Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Hauff, Wilhelm: Phantasien im Bremer Ratskeller. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 117–197. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

Bild:
<< vorherige Seite

nimmer heraus kann, und morgen früh um sechs Uhr kannst du mich aufwecken und dein Schlafgeld holen.

Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, doch umsonst; er setzte endlich drei Flaschen und neun Kerzen vor mich hin, wischte den Römer aus, schenkte mir den zweiundzwanziger Ausstich ein und wünschte mir, wie es schien, mit schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig schloß er auch die Thür zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr aus zärtlicher Augst für mich, als aus Vorliebe für feinen Keller, noch ein Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb Zwölf. Ich hörte ihn ein Gebet sprechen und davon eilen. Seine Schritte hallten immer ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das Außenthor des Kellers zuschlug, hallte es wie Kanonendonner durch die Gänge und Hallen.

So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schooße der Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und träumen, und auch hier unten, rings um mich her, schlummern sie in ihren Särgen, die Geister des Weines. Ob sie wohl träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen, und der fernen Berge, der Heimath gedenken, wo sie groß wurden, und des Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich ein Wiegenlied murmelte?

Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, euch aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft die Aeuglein öffnetet

nimmer heraus kann, und morgen früh um sechs Uhr kannst du mich aufwecken und dein Schlafgeld holen.

Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, doch umsonst; er setzte endlich drei Flaschen und neun Kerzen vor mich hin, wischte den Römer aus, schenkte mir den zweiundzwanziger Ausstich ein und wünschte mir, wie es schien, mit schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig schloß er auch die Thür zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr aus zärtlicher Augst für mich, als aus Vorliebe für feinen Keller, noch ein Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb Zwölf. Ich hörte ihn ein Gebet sprechen und davon eilen. Seine Schritte hallten immer ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das Außenthor des Kellers zuschlug, hallte es wie Kanonendonner durch die Gänge und Hallen.

So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schooße der Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und träumen, und auch hier unten, rings um mich her, schlummern sie in ihren Särgen, die Geister des Weines. Ob sie wohl träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen, und der fernen Berge, der Heimath gedenken, wo sie groß wurden, und des Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich ein Wiegenlied murmelte?

Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, euch aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft die Aeuglein öffnetet

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="chapter" n="2">
        <p><pb facs="#f0022"/>
nimmer heraus kann, und morgen früh um sechs Uhr kannst du mich                aufwecken und dein Schlafgeld holen.</p><lb/>
        <p>Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, doch umsonst; er setzte                endlich drei Flaschen und neun Kerzen vor mich hin, wischte den Römer aus, schenkte                mir den zweiundzwanziger Ausstich ein und wünschte mir, wie es schien, mit schwerem                Herzen, gute Nacht. Richtig schloß er auch die Thür zweimal ab und hängte, wie es mir                schien, mehr aus zärtlicher Augst für mich, als aus Vorliebe für feinen Keller, noch                ein Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb Zwölf. Ich hörte ihn ein Gebet                sprechen und davon eilen. Seine Schritte hallten immer ferner und ferner im Gewölbe;                doch als er oben das Außenthor des Kellers zuschlug, hallte es wie Kanonendonner                durch die Gänge und Hallen.</p><lb/>
        <p>So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schooße der Erde. Oben                auf der Erde schlafen sie jetzt und träumen, und auch hier unten, rings um mich her,                schlummern sie in ihren Särgen, die Geister des Weines. Ob sie wohl träumen, von                ihrer kurzen Kindheit träumen, und der fernen Berge, der Heimath gedenken, wo sie                groß wurden, und des Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich                freundlich ein Wiegenlied murmelte?</p><lb/>
        <p>Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, euch aus dem                Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft die Aeuglein öffnetet<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0022] nimmer heraus kann, und morgen früh um sechs Uhr kannst du mich aufwecken und dein Schlafgeld holen. Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, doch umsonst; er setzte endlich drei Flaschen und neun Kerzen vor mich hin, wischte den Römer aus, schenkte mir den zweiundzwanziger Ausstich ein und wünschte mir, wie es schien, mit schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig schloß er auch die Thür zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr aus zärtlicher Augst für mich, als aus Vorliebe für feinen Keller, noch ein Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb Zwölf. Ich hörte ihn ein Gebet sprechen und davon eilen. Seine Schritte hallten immer ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das Außenthor des Kellers zuschlug, hallte es wie Kanonendonner durch die Gänge und Hallen. So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schooße der Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und träumen, und auch hier unten, rings um mich her, schlummern sie in ihren Särgen, die Geister des Weines. Ob sie wohl träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen, und der fernen Berge, der Heimath gedenken, wo sie groß wurden, und des Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich ein Wiegenlied murmelte? Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, euch aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft die Aeuglein öffnetet

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T11:05:53Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T11:05:53Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/hauff_ratskeller_1910
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/hauff_ratskeller_1910/22
Zitationshilfe: Hauff, Wilhelm: Phantasien im Bremer Ratskeller. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 117–197. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hauff_ratskeller_1910/22>, abgerufen am 15.08.2020.