchem Geiſte durchweht iſt, inſoferne iſt es
aber ganz unrichtig, daß die politiſche Partei-
ſtellung
bei der Verhandlung über dasſelbe nicht
in Betracht kommen konnte,
das Gegen-
theil iſt richtig, es wohnt dem Grundbuche tief der
ökonomiſche Liberalismus inne,
darum ſtimmte auch die liberale Partei geſchloſſen wie
ein Mann, inſtinktmäßig für das Grundbuch. Herzlich
zu bedauern iſt es, daß 15 Conſervative Nordtirols
die liberale, capitaliſtiſche Grundidee des Grundbuches
verkennend, dem letzteren zur Annahme im Hauſe ver-
halfen. Hiemit hat der von der Regierung noch immer
gehätſchelte ökonomiſche Liberalismus über das Volks-
intereſſe geſiegt. Mit den Liberalen ſtimmten 9 Juriſten
[Spaltenumbruch] d. i. alle Advocaten des Landtages mit Ausnahme
eineseinzigen. Einige Bauern kippten, vom Regierungswohl-
wollen betäubt, noch in letzter Stunde um, indem ſie gegen
ihre vorausgehende Haltung, für das Grundbuch
ſtimmten. Sehr erfreulich iſt es, daß ſämmtliche con-
ſervative Südtiroler (zwölf) in gerechter und verſtändiger
Berückſichtigung der wirthſchaftlichen Intereſſen des
Volkes das Grundbuch unnachſichtlich verworfen haben.
Ein beſonderes Verdienſt hiefür gebührt dem Obmanne
des Grundbuchausſchuſſes, dem volksfreundlichen Herrn
von Zallinger. Die Südtiroler Conſervativen haben mit
ihrer Abſtimmung nicht weniger ihren ſcharfen Einblick
in den öconomiſchen capitaliſtiſchen Liberalismus, als
ihr tiefes Verſtändniß für die thatſächlichen Intereſſen
des Volkes bekundet. Dr. Kathrein durfte ſich den
Faſchingsſcherz erlauben, ſowohl gegen den Antrag der
Majorität, als den der Minorität zu ſtimmen. — In
dieſen Tagen fchließt die erſte Seſſion des Landtages;
letztere war beſonders markirt durch das volkswirth-
ſchaftliche chriſtlich-ſociale Reformbeſtreben des hochver-
dienten Herrn Dr. Schöpfer. Wir gratuliren hiezu
dem Landtage beſtens. Dr. Schöpfer ehrt gleichzeitig
hiemit die vorzügliche Lehranſtalt, der er angehört.

Küſtenland.

Seit ſechs und ein halb Jahren
regiert und waltet gleich einem Halbgott im Küſten-
lande als Statthalter Rinaldini unbeſchränkt nach
ſeinen eigenen Geſetzen, zum größten Nachtheile des
Geſammtſtaates und des öſterreichiſchen Gedankens. Die
Folgen der unglückſeligen Politik Rinaldini’s haben auch
ſchon die entſprechenden Früchte gezeitigt, denn das
Küſtenland iſt, wie ſich unlängſt ein Irredentiſt in
ſeinem Freundeskreiſe äußerte, für Italien vollkommen
reif; daß auch die Führer der italieniſchen judenliberalen
Partei dieſer Anſicht huldigen, beweiſen zur Genüge die
unaufhörlichen irredentiſtiſchen Demonſtrationen in
Trieſt, in den verſchiedenen Städten Iſtriens und in
Görz. Auch die drei küſtenländiſchen Landtage
reflectiren dieſe Strömung, da in derſelben die ſlaviſchen
Abgeordneten von den Italienern in noch nie da-
geweſener Weiſe terroriſirt, majoriſirt und bagatelliſirt
werden, obwohl ſie gut dreiviertel der geſammten Be-
völkerung des Landes vertreten.

Die ſloveniſchen Abgeordneten am Trieſter
Landtage nahmen an den Verhandlungen desſelben nicht
theil, weil ſie ſich weder den Beleidigungen ſeitens ihrer
italieniſchen Collegen, noch den Inſulten des bezahlten
Galleriepöbels ausſetzen wollten. Weil in dieſem Land-
tage der Vorſitzende eine Demonſtration für Baratieri
und die italieniſche Armee nicht zulaſſen durfte, ver-
ließen die extrem-radicalen Abgeordneten oſtentativ den
Landtagsſaal, was ſie auch am Schluſſe der Seſſion
thaten, als der Landeshauptmann eben im Begriffe
war, das dreifache Hoch auf Seine Majeſtät
auszubringen. Die Ohren der Trieſter „beſonnenen und
gemäßigten“ Elemente vertragen eben ſo was nicht! —

Im Iſtrianer Landtage zwangen die Italiener
die ſlaviſchen Abgeordneten auf brutale, gar nicht par-
lamentariſche Weiſe zum Austritte. Das Straßengeſindel
verhöhnte und bedrohte ſie, ſo daß ſie eilig die Stadt
verlaſſen mußten. Uebrigens charakteriſiren die Stim-
mung und die Geſinnung gewiſſer Kreiſe Iſtriens die
tagtäglichen Demonſtrationen für Italien. So jene im




[Spaltenumbruch]

ehemaligen Samengo’ſchen Etabliſſement vorbei, das
jetzt ruht und allein eine Arbeitskraft von 300
Pferdekräften ſtellte. Das Flüßchen Hubel theilt
auch das Küſtenland und Krain. Eine ſteinerne
Brücke führt über das Flußbett, die Aiduſſina von
Sturie ſcheidet. Sturie iſt der erſte zu Krain gehörige
Ort und ſcheint faſt ein Theil von Aiduſſina zu ſein.
Im weiteren Verlaufe unſerer Wanderung treffen wir
auf das Heiligthum Maria Loc (Maria in der Au).
Es iſt dies eine ſehr beſuchte Wallfahrtskirche, die be-
ſonders im Auguſt und September das Ziel aller
frommen Bauern der Umgegend iſt. Das Heiligthum
iſt ſehr groß und macht mit ſeinen weißgetünchten
kahlen Wänden einen melancholiſchen Eindruck auf den
Beſucher. Die Fresken, welche das Presbyterium und
die Decke ſchmücken, zeugen von mehr gutem Willen,
als künſtleriſchem Talent und Geſchmack. Auch die
Altarblätter der Seitenaltäre ſind mittelmäßige Fresco-
bilder. Die Perle der Kirche iſt das Marienbild des
Hochaltares, von unbekannter Hand gefertigt. Wohl
habe ich künſtleriſch vollendete Madonnenbilder geſehen,
aber keines, das an Innigkeit und Zartheit dem Bilde
von Maria Loc gleichkam. Neben dem Gotteshauſe
ſteht eine Granitſäule mit der Statue eines in den
neapolitaniſchen Kämpfen gefallenen Huſaren, welcher
hier begraben wurde.

Nun erhebt ſich bald zur Linken des Weges Semona,
die großen Weinkellereien des Grafen Lanthieri, die einſt
Zeugen großartiger Gelage geweſen ſein ſollen. Noch
eine Biegung des Weges und Wippach liegt vor uns.
Ein liebes Oertchen iſt’s, mit 4000 Einwohnern, in das
uns eine Brücke über den Fluß Bela führt, der aber
im Sommer gänzlich ausgetrocknet iſt. Das bedeutendſte
Gebäude des Ortes iſt der Palaſt des Grafen Lanthieri,
in dem auch das Steueramt und das Bezirksgericht
untergebracht ſind. Hinter dem Palaſte liegt eine Re-
ſtauration, wo das Bier in einem in den Felſen ge-
grabenen Keller den ganzen Sommer friſch bleibt. Dort
quillt auch aus dem Berge die Wippach, der Frigidus
der Römer, rechts und links von zwei Quellen verſtärkt,
ſo daß ſie ſchon wenige Schritte vom Urſprung entfernt,
mit einem Kahne befahren werden kann. Wahrſcheinlich
fließt die Wippach in unterirdiſchen, noch nicht bekannten
Höhlen im Nanos, wie man denn auch im Wippachthal,
[Spaltenumbruch] wenn man aufmerkſam horcht, ein unterirdiſches Rauſchen
und Toſen vernehmen kann, das für den Uneinge-
weihten Anfangs allerdings etwas Unheimliches an
ſich hat. Wippach hat auch eine ſchöne, von dem
ſeligen Wolf mit werthvollen Fresken geſchmückte
Kirche, die dem heiligen Stefanus geweiht iſt. Oft
und oft dachte ich, wenn ich dieſe Kirche betrat, an
mein Wien, das ja auch ſein ſchönſtes Gotteshaus
für den heiligen Erzmarthyrer erbaut hat. Verläßt
man Wippach, ſo öffnet ſich vor uns ein weites Thal,
rechts und links von Bergen begrenzt. Geradeüber
dem Marktflecken ſteigt ein mäßig hoher, ſteinbedeckter
Hügel empor, von einer Ruine gekrönt — — dem
letzten Ueberreſte des Stammſchloſſes der Grafen
Lanthieri. Hinter dieſem Hügel ragt der Nanos
1300 Meter hoch in die Luft, zu ſeinen Füßen liegt
auf einer Erhebung das anmuthige Gradiſce, mit
ſeinem Kirchlein inmitten, zu dem 13 Kreuzwegcapellen
emporleiten. Rechts zieht die Kette des Zaven, um
ihn ballen ſich die Wolken, wenn die Wetter empor-
ſteigen, und es iſt kein gutes Zeichen, wenn
die Blitze um ſeine Spitze zucken, denn das
bedeutet große Gewitter, ſagen die Landleute. So weit
nun unſer Auge die Ebene überſchaut, Wieſen, nichts
als Wieſen. — Die Bewohner treiben nichts als Vieh-
zucht, denn das häufig austretende Waſſer, welches das
Thal ſo überſchwemmt, daß es wie ein gewaltiger Strom
ausſieht — ich habe ſelbſt eine ſolche Hochfluth erlebt —
vernichtet Alles. Kaum ein wenig Mais und Gemüſe
können die armen Leute bauen. Von Wippach führt
der Weg bis St. Veit, wo das Thal ſich ſchließt. In
neueſter Zeit hat man eine Hochſtraße am Fuße des
Nanos über einen Hügel gebahnt, die bis Prewald und
Adelsberg geleitet. Nicht Reichthum an pittoresken
Naturſchönheiten iſt’s, auch kein durchaus ſüdliches
Klima, die Bora bläſt und pfeift oft empfindlich, aber
anſpruchsloſe Einfachheit und Stille, ſüßer Frieden,
was der müde Wanderer hier findet und was ihn er-
innern mag an Schiller’s Wort:

„Wohl ihm, ſelig muß ich ihn preiſen,
Der in der Stille der ländlichen Flur,
Fern’ von des Lebens verworrenen Kreiſen
Kindlich liegt an der Bruſt der Natur.“

[Spaltenumbruch]

Theater zu Pirano, wo man ſich ganz ungenirt in
hochverrätheriſchen Ausdrücken für den italieniſchen
„Helden“ Baratieri begeiſterte.

Im Görziſchen iſt es auch nicht beſſer. Im
Landtage treiben, wie wir ſchon berichteten, die libe-
ralen italieniſchen Abgeordneten Obſtructionspolitik
und verlaſſen jedesmal den Saal,. ſobald die
Slovenen einen ihnen nützlichen Antrag einbringen.
Nicht beſſer treiben es die Herren im Finanz-Ausſchuſſe
in welchem ſie die gerechteſten und nothwendigſten
Forderungen der Slovenen begraben oder hinter-
treiben.

Solche Früchte zeitigt im Küſtenlande das Regime
Rinaldini. Die Central-Regierung hätte mit Um-
gehung der Statthalterei verſchiedene Mittel in der
Hand, um die Obſtruction der Italiener zu hinter-
treiben und ſie zu zwingen, den ſloveniſchen Forderungen
gerecht zu ſein; ſo z. B. Entziehung der Staats-
ſubvention der italieniſchen gewerblichen Fortbildungs-
ſchule, wenn die Italiener einer gleichen ſloveniſchen
Schule eine ſolche aus Landesmitteln noch weiter
verweigern; ausgiebige Unterſtützung aus Staats-
mitteln der angeſtrebten ſloveniſchen gewerblichen
Fortbildungsſchule und der ſlovenifchen Privatvolks-
ſchule in Görz. Zwei dringende Bedürfniſſe der
Slovenen, die im Landtage Jahr für Jahr auf den
Widerſtand der Italiener ſtoßen und ſo jede gedeihliche
Entwicklung der Landtagsverhandlungen ſchon a pri-
ori
unmöglich machten.

Ungarn.

Der Pulszky-Scandal zieht in Buda-
peſt
immer größere Kreiſe. Während der Miniſter
Wlaſſics noch vor wenigen Tagen im Abge-
ordnetenhauſe die Verſicherung gab, Pulszky
habe nur mehr über 7000 fl. Rechnung zu legen,
auch ſeien die vom ſelben angekauften Bilder
werthvolle Kunſtwerke, iſt es heute jedermann be-
kannt, daß ſich die nicht verrechnete Summe weit
höher ſtellt, daß gerade die theuerſten Gemälde
ſich als werthloſen Schund erweiſen und daß ſich
der ſaubere Director bei den Ankäufen gemeine
Schwindeleien zu Schulden kommen ließ. Nament-
lich die Geſchichte des Bilderkaufs mit der ſog.
Gräfin Chevigny hat einen Hintergrund, der
die bodenloſe Gewiſſenloſigkeit Pulszky’s in das
hellſte Licht ſtellt. Das Privatleben desſelben iſt
ein ſolches, daß die Polizei dasſelbe bei jedem
gewöhnlichen Menſchen beanſtänden müßte, bei dem
hohen Beamten that ſie es nicht! Aus dieſen
Gründen werden im Abgeordnetenhauſe ſtürmiſche
Debatten erwartet und viele Interpellationen vor-
bereitet, welche ſich überdies auch auf die Ober-
und Vicegeſpansaffairen beziehen, welche wie Pilze
nach einem warmen Regen wachſen.

Vor der Tagesordnung unterbreitet im Abge-
ordnetenhauſe
Präſident Perczel das Mandat
des in Zichy-Falu gewählten Abgeordneten Daniel.
Bei Fortſetzung der Generaldebatte über das Budget
des Cultus- und Unterrichtsminiſteriums beſpricht
Smialovszky die Frage der Congrua.
Abg. Molnar erklärt ſich für den Beſchlußantrag
Ugron.

Nach der Pauſe polemiſirt Abg. Kovacs mit
dem Abg. Pap. Abg. Graf Apponyi erklärt, er
könne ſich nicht mit den aufgetauchten Cultus- und
Unterrichtsfragen beſchäftigen, ſondern müſſe eine pein-
liche Affaire erörtern, die ſich zum europäiſchen Scan-
dale herausgewachſen habe. Es wurden verhältnismäßig
große Summen verausgabt, ohne daß die Geſetzgebung
dieſelben votirt hatte. Die Regierung müſſe
die Motive klarlegen, warum ſie
dieſe Summen auf eigene Verant-
wortung verausgabt habe,
und ob ſie
die diligentia patris familias beobachtet habe.

Die Geſetzgebung habe die Pflicht, ſich mit dieſen
Angelegenheiten zu befaſſen Der Beſchluß der Landes-
Millenniumscommiſſion könne nicht die Rechtbaſis der
Bilderkäufe bilden. Redner erörtert die Geſchichte
der Affaire Pulszky und unterzieht das
Vorgehen der geweſenen Miniſter Cſaky und
Eötvös, ſowie des gegenwörtigen Miniſters Wlaſ-
ſics
einer Kritik. Alles ſei correct geweſen bis zu dem
Momente, wo demſelben Manne, der, wie allgemein be-
kannt iſt, eine bedenkliche Neigung beſitzt, den ihm ge-
währten Credit zu überfchreiten, eine neue Summe aus-
gefolgt wurde, trotzdem die erſte Abrechnung noch nicht
beendet war. Die Angelegenheit müſſe vor der Welt
geklärt werden. Dieſes Ziel können wir nur durch Ent-
ſendung einer parlamentariſchen Unterſuchungscommiſſion
erreichen.“ Der Redner beantragt eine aus 15 Mit-
gliedern beſtehende parlamentariſche Unterſuchungscom-
miſſion zu entſenden. Miniſterpräſident Baron Banffy
beginnt ſodann unter größtem Lärm zu ſprechen, worauf
Vicepräſident Berzeviczy zahlreiche oppoſitionelle
Abgeordnete zur Ordnung ruft. Der Miniſterprä-
ſident erklärt: „Meiner Anſicht nach liegt es weder
in unſerem Intereſſe, noch im Intereſſe des
Landes und auch nicht im Intereſſe der uns
gegenüberſtehenden Partei, wenn Tag für Tag
ſolche Fragen herausgeſucht werden, die ſodann als
Skandal hingeſtellt werden.“ Dieſe Worte entfeſſeln
auf den Bänken der Oppoſition einen wahren Sturm.
Später ſetzt der Miniſterpräſident ſeine Rede fort. Er

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[2/0002] Wien, Dienſtag Reichspoſt 11. Februar 1896 41 er möge ſofort um ſeine Penſionirung anſuchen. Es wäre intereſſant, zu wiſſen, ob hier Platz ge- macht wird für „gewiegte Juriſten“ oder für Herren mit dem „gemeinſamen Ziele“ auf ver- ſchiedenen Wegen nach Muſter Szczepanowski. Südtirol, 8. Februar. Die unter dem Einfluſſe des Judenliberalismus ſtehende Regierung hat über den Tiroler Landtag wieder einen bedeutenden Sieg davongetragen. Am 5. d. M. wurde die Regierungs- vorlage, das Grundbuch betreffend, in allen ihren weſentlichen Punkten angenommen. Der Annahme ging eine heiße Debatte voraus, in welcher Dr. von Grabmayer als begeiſterter Anwalt des Grund- buches fungirte, wogegen Herr von Zallinger in ausgezeichneter Weiſe die verklebten wunden Punkte des Grundbuches enthüllte. Wie im Vorjahre für das Wehrgeſetz, ſo echauffirte ſich Dr. Wacker- nel diesmal für das von der Regierung warm empfohlene Grundbuch und verſuchte die Gegner durch übelangebrachte Witze lächerlich zu machen. Die Oppoſitionspartei aber vertrat ein ganz poſitives Gegenprogramm im Antrage für ein verbeſſertes Verfachbuch. Seltſam war die in mehreren Variationen wiederkehrende Logik der conſervativen Grundbuchfreunde; dieſelben behaupteten nämlich, daß das verbeſſerte Verfachbuch zu drei Vier- theilen ſchon Grundbuch ſei, trotzdem aber verwarfen ſie das Erſtere und mutheten den Gegnern noch oben- drein zu, ſie ſollten von ihrem Programme abgehen und das Grundbuch ſammt ſeinen ſcharfen Ecken und Kanten verſchlucken. Die Regierungsvorlage wurde hauptſächlich durch den Miniſterial-Viceſecretär Dr. Schumacher vertreten. Es war ein ſehr ſchlau berechneter Coup, die angenehme Perſönlichkeit eines Dr. Schumacher zur Liebeswerbung der Tiroler Landesvertretung nach Innsbruck zu citiren, in dieſer Hinſicht iſt die Regierung Tirol gegenüber heute klüger als in den Siebziger Jahren. Der Coup hat gezogen. Es muß noch hervorgehoben werden, daß die Gegner des Grundbuches vorzüglich den ſocial- politiſchen Schäden eines ſolchen die Er- leichterung einer weiteren Hypo- thekarverſchuldung, die hie mit ver- bundene Auslieferung Tirols an das ausländiſche Capital als Motive ihrer ablehnenden Haltung vorführten. Es iſt in der That kein Zweifel, daß das Syſtem des Grundbuches von capitaliſtiſchem Geiſte durchweht iſt, inſoferne iſt es aber ganz unrichtig, daß die politiſche Partei- ſtellung bei der Verhandlung über dasſelbe nicht in Betracht kommen konnte, das Gegen- theil iſt richtig, es wohnt dem Grundbuche tief der ökonomiſche Liberalismus inne, darum ſtimmte auch die liberale Partei geſchloſſen wie ein Mann, inſtinktmäßig für das Grundbuch. Herzlich zu bedauern iſt es, daß 15 Conſervative Nordtirols die liberale, capitaliſtiſche Grundidee des Grundbuches verkennend, dem letzteren zur Annahme im Hauſe ver- halfen. Hiemit hat der von der Regierung noch immer gehätſchelte ökonomiſche Liberalismus über das Volks- intereſſe geſiegt. Mit den Liberalen ſtimmten 9 Juriſten d. i. alle Advocaten des Landtages mit Ausnahme eineseinzigen. Einige Bauern kippten, vom Regierungswohl- wollen betäubt, noch in letzter Stunde um, indem ſie gegen ihre vorausgehende Haltung, für das Grundbuch ſtimmten. Sehr erfreulich iſt es, daß ſämmtliche con- ſervative Südtiroler (zwölf) in gerechter und verſtändiger Berückſichtigung der wirthſchaftlichen Intereſſen des Volkes das Grundbuch unnachſichtlich verworfen haben. Ein beſonderes Verdienſt hiefür gebührt dem Obmanne des Grundbuchausſchuſſes, dem volksfreundlichen Herrn von Zallinger. Die Südtiroler Conſervativen haben mit ihrer Abſtimmung nicht weniger ihren ſcharfen Einblick in den öconomiſchen capitaliſtiſchen Liberalismus, als ihr tiefes Verſtändniß für die thatſächlichen Intereſſen des Volkes bekundet. Dr. Kathrein durfte ſich den Faſchingsſcherz erlauben, ſowohl gegen den Antrag der Majorität, als den der Minorität zu ſtimmen. — In dieſen Tagen fchließt die erſte Seſſion des Landtages; letztere war beſonders markirt durch das volkswirth- ſchaftliche chriſtlich-ſociale Reformbeſtreben des hochver- dienten Herrn Dr. Schöpfer. Wir gratuliren hiezu dem Landtage beſtens. Dr. Schöpfer ehrt gleichzeitig hiemit die vorzügliche Lehranſtalt, der er angehört. Küſtenland. Seit ſechs und ein halb Jahren regiert und waltet gleich einem Halbgott im Küſten- lande als Statthalter Rinaldini unbeſchränkt nach ſeinen eigenen Geſetzen, zum größten Nachtheile des Geſammtſtaates und des öſterreichiſchen Gedankens. Die Folgen der unglückſeligen Politik Rinaldini’s haben auch ſchon die entſprechenden Früchte gezeitigt, denn das Küſtenland iſt, wie ſich unlängſt ein Irredentiſt in ſeinem Freundeskreiſe äußerte, für Italien vollkommen reif; daß auch die Führer der italieniſchen judenliberalen Partei dieſer Anſicht huldigen, beweiſen zur Genüge die unaufhörlichen irredentiſtiſchen Demonſtrationen in Trieſt, in den verſchiedenen Städten Iſtriens und in Görz. Auch die drei küſtenländiſchen Landtage reflectiren dieſe Strömung, da in derſelben die ſlaviſchen Abgeordneten von den Italienern in noch nie da- geweſener Weiſe terroriſirt, majoriſirt und bagatelliſirt werden, obwohl ſie gut dreiviertel der geſammten Be- völkerung des Landes vertreten. Die ſloveniſchen Abgeordneten am Trieſter Landtage nahmen an den Verhandlungen desſelben nicht theil, weil ſie ſich weder den Beleidigungen ſeitens ihrer italieniſchen Collegen, noch den Inſulten des bezahlten Galleriepöbels ausſetzen wollten. Weil in dieſem Land- tage der Vorſitzende eine Demonſtration für Baratieri und die italieniſche Armee nicht zulaſſen durfte, ver- ließen die extrem-radicalen Abgeordneten oſtentativ den Landtagsſaal, was ſie auch am Schluſſe der Seſſion thaten, als der Landeshauptmann eben im Begriffe war, das dreifache Hoch auf Seine Majeſtät auszubringen. Die Ohren der Trieſter „beſonnenen und gemäßigten“ Elemente vertragen eben ſo was nicht! — Im Iſtrianer Landtage zwangen die Italiener die ſlaviſchen Abgeordneten auf brutale, gar nicht par- lamentariſche Weiſe zum Austritte. Das Straßengeſindel verhöhnte und bedrohte ſie, ſo daß ſie eilig die Stadt verlaſſen mußten. Uebrigens charakteriſiren die Stim- mung und die Geſinnung gewiſſer Kreiſe Iſtriens die tagtäglichen Demonſtrationen für Italien. So jene im ehemaligen Samengo’ſchen Etabliſſement vorbei, das jetzt ruht und allein eine Arbeitskraft von 300 Pferdekräften ſtellte. Das Flüßchen Hubel theilt auch das Küſtenland und Krain. Eine ſteinerne Brücke führt über das Flußbett, die Aiduſſina von Sturie ſcheidet. Sturie iſt der erſte zu Krain gehörige Ort und ſcheint faſt ein Theil von Aiduſſina zu ſein. Im weiteren Verlaufe unſerer Wanderung treffen wir auf das Heiligthum Maria Loc (Maria in der Au). Es iſt dies eine ſehr beſuchte Wallfahrtskirche, die be- ſonders im Auguſt und September das Ziel aller frommen Bauern der Umgegend iſt. Das Heiligthum iſt ſehr groß und macht mit ſeinen weißgetünchten kahlen Wänden einen melancholiſchen Eindruck auf den Beſucher. Die Fresken, welche das Presbyterium und die Decke ſchmücken, zeugen von mehr gutem Willen, als künſtleriſchem Talent und Geſchmack. Auch die Altarblätter der Seitenaltäre ſind mittelmäßige Fresco- bilder. Die Perle der Kirche iſt das Marienbild des Hochaltares, von unbekannter Hand gefertigt. Wohl habe ich künſtleriſch vollendete Madonnenbilder geſehen, aber keines, das an Innigkeit und Zartheit dem Bilde von Maria Loc gleichkam. Neben dem Gotteshauſe ſteht eine Granitſäule mit der Statue eines in den neapolitaniſchen Kämpfen gefallenen Huſaren, welcher hier begraben wurde. Nun erhebt ſich bald zur Linken des Weges Semona, die großen Weinkellereien des Grafen Lanthieri, die einſt Zeugen großartiger Gelage geweſen ſein ſollen. Noch eine Biegung des Weges und Wippach liegt vor uns. Ein liebes Oertchen iſt’s, mit 4000 Einwohnern, in das uns eine Brücke über den Fluß Bela führt, der aber im Sommer gänzlich ausgetrocknet iſt. Das bedeutendſte Gebäude des Ortes iſt der Palaſt des Grafen Lanthieri, in dem auch das Steueramt und das Bezirksgericht untergebracht ſind. Hinter dem Palaſte liegt eine Re- ſtauration, wo das Bier in einem in den Felſen ge- grabenen Keller den ganzen Sommer friſch bleibt. Dort quillt auch aus dem Berge die Wippach, der Frigidus der Römer, rechts und links von zwei Quellen verſtärkt, ſo daß ſie ſchon wenige Schritte vom Urſprung entfernt, mit einem Kahne befahren werden kann. Wahrſcheinlich fließt die Wippach in unterirdiſchen, noch nicht bekannten Höhlen im Nanos, wie man denn auch im Wippachthal, wenn man aufmerkſam horcht, ein unterirdiſches Rauſchen und Toſen vernehmen kann, das für den Uneinge- weihten Anfangs allerdings etwas Unheimliches an ſich hat. Wippach hat auch eine ſchöne, von dem ſeligen Wolf mit werthvollen Fresken geſchmückte Kirche, die dem heiligen Stefanus geweiht iſt. Oft und oft dachte ich, wenn ich dieſe Kirche betrat, an mein Wien, das ja auch ſein ſchönſtes Gotteshaus für den heiligen Erzmarthyrer erbaut hat. Verläßt man Wippach, ſo öffnet ſich vor uns ein weites Thal, rechts und links von Bergen begrenzt. Geradeüber dem Marktflecken ſteigt ein mäßig hoher, ſteinbedeckter Hügel empor, von einer Ruine gekrönt — — dem letzten Ueberreſte des Stammſchloſſes der Grafen Lanthieri. Hinter dieſem Hügel ragt der Nanos 1300 Meter hoch in die Luft, zu ſeinen Füßen liegt auf einer Erhebung das anmuthige Gradiſce, mit ſeinem Kirchlein inmitten, zu dem 13 Kreuzwegcapellen emporleiten. Rechts zieht die Kette des Zaven, um ihn ballen ſich die Wolken, wenn die Wetter empor- ſteigen, und es iſt kein gutes Zeichen, wenn die Blitze um ſeine Spitze zucken, denn das bedeutet große Gewitter, ſagen die Landleute. So weit nun unſer Auge die Ebene überſchaut, Wieſen, nichts als Wieſen. — Die Bewohner treiben nichts als Vieh- zucht, denn das häufig austretende Waſſer, welches das Thal ſo überſchwemmt, daß es wie ein gewaltiger Strom ausſieht — ich habe ſelbſt eine ſolche Hochfluth erlebt — vernichtet Alles. Kaum ein wenig Mais und Gemüſe können die armen Leute bauen. Von Wippach führt der Weg bis St. Veit, wo das Thal ſich ſchließt. In neueſter Zeit hat man eine Hochſtraße am Fuße des Nanos über einen Hügel gebahnt, die bis Prewald und Adelsberg geleitet. Nicht Reichthum an pittoresken Naturſchönheiten iſt’s, auch kein durchaus ſüdliches Klima, die Bora bläſt und pfeift oft empfindlich, aber anſpruchsloſe Einfachheit und Stille, ſüßer Frieden, was der müde Wanderer hier findet und was ihn er- innern mag an Schiller’s Wort: „Wohl ihm, ſelig muß ich ihn preiſen, Der in der Stille der ländlichen Flur, Fern’ von des Lebens verworrenen Kreiſen Kindlich liegt an der Bruſt der Natur.“ Bertha Pelican. Theater zu Pirano, wo man ſich ganz ungenirt in hochverrätheriſchen Ausdrücken für den italieniſchen „Helden“ Baratieri begeiſterte. Im Görziſchen iſt es auch nicht beſſer. Im Landtage treiben, wie wir ſchon berichteten, die libe- ralen italieniſchen Abgeordneten Obſtructionspolitik und verlaſſen jedesmal den Saal,. ſobald die Slovenen einen ihnen nützlichen Antrag einbringen. Nicht beſſer treiben es die Herren im Finanz-Ausſchuſſe in welchem ſie die gerechteſten und nothwendigſten Forderungen der Slovenen begraben oder hinter- treiben. Solche Früchte zeitigt im Küſtenlande das Regime Rinaldini. Die Central-Regierung hätte mit Um- gehung der Statthalterei verſchiedene Mittel in der Hand, um die Obſtruction der Italiener zu hinter- treiben und ſie zu zwingen, den ſloveniſchen Forderungen gerecht zu ſein; ſo z. B. Entziehung der Staats- ſubvention der italieniſchen gewerblichen Fortbildungs- ſchule, wenn die Italiener einer gleichen ſloveniſchen Schule eine ſolche aus Landesmitteln noch weiter verweigern; ausgiebige Unterſtützung aus Staats- mitteln der angeſtrebten ſloveniſchen gewerblichen Fortbildungsſchule und der ſlovenifchen Privatvolks- ſchule in Görz. Zwei dringende Bedürfniſſe der Slovenen, die im Landtage Jahr für Jahr auf den Widerſtand der Italiener ſtoßen und ſo jede gedeihliche Entwicklung der Landtagsverhandlungen ſchon a pri- ori unmöglich machten. Ungarn. Der Pulszky-Scandal zieht in Buda- peſt immer größere Kreiſe. Während der Miniſter Wlaſſics noch vor wenigen Tagen im Abge- ordnetenhauſe die Verſicherung gab, Pulszky habe nur mehr über 7000 fl. Rechnung zu legen, auch ſeien die vom ſelben angekauften Bilder werthvolle Kunſtwerke, iſt es heute jedermann be- kannt, daß ſich die nicht verrechnete Summe weit höher ſtellt, daß gerade die theuerſten Gemälde ſich als werthloſen Schund erweiſen und daß ſich der ſaubere Director bei den Ankäufen gemeine Schwindeleien zu Schulden kommen ließ. Nament- lich die Geſchichte des Bilderkaufs mit der ſog. Gräfin Chevigny hat einen Hintergrund, der die bodenloſe Gewiſſenloſigkeit Pulszky’s in das hellſte Licht ſtellt. Das Privatleben desſelben iſt ein ſolches, daß die Polizei dasſelbe bei jedem gewöhnlichen Menſchen beanſtänden müßte, bei dem hohen Beamten that ſie es nicht! Aus dieſen Gründen werden im Abgeordnetenhauſe ſtürmiſche Debatten erwartet und viele Interpellationen vor- bereitet, welche ſich überdies auch auf die Ober- und Vicegeſpansaffairen beziehen, welche wie Pilze nach einem warmen Regen wachſen. Vor der Tagesordnung unterbreitet im Abge- ordnetenhauſe Präſident Perczel das Mandat des in Zichy-Falu gewählten Abgeordneten Daniel. Bei Fortſetzung der Generaldebatte über das Budget des Cultus- und Unterrichtsminiſteriums beſpricht Smialovszky die Frage der Congrua. Abg. Molnar erklärt ſich für den Beſchlußantrag Ugron. Nach der Pauſe polemiſirt Abg. Kovacs mit dem Abg. Pap. Abg. Graf Apponyi erklärt, er könne ſich nicht mit den aufgetauchten Cultus- und Unterrichtsfragen beſchäftigen, ſondern müſſe eine pein- liche Affaire erörtern, die ſich zum europäiſchen Scan- dale herausgewachſen habe. Es wurden verhältnismäßig große Summen verausgabt, ohne daß die Geſetzgebung dieſelben votirt hatte. 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Dieſes Ziel können wir nur durch Ent- ſendung einer parlamentariſchen Unterſuchungscommiſſion erreichen.“ Der Redner beantragt eine aus 15 Mit- gliedern beſtehende parlamentariſche Unterſuchungscom- miſſion zu entſenden. Miniſterpräſident Baron Banffy beginnt ſodann unter größtem Lärm zu ſprechen, worauf Vicepräſident Berzeviczy zahlreiche oppoſitionelle Abgeordnete zur Ordnung ruft. Der Miniſterprä- ſident erklärt: „Meiner Anſicht nach liegt es weder in unſerem Intereſſe, noch im Intereſſe des Landes und auch nicht im Intereſſe der uns gegenüberſtehenden Partei, wenn Tag für Tag ſolche Fragen herausgeſucht werden, die ſodann als Skandal hingeſtellt werden.“ Dieſe Worte entfeſſeln auf den Bänken der Oppoſition einen wahren Sturm. Später ſetzt der Miniſterpräſident ſeine Rede fort. Er

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Zitationshilfe: Reichspost. Nr. 41, Wien, 11.02.1896, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_reichspost041_1896/2>, abgerufen am 23.08.2019.