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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 3. Berlin, 1793.

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dessen was ihnen fehlte im geringsten bewußt zu seyn. Er mußte abbrechen, und blieb ohngefähr eine halbe Stunde hindurch in dem Zustande einer tumultuarischen Unordnung gewisser Vorstellungen, worin er nichts zu unterscheiden vermochte, die sich ihm ganz unwillkührlich aufdrängten, und auf deren Wegschaffung und Vertauschung mit andern Zweckmäßigern er bemüht war.

Er versuchte zu reden. Aber bei aller Anstrengung der Aufmerksamkeit und mit der größten Langsamkeit, womit er hierin verfuhr, folgten nicht anders als unförmliche und ganz unzweckmäßige Worte.

Nach der vollen halben Stunde fieng sein Kopf an heller und ruhiger zu werden. Die sich ihm unwillkührlich aufdringenden Vorstellungen wurden nach und nach weniger lebhaft und brausend; und er konnte mit mehrerer Selbstthätigkeit, seine zweckmäßigen Vorstellungen mit mehrerer Klarheit und Ordnung durchsetzen, und also seine Gedanken durch die Sprache auf eine verständliche Art ausdrücken.

Gleich dachte er auf seine angefangene, aber für irrig erkannte Quittung, und fand anstatt: "funfzig Thaler halbjährige Zinsen" wie es heißen sollte: "Funfzig Thaler durch Heiligung des Bra-" mit einem Abbrechungszeichen, weil die Zeile zu Ende war. Er konnte sich auf nichts in seinen zurückgerufenen Vorstellungen besinnen, welches


dessen was ihnen fehlte im geringsten bewußt zu seyn. Er mußte abbrechen, und blieb ohngefaͤhr eine halbe Stunde hindurch in dem Zustande einer tumultuarischen Unordnung gewisser Vorstellungen, worin er nichts zu unterscheiden vermochte, die sich ihm ganz unwillkuͤhrlich aufdraͤngten, und auf deren Wegschaffung und Vertauschung mit andern Zweckmaͤßigern er bemuͤht war.

Er versuchte zu reden. Aber bei aller Anstrengung der Aufmerksamkeit und mit der groͤßten Langsamkeit, womit er hierin verfuhr, folgten nicht anders als unfoͤrmliche und ganz unzweckmaͤßige Worte.

Nach der vollen halben Stunde fieng sein Kopf an heller und ruhiger zu werden. Die sich ihm unwillkuͤhrlich aufdringenden Vorstellungen wurden nach und nach weniger lebhaft und brausend; und er konnte mit mehrerer Selbstthaͤtigkeit, seine zweckmaͤßigen Vorstellungen mit mehrerer Klarheit und Ordnung durchsetzen, und also seine Gedanken durch die Sprache auf eine verstaͤndliche Art ausdruͤcken.

Gleich dachte er auf seine angefangene, aber fuͤr irrig erkannte Quittung, und fand anstatt: »funfzig Thaler halbjaͤhrige Zinsen« wie es heißen sollte: »Funfzig Thaler durch Heiligung des Bra-« mit einem Abbrechungszeichen, weil die Zeile zu Ende war. Er konnte sich auf nichts in seinen zuruͤckgerufenen Vorstellungen besinnen, welches

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[21/0021] dessen was ihnen fehlte im geringsten bewußt zu seyn. Er mußte abbrechen, und blieb ohngefaͤhr eine halbe Stunde hindurch in dem Zustande einer tumultuarischen Unordnung gewisser Vorstellungen, worin er nichts zu unterscheiden vermochte, die sich ihm ganz unwillkuͤhrlich aufdraͤngten, und auf deren Wegschaffung und Vertauschung mit andern Zweckmaͤßigern er bemuͤht war. Er versuchte zu reden. Aber bei aller Anstrengung der Aufmerksamkeit und mit der groͤßten Langsamkeit, womit er hierin verfuhr, folgten nicht anders als unfoͤrmliche und ganz unzweckmaͤßige Worte. Nach der vollen halben Stunde fieng sein Kopf an heller und ruhiger zu werden. Die sich ihm unwillkuͤhrlich aufdringenden Vorstellungen wurden nach und nach weniger lebhaft und brausend; und er konnte mit mehrerer Selbstthaͤtigkeit, seine zweckmaͤßigen Vorstellungen mit mehrerer Klarheit und Ordnung durchsetzen, und also seine Gedanken durch die Sprache auf eine verstaͤndliche Art ausdruͤcken. Gleich dachte er auf seine angefangene, aber fuͤr irrig erkannte Quittung, und fand anstatt: »funfzig Thaler halbjaͤhrige Zinsen« wie es heißen sollte: »Funfzig Thaler durch Heiligung des Bra-« mit einem Abbrechungszeichen, weil die Zeile zu Ende war. Er konnte sich auf nichts in seinen zuruͤckgerufenen Vorstellungen besinnen, welches

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 3. Berlin, 1793, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde01003_1793/21>, abgerufen am 25.03.2019.