einen ruhigen Mann für faul, einen unglücklichen für schul- dig, einen Bettler für diebisch, und eine zu freye Person für liederlich an, um die gegenseitigen Tugenden so viel eher zu erzwingen.
LXVI. Klagen einer Hauswirthin.
Ich weis mit Wahrheit nicht, wie eine ehrliche Frau diesen Winter (1770) sich mit ihrem Haushalt noch durchbrin- gen will, da alles was zur Leibes Nothdurft und Nahrung ge- höret, immer theurer wird, und so wenig aus Holland als Ostfriesland Butter vor Geld zu bekommen ist.
Dabey nimmt der Unglaube so sehr überhand, daß auch das Gesinde die Furcht Gottes ganz ausser Augen setzt, und sich nicht mehr mit redlicher Kost begnügen will. Wo die Schweine es nicht noch einigermaßen wieder gut machen: so sehe ich keinen Rath. Denn das eingeschlachtete Kuhfleisch verschwindet im Topfe, und fettes Vieh will man wegen der leidigen Seuche noch nicht durchlassen. Talg und Käse sind natürlicher Weise auch gestiegen; und die Ostfriesen werden uns ihr Rübeöl theuer genung verkaufen wollen, da der Wall- fischfang in diesem Jahre so schlecht ausgefallen ist. Alles wird aufs liebe Brod fallen, und dieses ist uns leider heuer so sparsam zugewogen, daß man es den Arbeitsleuten wohl wieder zuwägen möchte. Kurz, wer dieses Jahr mit Ehren durchkommt, der kann von Glücke sagen.
Das
Klagen einer Hauswirthin.
einen ruhigen Mann fuͤr faul, einen ungluͤcklichen fuͤr ſchul- dig, einen Bettler fuͤr diebiſch, und eine zu freye Perſon fuͤr liederlich an, um die gegenſeitigen Tugenden ſo viel eher zu erzwingen.
LXVI. Klagen einer Hauswirthin.
Ich weis mit Wahrheit nicht, wie eine ehrliche Frau dieſen Winter (1770) ſich mit ihrem Haushalt noch durchbrin- gen will, da alles was zur Leibes Nothdurft und Nahrung ge- hoͤret, immer theurer wird, und ſo wenig aus Holland als Oſtfriesland Butter vor Geld zu bekommen iſt.
Dabey nimmt der Unglaube ſo ſehr uͤberhand, daß auch das Geſinde die Furcht Gottes ganz auſſer Augen ſetzt, und ſich nicht mehr mit redlicher Koſt begnuͤgen will. Wo die Schweine es nicht noch einigermaßen wieder gut machen: ſo ſehe ich keinen Rath. Denn das eingeſchlachtete Kuhfleiſch verſchwindet im Topfe, und fettes Vieh will man wegen der leidigen Seuche noch nicht durchlaſſen. Talg und Kaͤſe ſind natuͤrlicher Weiſe auch geſtiegen; und die Oſtfrieſen werden uns ihr Ruͤbeoͤl theuer genung verkaufen wollen, da der Wall- fiſchfang in dieſem Jahre ſo ſchlecht ausgefallen iſt. Alles wird aufs liebe Brod fallen, und dieſes iſt uns leider heuer ſo ſparſam zugewogen, daß man es den Arbeitsleuten wohl wieder zuwaͤgen moͤchte. Kurz, wer dieſes Jahr mit Ehren durchkommt, der kann von Gluͤcke ſagen.
Das
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Klagen einer Hauswirthin.
einen ruhigen Mann fuͤr faul, einen ungluͤcklichen fuͤr ſchul-
dig, einen Bettler fuͤr diebiſch, und eine zu freye Perſon fuͤr
liederlich an, um die gegenſeitigen Tugenden ſo viel eher zu
erzwingen.
LXVI.
Klagen einer Hauswirthin.
Ich weis mit Wahrheit nicht, wie eine ehrliche Frau dieſen
Winter (1770) ſich mit ihrem Haushalt noch durchbrin-
gen will, da alles was zur Leibes Nothdurft und Nahrung ge-
hoͤret, immer theurer wird, und ſo wenig aus Holland als
Oſtfriesland Butter vor Geld zu bekommen iſt.
Dabey nimmt der Unglaube ſo ſehr uͤberhand, daß auch
das Geſinde die Furcht Gottes ganz auſſer Augen ſetzt, und
ſich nicht mehr mit redlicher Koſt begnuͤgen will. Wo die
Schweine es nicht noch einigermaßen wieder gut machen: ſo
ſehe ich keinen Rath. Denn das eingeſchlachtete Kuhfleiſch
verſchwindet im Topfe, und fettes Vieh will man wegen der
leidigen Seuche noch nicht durchlaſſen. Talg und Kaͤſe ſind
natuͤrlicher Weiſe auch geſtiegen; und die Oſtfrieſen werden
uns ihr Ruͤbeoͤl theuer genung verkaufen wollen, da der Wall-
fiſchfang in dieſem Jahre ſo ſchlecht ausgefallen iſt. Alles
wird aufs liebe Brod fallen, und dieſes iſt uns leider heuer
ſo ſparſam zugewogen, daß man es den Arbeitsleuten wohl
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Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775, S. 368. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/386>, abgerufen am 22.02.2025.
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