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Die Grenzboten. Jg. 66, 1907, Zweites Vierteljahr.

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nicht zur Stelle war, so waren die Angriffsvorbereitungen im Rückstände, "ob¬
gleich ich -- wie er am 23. Dezember schreibt -- alles getan habe, was in
meiner Macht stand, um sie heranzuschaffen".

Mithin teilte Moltke durchaus Blumenthals Ansicht von dem größer"
Werte des langsam wirkenden Hungers, wie Blumenthal gleich Moltke alles in
Bewegung gesetzt hatte, um die Vorbereitungen zum Angriff nach Möglichkeit
5U beschleunigen, sodaß die von Müllerschc Gegenüberstellung uicht begründet
erscheint und darum zurückzuweisen ist. Wer Blumenthal wegen seiner Auf¬
fassung von dem größern Werte der Aushungerung angreift, muß sich dessen
bewußt sein, daß er zugleich auch Moltke verurteilt. Und dieser Tatsache
gegenüber dürfte es angebracht sein, mit Delbrück*) die Annahme abzulehnen,
"daß die beiden größten Strategen, die unsre große Kriegsepoche hervorgebracht
hat, Moltke und Blumenthal, in einer so wichtigen Frage, die wochenlang
immer von neuem diskutiert und erwogen wurde, übereinstimmend eine falsche Auf¬
fassung vertreten und gegen alle Einwendungen so hartnäckig verteidigt haben".




Hans von Kleist-Retzow

ismarck ist bekanntlich durch den Einfluß seiner Braut und Gattin
und ihrer Familie positiv gläubig, wenn auch nicht kirchlich ge¬
worden. Über diese Familie erfahren wir näheres aus der Bio¬
graphie: Kleist-Retzow, ein Lebensbild, mit einem Porträt, das
^ auf den Wunsch der zahlreichen pommerschen Kleiste der Königliche
Archivar Dr. Hermann von Petersdorff (bei I. G. Cottas Nachfolger,
Stuttgart und Berlin, 1907) herausgegeben hat. Romantik nennt man die
Reaktion gegen den Rationalismus und Klassizismus des achtzehnten Jahr¬
hunderts, aber die romantische Schwärmerei für Mittelalter und Christentum,
die sich in den Werken der Literatur und Kunst beteiligte, war nur die weithin
sichtbare Äußerung einer durchaus ernsten Gemütsverfassung, die auf dem
Zusammentreffen der wiedererweckten Religiosität mit dem neu erschlossenen
historischen Verständnis beruhte. Die religiöse Strömung ging zugleich von
mehreren evangelischen und katholischen Quellgebieten aus; zu den evangelischen
gehörte ein Teil des pommerschen Adels. Die ersten "Erweckten" waren drei
Brüder von Below, deren einen, Heinrich auf Seehof, ein Abschnitt in Tersteegens
Perlenschnur wundersam ergriffen hatte. Er wiederum erweckte außer seinen
Brüdern die Freunde Thadden-Trieglafs und Moritz von Blanckenburg, und
Gustav von Below -- Tholuck erklärte die Belvws für neue Zinzendorfe im



*) Preußische Jahrbücher 1906.
Hans von Kleist-Retzow

nicht zur Stelle war, so waren die Angriffsvorbereitungen im Rückstände, „ob¬
gleich ich — wie er am 23. Dezember schreibt — alles getan habe, was in
meiner Macht stand, um sie heranzuschaffen".

Mithin teilte Moltke durchaus Blumenthals Ansicht von dem größer»
Werte des langsam wirkenden Hungers, wie Blumenthal gleich Moltke alles in
Bewegung gesetzt hatte, um die Vorbereitungen zum Angriff nach Möglichkeit
5U beschleunigen, sodaß die von Müllerschc Gegenüberstellung uicht begründet
erscheint und darum zurückzuweisen ist. Wer Blumenthal wegen seiner Auf¬
fassung von dem größern Werte der Aushungerung angreift, muß sich dessen
bewußt sein, daß er zugleich auch Moltke verurteilt. Und dieser Tatsache
gegenüber dürfte es angebracht sein, mit Delbrück*) die Annahme abzulehnen,
»daß die beiden größten Strategen, die unsre große Kriegsepoche hervorgebracht
hat, Moltke und Blumenthal, in einer so wichtigen Frage, die wochenlang
immer von neuem diskutiert und erwogen wurde, übereinstimmend eine falsche Auf¬
fassung vertreten und gegen alle Einwendungen so hartnäckig verteidigt haben".




Hans von Kleist-Retzow

ismarck ist bekanntlich durch den Einfluß seiner Braut und Gattin
und ihrer Familie positiv gläubig, wenn auch nicht kirchlich ge¬
worden. Über diese Familie erfahren wir näheres aus der Bio¬
graphie: Kleist-Retzow, ein Lebensbild, mit einem Porträt, das
^ auf den Wunsch der zahlreichen pommerschen Kleiste der Königliche
Archivar Dr. Hermann von Petersdorff (bei I. G. Cottas Nachfolger,
Stuttgart und Berlin, 1907) herausgegeben hat. Romantik nennt man die
Reaktion gegen den Rationalismus und Klassizismus des achtzehnten Jahr¬
hunderts, aber die romantische Schwärmerei für Mittelalter und Christentum,
die sich in den Werken der Literatur und Kunst beteiligte, war nur die weithin
sichtbare Äußerung einer durchaus ernsten Gemütsverfassung, die auf dem
Zusammentreffen der wiedererweckten Religiosität mit dem neu erschlossenen
historischen Verständnis beruhte. Die religiöse Strömung ging zugleich von
mehreren evangelischen und katholischen Quellgebieten aus; zu den evangelischen
gehörte ein Teil des pommerschen Adels. Die ersten „Erweckten" waren drei
Brüder von Below, deren einen, Heinrich auf Seehof, ein Abschnitt in Tersteegens
Perlenschnur wundersam ergriffen hatte. Er wiederum erweckte außer seinen
Brüdern die Freunde Thadden-Trieglafs und Moritz von Blanckenburg, und
Gustav von Below — Tholuck erklärte die Belvws für neue Zinzendorfe im



*) Preußische Jahrbücher 1906.
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[0623] Hans von Kleist-Retzow nicht zur Stelle war, so waren die Angriffsvorbereitungen im Rückstände, „ob¬ gleich ich — wie er am 23. Dezember schreibt — alles getan habe, was in meiner Macht stand, um sie heranzuschaffen". Mithin teilte Moltke durchaus Blumenthals Ansicht von dem größer» Werte des langsam wirkenden Hungers, wie Blumenthal gleich Moltke alles in Bewegung gesetzt hatte, um die Vorbereitungen zum Angriff nach Möglichkeit 5U beschleunigen, sodaß die von Müllerschc Gegenüberstellung uicht begründet erscheint und darum zurückzuweisen ist. Wer Blumenthal wegen seiner Auf¬ fassung von dem größern Werte der Aushungerung angreift, muß sich dessen bewußt sein, daß er zugleich auch Moltke verurteilt. Und dieser Tatsache gegenüber dürfte es angebracht sein, mit Delbrück*) die Annahme abzulehnen, »daß die beiden größten Strategen, die unsre große Kriegsepoche hervorgebracht hat, Moltke und Blumenthal, in einer so wichtigen Frage, die wochenlang immer von neuem diskutiert und erwogen wurde, übereinstimmend eine falsche Auf¬ fassung vertreten und gegen alle Einwendungen so hartnäckig verteidigt haben". Hans von Kleist-Retzow ismarck ist bekanntlich durch den Einfluß seiner Braut und Gattin und ihrer Familie positiv gläubig, wenn auch nicht kirchlich ge¬ worden. Über diese Familie erfahren wir näheres aus der Bio¬ graphie: Kleist-Retzow, ein Lebensbild, mit einem Porträt, das ^ auf den Wunsch der zahlreichen pommerschen Kleiste der Königliche Archivar Dr. Hermann von Petersdorff (bei I. G. Cottas Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1907) herausgegeben hat. Romantik nennt man die Reaktion gegen den Rationalismus und Klassizismus des achtzehnten Jahr¬ hunderts, aber die romantische Schwärmerei für Mittelalter und Christentum, die sich in den Werken der Literatur und Kunst beteiligte, war nur die weithin sichtbare Äußerung einer durchaus ernsten Gemütsverfassung, die auf dem Zusammentreffen der wiedererweckten Religiosität mit dem neu erschlossenen historischen Verständnis beruhte. Die religiöse Strömung ging zugleich von mehreren evangelischen und katholischen Quellgebieten aus; zu den evangelischen gehörte ein Teil des pommerschen Adels. Die ersten „Erweckten" waren drei Brüder von Below, deren einen, Heinrich auf Seehof, ein Abschnitt in Tersteegens Perlenschnur wundersam ergriffen hatte. Er wiederum erweckte außer seinen Brüdern die Freunde Thadden-Trieglafs und Moritz von Blanckenburg, und Gustav von Below — Tholuck erklärte die Belvws für neue Zinzendorfe im *) Preußische Jahrbücher 1906.

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 66, 1907, Zweites Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341885_301987/623>, abgerufen am 05.02.2025.