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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 2. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1859.

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Indessen sind die Dörfer dort nicht so stark bevölkert, wie
in der Provinz Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur
500 bis 600, während man weiter nach Westen in den
Missionen der Franziskaner von Piritu indianische Dörfer
mit 2000 bis 3000 Einwohnern trifft. Wenn ich die Zahl
der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona
auf 60000 schätzte, so meinte ich nur die in Terra Firma
lebenden, nicht die Guaikeri auf der Insel Margarita und
die große Masse der Guaraunen, die auf den Inseln im
Delta des Orinoko ihre Unabhängigkeit behauptet haben. Diese
schätzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; dies scheint mir
aber zu viel. Außer den Guaraunenfamilien, die sich hie
und da auf den sumpfigen, mit Morichepalmen bewachsenen
Landstrichen (zwischen dem Canno Manamo und dem Rio
Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken lassen, gibt
es seit dreißig Jahren in Neuandalusien keine wilden India-
ner mehr.

Ungern brauche ich das Wort wild, weil es zwischen
dem unterworfenen, in den Missionen lebenden, und dem
freien oder unabhängigen Indianer einen Unterschied in der
Kultur voraussetzt, dem die Erfahrung häufig widerspricht.
In den Wäldern Südamerikas gibt es Stämme Eingeborener,
die unter Häuptlingen friedlich in Dörfern leben, auf ziemlich
ausgedehntem Gebiete Pisang, Maniok und Baumwolle bauen
und aus letzterer ihre Hängematten weben. Sie sind um
nichts barbarischer als die nackten Indianer in den Missionen,
die man das Kreuz hat schlagen lehren. Die irrige Meinung,
als wären sämtliche nicht unterworfene Eingeborene umher-
ziehende Jägervölker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In
Terra Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der
Europäer; er besteht noch jetzt zwischen dem Orinoko und
dem Amazonenstrome in den Lichtungen der Wälder, wohin nie
ein Missionär den Fuß gesetzt hat. Das verdankt man aller-
dings dem Regiment der Missionen, daß der Eingeborene
Anhänglichkeit an Grund und Boden bekommt, sich an festen
Wohnsitz gewöhnt und ein ruhigeres, friedlicheres Leben lieben
lernt. Aber der Fortschritt in dieser Beziehung ist langsam,
oft unmerklich, weil man die Indianer völlig von allem Ver-
kehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche Vorstellungen
vom gegenwärtigen Zustande der Völker in Südamerika, wenn
man einerseits christlich, unterworfen und civilisiert,
andererseits heidnisch, wild und unabhängig für gleich-

Indeſſen ſind die Dörfer dort nicht ſo ſtark bevölkert, wie
in der Provinz Barcelona. Die mittlere Seelenzahl iſt nur
500 bis 600, während man weiter nach Weſten in den
Miſſionen der Franziskaner von Piritu indianiſche Dörfer
mit 2000 bis 3000 Einwohnern trifft. Wenn ich die Zahl
der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona
auf 60000 ſchätzte, ſo meinte ich nur die in Terra Firma
lebenden, nicht die Guaikeri auf der Inſel Margarita und
die große Maſſe der Guaraunen, die auf den Inſeln im
Delta des Orinoko ihre Unabhängigkeit behauptet haben. Dieſe
ſchätzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; dies ſcheint mir
aber zu viel. Außer den Guaraunenfamilien, die ſich hie
und da auf den ſumpfigen, mit Morichepalmen bewachſenen
Landſtrichen (zwiſchen dem Caño Manamo und dem Rio
Guarapiche), alſo auf dem Feſtlande ſelbſt blicken laſſen, gibt
es ſeit dreißig Jahren in Neuandaluſien keine wilden India-
ner mehr.

Ungern brauche ich das Wort wild, weil es zwiſchen
dem unterworfenen, in den Miſſionen lebenden, und dem
freien oder unabhängigen Indianer einen Unterſchied in der
Kultur vorausſetzt, dem die Erfahrung häufig widerſpricht.
In den Wäldern Südamerikas gibt es Stämme Eingeborener,
die unter Häuptlingen friedlich in Dörfern leben, auf ziemlich
ausgedehntem Gebiete Piſang, Maniok und Baumwolle bauen
und aus letzterer ihre Hängematten weben. Sie ſind um
nichts barbariſcher als die nackten Indianer in den Miſſionen,
die man das Kreuz hat ſchlagen lehren. Die irrige Meinung,
als wären ſämtliche nicht unterworfene Eingeborene umher-
ziehende Jägervölker, iſt in Europa ziemlich verbreitet. In
Terra Firma beſtand der Ackerbau lange vor Ankunft der
Europäer; er beſteht noch jetzt zwiſchen dem Orinoko und
dem Amazonenſtrome in den Lichtungen der Wälder, wohin nie
ein Miſſionär den Fuß geſetzt hat. Das verdankt man aller-
dings dem Regiment der Miſſionen, daß der Eingeborene
Anhänglichkeit an Grund und Boden bekommt, ſich an feſten
Wohnſitz gewöhnt und ein ruhigeres, friedlicheres Leben lieben
lernt. Aber der Fortſchritt in dieſer Beziehung iſt langſam,
oft unmerklich, weil man die Indianer völlig von allem Ver-
kehr abſchneidet, und man macht ſich ganz falſche Vorſtellungen
vom gegenwärtigen Zuſtande der Völker in Südamerika, wenn
man einerſeits chriſtlich, unterworfen und civiliſiert,
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[5/0013] Indeſſen ſind die Dörfer dort nicht ſo ſtark bevölkert, wie in der Provinz Barcelona. Die mittlere Seelenzahl iſt nur 500 bis 600, während man weiter nach Weſten in den Miſſionen der Franziskaner von Piritu indianiſche Dörfer mit 2000 bis 3000 Einwohnern trifft. Wenn ich die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60000 ſchätzte, ſo meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die Guaikeri auf der Inſel Margarita und die große Maſſe der Guaraunen, die auf den Inſeln im Delta des Orinoko ihre Unabhängigkeit behauptet haben. Dieſe ſchätzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; dies ſcheint mir aber zu viel. Außer den Guaraunenfamilien, die ſich hie und da auf den ſumpfigen, mit Morichepalmen bewachſenen Landſtrichen (zwiſchen dem Caño Manamo und dem Rio Guarapiche), alſo auf dem Feſtlande ſelbſt blicken laſſen, gibt es ſeit dreißig Jahren in Neuandaluſien keine wilden India- ner mehr. Ungern brauche ich das Wort wild, weil es zwiſchen dem unterworfenen, in den Miſſionen lebenden, und dem freien oder unabhängigen Indianer einen Unterſchied in der Kultur vorausſetzt, dem die Erfahrung häufig widerſpricht. In den Wäldern Südamerikas gibt es Stämme Eingeborener, die unter Häuptlingen friedlich in Dörfern leben, auf ziemlich ausgedehntem Gebiete Piſang, Maniok und Baumwolle bauen und aus letzterer ihre Hängematten weben. Sie ſind um nichts barbariſcher als die nackten Indianer in den Miſſionen, die man das Kreuz hat ſchlagen lehren. Die irrige Meinung, als wären ſämtliche nicht unterworfene Eingeborene umher- ziehende Jägervölker, iſt in Europa ziemlich verbreitet. In Terra Firma beſtand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europäer; er beſteht noch jetzt zwiſchen dem Orinoko und dem Amazonenſtrome in den Lichtungen der Wälder, wohin nie ein Miſſionär den Fuß geſetzt hat. Das verdankt man aller- dings dem Regiment der Miſſionen, daß der Eingeborene Anhänglichkeit an Grund und Boden bekommt, ſich an feſten Wohnſitz gewöhnt und ein ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortſchritt in dieſer Beziehung iſt langſam, oft unmerklich, weil man die Indianer völlig von allem Ver- kehr abſchneidet, und man macht ſich ganz falſche Vorſtellungen vom gegenwärtigen Zuſtande der Völker in Südamerika, wenn man einerſeits chriſtlich, unterworfen und civiliſiert, andererſeits heidniſch, wild und unabhängig für gleich-

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Zitationshilfe: Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 2. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1859. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial02_1859/13>, S. 5, abgerufen am 20.11.2017.