Marx, Karl: Das Kapital. Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals. Hamburg, 1867.2) Der Austauschprozess der Waaren. Die Waaren können nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst 32) Im 12. durch seine Frömmigkeit so berufenen Jahrhundert kommen unter diesen Waaren oft sehr zarte Dinge vor. So zählt ein französischer Dichter jener Zeit unter den Waaren, die sich auf dem Markt von Landit einfanden, neben Klei- dungsstoffen, Schuhen, Leder, Ackergeräthen, Häuten u. s. w. auch "femmes folles de leur corps" auf. 33) Proudhon schöpft erst sein Ideal der Gerechtigkeit, der justice
eternelle, aus den der Waarenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wo- durch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spiessbürger so tröstliche Beweis ge- liefert wird, dass die Form der Waarenproduktion ebenso ewig ist als die Ge- rechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Waarenproduktion und das ihr entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäss ummodeln. Was würde man von einem Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwechsels zu studiren, und auf Basis derselben bestimmte Aufgaben zu lösen, den Stoffwechsel durch die "ewigen Ideen" der "naturalite" und der "affinite" ummodeln wollte? Weiss man etwa mehr über den "Wucher", wenn man sagt, er widerspreche der "justice eternelle" und der "equite eternelle" und der "mutualite eternelle" und andern verites eternelles", als die Kirchenväter wussten, wenn sie sagten, er 2) Der Austauschprozess der Waaren. Die Waaren können nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst 32) Im 12. durch seine Frömmigkeit so berufenen Jahrhundert kommen unter diesen Waaren oft sehr zarte Dinge vor. So zählt ein französischer Dichter jener Zeit unter den Waaren, die sich auf dem Markt von Landit einfanden, neben Klei- dungsstoffen, Schuhen, Leder, Ackergeräthen, Häuten u. s. w. auch „femmes folles de leur corps“ auf. 33) Proudhon schöpft erst sein Ideal der Gerechtigkeit, der justice
éternelle, aus den der Waarenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wo- durch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spiessbürger so tröstliche Beweis ge- liefert wird, dass die Form der Waarenproduktion ebenso ewig ist als die Ge- rechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Waarenproduktion und das ihr entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäss ummodeln. Was würde man von einem Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwechsels zu studiren, und auf Basis derselben bestimmte Aufgaben zu lösen, den Stoffwechsel durch die „ewigen Ideen“ der „naturalité“ und der „affinité“ ummodeln wollte? Weiss man etwa mehr über den „Wucher“, wenn man sagt, er widerspreche der „justice éternelle“ und der „équite éternelle“ und der „mutualité éternelle“ und andern vérités éternelles“, als die Kirchenväter wussten, wenn sie sagten, er <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0064" n="45"/> <div n="3"> <head>2) <hi rendition="#g">Der Austauschprozess der Waaren</hi>.</head><lb/> <p>Die Waaren können nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst<lb/> austauschen. Wir müssen uns also nach ihren Hütern umsehn, den<lb/><hi rendition="#g">Waarenbesitzern</hi>. Die Waaren sind Dinge und daher widerstands-<lb/> los gegen den Menschen. Wenn sie nicht willig, kann er Gewalt brau-<lb/> chen, in andern Worten sie nehmen<note place="foot" n="32)">Im 12. durch seine Frömmigkeit so berufenen Jahrhundert kommen unter<lb/> diesen Waaren oft sehr zarte Dinge vor. So zählt ein französischer Dichter jener<lb/> Zeit unter den Waaren, die sich auf dem Markt von Landit einfanden, neben Klei-<lb/> dungsstoffen, Schuhen, Leder, Ackergeräthen, Häuten u. s. w. auch „femmes<lb/> folles de leur corps“ auf.</note>. Um diese Dinge als Waaren auf<lb/> einander zu beziehn, müssen die Waarenhüter sich aufeinander als <hi rendition="#g">Per-<lb/> sonen</hi> beziehn, deren <hi rendition="#g">Willen</hi> ein Dasein in jenen Dingen hat, sodass<lb/> Jeder nur mit seinem Willen und dem Willen des andern, beide also nur<lb/> mit ihrem gemeinschaftlichen Willen sich die fremde Waare aneignen, in-<lb/> dem sie die eigne veräussern und die eigne veräussern, um sich die fremde<lb/> anzueignen. Sie müssen sich daher wechselseitig als <hi rendition="#g">Privateigen-<lb/> thümer</hi> anerkennen. Diess <hi rendition="#g">Rechtsverhältniss</hi>, dessen Form der<lb/><hi rendition="#g">Vertrag</hi> ist, ob nun legal entwickelt oder nicht, ist nur das <hi rendition="#g">Willens-<lb/> verhältniss</hi>, worin sich das ökonomische Verhältniss wiederspiegelt.<lb/> Der <hi rendition="#g">Inhalt</hi> dieses <hi rendition="#g">Rechts-</hi> oder <hi rendition="#g">Willensverhältnisses</hi> ist durch<lb/> das ökonomische Verhältniss selbst <hi rendition="#g">gegeben</hi><note xml:id="seg2pn_6_1" next="#seg2pn_6_2" place="foot" n="33)">Proudhon schöpft erst sein <hi rendition="#g">Ideal der Gerechtigkeit</hi>, der <hi rendition="#g">justice<lb/> éternelle</hi>, aus den der Waarenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wo-<lb/> durch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spiessbürger so tröstliche Beweis ge-<lb/> liefert wird, dass die Form der Waarenproduktion ebenso ewig ist als die Ge-<lb/> rechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Waarenproduktion und das ihr<lb/> entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäss ummodeln. Was würde man von<lb/> einem Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwechsels zu<lb/> studiren, und auf Basis derselben bestimmte Aufgaben zu lösen, den Stoffwechsel<lb/> durch die „ewigen Ideen“ der „naturalité“ und der „affinité“ ummodeln wollte?<lb/> Weiss man etwa mehr über den „Wucher“, wenn man sagt, er widerspreche der<lb/> „justice éternelle“ und der „équite éternelle“ und der „mutualité éternelle“ und<lb/> andern vérités éternelles“, als die Kirchenväter wussten, wenn sie sagten, er</note>. Die Personen beziehn<lb/> sich hier nur auf einander, indem sie gewisse Sachen als <hi rendition="#g">Waaren</hi> auf<lb/> einander beziehn. Alle Bestimmungen dieser Beziehung sind also in der<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [45/0064]
2) Der Austauschprozess der Waaren.
Die Waaren können nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst
austauschen. Wir müssen uns also nach ihren Hütern umsehn, den
Waarenbesitzern. Die Waaren sind Dinge und daher widerstands-
los gegen den Menschen. Wenn sie nicht willig, kann er Gewalt brau-
chen, in andern Worten sie nehmen 32). Um diese Dinge als Waaren auf
einander zu beziehn, müssen die Waarenhüter sich aufeinander als Per-
sonen beziehn, deren Willen ein Dasein in jenen Dingen hat, sodass
Jeder nur mit seinem Willen und dem Willen des andern, beide also nur
mit ihrem gemeinschaftlichen Willen sich die fremde Waare aneignen, in-
dem sie die eigne veräussern und die eigne veräussern, um sich die fremde
anzueignen. Sie müssen sich daher wechselseitig als Privateigen-
thümer anerkennen. Diess Rechtsverhältniss, dessen Form der
Vertrag ist, ob nun legal entwickelt oder nicht, ist nur das Willens-
verhältniss, worin sich das ökonomische Verhältniss wiederspiegelt.
Der Inhalt dieses Rechts- oder Willensverhältnisses ist durch
das ökonomische Verhältniss selbst gegeben 33). Die Personen beziehn
sich hier nur auf einander, indem sie gewisse Sachen als Waaren auf
einander beziehn. Alle Bestimmungen dieser Beziehung sind also in der
32) Im 12. durch seine Frömmigkeit so berufenen Jahrhundert kommen unter
diesen Waaren oft sehr zarte Dinge vor. So zählt ein französischer Dichter jener
Zeit unter den Waaren, die sich auf dem Markt von Landit einfanden, neben Klei-
dungsstoffen, Schuhen, Leder, Ackergeräthen, Häuten u. s. w. auch „femmes
folles de leur corps“ auf.
33) Proudhon schöpft erst sein Ideal der Gerechtigkeit, der justice
éternelle, aus den der Waarenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wo-
durch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spiessbürger so tröstliche Beweis ge-
liefert wird, dass die Form der Waarenproduktion ebenso ewig ist als die Ge-
rechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Waarenproduktion und das ihr
entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäss ummodeln. Was würde man von
einem Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwechsels zu
studiren, und auf Basis derselben bestimmte Aufgaben zu lösen, den Stoffwechsel
durch die „ewigen Ideen“ der „naturalité“ und der „affinité“ ummodeln wollte?
Weiss man etwa mehr über den „Wucher“, wenn man sagt, er widerspreche der
„justice éternelle“ und der „équite éternelle“ und der „mutualité éternelle“ und
andern vérités éternelles“, als die Kirchenväter wussten, wenn sie sagten, er
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