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Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876.

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stehe unter Schenkelkrümmung hier diejenige, welche sich auf den
Sagittalschnitt des Gliedes bezieht, welche also sich in der Profilansicht des
Skelets ergiebt; von einer Differenz in der Krümmung im transversalen
Schnitt kann wohl nicht die Rede sein. Ich finde also im entschiedenen
Gegensatz zu Hrn. Zürn, nicht nur nicht eine grössere Krümmung des
Femur beim Hasen, sondern eine, immerhin unbedeutende, grössere Krüm-
mung beim Kaninchen, und kann deshalb diese Diagnose nicht aner-
kennen, wenn ich überhaupt dieselbe richtig verstanden habe.

13) Zum Schluss der angestellten Vergleiche giebt Hr. Zürn Zahlen
für das "Verhältniss der Länge des Oberschenkels (Fr) zur Länge des
Unterschenkels (T) zur Länge des Unterfusses (Ts)". Diese Zahlen wer-
den erst verständlich und mit einander vergleichbar durch Rechnung.

Hr. Zürn giebt an:

HaseKaninchenLeporide
Fr11,68,59,0
T12,99,010,2
Ts12,59,310,5.

Setzen wir für Fr überall 1, so ergiebt sich für

TTs
beim Hasen1 : 1,111 : 1,08
" Kaninchen1 : 1,061 : 1,09
" Leporiden1 : 1,131 : 1,17.

Vorläufig den Werth der, diesen Gleichungen zu Grunde liegenden,
Zahlen ausser Betracht lassend, dieselben mit Hrn. Zürn als richtig
annehmend (darauf komme ich später zurück), ergiebt sich das merk-
würdige Resultat, dass der Unterschenkel beim sogenannten Leporiden
nicht etwa in der Mitte beider Aeltern steht, sondern relativ bei demselben
länger geworden ist als beim Hasen! Ebenso ist der Fuss relativ
sehr bedeutend länger geworden als beim Hasen.

In Bezug auf die Gaumenbildung sind also die Leporiden, wenn der
Ausdruck gestattet wird, potenzirte Kaninchen, in Bezug auf die Fuss-
bildung potenzirte Hasen geworden!

Dieses Ergebniss ist ganz unerwartet und gegen alle und jede Er-
fahrung über Vererbung; es ist aber auch die klarste Widerlegung des Aus-
spruchs, "dass die einzelnen Theile des Mischlings, bezüglich der Grösse,
mitten zwischen den Knochen der Hasen und der Kaninchen stehen",
worin Hr. Zürn "hauptsächlich den Beweis sucht, dass der Leporide
Bastard vom Hasen und Kaninchen ist".

Es bleibt keine Wahl: entweder habe ich mich verrechnet, und das
kann Jedermann sofort kontroliren -- wenn meine Rechnung aber
richtig ist -- dann sind entweder Hrn. Zürn's Zahlen unrichtig,
oder dessen aus denselben gezogene Schlüsse falsch
,
Zahlen und Folgerungen aus denselben widersprechen sich un-
widerleglich.

stehe unter Schenkelkrümmung hier diejenige, welche sich auf den
Sagittalschnitt des Gliedes bezieht, welche also sich in der Profilansicht des
Skelets ergiebt; von einer Differenz in der Krümmung im transversalen
Schnitt kann wohl nicht die Rede sein. Ich finde also im entschiedenen
Gegensatz zu Hrn. Zürn, nicht nur nicht eine grössere Krümmung des
Femur beim Hasen, sondern eine, immerhin unbedeutende, grössere Krüm-
mung beim Kaninchen, und kann deshalb diese Diagnose nicht aner-
kennen, wenn ich überhaupt dieselbe richtig verstanden habe.

13) Zum Schluss der angestellten Vergleiche giebt Hr. Zürn Zahlen
für das „Verhältniss der Länge des Oberschenkels (Fr) zur Länge des
Unterschenkels (T) zur Länge des Unterfusses (Ts)“. Diese Zahlen wer-
den erst verständlich und mit einander vergleichbar durch Rechnung.

Hr. Zürn giebt an:

HaseKaninchenLeporide
Fr11,68,59,0
T12,99,010,2
Ts12,59,310,5.

Setzen wir für Fr überall 1, so ergiebt sich für

TTs
beim Hasen1 : 1,111 : 1,08
„ Kaninchen1 : 1,061 : 1,09
„ Leporiden1 : 1,131 : 1,17.

Vorläufig den Werth der, diesen Gleichungen zu Grunde liegenden,
Zahlen ausser Betracht lassend, dieselben mit Hrn. Zürn als richtig
annehmend (darauf komme ich später zurück), ergiebt sich das merk-
würdige Resultat, dass der Unterschenkel beim sogenannten Leporiden
nicht etwa in der Mitte beider Aeltern steht, sondern relativ bei demselben
länger geworden ist als beim Hasen! Ebenso ist der Fuss relativ
sehr bedeutend länger geworden als beim Hasen.

In Bezug auf die Gaumenbildung sind also die Leporiden, wenn der
Ausdruck gestattet wird, potenzirte Kaninchen, in Bezug auf die Fuss-
bildung potenzirte Hasen geworden!

Dieses Ergebniss ist ganz unerwartet und gegen alle und jede Er-
fahrung über Vererbung; es ist aber auch die klarste Widerlegung des Aus-
spruchs, „dass die einzelnen Theile des Mischlings, bezüglich der Grösse,
mitten zwischen den Knochen der Hasen und der Kaninchen stehen“,
worin Hr. Zürn „hauptsächlich den Beweis sucht, dass der Leporide
Bastard vom Hasen und Kaninchen ist“.

Es bleibt keine Wahl: entweder habe ich mich verrechnet, und das
kann Jedermann sofort kontroliren — wenn meine Rechnung aber
richtig ist — dann sind entweder Hrn. Zürn’s Zahlen unrichtig,
oder dessen aus denselben gezogene Schlüsse falsch
,
Zahlen und Folgerungen aus denselben widersprechen sich un-
widerleglich.

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[36/0044] stehe unter Schenkelkrümmung hier diejenige, welche sich auf den Sagittalschnitt des Gliedes bezieht, welche also sich in der Profilansicht des Skelets ergiebt; von einer Differenz in der Krümmung im transversalen Schnitt kann wohl nicht die Rede sein. Ich finde also im entschiedenen Gegensatz zu Hrn. Zürn, nicht nur nicht eine grössere Krümmung des Femur beim Hasen, sondern eine, immerhin unbedeutende, grössere Krüm- mung beim Kaninchen, und kann deshalb diese Diagnose nicht aner- kennen, wenn ich überhaupt dieselbe richtig verstanden habe. 13) Zum Schluss der angestellten Vergleiche giebt Hr. Zürn Zahlen für das „Verhältniss der Länge des Oberschenkels (Fr) zur Länge des Unterschenkels (T) zur Länge des Unterfusses (Ts)“. Diese Zahlen wer- den erst verständlich und mit einander vergleichbar durch Rechnung. Hr. Zürn giebt an: Hase Kaninchen Leporide Fr 11,6 8,5 9,0 T 12,9 9,0 10,2 Ts 12,5 9,3 10,5. Setzen wir für Fr überall 1, so ergiebt sich für T Ts beim Hasen 1 : 1,11 1 : 1,08 „ Kaninchen 1 : 1,06 1 : 1,09 „ Leporiden 1 : 1,13 1 : 1,17. Vorläufig den Werth der, diesen Gleichungen zu Grunde liegenden, Zahlen ausser Betracht lassend, dieselben mit Hrn. Zürn als richtig annehmend (darauf komme ich später zurück), ergiebt sich das merk- würdige Resultat, dass der Unterschenkel beim sogenannten Leporiden nicht etwa in der Mitte beider Aeltern steht, sondern relativ bei demselben länger geworden ist als beim Hasen! Ebenso ist der Fuss relativ sehr bedeutend länger geworden als beim Hasen. In Bezug auf die Gaumenbildung sind also die Leporiden, wenn der Ausdruck gestattet wird, potenzirte Kaninchen, in Bezug auf die Fuss- bildung potenzirte Hasen geworden! Dieses Ergebniss ist ganz unerwartet und gegen alle und jede Er- fahrung über Vererbung; es ist aber auch die klarste Widerlegung des Aus- spruchs, „dass die einzelnen Theile des Mischlings, bezüglich der Grösse, mitten zwischen den Knochen der Hasen und der Kaninchen stehen“, worin Hr. Zürn „hauptsächlich den Beweis sucht, dass der Leporide Bastard vom Hasen und Kaninchen ist“. Es bleibt keine Wahl: entweder habe ich mich verrechnet, und das kann Jedermann sofort kontroliren — wenn meine Rechnung aber richtig ist — dann sind entweder Hrn. Zürn’s Zahlen unrichtig, oder dessen aus denselben gezogene Schlüsse falsch, Zahlen und Folgerungen aus denselben widersprechen sich un- widerleglich.

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Zitationshilfe: Nathusius, Hermann Engelhard von: Über die sogenannten Leporiden. Berlin, 1876, S. 36. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nathusius_leporiden_1876/44>, abgerufen am 13.10.2019.