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Mährisches Tagblatt. Nr. 204, Olmütz, 06.09.1895.

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Schule, für die Herrschaft der Jesuiten sich
anstrengen, davon haben sie größtentheils keine
Ahnung. Die Antisemiten ziehen nicht unter der
Losung: "confessionelle Schule" in den Wahl-
kampf. Aber im antisemitischen Generalstab weiß
man gar wohl, wofür gekämpft wird und der
oberste Befehlshaber, der fürstliche Ehren-
Commandant des Antisemitismus, Prinz Liechten-
stein geht sogar hin und plaudert den "geheimen
Plan" des ganzen Feldzuges aus. Das läßt sich
nur durch die lächerliche Selbstüberschätzung
erklären, welche dem Prinzen vorspiegelt, daß er
nun endlich doch mit seinem Steckenpferde der
confessionellen Schule durchdringen werde und
daß er von Wien aus dann -- ein neuer
Alexander der Größe -- die ganze civilisirte
Welt für das Jesuitenthum erobern werde.
Glaubt sich doch auch Lueger einen "Fels im
Meere
", womit er natürlich den Begriff der
Unüberwindlichkeit verbindet. Sollte es wieder
einmal wahr werden: "Hochmuth kommt vor
dem Falle?"




Glimmende Funken.


Im türkischen Reiche gährt es an verschiedenen
Puncten, und trotz aller Dementis der Pforte
befürchtet man baldige Ausbrüche dieser Gährung.
Das Reich des Sultans kracht in allen Fugen.

Die augenblickliche Lage auf der Balkanhalb-
insel scheint nur die Stille vor dem Sturme zu
sein. Ernste Ueberraschungen werden in Aussicht
gestellt.

Die Lage wird jeden Tag ernster. Wenn
äußerlich auch kein Sturm geläutet wird, so
herrscht doch unterirdisch eine starke Bewegung.
Man steht dort auf Dynamit. Die mace-
donische Frage ist im Fluß. Täglich gehen Banden
nach Macedonien ab, ohne daß man es wagen
darf, darüber ein Wort zu berichten. Es liegen
große Mengen Dynamit aufgespeichert, das in Bul-
garien erzeugt wird. Man hat davon der Bauunter-
nehmung beim Bahnbau mehrere Kisten gestohlen
und außerdem noch Melinit aus Paris bezogen.

Auch die Nachrichten aus Constantinopel
lauten sehr beunruhigend. Was der Sultan um
8 Uhr verspricht, muß der Großvezier um 12 Uhr
Nachts widerrufen. Man steht da auf einem
Vulkan, dessen Eruption unberechenbaren Schaden
verursachen wird. Man steht vor der Lösung
dreier Fragen, der armenischen, die sehr verwickelt
ist, der macedonischen, die nicht zum Einschlafen
kommt, und drittens der bulgarischen, die man
aus den Verwickelungen der beiden ersteren er-
stehen lassen wird. Europa hat bereits Kunde
von dem traurigen Fall von Dospat und Malo
Tyrnovo. Beide Orte wurden mit Dynamit in
die Luft gesprengt, das in Sofia fabricirt wird.


[Spaltenumbruch]

Auch in Albanien ist die Revolution in
vollem Gange. Hauptsächlich sind es die Russen,
die überall die Hand im Spiele haben, -- was
für Europa ein warnender Fingerzeig sein mag.
Man kann die augenblicklichen Berhältnisse
als russisches Werk ansehen. Das von der Re-
gierung suspendirte Militärblatt erschien wieder
unter demselben Programm. Es warnt vor
Zankowistischen russischen Manövern und fordert
die Officiere auf, wachsam zu sein, weil die
Gefahr sehr nahe sei. Ebenso schreibt die Stam-
buloff'sche "Swoboda" einen ähnlichen Allarm-
artikel, in dem sie auffordert, auf der Hut zu
sein, weil Bulgarien vor einer Catastrophe stehe.

In der That liegen die Dinge in Sofia so,
daß man jeden Augenblick auf eine Ueberraschung
gefaßt sein muß. Mit der armenischen Frage,
die nach der Ansicht aller Kenner der Verhält-
nisse der Feuerfunke ist, der das Pulverfaß der Balkan-
frage zur Explosion bringen könnte, steht es aller-
dings sehr böse. Den Behauptungen einzelner
Blätter, daß die Lage der Armenier eine bedauerns-
werthe sei, und daß manche derselben von den Kurden
ihrer ohnehin nothdürftigen Ernte beraubt, Hungers
sterben, wird zwar von officieller türkischer Seite mit
dem Hinweise darauf widersprochen, daß an Ort und
Stelle eingezogene Erkundigungen keine der an-
geführten Behauptungen rechtfertigen. Die Mel-
dung eines Mailänder Blattes, derzufolge 39
Personen, welche den an den jüngsten Einfällen in
die Türkei betheiligten Banden angehören, zum Tode
verurtheilt wären, wird gleichfalls für absolut grund-
los erklärt. Was endlich das von ausländischen Or-
ganen erwähnte angebliche Attentat auf den Ge-
neralgouverneur anbelangt, so wird demgegenüber
betont, daß den Regierungskreisen durchaus keine
Nachricht von einem solchen Attentate zuge-
gangen ist.

Mit diesen Dementis wird aber weder die
herrschende Unruhe beseitigt, noch wird man
damit die triste Lage bessern. Der Sultan ruft
auch vergebens nach allen Seiten um Hilfe gegen
die drängenden Forderungen des englischen Pre-
mierministers Salisbury.

Der Zeitung "Daily News" wird aus
Constantinopel Folgendes berichtet: Der Sultan
suchte die Vermittlung Kaiser Wilhelms in der
armenischen Frage nach. Kaiser Wilhelm lehnte
aber eine solche Vermittlung ab und bemerkte,
er hätte vor Monaten bereits die Einführung
von Reformen in Armenien angerathen, aber
seitdem sei die Lage in Armenien durch die Hal-
tung der Pforte verschlimmert.

Bei Lichte besehen, ist auch die Forderung
der Reformen, welche die Mächte erheben, durch-
aus kein Unglück für das ottomanische Reich. Nie-
mand wird sagen, daß die Türkei in Folge galop-
pirender Fortschrittssucht krank darnieder liege.
Aus welchen Günden immer das Drängen Eng-
[Spaltenumbruch] lands enfolgen mag, so liegt es nur an den
Machthabern am Goldenen Horn, die Situation
durchaus zum Besten des Reiches zu wenden. Eine
Reformbewegung, das ist klar, erzeugt immer den
Widerstand einer Partci. Aber es will uns be-
dünken, daß die Opposition gegen einen von oben
gegebenen Impuls inmitten des an leidenden Ge-
horsam gewöhnten türkischen Volkes sich weit
schwächer äußern würde, als in irgend einem
Staate Europas. Es scheint uns auch durchaus
nicht ausgemacht, daß der türkische Volksstamm
nicht das geeignete Material biete, um eine den
anderen Völkern ebenbürtige Culturstufe zu er-
reichen. Die Türken sind von unparteiischen Ken-
nern als ein mit vielen Vorzügen des Geistes
und des Characters ausgestattetes Volk darge-
stellt worden. Die mohamedanische Religion ist
so wenig ein culturelles Hinderniß, daß ein mo-
hamedanischer Stamm, nämlich die Araber in
Spanien, in Künsten und Wissenschaften einst den
ersten Rang in Europa behauptet hat. An dem
Volke liegt es also durchaus nicht, daß die Re-
formen in der Türkei nicht Wurzel gefaßt haben.
Die Ideen des Fortschritts, der Europäisirung
der Verwaltung, wenn sie nur kräftig und stand-
haft von den leitenden Kreisen festgehalten wer-
den, würden gewiß nicht unfruchtbar bleiben. Die
Sache liegt daher für den Sultan gegenwärtig
so, daß die Reformtendenzen, falls sie im Yildiz-
Kiosk contrecarrirt werden, wahrscheinlich zu Ein-
griffen in die Hoheitsrechte des Souveräns füh-
ren werden. Hingegen könnte die Macht
des türkischen Reiches sogar erstarken und
vermehrt werden, falls die Machthaber ihre
eingewurzelte Scheu vor Neuerungen über-
winden und sich resolut an die Spitze der
Reformbewegung stellen. Diese Wendung der
Politik würde nach innen und nach außen hin
für die Pforte von den wohlthätigsten Folgen
begleitet sein.




Politische Nachrichten.
(Kaiser Franz Josef als Gast Kaiser
Wilhelms.)

Nach dem nunmehr feststehenden
Programm trifft Kaiser Franz Josef von Oester-
reich nächsten Montag den 9. September um 4
Uhr Nachmittags in Stettin ein. Auf dem Bahn-
hofe nimmt eine Ehrenwache vom Kaiser Franz-
Garde-Grenadier-Reg. Nr. 2 Aufstellung, und
es findet daselbst großer militärischer und Civit-
empfang statt. Unter der Ehren-Escorte des
Schleswig-Holstein'schen Huszaren-Regiments
Kaiser Franz Josef von Oesterreich Nr. 2 be-
gibt sich der österreichische Kaiser nach seinem
Absteigequartier im Generallandschaftsgebäude,
wo die Ehrenwache vom 1. pommer'schen Gre-
nadier-Reg. König Friedrich Wilhelm IV. be-
zogen wird. Um 6 Uhr Nachmittags findet bei




[Spaltenumbruch]

geschlossen, um der Concurrenz durch Anfiedelung
Fremder und einer Exploitation durch auswärtige
Unternehmer vorzubeugen. Die Folgen eines
solchen wirthschaftlichen Inzuchtverfahrens äußern
sich in dem Bilde eines auf der niedrigen Stufe
seiner Anfänge stehen gebliebenen Curortes, der
den modernen Ansprüchen des Publicums nicht zu
entsprechen vermag, und dessen Niedergang sich,
wenn auch nicht in der Zahl der jährlichen Bade-
gäste, so gleichwohl in dem Durchschnitt ihrer ge-
sellschaftlichen Qualität ausspricht.




Ein Sedanfest in Afrika.
Eine Seemanns-Erinnerung

(Nachdruck verboten.)

Am Sedantage arbeiten, das wäre noch
schöner! -- Zwei Wochen lagen wir bereits vor
Libreville im französischen Gabungebiet, und ich
hatte noch nicht einmal meinen Fuß auf afrika-
nischen Boden setzen können vor lauter Arbeit!
Ging das so weiter mit dem dummen Löschen
und Laden, dann kam ich weder hier noch im
benachbarten Kamerun an Land, und von der
Romantik des dunklen Erdtheils sah und hörte
ich nichts. Wohl fuhr ich noch "vor dem Mast,"
wie der Seemann sagt, d. h. ich hatte noch keine
Charge; dies that aber weder meiner Abenteuer-
lust noch meinem Patriotismus Abbruch, und ich
wollte es dem Capitän schon auseinandersetzen,
daß es seine Pflicht war, uns heute feiern und
an Land gehen zu lassen.


[Spaltenumbruch]

Festtäglich-patriotisch mit schneeweißen Bram-
tuchhosen, feuerrothem Wollenhemd und schwarz-
seidenem Halstuch bekleidet, rückte ich an der Spitze
einer dreigliedrigen Deputation in die Cajüte,
um als "Hochdütscher" unsere Angelegenheit vor-
zubringen. Aber da kam ich schön an.

"Het sick wat mit Sedanstag!" fuhr mich
der Matrosenvater an; Stückgüter ausladen und
Gummifässer an Bord nehmen, das sei uns viel
gesünder, als ins Wirthshaus zu gehen und zu
lumpen. Als ich ihm erklärte, es sei mir gar
nicht um die Wirthshäuser, sondern um die
"afrikanische Romantik" zu thun, lachte er mir
erst ins Gesicht und sagte dann, wieder ärgerlich
werdend: "Unsinn Romantik! Hier in französi-
schem Gebiet den Sedanstag feiern, das könnte
eine schöne Geschichte geben. Und nun gar, wenn
man mit der Sprache nicht fortkommen kann!"

Damit glaubte er mich zu überzeugen, aber
fehlgeschossen! Ich trug ihm als Gegenbeweis
sofort einen Abschnitt aus dem "großen Ploetz"
vor und zwar so geläufig, daß er gar nicht zu
folgen vermochte. Mit dem Französischen hapert
es nämlich oft bei den besten Schiffsführern, die
ja auch mit der englischen Sprache überall durch-
kommen. Kurzum, er gab nach, obgleich wider-
willig und unter Androhung strenger Strafe für
eine etwaige Urlaubsüberschreitung.

Darob großer Jubel vor dem Mast; Vormittags
machten wir uns "landfein," nach dem Mittags-
essen fuhren wir ab. Daß wir die Woermann'sche
Factorei, in deren Nähe unser Boot auf den
Uferland lief, einfach links liegen ließen und
[Spaltenumbruch] sofort den Weg nach der etwa eine halbe Stunde
nördlicher gelegenen Stadt einschlugen, verstand
sich von selbst; hier war ja nichts "los" und
zudem ärgerten sich die deutschen Kaufleute, für
die unsere Ladung bestimmt war, vermuthlich
ebenso über unsere Feiertagsgelüste, wie unser
Capitän. Mochten sie sich ärgern, wir freuten
uns umsomehr, insbesondere aber befand ich
mich in erwartungsvoll gehobener Stimmung.

Heimatliche Lieder singend, zogen wir durch
den Busch nach der Stadt Libreville, deren An-
blick mich arg enttäuschte. Die hübsch auf wel-
ligem Hügelland gelegene Niederlassung mit ihren
meist sauberen, von Gärten umgebenen Holz-
häusern konnte wohl einen kleinen Ostseebadeort
vorstellen, aber kein Negerdorf, wie ich es mir
gedacht hatte. Wirthshausschilder mit "Cafe de
Paris"
und dergl Aufschriften, ein Photographen-
Atelier, ein europäisch dreinschauendes Gouver-
nementsgebäude: wo blieb da die Romantik?
Auch die Menschen waren mir viel zu zahm;
Bambushütten wollte ich sehen, zähnefletschende
schwarze Krieger, Gir- und andere Affen.

Zum Einkehren war es in Anbetracht
unserer beschränkten Geldmittel eigentlich noch zu
früh, doch einen Cognac konnte man sich immer-
hin einstweilen genehmigen. Madame Pecqueur,
eine schon etwas angejahrte Südfranzösin, kre-
denzte uns das Labsal in ihrem Schanklocal,
wo auch Eislimonade und Viermänner-Cigarren
zu haben waren; in der offenen Halle, die ans
Haus stieß, sollte später sogar getanzt werden.


[Spaltenumbruch]

Schule, für die Herrſchaft der Jeſuiten ſich
anſtrengen, davon haben ſie größtentheils keine
Ahnung. Die Antiſemiten ziehen nicht unter der
Loſung: „confeſſionelle Schule“ in den Wahl-
kampf. Aber im antiſemitiſchen Generalſtab weiß
man gar wohl, wofür gekämpft wird und der
oberſte Befehlshaber, der fürſtliche Ehren-
Commandant des Antiſemitismus, Prinz Liechten-
ſtein geht ſogar hin und plaudert den „geheimen
Plan“ des ganzen Feldzuges aus. Das läßt ſich
nur durch die lächerliche Selbſtüberſchätzung
erklären, welche dem Prinzen vorſpiegelt, daß er
nun endlich doch mit ſeinem Steckenpferde der
confeſſionellen Schule durchdringen werde und
daß er von Wien aus dann — ein neuer
Alexander der Größe — die ganze civiliſirte
Welt für das Jeſuitenthum erobern werde.
Glaubt ſich doch auch Lueger einen „Fels im
Meere
“, womit er natürlich den Begriff der
Unüberwindlichkeit verbindet. Sollte es wieder
einmal wahr werden: „Hochmuth kommt vor
dem Falle?“




Glimmende Funken.


Im türkiſchen Reiche gährt es an verſchiedenen
Puncten, und trotz aller Dementis der Pforte
befürchtet man baldige Ausbrüche dieſer Gährung.
Das Reich des Sultans kracht in allen Fugen.

Die augenblickliche Lage auf der Balkanhalb-
inſel ſcheint nur die Stille vor dem Sturme zu
ſein. Ernſte Ueberraſchungen werden in Ausſicht
geſtellt.

Die Lage wird jeden Tag ernſter. Wenn
äußerlich auch kein Sturm geläutet wird, ſo
herrſcht doch unterirdiſch eine ſtarke Bewegung.
Man ſteht dort auf Dynamit. Die mace-
doniſche Frage iſt im Fluß. Täglich gehen Banden
nach Macedonien ab, ohne daß man es wagen
darf, darüber ein Wort zu berichten. Es liegen
große Mengen Dynamit aufgeſpeichert, das in Bul-
garien erzeugt wird. Man hat davon der Bauunter-
nehmung beim Bahnbau mehrere Kiſten geſtohlen
und außerdem noch Melinit aus Paris bezogen.

Auch die Nachrichten aus Conſtantinopel
lauten ſehr beunruhigend. Was der Sultan um
8 Uhr verſpricht, muß der Großvezier um 12 Uhr
Nachts widerrufen. Man ſteht da auf einem
Vulkan, deſſen Eruption unberechenbaren Schaden
verurſachen wird. Man ſteht vor der Löſung
dreier Fragen, der armeniſchen, die ſehr verwickelt
iſt, der macedoniſchen, die nicht zum Einſchlafen
kommt, und drittens der bulgariſchen, die man
aus den Verwickelungen der beiden erſteren er-
ſtehen laſſen wird. Europa hat bereits Kunde
von dem traurigen Fall von Dospat und Malo
Tyrnovo. Beide Orte wurden mit Dynamit in
die Luft geſprengt, das in Sofia fabricirt wird.


[Spaltenumbruch]

Auch in Albanien iſt die Revolution in
vollem Gange. Hauptſächlich ſind es die Ruſſen,
die überall die Hand im Spiele haben, — was
für Europa ein warnender Fingerzeig ſein mag.
Man kann die augenblicklichen Berhältniſſe
als ruſſiſches Werk anſehen. Das von der Re-
gierung ſuspendirte Militärblatt erſchien wieder
unter demſelben Programm. Es warnt vor
Zankowiſtiſchen ruſſiſchen Manövern und fordert
die Officiere auf, wachſam zu ſein, weil die
Gefahr ſehr nahe ſei. Ebenſo ſchreibt die Stam-
buloff’ſche „Swoboda“ einen ähnlichen Allarm-
artikel, in dem ſie auffordert, auf der Hut zu
ſein, weil Bulgarien vor einer Cataſtrophe ſtehe.

In der That liegen die Dinge in Sofia ſo,
daß man jeden Augenblick auf eine Ueberraſchung
gefaßt ſein muß. Mit der armeniſchen Frage,
die nach der Anſicht aller Kenner der Verhält-
niſſe der Feuerfunke iſt, der das Pulverfaß der Balkan-
frage zur Exploſion bringen könnte, ſteht es aller-
dings ſehr böſe. Den Behauptungen einzelner
Blätter, daß die Lage der Armenier eine bedauerns-
werthe ſei, und daß manche derſelben von den Kurden
ihrer ohnehin nothdürftigen Ernte beraubt, Hungers
ſterben, wird zwar von officieller türkiſcher Seite mit
dem Hinweiſe darauf widerſprochen, daß an Ort und
Stelle eingezogene Erkundigungen keine der an-
geführten Behauptungen rechtfertigen. Die Mel-
dung eines Mailänder Blattes, derzufolge 39
Perſonen, welche den an den jüngſten Einfällen in
die Türkei betheiligten Banden angehören, zum Tode
verurtheilt wären, wird gleichfalls für abſolut grund-
los erklärt. Was endlich das von ausländiſchen Or-
ganen erwähnte angebliche Attentat auf den Ge-
neralgouverneur anbelangt, ſo wird demgegenüber
betont, daß den Regierungskreiſen durchaus keine
Nachricht von einem ſolchen Attentate zuge-
gangen iſt.

Mit dieſen Dementis wird aber weder die
herrſchende Unruhe beſeitigt, noch wird man
damit die triſte Lage beſſern. Der Sultan ruft
auch vergebens nach allen Seiten um Hilfe gegen
die drängenden Forderungen des engliſchen Pre-
mierminiſters Salisbury.

Der Zeitung „Daily News“ wird aus
Conſtantinopel Folgendes berichtet: Der Sultan
ſuchte die Vermittlung Kaiſer Wilhelms in der
armeniſchen Frage nach. Kaiſer Wilhelm lehnte
aber eine ſolche Vermittlung ab und bemerkte,
er hätte vor Monaten bereits die Einführung
von Reformen in Armenien angerathen, aber
ſeitdem ſei die Lage in Armenien durch die Hal-
tung der Pforte verſchlimmert.

Bei Lichte beſehen, iſt auch die Forderung
der Reformen, welche die Mächte erheben, durch-
aus kein Unglück für das ottomaniſche Reich. Nie-
mand wird ſagen, daß die Türkei in Folge galop-
pirender Fortſchrittsſucht krank darnieder liege.
Aus welchen Günden immer das Drängen Eng-
[Spaltenumbruch] lands enfolgen mag, ſo liegt es nur an den
Machthabern am Goldenen Horn, die Situation
durchaus zum Beſten des Reiches zu wenden. Eine
Reformbewegung, das iſt klar, erzeugt immer den
Widerſtand einer Partci. Aber es will uns be-
dünken, daß die Oppoſition gegen einen von oben
gegebenen Impuls inmitten des an leidenden Ge-
horſam gewöhnten türkiſchen Volkes ſich weit
ſchwächer äußern würde, als in irgend einem
Staate Europas. Es ſcheint uns auch durchaus
nicht ausgemacht, daß der türkiſche Volksſtamm
nicht das geeignete Material biete, um eine den
anderen Völkern ebenbürtige Culturſtufe zu er-
reichen. Die Türken ſind von unparteiiſchen Ken-
nern als ein mit vielen Vorzügen des Geiſtes
und des Characters ausgeſtattetes Volk darge-
ſtellt worden. Die mohamedaniſche Religion iſt
ſo wenig ein culturelles Hinderniß, daß ein mo-
hamedaniſcher Stamm, nämlich die Araber in
Spanien, in Künſten und Wiſſenſchaften einſt den
erſten Rang in Europa behauptet hat. An dem
Volke liegt es alſo durchaus nicht, daß die Re-
formen in der Türkei nicht Wurzel gefaßt haben.
Die Ideen des Fortſchritts, der Europäiſirung
der Verwaltung, wenn ſie nur kräftig und ſtand-
haft von den leitenden Kreiſen feſtgehalten wer-
den, würden gewiß nicht unfruchtbar bleiben. Die
Sache liegt daher für den Sultan gegenwärtig
ſo, daß die Reformtendenzen, falls ſie im Yildiz-
Kiosk contrecarrirt werden, wahrſcheinlich zu Ein-
griffen in die Hoheitsrechte des Souveräns füh-
ren werden. Hingegen könnte die Macht
des türkiſchen Reiches ſogar erſtarken und
vermehrt werden, falls die Machthaber ihre
eingewurzelte Scheu vor Neuerungen über-
winden und ſich reſolut an die Spitze der
Reformbewegung ſtellen. Dieſe Wendung der
Politik würde nach innen und nach außen hin
für die Pforte von den wohlthätigſten Folgen
begleitet ſein.




Politiſche Nachrichten.
(Kaiſer Franz Joſef als Gaſt Kaiſer
Wilhelms.)

Nach dem nunmehr feſtſtehenden
Programm trifft Kaiſer Franz Joſef von Oeſter-
reich nächſten Montag den 9. September um 4
Uhr Nachmittags in Stettin ein. Auf dem Bahn-
hofe nimmt eine Ehrenwache vom Kaiſer Franz-
Garde-Grenadier-Reg. Nr. 2 Aufſtellung, und
es findet daſelbſt großer militäriſcher und Civit-
empfang ſtatt. Unter der Ehren-Escorte des
Schleswig-Holſtein’ſchen Huszaren-Regiments
Kaiſer Franz Joſef von Oeſterreich Nr. 2 be-
gibt ſich der öſterreichiſche Kaiſer nach ſeinem
Abſteigequartier im Generallandſchaftsgebäude,
wo die Ehrenwache vom 1. pommer’ſchen Gre-
nadier-Reg. König Friedrich Wilhelm IV. be-
zogen wird. Um 6 Uhr Nachmittags findet bei




[Spaltenumbruch]

geſchloſſen, um der Concurrenz durch Anfiedelung
Fremder und einer Exploitation durch auswärtige
Unternehmer vorzubeugen. Die Folgen eines
ſolchen wirthſchaftlichen Inzuchtverfahrens äußern
ſich in dem Bilde eines auf der niedrigen Stufe
ſeiner Anfänge ſtehen gebliebenen Curortes, der
den modernen Anſprüchen des Publicums nicht zu
entſprechen vermag, und deſſen Niedergang ſich,
wenn auch nicht in der Zahl der jährlichen Bade-
gäſte, ſo gleichwohl in dem Durchſchnitt ihrer ge-
ſellſchaftlichen Qualität ausſpricht.




Ein Sedanfeſt in Afrika.
Eine Seemanns-Erinnerung

(Nachdruck verboten.)

Am Sedantage arbeiten, das wäre noch
ſchöner! — Zwei Wochen lagen wir bereits vor
Libreville im franzöſiſchen Gabungebiet, und ich
hatte noch nicht einmal meinen Fuß auf afrika-
niſchen Boden ſetzen können vor lauter Arbeit!
Ging das ſo weiter mit dem dummen Löſchen
und Laden, dann kam ich weder hier noch im
benachbarten Kamerun an Land, und von der
Romantik des dunklen Erdtheils ſah und hörte
ich nichts. Wohl fuhr ich noch „vor dem Maſt,“
wie der Seemann ſagt, d. h. ich hatte noch keine
Charge; dies that aber weder meiner Abenteuer-
luſt noch meinem Patriotismus Abbruch, und ich
wollte es dem Capitän ſchon auseinanderſetzen,
daß es ſeine Pflicht war, uns heute feiern und
an Land gehen zu laſſen.


[Spaltenumbruch]

Feſttäglich-patriotiſch mit ſchneeweißen Bram-
tuchhoſen, feuerrothem Wollenhemd und ſchwarz-
ſeidenem Halstuch bekleidet, rückte ich an der Spitze
einer dreigliedrigen Deputation in die Cajüte,
um als „Hochdütſcher“ unſere Angelegenheit vor-
zubringen. Aber da kam ich ſchön an.

„Het ſick wat mit Sedanstag!“ fuhr mich
der Matroſenvater an; Stückgüter ausladen und
Gummifäſſer an Bord nehmen, das ſei uns viel
geſünder, als ins Wirthshaus zu gehen und zu
lumpen. Als ich ihm erklärte, es ſei mir gar
nicht um die Wirthshäuſer, ſondern um die
„afrikaniſche Romantik“ zu thun, lachte er mir
erſt ins Geſicht und ſagte dann, wieder ärgerlich
werdend: „Unſinn Romantik! Hier in franzöſi-
ſchem Gebiet den Sedanstag feiern, das könnte
eine ſchöne Geſchichte geben. Und nun gar, wenn
man mit der Sprache nicht fortkommen kann!“

Damit glaubte er mich zu überzeugen, aber
fehlgeſchoſſen! Ich trug ihm als Gegenbeweis
ſofort einen Abſchnitt aus dem „großen Ploetz“
vor und zwar ſo geläufig, daß er gar nicht zu
folgen vermochte. Mit dem Franzöſiſchen hapert
es nämlich oft bei den beſten Schiffsführern, die
ja auch mit der engliſchen Sprache überall durch-
kommen. Kurzum, er gab nach, obgleich wider-
willig und unter Androhung ſtrenger Strafe für
eine etwaige Urlaubsüberſchreitung.

Darob großer Jubel vor dem Maſt; Vormittags
machten wir uns „landfein,“ nach dem Mittags-
eſſen fuhren wir ab. Daß wir die Woermann’ſche
Factorei, in deren Nähe unſer Boot auf den
Uferland lief, einfach links liegen ließen und
[Spaltenumbruch] ſofort den Weg nach der etwa eine halbe Stunde
nördlicher gelegenen Stadt einſchlugen, verſtand
ſich von ſelbſt; hier war ja nichts „los“ und
zudem ärgerten ſich die deutſchen Kaufleute, für
die unſere Ladung beſtimmt war, vermuthlich
ebenſo über unſere Feiertagsgelüſte, wie unſer
Capitän. Mochten ſie ſich ärgern, wir freuten
uns umſomehr, insbeſondere aber befand ich
mich in erwartungsvoll gehobener Stimmung.

Heimatliche Lieder ſingend, zogen wir durch
den Buſch nach der Stadt Libreville, deren An-
blick mich arg enttäuſchte. Die hübſch auf wel-
ligem Hügelland gelegene Niederlaſſung mit ihren
meiſt ſauberen, von Gärten umgebenen Holz-
häuſern konnte wohl einen kleinen Oſtſeebadeort
vorſtellen, aber kein Negerdorf, wie ich es mir
gedacht hatte. Wirthshausſchilder mit „Café de
Paris“
und dergl Aufſchriften, ein Photographen-
Atelier, ein europäiſch dreinſchauendes Gouver-
nementsgebäude: wo blieb da die Romantik?
Auch die Menſchen waren mir viel zu zahm;
Bambushütten wollte ich ſehen, zähnefletſchende
ſchwarze Krieger, Gir- und andere Affen.

Zum Einkehren war es in Anbetracht
unſerer beſchränkten Geldmittel eigentlich noch zu
früh, doch einen Cognac konnte man ſich immer-
hin einſtweilen genehmigen. Madame Pecqueur,
eine ſchon etwas angejahrte Südfranzöſin, kre-
denzte uns das Labſal in ihrem Schanklocal,
wo auch Eislimonade und Viermänner-Cigarren
zu haben waren; in der offenen Halle, die ans
Haus ſtieß, ſollte ſpäter ſogar getanzt werden.


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[[2]/0002] Schule, für die Herrſchaft der Jeſuiten ſich anſtrengen, davon haben ſie größtentheils keine Ahnung. Die Antiſemiten ziehen nicht unter der Loſung: „confeſſionelle Schule“ in den Wahl- kampf. Aber im antiſemitiſchen Generalſtab weiß man gar wohl, wofür gekämpft wird und der oberſte Befehlshaber, der fürſtliche Ehren- Commandant des Antiſemitismus, Prinz Liechten- ſtein geht ſogar hin und plaudert den „geheimen Plan“ des ganzen Feldzuges aus. Das läßt ſich nur durch die lächerliche Selbſtüberſchätzung erklären, welche dem Prinzen vorſpiegelt, daß er nun endlich doch mit ſeinem Steckenpferde der confeſſionellen Schule durchdringen werde und daß er von Wien aus dann — ein neuer Alexander der Größe — die ganze civiliſirte Welt für das Jeſuitenthum erobern werde. Glaubt ſich doch auch Lueger einen „Fels im Meere“, womit er natürlich den Begriff der Unüberwindlichkeit verbindet. Sollte es wieder einmal wahr werden: „Hochmuth kommt vor dem Falle?“ Glimmende Funken. Olmütz, 6. September. Im türkiſchen Reiche gährt es an verſchiedenen Puncten, und trotz aller Dementis der Pforte befürchtet man baldige Ausbrüche dieſer Gährung. Das Reich des Sultans kracht in allen Fugen. Die augenblickliche Lage auf der Balkanhalb- inſel ſcheint nur die Stille vor dem Sturme zu ſein. Ernſte Ueberraſchungen werden in Ausſicht geſtellt. Die Lage wird jeden Tag ernſter. Wenn äußerlich auch kein Sturm geläutet wird, ſo herrſcht doch unterirdiſch eine ſtarke Bewegung. Man ſteht dort auf Dynamit. Die mace- doniſche Frage iſt im Fluß. Täglich gehen Banden nach Macedonien ab, ohne daß man es wagen darf, darüber ein Wort zu berichten. Es liegen große Mengen Dynamit aufgeſpeichert, das in Bul- garien erzeugt wird. Man hat davon der Bauunter- nehmung beim Bahnbau mehrere Kiſten geſtohlen und außerdem noch Melinit aus Paris bezogen. Auch die Nachrichten aus Conſtantinopel lauten ſehr beunruhigend. Was der Sultan um 8 Uhr verſpricht, muß der Großvezier um 12 Uhr Nachts widerrufen. Man ſteht da auf einem Vulkan, deſſen Eruption unberechenbaren Schaden verurſachen wird. Man ſteht vor der Löſung dreier Fragen, der armeniſchen, die ſehr verwickelt iſt, der macedoniſchen, die nicht zum Einſchlafen kommt, und drittens der bulgariſchen, die man aus den Verwickelungen der beiden erſteren er- ſtehen laſſen wird. Europa hat bereits Kunde von dem traurigen Fall von Dospat und Malo Tyrnovo. Beide Orte wurden mit Dynamit in die Luft geſprengt, das in Sofia fabricirt wird. Auch in Albanien iſt die Revolution in vollem Gange. Hauptſächlich ſind es die Ruſſen, die überall die Hand im Spiele haben, — was für Europa ein warnender Fingerzeig ſein mag. Man kann die augenblicklichen Berhältniſſe als ruſſiſches Werk anſehen. Das von der Re- gierung ſuspendirte Militärblatt erſchien wieder unter demſelben Programm. Es warnt vor Zankowiſtiſchen ruſſiſchen Manövern und fordert die Officiere auf, wachſam zu ſein, weil die Gefahr ſehr nahe ſei. Ebenſo ſchreibt die Stam- buloff’ſche „Swoboda“ einen ähnlichen Allarm- artikel, in dem ſie auffordert, auf der Hut zu ſein, weil Bulgarien vor einer Cataſtrophe ſtehe. In der That liegen die Dinge in Sofia ſo, daß man jeden Augenblick auf eine Ueberraſchung gefaßt ſein muß. Mit der armeniſchen Frage, die nach der Anſicht aller Kenner der Verhält- niſſe der Feuerfunke iſt, der das Pulverfaß der Balkan- frage zur Exploſion bringen könnte, ſteht es aller- dings ſehr böſe. Den Behauptungen einzelner Blätter, daß die Lage der Armenier eine bedauerns- werthe ſei, und daß manche derſelben von den Kurden ihrer ohnehin nothdürftigen Ernte beraubt, Hungers ſterben, wird zwar von officieller türkiſcher Seite mit dem Hinweiſe darauf widerſprochen, daß an Ort und Stelle eingezogene Erkundigungen keine der an- geführten Behauptungen rechtfertigen. Die Mel- dung eines Mailänder Blattes, derzufolge 39 Perſonen, welche den an den jüngſten Einfällen in die Türkei betheiligten Banden angehören, zum Tode verurtheilt wären, wird gleichfalls für abſolut grund- los erklärt. Was endlich das von ausländiſchen Or- ganen erwähnte angebliche Attentat auf den Ge- neralgouverneur anbelangt, ſo wird demgegenüber betont, daß den Regierungskreiſen durchaus keine Nachricht von einem ſolchen Attentate zuge- gangen iſt. Mit dieſen Dementis wird aber weder die herrſchende Unruhe beſeitigt, noch wird man damit die triſte Lage beſſern. Der Sultan ruft auch vergebens nach allen Seiten um Hilfe gegen die drängenden Forderungen des engliſchen Pre- mierminiſters Salisbury. Der Zeitung „Daily News“ wird aus Conſtantinopel Folgendes berichtet: Der Sultan ſuchte die Vermittlung Kaiſer Wilhelms in der armeniſchen Frage nach. Kaiſer Wilhelm lehnte aber eine ſolche Vermittlung ab und bemerkte, er hätte vor Monaten bereits die Einführung von Reformen in Armenien angerathen, aber ſeitdem ſei die Lage in Armenien durch die Hal- tung der Pforte verſchlimmert. Bei Lichte beſehen, iſt auch die Forderung der Reformen, welche die Mächte erheben, durch- aus kein Unglück für das ottomaniſche Reich. Nie- mand wird ſagen, daß die Türkei in Folge galop- pirender Fortſchrittsſucht krank darnieder liege. Aus welchen Günden immer das Drängen Eng- lands enfolgen mag, ſo liegt es nur an den Machthabern am Goldenen Horn, die Situation durchaus zum Beſten des Reiches zu wenden. Eine Reformbewegung, das iſt klar, erzeugt immer den Widerſtand einer Partci. Aber es will uns be- dünken, daß die Oppoſition gegen einen von oben gegebenen Impuls inmitten des an leidenden Ge- horſam gewöhnten türkiſchen Volkes ſich weit ſchwächer äußern würde, als in irgend einem Staate Europas. Es ſcheint uns auch durchaus nicht ausgemacht, daß der türkiſche Volksſtamm nicht das geeignete Material biete, um eine den anderen Völkern ebenbürtige Culturſtufe zu er- reichen. Die Türken ſind von unparteiiſchen Ken- nern als ein mit vielen Vorzügen des Geiſtes und des Characters ausgeſtattetes Volk darge- ſtellt worden. Die mohamedaniſche Religion iſt ſo wenig ein culturelles Hinderniß, daß ein mo- hamedaniſcher Stamm, nämlich die Araber in Spanien, in Künſten und Wiſſenſchaften einſt den erſten Rang in Europa behauptet hat. An dem Volke liegt es alſo durchaus nicht, daß die Re- formen in der Türkei nicht Wurzel gefaßt haben. Die Ideen des Fortſchritts, der Europäiſirung der Verwaltung, wenn ſie nur kräftig und ſtand- haft von den leitenden Kreiſen feſtgehalten wer- den, würden gewiß nicht unfruchtbar bleiben. Die Sache liegt daher für den Sultan gegenwärtig ſo, daß die Reformtendenzen, falls ſie im Yildiz- Kiosk contrecarrirt werden, wahrſcheinlich zu Ein- griffen in die Hoheitsrechte des Souveräns füh- ren werden. Hingegen könnte die Macht des türkiſchen Reiches ſogar erſtarken und vermehrt werden, falls die Machthaber ihre eingewurzelte Scheu vor Neuerungen über- winden und ſich reſolut an die Spitze der Reformbewegung ſtellen. Dieſe Wendung der Politik würde nach innen und nach außen hin für die Pforte von den wohlthätigſten Folgen begleitet ſein. Politiſche Nachrichten. (Kaiſer Franz Joſef als Gaſt Kaiſer Wilhelms.) Nach dem nunmehr feſtſtehenden Programm trifft Kaiſer Franz Joſef von Oeſter- reich nächſten Montag den 9. September um 4 Uhr Nachmittags in Stettin ein. Auf dem Bahn- hofe nimmt eine Ehrenwache vom Kaiſer Franz- Garde-Grenadier-Reg. Nr. 2 Aufſtellung, und es findet daſelbſt großer militäriſcher und Civit- empfang ſtatt. Unter der Ehren-Escorte des Schleswig-Holſtein’ſchen Huszaren-Regiments Kaiſer Franz Joſef von Oeſterreich Nr. 2 be- gibt ſich der öſterreichiſche Kaiſer nach ſeinem Abſteigequartier im Generallandſchaftsgebäude, wo die Ehrenwache vom 1. pommer’ſchen Gre- nadier-Reg. König Friedrich Wilhelm IV. be- zogen wird. Um 6 Uhr Nachmittags findet bei geſchloſſen, um der Concurrenz durch Anfiedelung Fremder und einer Exploitation durch auswärtige Unternehmer vorzubeugen. Die Folgen eines ſolchen wirthſchaftlichen Inzuchtverfahrens äußern ſich in dem Bilde eines auf der niedrigen Stufe ſeiner Anfänge ſtehen gebliebenen Curortes, der den modernen Anſprüchen des Publicums nicht zu entſprechen vermag, und deſſen Niedergang ſich, wenn auch nicht in der Zahl der jährlichen Bade- gäſte, ſo gleichwohl in dem Durchſchnitt ihrer ge- ſellſchaftlichen Qualität ausſpricht. H. E. Ein Sedanfeſt in Afrika. Eine Seemanns-Erinnerung von Chriſtian Benkard (Oberurſel). (Nachdruck verboten.) Am Sedantage arbeiten, das wäre noch ſchöner! — Zwei Wochen lagen wir bereits vor Libreville im franzöſiſchen Gabungebiet, und ich hatte noch nicht einmal meinen Fuß auf afrika- niſchen Boden ſetzen können vor lauter Arbeit! Ging das ſo weiter mit dem dummen Löſchen und Laden, dann kam ich weder hier noch im benachbarten Kamerun an Land, und von der Romantik des dunklen Erdtheils ſah und hörte ich nichts. Wohl fuhr ich noch „vor dem Maſt,“ wie der Seemann ſagt, d. h. ich hatte noch keine Charge; dies that aber weder meiner Abenteuer- luſt noch meinem Patriotismus Abbruch, und ich wollte es dem Capitän ſchon auseinanderſetzen, daß es ſeine Pflicht war, uns heute feiern und an Land gehen zu laſſen. Feſttäglich-patriotiſch mit ſchneeweißen Bram- tuchhoſen, feuerrothem Wollenhemd und ſchwarz- ſeidenem Halstuch bekleidet, rückte ich an der Spitze einer dreigliedrigen Deputation in die Cajüte, um als „Hochdütſcher“ unſere Angelegenheit vor- zubringen. Aber da kam ich ſchön an. „Het ſick wat mit Sedanstag!“ fuhr mich der Matroſenvater an; Stückgüter ausladen und Gummifäſſer an Bord nehmen, das ſei uns viel geſünder, als ins Wirthshaus zu gehen und zu lumpen. Als ich ihm erklärte, es ſei mir gar nicht um die Wirthshäuſer, ſondern um die „afrikaniſche Romantik“ zu thun, lachte er mir erſt ins Geſicht und ſagte dann, wieder ärgerlich werdend: „Unſinn Romantik! Hier in franzöſi- ſchem Gebiet den Sedanstag feiern, das könnte eine ſchöne Geſchichte geben. Und nun gar, wenn man mit der Sprache nicht fortkommen kann!“ Damit glaubte er mich zu überzeugen, aber fehlgeſchoſſen! Ich trug ihm als Gegenbeweis ſofort einen Abſchnitt aus dem „großen Ploetz“ vor und zwar ſo geläufig, daß er gar nicht zu folgen vermochte. Mit dem Franzöſiſchen hapert es nämlich oft bei den beſten Schiffsführern, die ja auch mit der engliſchen Sprache überall durch- kommen. Kurzum, er gab nach, obgleich wider- willig und unter Androhung ſtrenger Strafe für eine etwaige Urlaubsüberſchreitung. Darob großer Jubel vor dem Maſt; Vormittags machten wir uns „landfein,“ nach dem Mittags- eſſen fuhren wir ab. Daß wir die Woermann’ſche Factorei, in deren Nähe unſer Boot auf den Uferland lief, einfach links liegen ließen und ſofort den Weg nach der etwa eine halbe Stunde nördlicher gelegenen Stadt einſchlugen, verſtand ſich von ſelbſt; hier war ja nichts „los“ und zudem ärgerten ſich die deutſchen Kaufleute, für die unſere Ladung beſtimmt war, vermuthlich ebenſo über unſere Feiertagsgelüſte, wie unſer Capitän. Mochten ſie ſich ärgern, wir freuten uns umſomehr, insbeſondere aber befand ich mich in erwartungsvoll gehobener Stimmung. Heimatliche Lieder ſingend, zogen wir durch den Buſch nach der Stadt Libreville, deren An- blick mich arg enttäuſchte. Die hübſch auf wel- ligem Hügelland gelegene Niederlaſſung mit ihren meiſt ſauberen, von Gärten umgebenen Holz- häuſern konnte wohl einen kleinen Oſtſeebadeort vorſtellen, aber kein Negerdorf, wie ich es mir gedacht hatte. Wirthshausſchilder mit „Café de Paris“ und dergl Aufſchriften, ein Photographen- Atelier, ein europäiſch dreinſchauendes Gouver- nementsgebäude: wo blieb da die Romantik? Auch die Menſchen waren mir viel zu zahm; Bambushütten wollte ich ſehen, zähnefletſchende ſchwarze Krieger, Gir- und andere Affen. Zum Einkehren war es in Anbetracht unſerer beſchränkten Geldmittel eigentlich noch zu früh, doch einen Cognac konnte man ſich immer- hin einſtweilen genehmigen. Madame Pecqueur, eine ſchon etwas angejahrte Südfranzöſin, kre- denzte uns das Labſal in ihrem Schanklocal, wo auch Eislimonade und Viermänner-Cigarren zu haben waren; in der offenen Halle, die ans Haus ſtieß, ſollte ſpäter ſogar getanzt werden.

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Zitationshilfe: Mährisches Tagblatt. Nr. 204, Olmütz, 06.09.1895, S. [2]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches204_1895/2>, abgerufen am 23.07.2019.