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Marburger Zeitung. Nr. 76, Marburg, 27.06.1911.

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Keiner Partei dienstbar.


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Freies Wort jedem Deutschen.


Marburger Zeitung.



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Der Preis des Blattes beträgt: Für Marburg:
Ganzjährig 12 K, halbjährig 6 K, vierteljährig 3 K, monat-
lich 1 K. Bei Zustellung ins Haus monatlich 20 h mehr.

Mit Postversendung:
Ganzjährig 14 K, halbjährig 7 K, vierteljährig 3 K 50 h.
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Erscheint jeden Dienstag, Donnerstag und
Samstag abends.

Sprechstunden des Schriftleiters an allen Wochentagen von
11--12 Uhr vorm. und von 5--6 Uhr nachm. Postgasse 4.

Die Verwaltung befindet sich: Postgasse [4] (Telephon Nr. 24.)


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Anzeigen werden im Verlage des Blattes und von
allen größeren Annoncen-Expeditionen entgegengenommen
und kostet die fünfmal gespaltene Kleinzeile 12 h.

Schluß für Einschaltungen:
Dienstag, Donnerstag, Samstag 10 Uhr vormittags.

Die Einzelnummer kostet 10 Heller.




Nr. 76 Dienstag, 27. Juni 1911 50. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Der neue Ministerpräsident.


Wieder ein neues Ministerio! In anderen
Staaten wirkt eine solche Nachricht mit der zeugen-
den Kraft eines hohen politischen Ereignisses; bei
uns aber stellt sie in ihrem Wesen nur eine neue,
aber altgewohnte Episode dar, wie ja unserer ganzen
Politik zumeist der Charakter des Episodenhaften
innewohnt. Täglich ein Schachern und Feilschen und
täglich muß sich der Ministerpräsident das neu er-
werben, was er gestern besaß und wenn er sich die
Zufriedenheit der Krone dauernd sichern will, so
müßte er auf die verworrenen und krankhaft ver-
zerrten parlamentarischen Verhältnisse einwirken
können wie ein Zauberer und mit wahrhaft über-
irdischer Kraft. Seit dem 15. November 1908 hat
Herr von Bienerth sich bemüht, in der parlamenta-
rischen Schaukelpolitik für sich das Gleichgewicht zu
erhalten und als die Verhältnisse immer trüber und
trostloser wurden, gedachte er durch eine Radikal-
kur sich Hilfe zu verschaffen und der Regierungs-
mehrheit eine größere Spannkraft zu verleihen. Die
Auflösung des Parlamentes und die Neuwahlen
sollten ihm jenen Zifferngewinn bringen, den er
haben mußte, wenn er weiterregieren wollte. Aber
dieser Appell an die Wähler hat ihn schwer ent-
täuscht und ihm nicht jene Früchte gebracht, nach
denen er sich sehnte und für die er alle Mittel ein-
setzte, welche der Regierungsgewalt zur Verfügung
stehen. Seine Hoffnungen schlugen fehl, denn das
neue Haus wird im Wesen dieselben Züge tragen
wie das aufgelöste; wohl aber konnte Herr von
[Spaltenumbruch] Bienerth gewärtigen, daß der Parlamentsbeginn
gewaltige Stürme auslösen wird, in deren Richtung
auch der Leitminister stehen würde. Und als sich
die ersten Sturmzeichen meldeten: der Rücktritt des
christlichsozialen Handelsministers und jener des
polnischen Eisenbahnministers, da machte er es zur
Tat, was er als Trumpf gar oft schon ausgespielt
hatte: Ich klebe nicht an meinem Mandat! Herr
v. Bienerth hat dem Kaiser seine Abdankung ange-
boten; die Krone nahm sie genehmigend zur Kennt-
nis und betraute einen ihrer Lieblinge, den Frei-
herrn Gautsch v. Frankenthurn zu seinem Nach-
folger. Zweimal schon war Herr v. Gautsch Unter-
richtsminister und zweimal auch Ministerpräsident
-- das erstemal nach Badeni. Nun steigt er neuer-
dings und zum dritten Male die Stufen zum Re-
gierungssitze hinan: die Opferung des Herrn von
Bienerth, die so manche Partei versöhnen soll, auf
der einen, und die besondere, noch nie unterbrochen
gewesene Huld der Krone auf der anderen Seite --
mit solchen Geleitbriefen für die Zukunft tritt Herr
v. Gautfch sein Amt nun an. Wer in seiner poli-
tischen Vergangenheit schürft, wird in ihr kein Edel-
gestein finden, nichts, was auf Herz oder Sinn an-
regend wirken oder seinem Namen historische Be-
deutung geben würde. Die Aufhebung der Badeni-
schen Aufruhrakte war nicht sein Verdienst; sie war
mit dem Sturze des polnischen Diktators vom
deutschen Volke erkämpft worden und die neuen
Sprachenverordnungen, die Gautsch an deren Stelle
setzte, ließen noch die Nachfolge Badenis erkennen;
Graf Clary hob auch diese Sprachenzwangs-
verordnungen auf. Und auch der Umstand, daß er
[Spaltenumbruch] für die Wahlreform eintrat, als er nach Körber
neuerdings als Leitminister berufen wurde, wird
ihm keinen Namen als Persönlichkeit sichern; denn
ein Jahr zuvor war er noch ihr heftiger Gegner
und er trat erst dann für sie ein, als die Krone
ihm deutlich ihren Willen kundgab. So ist Herr
von Gautsch ein Beamter, dessen Wirken sich stets
nur darnach richtet, was der Hof von ihm verlangt.
Gautsch von Frankenthurn steht in einer gewissen
Verbindung mit Marburg; die Gemahlin seines
Onkels, des Oberstleutnants Gautsch v. Frankenthurn,
ist die Schwester des uns leider allzufrüh entrissenen
Direktors Edmund Schmid und am Marburger
Friedhof befindet sich auch eine Grabstätte der
Gautsch v. Frankenthurn. Nicht ohne Interesse sind
für uns derartige, wenn auch lose Verbindungen
mit unserer Stadt und wenn man sie auch nicht
zur Grundlage von wirtschaftlichen Phantasien
machen kann, so können sie immerhin geeignet sein,
bei dem neuen Regierungschef freundliche Ge-
sinnungen gegenüber wirtschaftlichen Forderungen
unserer Stadt hervorzurufen und gegebenen Falles
wird Abg. Wastian gewiß nicht verfehlen, auch
diesen "Trumpf" an richtiger Stelle auszuspielen.
Vorläufig wird Herr von Gautsch aber gewiß ganz
andere Sorgen haben; mit vollen Breitseiten werden
die politischen Geschehnisse losgeschossen auf ihn,
wenn er sich nicht vollständig den Tschechen ausliefert,
die ihn begrüßen. Ob er heute noch jene Festigkeit
besitzt, die ihn den Angriffen Liechtensteins und des
Episkopates auf die Volksschule widerstehen ließen
-- seine beste Tat! -- das gehört zu den Unge-
wißheiten der Zukunft, die jetzt an uns herantritt.




[Spaltenumbruch]
Die weiße Frau von Oldensloe.

3 (Nachdruck verboten.)

Als ich einst des Abends mit meiner Mutter
vor der Tür unseres Hauses saß, schmiegte ich mich
zärtlich an sie und sagte:

"Mutter, erzähle mir von der weißen Frau im
Schloß ..."

Da erschrack meine Mutter auf das heftigste
und stieß mich fort und starrte mich an, als sähe sie
ein Gespenst.

"Junge," fragte sie mit bebender Stimme, "wer
hat dir von der weißen Frau erzählt?"

"Der alte Peter."

"Er sollte etwas besseres tun", murmelte meine
Mutter, sich scheu umsehend, als fürchte sie einen
Lauscher. "Sprich du aber niemals von der weißen
Frau", fuhr sie flüsternd fort, "mit keinem Menschen
und namentlich nicht mit dem Vater, wenn du nicht
willst, daß ein großes Unglück über uns alle kommt."

Ich fühlte wie meine Mutter zitterte und ich
zitterte mit ihr, denn ich glaubte an die gespenstische
Macht der weißen Frau, um Übles zufügen zu können.
Ich befolgte auch den Befehl meiner Mutter aus
abergläubischer Furcht, wenn mich auch die Neugier
quälte, mehr von der weißen Frau zu hören.

Doch andere Ereignisse traten ein und ich ver-
gaß das Märchen von der weißen Frau, an das ich
mich erst lange Jahre nachher erinnerte.


[Spaltenumbruch]

Es war ein stürmischer Winterabend. Der Wald
war tief verschneit und die Bäume beugten sich tief
unter der Last des Schnees. Wenn ein Windstoß
durch den Wald sauste, dann krachte und splitterte
es an allen Enden, fünfzigjährige Tannen wurden
abgeknickt, als wären sie dünne Stangen, die die
Hand eines Knaben zerbrechen konnte.

Mein Vater war seit Mittag im Walde. Die
schüchterne Bitte meiner Mutter, bei dem stürmischen
Wetter nicht hinauszugehen, hatte er rauh zurück-
gewiesen; in letzter Zeit hatten die Wilderei und der
Holzdiebstahl im Revier wieder überhand genommen;
der Vater war mehreren gefährlichen Wilddieben auf
der Spur, die über die nahe Grenze des Nachbar-
staates herüberkamen und sich der Verfolgung da-
durch entzogen, daß sie mit dem erbeuteten Wild
rasch über die Grenze zuruckgingen, wohin ihnen
mein Vater nicht folgen konnte. Aber er hatte ihre
Schleichwege über die Grenze aufgespürt und lau-
erte ihnen jetzt auf diesen auf, um sie auf frischer
Tat zu ertappen.

Den Heger, meinen alten Freund Peter, und
unseren Knecht Heinrich hatte er mit ins Revier ge-
nommen, um alle Schleichwege besetzen zu können.

Die Mutter und ich saßen eng aneinander ge-
schmiegt im Zimmer und lauschten auf das Brausen
des Sturmes und das Krachen der brechenden Tannen.
Wir sprachen kein Wort; ich war sehr müde, weil
ich erst nachmittags von der Schule aus dem be-
nachbarten Dorfe zurückgekommen war und mich
mit Mühe durch den hohen Schnee gekämpft hatte.
[Spaltenumbruch] Ich schloß die Augen und bei dem einförmigen Tik-
tak der Wanduhr und dem Surren des Spinnrads
unserer Magd schlief ich fest ein.

Wie lange ich geschlafen, weiß ich nicht. Plötz-
lich erwachte ich durch eine heftige Bewegung meiner
Mutter, an deren Schulter ich meinen Kopf gelegt
hatte, und hörte das wütende Bellen und Heulen
unserer Hunde draußen auf dem Hofe.

Meine Mutter und die Magd liefen hinaus.
Ich hörte rauhe Männerstimmen, und plötzlich einen
lauten Schreckensschrei meiner Mutter. Jetzt lief
auch ich auf die Hausflur und niemals werde ich
den Aublick vergessen, welcher sich mir darbot.

Auf einer Tragbahre, die man aus den Flinten
meines Vaters, des alten Peter und des Knechts,
sowie aus Tannenzweigen hergestellt hatte, lag der
blutige Körper meines Vaters. Meine Mutter kniete
neben der Bahre und verbarg schluchzend ihr Ge-
sicht in die Hände. Der alte Peter und der Knecht,
welcher eine Laterne in der Hand trug, deren Licht
die fürchterliche Szene mit rotem Schein übergoß,
standen mit gesenktem Kopf zu Häupten der Bahre.

Ich lief auf meinen Vater zu, der in diesem
Augenblick schwer aufstöhnte; dieses Zeichen, daß
noch Leben in ihm war, erweckte meine Mutter aus
ihrem Schmerze.

"Bringt ihn in das Zimmer auf sein Bett",
bat sie, "und dann lauf einer nach dem Schlosse
und melde den Vorfall. Der Oberförster schickt wohl
einen Wagen nach dem Arzt ..."

Und ich sah hin und weinte.


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Keiner Partei dienſtbar.


[Spaltenumbruch]

Freies Wort jedem Deutſchen.


Marburger Zeitung.



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Der Preis des Blattes beträgt: Für Marburg:
Ganzjährig 12 K, halbjährig 6 K, vierteljährig 3 K, monat-
lich 1 K. Bei Zuſtellung ins Haus monatlich 20 h mehr.

Mit Poſtverſendung:
Ganzjährig 14 K, halbjährig 7 K, vierteljährig 3 K 50 h.
Das Abonnement dauert bis zur ſchriftlichen Abbeſtellung.


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Erſcheint jeden Dienstag, Donnerstag und
Samstag abends.

Sprechſtunden des Schriftleiters an allen Wochentagen von
11—12 Uhr vorm. und von 5—6 Uhr nachm. Poſtgaſſe 4.

Die Verwaltung befindet ſich: Poſtgaſſe [4] (Telephon Nr. 24.)


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Anzeigen werden im Verlage des Blattes und von
allen größeren Annoncen-Expeditionen entgegengenommen
und koſtet die fünfmal geſpaltene Kleinzeile 12 h.

Schluß für Einſchaltungen:
Dienstag, Donnerstag, Samstag 10 Uhr vormittags.

Die Einzelnummer koſtet 10 Heller.




Nr. 76 Dienstag, 27. Juni 1911 50. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Der neue Miniſterpräſident.


Wieder ein neues Miniſterio! In anderen
Staaten wirkt eine ſolche Nachricht mit der zeugen-
den Kraft eines hohen politiſchen Ereigniſſes; bei
uns aber ſtellt ſie in ihrem Weſen nur eine neue,
aber altgewohnte Epiſode dar, wie ja unſerer ganzen
Politik zumeiſt der Charakter des Epiſodenhaften
innewohnt. Täglich ein Schachern und Feilſchen und
täglich muß ſich der Miniſterpräſident das neu er-
werben, was er geſtern beſaß und wenn er ſich die
Zufriedenheit der Krone dauernd ſichern will, ſo
müßte er auf die verworrenen und krankhaft ver-
zerrten parlamentariſchen Verhältniſſe einwirken
können wie ein Zauberer und mit wahrhaft über-
irdiſcher Kraft. Seit dem 15. November 1908 hat
Herr von Bienerth ſich bemüht, in der parlamenta-
riſchen Schaukelpolitik für ſich das Gleichgewicht zu
erhalten und als die Verhältniſſe immer trüber und
troſtloſer wurden, gedachte er durch eine Radikal-
kur ſich Hilfe zu verſchaffen und der Regierungs-
mehrheit eine größere Spannkraft zu verleihen. Die
Auflöſung des Parlamentes und die Neuwahlen
ſollten ihm jenen Zifferngewinn bringen, den er
haben mußte, wenn er weiterregieren wollte. Aber
dieſer Appell an die Wähler hat ihn ſchwer ent-
täuſcht und ihm nicht jene Früchte gebracht, nach
denen er ſich ſehnte und für die er alle Mittel ein-
ſetzte, welche der Regierungsgewalt zur Verfügung
ſtehen. Seine Hoffnungen ſchlugen fehl, denn das
neue Haus wird im Weſen dieſelben Züge tragen
wie das aufgelöſte; wohl aber konnte Herr von
[Spaltenumbruch] Bienerth gewärtigen, daß der Parlamentsbeginn
gewaltige Stürme auslöſen wird, in deren Richtung
auch der Leitminiſter ſtehen würde. Und als ſich
die erſten Sturmzeichen meldeten: der Rücktritt des
chriſtlichſozialen Handelsminiſters und jener des
polniſchen Eiſenbahnminiſters, da machte er es zur
Tat, was er als Trumpf gar oft ſchon ausgeſpielt
hatte: Ich klebe nicht an meinem Mandat! Herr
v. Bienerth hat dem Kaiſer ſeine Abdankung ange-
boten; die Krone nahm ſie genehmigend zur Kennt-
nis und betraute einen ihrer Lieblinge, den Frei-
herrn Gautſch v. Frankenthurn zu ſeinem Nach-
folger. Zweimal ſchon war Herr v. Gautſch Unter-
richtsminiſter und zweimal auch Miniſterpräſident
— das erſtemal nach Badeni. Nun ſteigt er neuer-
dings und zum dritten Male die Stufen zum Re-
gierungsſitze hinan: die Opferung des Herrn von
Bienerth, die ſo manche Partei verſöhnen ſoll, auf
der einen, und die beſondere, noch nie unterbrochen
geweſene Huld der Krone auf der anderen Seite —
mit ſolchen Geleitbriefen für die Zukunft tritt Herr
v. Gautfch ſein Amt nun an. Wer in ſeiner poli-
tiſchen Vergangenheit ſchürft, wird in ihr kein Edel-
geſtein finden, nichts, was auf Herz oder Sinn an-
regend wirken oder ſeinem Namen hiſtoriſche Be-
deutung geben würde. Die Aufhebung der Badeni-
ſchen Aufruhrakte war nicht ſein Verdienſt; ſie war
mit dem Sturze des polniſchen Diktators vom
deutſchen Volke erkämpft worden und die neuen
Sprachenverordnungen, die Gautſch an deren Stelle
ſetzte, ließen noch die Nachfolge Badenis erkennen;
Graf Clary hob auch dieſe Sprachenzwangs-
verordnungen auf. Und auch der Umſtand, daß er
[Spaltenumbruch] für die Wahlreform eintrat, als er nach Körber
neuerdings als Leitminiſter berufen wurde, wird
ihm keinen Namen als Perſönlichkeit ſichern; denn
ein Jahr zuvor war er noch ihr heftiger Gegner
und er trat erſt dann für ſie ein, als die Krone
ihm deutlich ihren Willen kundgab. So iſt Herr
von Gautſch ein Beamter, deſſen Wirken ſich ſtets
nur darnach richtet, was der Hof von ihm verlangt.
Gautſch von Frankenthurn ſteht in einer gewiſſen
Verbindung mit Marburg; die Gemahlin ſeines
Onkels, des Oberſtleutnants Gautſch v. Frankenthurn,
iſt die Schweſter des uns leider allzufrüh entriſſenen
Direktors Edmund Schmid und am Marburger
Friedhof befindet ſich auch eine Grabſtätte der
Gautſch v. Frankenthurn. Nicht ohne Intereſſe ſind
für uns derartige, wenn auch loſe Verbindungen
mit unſerer Stadt und wenn man ſie auch nicht
zur Grundlage von wirtſchaftlichen Phantaſien
machen kann, ſo können ſie immerhin geeignet ſein,
bei dem neuen Regierungschef freundliche Ge-
ſinnungen gegenüber wirtſchaftlichen Forderungen
unſerer Stadt hervorzurufen und gegebenen Falles
wird Abg. Waſtian gewiß nicht verfehlen, auch
dieſen „Trumpf“ an richtiger Stelle auszuſpielen.
Vorläufig wird Herr von Gautſch aber gewiß ganz
andere Sorgen haben; mit vollen Breitſeiten werden
die politiſchen Geſchehniſſe losgeſchoſſen auf ihn,
wenn er ſich nicht vollſtändig den Tſchechen ausliefert,
die ihn begrüßen. Ob er heute noch jene Feſtigkeit
beſitzt, die ihn den Angriffen Liechtenſteins und des
Episkopates auf die Volksſchule widerſtehen ließen
— ſeine beſte Tat! — das gehört zu den Unge-
wißheiten der Zukunft, die jetzt an uns herantritt.




[Spaltenumbruch]
Die weiße Frau von Oldensloe.

3 (Nachdruck verboten.)

Als ich einſt des Abends mit meiner Mutter
vor der Tür unſeres Hauſes ſaß, ſchmiegte ich mich
zärtlich an ſie und ſagte:

„Mutter, erzähle mir von der weißen Frau im
Schloß ...“

Da erſchrack meine Mutter auf das heftigſte
und ſtieß mich fort und ſtarrte mich an, als ſähe ſie
ein Geſpenſt.

„Junge,“ fragte ſie mit bebender Stimme, „wer
hat dir von der weißen Frau erzählt?“

„Der alte Peter.“

„Er ſollte etwas beſſeres tun“, murmelte meine
Mutter, ſich ſcheu umſehend, als fürchte ſie einen
Lauſcher. „Sprich du aber niemals von der weißen
Frau“, fuhr ſie flüſternd fort, „mit keinem Menſchen
und namentlich nicht mit dem Vater, wenn du nicht
willſt, daß ein großes Unglück über uns alle kommt.“

Ich fühlte wie meine Mutter zitterte und ich
zitterte mit ihr, denn ich glaubte an die geſpenſtiſche
Macht der weißen Frau, um Übles zufügen zu können.
Ich befolgte auch den Befehl meiner Mutter aus
abergläubiſcher Furcht, wenn mich auch die Neugier
quälte, mehr von der weißen Frau zu hören.

Doch andere Ereigniſſe traten ein und ich ver-
gaß das Märchen von der weißen Frau, an das ich
mich erſt lange Jahre nachher erinnerte.


[Spaltenumbruch]

Es war ein ſtürmiſcher Winterabend. Der Wald
war tief verſchneit und die Bäume beugten ſich tief
unter der Laſt des Schnees. Wenn ein Windſtoß
durch den Wald ſauſte, dann krachte und ſplitterte
es an allen Enden, fünfzigjährige Tannen wurden
abgeknickt, als wären ſie dünne Stangen, die die
Hand eines Knaben zerbrechen konnte.

Mein Vater war ſeit Mittag im Walde. Die
ſchüchterne Bitte meiner Mutter, bei dem ſtürmiſchen
Wetter nicht hinauszugehen, hatte er rauh zurück-
gewieſen; in letzter Zeit hatten die Wilderei und der
Holzdiebſtahl im Revier wieder überhand genommen;
der Vater war mehreren gefährlichen Wilddieben auf
der Spur, die über die nahe Grenze des Nachbar-
ſtaates herüberkamen und ſich der Verfolgung da-
durch entzogen, daß ſie mit dem erbeuteten Wild
raſch über die Grenze zuruckgingen, wohin ihnen
mein Vater nicht folgen konnte. Aber er hatte ihre
Schleichwege über die Grenze aufgeſpürt und lau-
erte ihnen jetzt auf dieſen auf, um ſie auf friſcher
Tat zu ertappen.

Den Heger, meinen alten Freund Peter, und
unſeren Knecht Heinrich hatte er mit ins Revier ge-
nommen, um alle Schleichwege beſetzen zu können.

Die Mutter und ich ſaßen eng aneinander ge-
ſchmiegt im Zimmer und lauſchten auf das Brauſen
des Sturmes und das Krachen der brechenden Tannen.
Wir ſprachen kein Wort; ich war ſehr müde, weil
ich erſt nachmittags von der Schule aus dem be-
nachbarten Dorfe zurückgekommen war und mich
mit Mühe durch den hohen Schnee gekämpft hatte.
[Spaltenumbruch] Ich ſchloß die Augen und bei dem einförmigen Tik-
tak der Wanduhr und dem Surren des Spinnrads
unſerer Magd ſchlief ich feſt ein.

Wie lange ich geſchlafen, weiß ich nicht. Plötz-
lich erwachte ich durch eine heftige Bewegung meiner
Mutter, an deren Schulter ich meinen Kopf gelegt
hatte, und hörte das wütende Bellen und Heulen
unſerer Hunde draußen auf dem Hofe.

Meine Mutter und die Magd liefen hinaus.
Ich hörte rauhe Männerſtimmen, und plötzlich einen
lauten Schreckensſchrei meiner Mutter. Jetzt lief
auch ich auf die Hausflur und niemals werde ich
den Aublick vergeſſen, welcher ſich mir darbot.

Auf einer Tragbahre, die man aus den Flinten
meines Vaters, des alten Peter und des Knechts,
ſowie aus Tannenzweigen hergeſtellt hatte, lag der
blutige Körper meines Vaters. Meine Mutter kniete
neben der Bahre und verbarg ſchluchzend ihr Ge-
ſicht in die Hände. Der alte Peter und der Knecht,
welcher eine Laterne in der Hand trug, deren Licht
die fürchterliche Szene mit rotem Schein übergoß,
ſtanden mit geſenktem Kopf zu Häupten der Bahre.

Ich lief auf meinen Vater zu, der in dieſem
Augenblick ſchwer aufſtöhnte; dieſes Zeichen, daß
noch Leben in ihm war, erweckte meine Mutter aus
ihrem Schmerze.

„Bringt ihn in das Zimmer auf ſein Bett“,
bat ſie, „und dann lauf einer nach dem Schloſſe
und melde den Vorfall. Der Oberförſter ſchickt wohl
einen Wagen nach dem Arzt ...“

Und ich ſah hin und weinte.


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[[1]/0001] Keiner Partei dienſtbar. Freies Wort jedem Deutſchen. Marburger Zeitung. Der Preis des Blattes beträgt: Für Marburg: Ganzjährig 12 K, halbjährig 6 K, vierteljährig 3 K, monat- lich 1 K. Bei Zuſtellung ins Haus monatlich 20 h mehr. Mit Poſtverſendung: Ganzjährig 14 K, halbjährig 7 K, vierteljährig 3 K 50 h. Das Abonnement dauert bis zur ſchriftlichen Abbeſtellung. Erſcheint jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag abends. Sprechſtunden des Schriftleiters an allen Wochentagen von 11—12 Uhr vorm. und von 5—6 Uhr nachm. Poſtgaſſe 4. Die Verwaltung befindet ſich: Poſtgaſſe 4 (Telephon Nr. 24.) Anzeigen werden im Verlage des Blattes und von allen größeren Annoncen-Expeditionen entgegengenommen und koſtet die fünfmal geſpaltene Kleinzeile 12 h. Schluß für Einſchaltungen: Dienstag, Donnerstag, Samstag 10 Uhr vormittags. Die Einzelnummer koſtet 10 Heller. Nr. 76 Dienstag, 27. Juni 1911 50. Jahrgang. Der neue Miniſterpräſident. Marburg, 27. Juni. Wieder ein neues Miniſterio! In anderen Staaten wirkt eine ſolche Nachricht mit der zeugen- den Kraft eines hohen politiſchen Ereigniſſes; bei uns aber ſtellt ſie in ihrem Weſen nur eine neue, aber altgewohnte Epiſode dar, wie ja unſerer ganzen Politik zumeiſt der Charakter des Epiſodenhaften innewohnt. Täglich ein Schachern und Feilſchen und täglich muß ſich der Miniſterpräſident das neu er- werben, was er geſtern beſaß und wenn er ſich die Zufriedenheit der Krone dauernd ſichern will, ſo müßte er auf die verworrenen und krankhaft ver- zerrten parlamentariſchen Verhältniſſe einwirken können wie ein Zauberer und mit wahrhaft über- irdiſcher Kraft. Seit dem 15. November 1908 hat Herr von Bienerth ſich bemüht, in der parlamenta- riſchen Schaukelpolitik für ſich das Gleichgewicht zu erhalten und als die Verhältniſſe immer trüber und troſtloſer wurden, gedachte er durch eine Radikal- kur ſich Hilfe zu verſchaffen und der Regierungs- mehrheit eine größere Spannkraft zu verleihen. 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Bienerth hat dem Kaiſer ſeine Abdankung ange- boten; die Krone nahm ſie genehmigend zur Kennt- nis und betraute einen ihrer Lieblinge, den Frei- herrn Gautſch v. Frankenthurn zu ſeinem Nach- folger. Zweimal ſchon war Herr v. Gautſch Unter- richtsminiſter und zweimal auch Miniſterpräſident — das erſtemal nach Badeni. Nun ſteigt er neuer- dings und zum dritten Male die Stufen zum Re- gierungsſitze hinan: die Opferung des Herrn von Bienerth, die ſo manche Partei verſöhnen ſoll, auf der einen, und die beſondere, noch nie unterbrochen geweſene Huld der Krone auf der anderen Seite — mit ſolchen Geleitbriefen für die Zukunft tritt Herr v. Gautfch ſein Amt nun an. Wer in ſeiner poli- tiſchen Vergangenheit ſchürft, wird in ihr kein Edel- geſtein finden, nichts, was auf Herz oder Sinn an- regend wirken oder ſeinem Namen hiſtoriſche Be- deutung geben würde. Die Aufhebung der Badeni- ſchen Aufruhrakte war nicht ſein Verdienſt; ſie war mit dem Sturze des polniſchen Diktators vom deutſchen Volke erkämpft worden und die neuen Sprachenverordnungen, die Gautſch an deren Stelle ſetzte, ließen noch die Nachfolge Badenis erkennen; Graf Clary hob auch dieſe Sprachenzwangs- verordnungen auf. Und auch der Umſtand, daß er für die Wahlreform eintrat, als er nach Körber neuerdings als Leitminiſter berufen wurde, wird ihm keinen Namen als Perſönlichkeit ſichern; denn ein Jahr zuvor war er noch ihr heftiger Gegner und er trat erſt dann für ſie ein, als die Krone ihm deutlich ihren Willen kundgab. So iſt Herr von Gautſch ein Beamter, deſſen Wirken ſich ſtets nur darnach richtet, was der Hof von ihm verlangt. Gautſch von Frankenthurn ſteht in einer gewiſſen Verbindung mit Marburg; die Gemahlin ſeines Onkels, des Oberſtleutnants Gautſch v. Frankenthurn, iſt die Schweſter des uns leider allzufrüh entriſſenen Direktors Edmund Schmid und am Marburger Friedhof befindet ſich auch eine Grabſtätte der Gautſch v. Frankenthurn. Nicht ohne Intereſſe ſind für uns derartige, wenn auch loſe Verbindungen mit unſerer Stadt und wenn man ſie auch nicht zur Grundlage von wirtſchaftlichen Phantaſien machen kann, ſo können ſie immerhin geeignet ſein, bei dem neuen Regierungschef freundliche Ge- ſinnungen gegenüber wirtſchaftlichen Forderungen unſerer Stadt hervorzurufen und gegebenen Falles wird Abg. Waſtian gewiß nicht verfehlen, auch dieſen „Trumpf“ an richtiger Stelle auszuſpielen. Vorläufig wird Herr von Gautſch aber gewiß ganz andere Sorgen haben; mit vollen Breitſeiten werden die politiſchen Geſchehniſſe losgeſchoſſen auf ihn, wenn er ſich nicht vollſtändig den Tſchechen ausliefert, die ihn begrüßen. 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Als ich einſt des Abends mit meiner Mutter vor der Tür unſeres Hauſes ſaß, ſchmiegte ich mich zärtlich an ſie und ſagte: „Mutter, erzähle mir von der weißen Frau im Schloß ...“ Da erſchrack meine Mutter auf das heftigſte und ſtieß mich fort und ſtarrte mich an, als ſähe ſie ein Geſpenſt. „Junge,“ fragte ſie mit bebender Stimme, „wer hat dir von der weißen Frau erzählt?“ „Der alte Peter.“ „Er ſollte etwas beſſeres tun“, murmelte meine Mutter, ſich ſcheu umſehend, als fürchte ſie einen Lauſcher. „Sprich du aber niemals von der weißen Frau“, fuhr ſie flüſternd fort, „mit keinem Menſchen und namentlich nicht mit dem Vater, wenn du nicht willſt, daß ein großes Unglück über uns alle kommt.“ Ich fühlte wie meine Mutter zitterte und ich zitterte mit ihr, denn ich glaubte an die geſpenſtiſche Macht der weißen Frau, um Übles zufügen zu können. Ich befolgte auch den Befehl meiner Mutter aus abergläubiſcher Furcht, wenn mich auch die Neugier quälte, mehr von der weißen Frau zu hören. Doch andere Ereigniſſe traten ein und ich ver- gaß das Märchen von der weißen Frau, an das ich mich erſt lange Jahre nachher erinnerte. Es war ein ſtürmiſcher Winterabend. Der Wald war tief verſchneit und die Bäume beugten ſich tief unter der Laſt des Schnees. Wenn ein Windſtoß durch den Wald ſauſte, dann krachte und ſplitterte es an allen Enden, fünfzigjährige Tannen wurden abgeknickt, als wären ſie dünne Stangen, die die Hand eines Knaben zerbrechen konnte. Mein Vater war ſeit Mittag im Walde. Die ſchüchterne Bitte meiner Mutter, bei dem ſtürmiſchen Wetter nicht hinauszugehen, hatte er rauh zurück- gewieſen; in letzter Zeit hatten die Wilderei und der Holzdiebſtahl im Revier wieder überhand genommen; der Vater war mehreren gefährlichen Wilddieben auf der Spur, die über die nahe Grenze des Nachbar- ſtaates herüberkamen und ſich der Verfolgung da- durch entzogen, daß ſie mit dem erbeuteten Wild raſch über die Grenze zuruckgingen, wohin ihnen mein Vater nicht folgen konnte. 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Meine Mutter und die Magd liefen hinaus. Ich hörte rauhe Männerſtimmen, und plötzlich einen lauten Schreckensſchrei meiner Mutter. Jetzt lief auch ich auf die Hausflur und niemals werde ich den Aublick vergeſſen, welcher ſich mir darbot. Auf einer Tragbahre, die man aus den Flinten meines Vaters, des alten Peter und des Knechts, ſowie aus Tannenzweigen hergeſtellt hatte, lag der blutige Körper meines Vaters. Meine Mutter kniete neben der Bahre und verbarg ſchluchzend ihr Ge- ſicht in die Hände. Der alte Peter und der Knecht, welcher eine Laterne in der Hand trug, deren Licht die fürchterliche Szene mit rotem Schein übergoß, ſtanden mit geſenktem Kopf zu Häupten der Bahre. Ich lief auf meinen Vater zu, der in dieſem Augenblick ſchwer aufſtöhnte; dieſes Zeichen, daß noch Leben in ihm war, erweckte meine Mutter aus ihrem Schmerze. „Bringt ihn in das Zimmer auf ſein Bett“, bat ſie, „und dann lauf einer nach dem Schloſſe und melde den Vorfall. Der Oberförſter ſchickt wohl einen Wagen nach dem Arzt ...“ Und ich ſah hin und weinte.

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Zitationshilfe: Marburger Zeitung. Nr. 76, Marburg, 27.06.1911, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_marburger76_1911/1>, abgerufen am 25.03.2019.