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Ebers, Georg: Eine Aegyptische Königstochter. Bd. 2. Stuttgart, 1864.

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haltenen Wassergräben und Kanälen durchschnitten wur-
den 2). -- Trotz der Winterzeit schien die Sonne warm
und hell vom wolkenlosen Himmel. Der gewaltige Strom
wimmelte vom größeren und kleineren Kähnen, welche die
Erzeugnisse des armenischen Hochlandes der mesopotamischen
Ebene zuführten und die meisten Waaren, welche von Grie-
chenland und Kleinasien kamen, von Thapsakus aus nach
Babylon beförderten. Pumpwerke und Wasserräder gos-
sen erfrischendes Naß auf die Aecker und Pflanzungen an
den Ufern, welche mit zahlreichen Dörfern geschmückt wa-
ren. Alles ließ erkennen, daß man sich dem Mittelpunkte
eines alten, sorglich verwalteten Culturstaates näherte.

Bei einem langen, mit schwarzem Erdpech 3) überzo-
genen Backsteinhause, an dessen Seiten sich eine Platanen-
pflanzung erhob, hielt der Wagen und das Gefolge der
Nitetis. -- Krösus ließ sich von seinem Rosse heben,
näherte sich dem Fuhrwerke, welches die ägyptische Königs-
tochter trug und rief derselben zu: "Hier wären wir bei
dem letzten Stationshause angelangt! Dort drüben, der
hohe Thurm, welcher sich am Horizont abzeichnet, ist der
berühmte Tempel der Bel, neben euren Pyramiden eines
der ungeheuersten Werke von Menschenhand. Bevor die
Sonne untergeht, werden wir bei den ehernen Pforten
von Babylon eintreffen. Gestatte mir, daß ich Dich aus
dem Wagen hebe und Deine Dienerinnen zu Dir in's
Haus sende. Du mußt Dich heute nach persischer Fürstin-
nen Art kleiden lassen, damit Du den Augen des Kam-
byses wohlgefallest. Jn wenigen Stunden wirst Du vor
Deinem Gatten stehen. Wie bleich Du bist! Sorge dafür,
daß Dir Deine Frauen mit täuschender Schminke freudige
Erregung auf die Wangen malen. Der erste ist oft der
entscheidende Eindruck. Diese alte Erfahrung gilt bei nie-

haltenen Waſſergräben und Kanälen durchſchnitten wur-
den 2). — Trotz der Winterzeit ſchien die Sonne warm
und hell vom wolkenloſen Himmel. Der gewaltige Strom
wimmelte vom größeren und kleineren Kähnen, welche die
Erzeugniſſe des armeniſchen Hochlandes der meſopotamiſchen
Ebene zuführten und die meiſten Waaren, welche von Grie-
chenland und Kleinaſien kamen, von Thapſakus aus nach
Babylon beförderten. Pumpwerke und Waſſerräder goſ-
ſen erfriſchendes Naß auf die Aecker und Pflanzungen an
den Ufern, welche mit zahlreichen Dörfern geſchmückt wa-
ren. Alles ließ erkennen, daß man ſich dem Mittelpunkte
eines alten, ſorglich verwalteten Culturſtaates näherte.

Bei einem langen, mit ſchwarzem Erdpech 3) überzo-
genen Backſteinhauſe, an deſſen Seiten ſich eine Platanen-
pflanzung erhob, hielt der Wagen und das Gefolge der
Nitetis. — Kröſus ließ ſich von ſeinem Roſſe heben,
näherte ſich dem Fuhrwerke, welches die ägyptiſche Königs-
tochter trug und rief derſelben zu: „Hier wären wir bei
dem letzten Stationshauſe angelangt! Dort drüben, der
hohe Thurm, welcher ſich am Horizont abzeichnet, iſt der
berühmte Tempel der Bel, neben euren Pyramiden eines
der ungeheuerſten Werke von Menſchenhand. Bevor die
Sonne untergeht, werden wir bei den ehernen Pforten
von Babylon eintreffen. Geſtatte mir, daß ich Dich aus
dem Wagen hebe und Deine Dienerinnen zu Dir in’s
Haus ſende. Du mußt Dich heute nach perſiſcher Fürſtin-
nen Art kleiden laſſen, damit Du den Augen des Kam-
byſes wohlgefalleſt. Jn wenigen Stunden wirſt Du vor
Deinem Gatten ſtehen. Wie bleich Du biſt! Sorge dafür,
daß Dir Deine Frauen mit täuſchender Schminke freudige
Erregung auf die Wangen malen. Der erſte iſt oft der
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[2/0004] haltenen Waſſergräben und Kanälen durchſchnitten wur- den 2). — Trotz der Winterzeit ſchien die Sonne warm und hell vom wolkenloſen Himmel. Der gewaltige Strom wimmelte vom größeren und kleineren Kähnen, welche die Erzeugniſſe des armeniſchen Hochlandes der meſopotamiſchen Ebene zuführten und die meiſten Waaren, welche von Grie- chenland und Kleinaſien kamen, von Thapſakus aus nach Babylon beförderten. Pumpwerke und Waſſerräder goſ- ſen erfriſchendes Naß auf die Aecker und Pflanzungen an den Ufern, welche mit zahlreichen Dörfern geſchmückt wa- ren. Alles ließ erkennen, daß man ſich dem Mittelpunkte eines alten, ſorglich verwalteten Culturſtaates näherte. Bei einem langen, mit ſchwarzem Erdpech 3) überzo- genen Backſteinhauſe, an deſſen Seiten ſich eine Platanen- pflanzung erhob, hielt der Wagen und das Gefolge der Nitetis. — Kröſus ließ ſich von ſeinem Roſſe heben, näherte ſich dem Fuhrwerke, welches die ägyptiſche Königs- tochter trug und rief derſelben zu: „Hier wären wir bei dem letzten Stationshauſe angelangt! Dort drüben, der hohe Thurm, welcher ſich am Horizont abzeichnet, iſt der berühmte Tempel der Bel, neben euren Pyramiden eines der ungeheuerſten Werke von Menſchenhand. Bevor die Sonne untergeht, werden wir bei den ehernen Pforten von Babylon eintreffen. Geſtatte mir, daß ich Dich aus dem Wagen hebe und Deine Dienerinnen zu Dir in’s Haus ſende. Du mußt Dich heute nach perſiſcher Fürſtin- nen Art kleiden laſſen, damit Du den Augen des Kam- byſes wohlgefalleſt. Jn wenigen Stunden wirſt Du vor Deinem Gatten ſtehen. Wie bleich Du biſt! Sorge dafür, daß Dir Deine Frauen mit täuſchender Schminke freudige Erregung auf die Wangen malen. Der erſte iſt oft der entſcheidende Eindruck. Dieſe alte Erfahrung gilt bei nie-

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Zitationshilfe: Ebers, Georg: Eine Aegyptische Königstochter. Bd. 2. Stuttgart, 1864, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ebers_koenigstochter02_1864/4>, abgerufen am 24.04.2019.