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Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 1. Leipzig, 1779.

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Erster Abschnitt. Von den Gegenständen

Weil sich vortreffliche Dichter, die aus der Natur malen, nach ihren Vorbil-
dungen richten; so ist es schwer, aus ihnen Stellen auszuzeichnen, wo das Anmuthige
nicht zugleich mit dem Schönen vermischt wäre, wenn gleich einige, wie Thomson,
mehr das Schöne, andere, wie Geßner, mehr das Anmuthige hervorstechen lassen.
Indessen betrachte man von dem letztern ein Gemälde des ländlich Anmuthigen. *)

"Im grünen Schatten wölbender Nußbäume stünde mein einsames Haus,
vor dessen Fenstern kühle Winde und Schatten und sanfte Ruhe unter dem
grünen Gewölbe der Bäume wohnen; vor dem friedlichen Eingang einen klei-
nen Platz eingezäunt, in dem eine kühle Brunnquelle unter dem Traubengelän-
der rauschet, an deren abfließendem Wasser die Ente mit ihren Jungen spielte,
oder die sanften Tauben vom beschatteten Dach herunterflögen und nickend im
Grase wandelten, indeß daß der majestätische Hahn seine gluchzenden Hennen
im Hof umherführt; sie würden dann auf mein bekanntes Locken herbeyflattern
ans Fenster, und mit schmeichelndem Gewimmel Speise von ihrem Herrn for-
dern; auf den nahen schattenreichen Bäumen würden die Vögel in ungestörter
Freyheit wohnen, und von einem Baum zum andern nachbarlich sich zurufen
und singen."

[Abbildung]

IV. Von
*) Idylle: der Wunsch.
Erſter Abſchnitt. Von den Gegenſtaͤnden

Weil ſich vortreffliche Dichter, die aus der Natur malen, nach ihren Vorbil-
dungen richten; ſo iſt es ſchwer, aus ihnen Stellen auszuzeichnen, wo das Anmuthige
nicht zugleich mit dem Schoͤnen vermiſcht waͤre, wenn gleich einige, wie Thomſon,
mehr das Schoͤne, andere, wie Geßner, mehr das Anmuthige hervorſtechen laſſen.
Indeſſen betrachte man von dem letztern ein Gemaͤlde des laͤndlich Anmuthigen. *)

„Im gruͤnen Schatten woͤlbender Nußbaͤume ſtuͤnde mein einſames Haus,
vor deſſen Fenſtern kuͤhle Winde und Schatten und ſanfte Ruhe unter dem
gruͤnen Gewoͤlbe der Baͤume wohnen; vor dem friedlichen Eingang einen klei-
nen Platz eingezaͤunt, in dem eine kuͤhle Brunnquelle unter dem Traubengelaͤn-
der rauſchet, an deren abfließendem Waſſer die Ente mit ihren Jungen ſpielte,
oder die ſanften Tauben vom beſchatteten Dach herunterfloͤgen und nickend im
Graſe wandelten, indeß daß der majeſtaͤtiſche Hahn ſeine gluchzenden Hennen
im Hof umherfuͤhrt; ſie wuͤrden dann auf mein bekanntes Locken herbeyflattern
ans Fenſter, und mit ſchmeichelndem Gewimmel Speiſe von ihrem Herrn for-
dern; auf den nahen ſchattenreichen Baͤumen wuͤrden die Voͤgel in ungeſtoͤrter
Freyheit wohnen, und von einem Baum zum andern nachbarlich ſich zurufen
und ſingen.“

[Abbildung]

IV. Von
*) Idylle: der Wunſch.
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[176/0190] Erſter Abſchnitt. Von den Gegenſtaͤnden Weil ſich vortreffliche Dichter, die aus der Natur malen, nach ihren Vorbil- dungen richten; ſo iſt es ſchwer, aus ihnen Stellen auszuzeichnen, wo das Anmuthige nicht zugleich mit dem Schoͤnen vermiſcht waͤre, wenn gleich einige, wie Thomſon, mehr das Schoͤne, andere, wie Geßner, mehr das Anmuthige hervorſtechen laſſen. Indeſſen betrachte man von dem letztern ein Gemaͤlde des laͤndlich Anmuthigen. *) „Im gruͤnen Schatten woͤlbender Nußbaͤume ſtuͤnde mein einſames Haus, vor deſſen Fenſtern kuͤhle Winde und Schatten und ſanfte Ruhe unter dem gruͤnen Gewoͤlbe der Baͤume wohnen; vor dem friedlichen Eingang einen klei- nen Platz eingezaͤunt, in dem eine kuͤhle Brunnquelle unter dem Traubengelaͤn- der rauſchet, an deren abfließendem Waſſer die Ente mit ihren Jungen ſpielte, oder die ſanften Tauben vom beſchatteten Dach herunterfloͤgen und nickend im Graſe wandelten, indeß daß der majeſtaͤtiſche Hahn ſeine gluchzenden Hennen im Hof umherfuͤhrt; ſie wuͤrden dann auf mein bekanntes Locken herbeyflattern ans Fenſter, und mit ſchmeichelndem Gewimmel Speiſe von ihrem Herrn for- dern; auf den nahen ſchattenreichen Baͤumen wuͤrden die Voͤgel in ungeſtoͤrter Freyheit wohnen, und von einem Baum zum andern nachbarlich ſich zurufen und ſingen.“ [Abbildung] IV. Von *) Idylle: der Wunſch.

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Zitationshilfe: Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 1. Leipzig, 1779, S. 176. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst1_1779/190>, abgerufen am 13.08.2020.