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Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834.

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Jahreszeiten.
Winkel, unter welchem die Sonnenstrahlen auf dieselbe auffallen
oder nach der geographischen Breite der Gegend, sondern sie ist
auch, und zwar oft in einem sehr hohen Grade, durch die Höhe
des Ortes über der Meeresfläche, durch die Umgebung desselben
von Bergen, durch die Nähe des Meeres oder anderer großer
Wassermassen und Waldungen und durch die Constitution des Bo-
dens selbst bedingt. Auch ist es nicht sowohl die senkrechte Lage
der auf eine Gegend fallenden Sonnenstrahlen, als vielmehr das
längere Verweilen der Sonne in der Nähe des Zeniths, wodurch
die Wärme besonders befördert werden muß. Der Aequator hat
um die Mitte des März und Septembers die Sonne im Zenith,
aber da sich um diese Jahreszeit die Declination der Sonne sehr
schnell ändert (in einem Tage beinahe um 23 Minuten), so ent-
fernt sie sich schon in einigen Tagen wieder von dem Zenith. In der
Mitte des Junius oder des Dezembers aber, wo die Sonne den
Bewohnern der Wendekreise in ihrem Scheitel erscheint, ändert sie
ihre Declination sehr langsam (in einem Tage nur einige Secun-
den), daher sie für diese Gegenden durch mehrere Wochen immer
in der Nähe des Zeniths bleibt. Auch ist in der That die Tem-
peratur dieser Gegenden beträchtlich höher, als die des Aequators.
Ueberhaupt aber wird die Wärme der heißen Zone durch die bei-
nahe immer gleich langen Nächte wieder abgekühlt, und dieß ist
die Ursache, warum manche Gegenden der höheren gemäßigten
Zonen zur Zeit ihres hohen Sommers eine beträchtlich höhere
Temperatur haben, als selbst die der heißen Zone, weil dort die
längeren Tage und die dauernde Gegenwart der Sonne über
dem Horizonte die Wärme bedeutend erhöht. So steigt in der
nördlichen Breite von 60 Graden im Julius die Höhe oft bis über
30 Grade Reaumur im Schatten; im 70sten Breitengrade macht
sie noch das Pech der Schiffe flüssig und selbst im 80sten Grade
vermag sie noch den tief gefrorenen Boden aufzuthauen und die
ihr anvertrauten Pflanzen durch eine unseren Treibhäusern ähnliche,
schnelle Vegetation zur Reife zu bringen. Aber in noch höheren
Breiten nimmt die erwärmende Kraft der Natur so sehr ab, daß sie
sich beinahe nur mehr auf die Bildung des Eises beschränkt, die dort
mit jedem Jahre zuzunehmen scheint. Allein weder die Richtung
der Sonnenstrahlen, noch auch die Verweilung der Sonne in der

Jahreszeiten.
Winkel, unter welchem die Sonnenſtrahlen auf dieſelbe auffallen
oder nach der geographiſchen Breite der Gegend, ſondern ſie iſt
auch, und zwar oft in einem ſehr hohen Grade, durch die Höhe
des Ortes über der Meeresfläche, durch die Umgebung deſſelben
von Bergen, durch die Nähe des Meeres oder anderer großer
Waſſermaſſen und Waldungen und durch die Conſtitution des Bo-
dens ſelbſt bedingt. Auch iſt es nicht ſowohl die ſenkrechte Lage
der auf eine Gegend fallenden Sonnenſtrahlen, als vielmehr das
längere Verweilen der Sonne in der Nähe des Zeniths, wodurch
die Wärme beſonders befördert werden muß. Der Aequator hat
um die Mitte des März und Septembers die Sonne im Zenith,
aber da ſich um dieſe Jahreszeit die Declination der Sonne ſehr
ſchnell ändert (in einem Tage beinahe um 23 Minuten), ſo ent-
fernt ſie ſich ſchon in einigen Tagen wieder von dem Zenith. In der
Mitte des Junius oder des Dezembers aber, wo die Sonne den
Bewohnern der Wendekreiſe in ihrem Scheitel erſcheint, ändert ſie
ihre Declination ſehr langſam (in einem Tage nur einige Secun-
den), daher ſie für dieſe Gegenden durch mehrere Wochen immer
in der Nähe des Zeniths bleibt. Auch iſt in der That die Tem-
peratur dieſer Gegenden beträchtlich höher, als die des Aequators.
Ueberhaupt aber wird die Wärme der heißen Zone durch die bei-
nahe immer gleich langen Nächte wieder abgekühlt, und dieß iſt
die Urſache, warum manche Gegenden der höheren gemäßigten
Zonen zur Zeit ihres hohen Sommers eine beträchtlich höhere
Temperatur haben, als ſelbſt die der heißen Zone, weil dort die
längeren Tage und die dauernde Gegenwart der Sonne über
dem Horizonte die Wärme bedeutend erhöht. So ſteigt in der
nördlichen Breite von 60 Graden im Julius die Höhe oft bis über
30 Grade Réaumur im Schatten; im 70ſten Breitengrade macht
ſie noch das Pech der Schiffe flüſſig und ſelbſt im 80ſten Grade
vermag ſie noch den tief gefrorenen Boden aufzuthauen und die
ihr anvertrauten Pflanzen durch eine unſeren Treibhäuſern ähnliche,
ſchnelle Vegetation zur Reife zu bringen. Aber in noch höheren
Breiten nimmt die erwärmende Kraft der Natur ſo ſehr ab, daß ſie
ſich beinahe nur mehr auf die Bildung des Eiſes beſchränkt, die dort
mit jedem Jahre zuzunehmen ſcheint. Allein weder die Richtung
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[206/0218] Jahreszeiten. Winkel, unter welchem die Sonnenſtrahlen auf dieſelbe auffallen oder nach der geographiſchen Breite der Gegend, ſondern ſie iſt auch, und zwar oft in einem ſehr hohen Grade, durch die Höhe des Ortes über der Meeresfläche, durch die Umgebung deſſelben von Bergen, durch die Nähe des Meeres oder anderer großer Waſſermaſſen und Waldungen und durch die Conſtitution des Bo- dens ſelbſt bedingt. Auch iſt es nicht ſowohl die ſenkrechte Lage der auf eine Gegend fallenden Sonnenſtrahlen, als vielmehr das längere Verweilen der Sonne in der Nähe des Zeniths, wodurch die Wärme beſonders befördert werden muß. Der Aequator hat um die Mitte des März und Septembers die Sonne im Zenith, aber da ſich um dieſe Jahreszeit die Declination der Sonne ſehr ſchnell ändert (in einem Tage beinahe um 23 Minuten), ſo ent- fernt ſie ſich ſchon in einigen Tagen wieder von dem Zenith. In der Mitte des Junius oder des Dezembers aber, wo die Sonne den Bewohnern der Wendekreiſe in ihrem Scheitel erſcheint, ändert ſie ihre Declination ſehr langſam (in einem Tage nur einige Secun- den), daher ſie für dieſe Gegenden durch mehrere Wochen immer in der Nähe des Zeniths bleibt. Auch iſt in der That die Tem- peratur dieſer Gegenden beträchtlich höher, als die des Aequators. Ueberhaupt aber wird die Wärme der heißen Zone durch die bei- nahe immer gleich langen Nächte wieder abgekühlt, und dieß iſt die Urſache, warum manche Gegenden der höheren gemäßigten Zonen zur Zeit ihres hohen Sommers eine beträchtlich höhere Temperatur haben, als ſelbſt die der heißen Zone, weil dort die längeren Tage und die dauernde Gegenwart der Sonne über dem Horizonte die Wärme bedeutend erhöht. So ſteigt in der nördlichen Breite von 60 Graden im Julius die Höhe oft bis über 30 Grade Réaumur im Schatten; im 70ſten Breitengrade macht ſie noch das Pech der Schiffe flüſſig und ſelbſt im 80ſten Grade vermag ſie noch den tief gefrorenen Boden aufzuthauen und die ihr anvertrauten Pflanzen durch eine unſeren Treibhäuſern ähnliche, ſchnelle Vegetation zur Reife zu bringen. Aber in noch höheren Breiten nimmt die erwärmende Kraft der Natur ſo ſehr ab, daß ſie ſich beinahe nur mehr auf die Bildung des Eiſes beſchränkt, die dort mit jedem Jahre zuzunehmen ſcheint. Allein weder die Richtung der Sonnenſtrahlen, noch auch die Verweilung der Sonne in der

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Zitationshilfe: Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834, S. 206. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/littrow_weltsystem01_1834/218>, abgerufen am 24.04.2019.