VIII. Wir Frau Posto-Commandantin schildert ihren Mann, und die Visitation wird fortgesetzt.
-- Mein Pauli war schon Artilleriehauptmann, als ich ihn ken¬ nen lernte, und war seit einigen Jahren Wittwer, jedoch ohne Kin¬ der. Dafür hatte er aber baare acht Tausend Gulden Münze und schien ein äußerst guter Mann, der mich hoffen ließ, daß ich ihn sehr leicht würde lenken und regieren können. Er ist von Religion ein Schwarzstrümpfler und dabei so bigott, wie ein Kapuziner. Er wollte durchaus von einer morganatischen Ehe Nichts wissen, sondern wollte mich feierlichst von einer Lieutenantin mit Uebergehung aller Oberlieutenaiuinnen zur Hauptmännin befördern. So schmeichelhaft mir diese Beförderung auch gewesen wäre, so habe ich mich vom Ehrgeize doch nicht blenden lassen und ihn endlich durch vernünftige Vorstellungen auch persuadirt, daß er von seinen streng sittlichen Grundfäden ein wenig abwich. Unter uns gesagt, Pauli ist ein wenig zähe, wenn es sich um's GeldauSgebcn handelt, ohne geradezu geizig zu sein. Er ist nur sparsam, und eben dieser Sparsamkeit hat er das artige Sümmchen, welches von Monat zu Monat wächst, zu verdanken; denn wir legen alle Monate von seinen zweiundsiebzig Gulden baar zweiundvierzig Gulden auf die Seite; und mit dreißig Gulden, nachdem man Geflügel, Eier, Gemüse und Wein u. s. w. Alles im Hause hat, läßt sich schon auslangen und gut leben. Dann ist er von Jugend auf an die Sparsamkeit gewöhnt; denn er diente von Pique auf. Er war lange Gemeiner und Compagnie-Schuster, dal,n Korporal, Feldwebel und endlich Offizier im Handlanger-Corps. Als dieses Corps aufgelöst wurde, kam er in die Feld-Artillerie, von der er, wie er sagte, damals gar Nichts verstand, und avancirte da bis zum Hauptmann. Als Compagnie-Schuster hat er geheira- thet, und seine selige Frau soll ein Muster von einer guten und fleißi¬ gen Hauswirthin gewesen sein. Im Kriege machte sie Marketende¬ rin und in Friedenszeiten hatte sie für die Soldaten gekocht, und weil sie hübsch gewesen sein soll, hat sie sür die Herren Offiziere auch gewaschen. Mein Pauli sollte jene Garnison, in welcher er meine Bekanntschaft machte, mit einer andern vertauschen, und dieser
VIII. Wir Frau Posto-Commandantin schildert ihren Mann, und die Visitation wird fortgesetzt.
— Mein Pauli war schon Artilleriehauptmann, als ich ihn ken¬ nen lernte, und war seit einigen Jahren Wittwer, jedoch ohne Kin¬ der. Dafür hatte er aber baare acht Tausend Gulden Münze und schien ein äußerst guter Mann, der mich hoffen ließ, daß ich ihn sehr leicht würde lenken und regieren können. Er ist von Religion ein Schwarzstrümpfler und dabei so bigott, wie ein Kapuziner. Er wollte durchaus von einer morganatischen Ehe Nichts wissen, sondern wollte mich feierlichst von einer Lieutenantin mit Uebergehung aller Oberlieutenaiuinnen zur Hauptmännin befördern. So schmeichelhaft mir diese Beförderung auch gewesen wäre, so habe ich mich vom Ehrgeize doch nicht blenden lassen und ihn endlich durch vernünftige Vorstellungen auch persuadirt, daß er von seinen streng sittlichen Grundfäden ein wenig abwich. Unter uns gesagt, Pauli ist ein wenig zähe, wenn es sich um's GeldauSgebcn handelt, ohne geradezu geizig zu sein. Er ist nur sparsam, und eben dieser Sparsamkeit hat er das artige Sümmchen, welches von Monat zu Monat wächst, zu verdanken; denn wir legen alle Monate von seinen zweiundsiebzig Gulden baar zweiundvierzig Gulden auf die Seite; und mit dreißig Gulden, nachdem man Geflügel, Eier, Gemüse und Wein u. s. w. Alles im Hause hat, läßt sich schon auslangen und gut leben. Dann ist er von Jugend auf an die Sparsamkeit gewöhnt; denn er diente von Pique auf. Er war lange Gemeiner und Compagnie-Schuster, dal,n Korporal, Feldwebel und endlich Offizier im Handlanger-Corps. Als dieses Corps aufgelöst wurde, kam er in die Feld-Artillerie, von der er, wie er sagte, damals gar Nichts verstand, und avancirte da bis zum Hauptmann. Als Compagnie-Schuster hat er geheira- thet, und seine selige Frau soll ein Muster von einer guten und fleißi¬ gen Hauswirthin gewesen sein. Im Kriege machte sie Marketende¬ rin und in Friedenszeiten hatte sie für die Soldaten gekocht, und weil sie hübsch gewesen sein soll, hat sie sür die Herren Offiziere auch gewaschen. Mein Pauli sollte jene Garnison, in welcher er meine Bekanntschaft machte, mit einer andern vertauschen, und dieser
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VIII.
Wir Frau Posto-Commandantin schildert ihren Mann, und
die Visitation wird fortgesetzt.
— Mein Pauli war schon Artilleriehauptmann, als ich ihn ken¬
nen lernte, und war seit einigen Jahren Wittwer, jedoch ohne Kin¬
der. Dafür hatte er aber baare acht Tausend Gulden Münze und
schien ein äußerst guter Mann, der mich hoffen ließ, daß ich ihn
sehr leicht würde lenken und regieren können. Er ist von Religion
ein Schwarzstrümpfler und dabei so bigott, wie ein Kapuziner. Er
wollte durchaus von einer morganatischen Ehe Nichts wissen, sondern
wollte mich feierlichst von einer Lieutenantin mit Uebergehung aller
Oberlieutenaiuinnen zur Hauptmännin befördern. So schmeichelhaft
mir diese Beförderung auch gewesen wäre, so habe ich mich vom
Ehrgeize doch nicht blenden lassen und ihn endlich durch vernünftige
Vorstellungen auch persuadirt, daß er von seinen streng sittlichen
Grundfäden ein wenig abwich. Unter uns gesagt, Pauli ist ein
wenig zähe, wenn es sich um's GeldauSgebcn handelt, ohne geradezu
geizig zu sein. Er ist nur sparsam, und eben dieser Sparsamkeit
hat er das artige Sümmchen, welches von Monat zu Monat wächst,
zu verdanken; denn wir legen alle Monate von seinen zweiundsiebzig
Gulden baar zweiundvierzig Gulden auf die Seite; und mit dreißig
Gulden, nachdem man Geflügel, Eier, Gemüse und Wein u. s. w.
Alles im Hause hat, läßt sich schon auslangen und gut leben. Dann
ist er von Jugend auf an die Sparsamkeit gewöhnt; denn er diente
von Pique auf. Er war lange Gemeiner und Compagnie-Schuster,
dal,n Korporal, Feldwebel und endlich Offizier im Handlanger-Corps.
Als dieses Corps aufgelöst wurde, kam er in die Feld-Artillerie,
von der er, wie er sagte, damals gar Nichts verstand, und avancirte
da bis zum Hauptmann. Als Compagnie-Schuster hat er geheira-
thet, und seine selige Frau soll ein Muster von einer guten und fleißi¬
gen Hauswirthin gewesen sein. Im Kriege machte sie Marketende¬
rin und in Friedenszeiten hatte sie für die Soldaten gekocht, und
weil sie hübsch gewesen sein soll, hat sie sür die Herren Offiziere
auch gewaschen. Mein Pauli sollte jene Garnison, in welcher er
meine Bekanntschaft machte, mit einer andern vertauschen, und dieser
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Die Grenzboten. Jg. 3, 1844, II. Semester. I. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341546_180558/510>, abgerufen am 23.02.2025.
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