genden sehen die Obstbäume an der Heerstrasse ziemlich ver- froren, krüpplicht und bemooset aus; und es hat das Anse- hen, als wenn der erste Nordwestwind dieser herrlichen Po- liceyanstalt bald ein Ende machen und den Cameralisten sagen werde, daß die Natur das für 32 Winden offne Feld nicht eigent- lich zum Obstbau bestimmet habe. Indessen ist es doch ein Beweis von dem Genie einer Nation, wenn sie den Kirch- thurm mit zur Windmühle gebraucht. Sie kann sodann al- lemal deren Flügel nach dem Hahnen stellen.
XXXXII. Gründe, warum sich die alten Sachsen der Bevölkerung widersetzt haben.
Indem jetzt die Bevölkerung eines Staats als dessen vor- nehmste Glückseligkeit angesehen wird: so verlohnt es sich wohl der Mühe, die Gründe zu untersuchen, warum unsre Vorfahren, die Sachsen, sich derselben von den ältesten Zeiten her widersetzet, und ihre Jugend lieber zur Ueberziehung und zum Anbau fremder Länder ausgeschickt, als zu Hause neben sich gedultet haben. Ihre Meinung war unstreitig, wie sich aus unendlichen Spuren zeigt, daß sie ihre Höfe und Erbe besetzt halten, und ausserdem keine freye Markkötter, Brink- lieger, Heuerleute, Bürger und andre Neubauer um und neben sich haben wollten; und es ist höchst wahrscheinlich, daß ihre Kinder, in sofern sie keine Hoffnung hatten einen Hof zu erben, oder nicht niederträchtig genug waren als Knechte zu dienen, sich dadurch genöthiget sahen auszuwandern und auf Ebentheuer zu ziehen. Allein die Gründe, welche sie für diese ihre Meinung hatten, sind nicht so einleuchtend: und wir
kön-
an den Herrn Schulmeiſter.
genden ſehen die Obſtbaͤume an der Heerſtraſſe ziemlich ver- froren, kruͤpplicht und bemooſet aus; und es hat das Anſe- hen, als wenn der erſte Nordweſtwind dieſer herrlichen Po- liceyanſtalt bald ein Ende machen und den Cameraliſten ſagen werde, daß die Natur das fuͤr 32 Winden offne Feld nicht eigent- lich zum Obſtbau beſtimmet habe. Indeſſen iſt es doch ein Beweis von dem Genie einer Nation, wenn ſie den Kirch- thurm mit zur Windmuͤhle gebraucht. Sie kann ſodann al- lemal deren Fluͤgel nach dem Hahnen ſtellen.
XXXXII. Gruͤnde, warum ſich die alten Sachſen der Bevoͤlkerung widerſetzt haben.
Indem jetzt die Bevoͤlkerung eines Staats als deſſen vor- nehmſte Gluͤckſeligkeit angeſehen wird: ſo verlohnt es ſich wohl der Muͤhe, die Gruͤnde zu unterſuchen, warum unſre Vorfahren, die Sachſen, ſich derſelben von den aͤlteſten Zeiten her widerſetzet, und ihre Jugend lieber zur Ueberziehung und zum Anbau fremder Laͤnder ausgeſchickt, als zu Hauſe neben ſich gedultet haben. Ihre Meinung war unſtreitig, wie ſich aus unendlichen Spuren zeigt, daß ſie ihre Hoͤfe und Erbe beſetzt halten, und auſſerdem keine freye Markkoͤtter, Brink- lieger, Heuerleute, Buͤrger und andre Neubauer um und neben ſich haben wollten; und es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß ihre Kinder, in ſofern ſie keine Hoffnung hatten einen Hof zu erben, oder nicht niedertraͤchtig genug waren als Knechte zu dienen, ſich dadurch genoͤthiget ſahen auszuwandern und auf Ebentheuer zu ziehen. Allein die Gruͤnde, welche ſie fuͤr dieſe ihre Meinung hatten, ſind nicht ſo einleuchtend: und wir
koͤn-
<TEI><text><body><divn="1"><postscript><p><pbfacs="#f0269"n="251"/><fwplace="top"type="header"><hirendition="#b">an den Herrn Schulmeiſter.</hi></fw><lb/>
genden ſehen die Obſtbaͤume an der Heerſtraſſe ziemlich ver-<lb/>
froren, kruͤpplicht und bemooſet aus; und es hat das Anſe-<lb/>
hen, als wenn der erſte Nordweſtwind dieſer herrlichen Po-<lb/>
liceyanſtalt bald ein Ende machen und den Cameraliſten ſagen<lb/>
werde, daß die Natur das fuͤr 32 Winden offne Feld nicht eigent-<lb/>
lich zum Obſtbau beſtimmet habe. Indeſſen iſt es doch ein<lb/>
Beweis von dem Genie einer Nation, wenn ſie den Kirch-<lb/>
thurm mit zur Windmuͤhle gebraucht. Sie kann ſodann al-<lb/>
lemal deren Fluͤgel nach dem Hahnen ſtellen.</p></postscript></div><lb/><milestonerendition="#hr"unit="section"/><lb/><divn="1"><head><hirendition="#b"><hirendition="#aq">XXXXII.</hi><lb/>
Gruͤnde, warum ſich die alten Sachſen der<lb/>
Bevoͤlkerung widerſetzt haben.</hi></head><lb/><p>Indem jetzt die Bevoͤlkerung eines Staats als deſſen vor-<lb/>
nehmſte Gluͤckſeligkeit angeſehen wird: ſo verlohnt es ſich<lb/>
wohl der Muͤhe, die Gruͤnde zu unterſuchen, warum unſre<lb/>
Vorfahren, die Sachſen, ſich derſelben von den aͤlteſten Zeiten<lb/>
her widerſetzet, und ihre Jugend lieber zur Ueberziehung und<lb/>
zum Anbau fremder Laͤnder ausgeſchickt, als zu Hauſe neben<lb/>ſich gedultet haben. Ihre Meinung war unſtreitig, wie ſich<lb/>
aus unendlichen Spuren zeigt, daß ſie ihre Hoͤfe und Erbe<lb/>
beſetzt halten, und auſſerdem keine freye Markkoͤtter, Brink-<lb/>
lieger, Heuerleute, Buͤrger und andre Neubauer um und<lb/>
neben ſich haben wollten; und es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß<lb/>
ihre Kinder, in ſofern ſie keine Hoffnung hatten einen Hof zu<lb/>
erben, oder nicht niedertraͤchtig genug waren als Knechte zu<lb/>
dienen, ſich dadurch genoͤthiget ſahen auszuwandern und auf<lb/>
Ebentheuer zu ziehen. Allein die Gruͤnde, welche ſie fuͤr dieſe<lb/>
ihre Meinung hatten, ſind nicht ſo einleuchtend: und wir<lb/><fwplace="bottom"type="catch">koͤn-</fw><lb/></p></div></body></text></TEI>
[251/0269]
an den Herrn Schulmeiſter.
genden ſehen die Obſtbaͤume an der Heerſtraſſe ziemlich ver-
froren, kruͤpplicht und bemooſet aus; und es hat das Anſe-
hen, als wenn der erſte Nordweſtwind dieſer herrlichen Po-
liceyanſtalt bald ein Ende machen und den Cameraliſten ſagen
werde, daß die Natur das fuͤr 32 Winden offne Feld nicht eigent-
lich zum Obſtbau beſtimmet habe. Indeſſen iſt es doch ein
Beweis von dem Genie einer Nation, wenn ſie den Kirch-
thurm mit zur Windmuͤhle gebraucht. Sie kann ſodann al-
lemal deren Fluͤgel nach dem Hahnen ſtellen.
XXXXII.
Gruͤnde, warum ſich die alten Sachſen der
Bevoͤlkerung widerſetzt haben.
Indem jetzt die Bevoͤlkerung eines Staats als deſſen vor-
nehmſte Gluͤckſeligkeit angeſehen wird: ſo verlohnt es ſich
wohl der Muͤhe, die Gruͤnde zu unterſuchen, warum unſre
Vorfahren, die Sachſen, ſich derſelben von den aͤlteſten Zeiten
her widerſetzet, und ihre Jugend lieber zur Ueberziehung und
zum Anbau fremder Laͤnder ausgeſchickt, als zu Hauſe neben
ſich gedultet haben. Ihre Meinung war unſtreitig, wie ſich
aus unendlichen Spuren zeigt, daß ſie ihre Hoͤfe und Erbe
beſetzt halten, und auſſerdem keine freye Markkoͤtter, Brink-
lieger, Heuerleute, Buͤrger und andre Neubauer um und
neben ſich haben wollten; und es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß
ihre Kinder, in ſofern ſie keine Hoffnung hatten einen Hof zu
erben, oder nicht niedertraͤchtig genug waren als Knechte zu
dienen, ſich dadurch genoͤthiget ſahen auszuwandern und auf
Ebentheuer zu ziehen. Allein die Gruͤnde, welche ſie fuͤr dieſe
ihre Meinung hatten, ſind nicht ſo einleuchtend: und wir
koͤn-
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 1. Berlin, 1775, S. 251. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien01_1775/269>, abgerufen am 22.02.2025.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2025 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
(Kontakt).
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2025. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.