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Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885.

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Fragen zurückgekommen und hat dort weiter ausgeführt, dass
eine so strenge und apodiktische Weise in der Behandlung
der Lautgesetze in der Sprachwissenschaft, insofern diese es
mit etwas historisch gewordenem zu thun habe, nicht am
Platze sei.

Auch von andern Seiten hat es nicht an Einwendungen
und Entgegnungen gegen jene Aufstellungen gefehlt. Ich be-
gnüge mich hier, auf folgende Schriften hinzuweisen. Collitz
in seiner Recension von Osthoff-Brugmann's Morphol. Unters.
Heft 1 in der Zeitschrift für deutsches Alterth. XXIII (1879)
S. 320. Whitney unter andern in den Proceedings of the
American Philolog. assoc. July 1882 p. XVIII *) Die italieni-
schen Gelehrten Fumi, in der Schrift La Glottologia e i Neo-
grammatici (Napoli 1881) und d'Ovidio, d'un recente libro di
Delbrück etc., Rivista di Filologia Anno X fasc. 5, 6, kommen
zu ähnlichen Ergebnissen. Diese Entgegnungen, vielleicht
auch eigne weitere Erwägungen der Sache, blieben selbst auf
die ersten Begründer der neuen Lehre nicht ohne Wirkung.
Die anfangs schroff und bedingungslos aufgestellte Behauptung
wurde vorsichtiger gefasst und zum Theil eingeschränkt. Ich
verweise namentlich auf Delbrück's Einleitung in das Sprach-
studium. Hier wird trotz aller Bedeutung, welche der Ver-
fasser dem neuen Satze beimisst, doch 1S. 115 = 2S. 116
offen eingeräumt, "auf induktivem Wege kann die Ausnahms-
losigkeit der Lautgesetze nicht bewiesen werden". Wir fragen
unwillkürlich, ob denn dies auf deductivem Wege möglich ist.
Wir sahen soeben, wie die deductive Behandlung der Frage
bei Tobler jene Behauptung durchaus nicht bekräftigte, und
wenn Delbrück doch wieder in dieser Beziehung von Natur-
nothwendigkeit redet, so vermag ich darin den ebenangeführ-

*) Dort heisst es in Bezug auf die Lehre "that the laws of phonetic
change work absolutely and without real exceptions", "a dogma which is
at least premature and may perhaps be finally found undemonstrable".

Fragen zurückgekommen und hat dort weiter ausgeführt, dass
eine so strenge und apodiktische Weise in der Behandlung
der Lautgesetze in der Sprachwissenschaft, insofern diese es
mit etwas historisch gewordenem zu thun habe, nicht am
Platze sei.

Auch von andern Seiten hat es nicht an Einwendungen
und Entgegnungen gegen jene Aufstellungen gefehlt. Ich be-
gnüge mich hier, auf folgende Schriften hinzuweisen. Collitz
in seiner Recension von Osthoff-Brugmann's Morphol. Unters.
Heft 1 in der Zeitschrift für deutsches Alterth. XXIII (1879)
S. 320. Whitney unter andern in den Proceedings of the
American Philolog. assoc. July 1882 p. XVIII *) Die italieni-
schen Gelehrten Fumi, in der Schrift La Glottologia e i Neo-
grammatici (Napoli 1881) und d'Ovidio, d'un recente libro di
Delbrück etc., Rivista di Filologia Anno X fasc. 5, 6, kommen
zu ähnlichen Ergebnissen. Diese Entgegnungen, vielleicht
auch eigne weitere Erwägungen der Sache, blieben selbst auf
die ersten Begründer der neuen Lehre nicht ohne Wirkung.
Die anfangs schroff und bedingungslos aufgestellte Behauptung
wurde vorsichtiger gefasst und zum Theil eingeschränkt. Ich
verweise namentlich auf Delbrück's Einleitung in das Sprach-
studium. Hier wird trotz aller Bedeutung, welche der Ver-
fasser dem neuen Satze beimisst, doch ¹S. 115 = ²S. 116
offen eingeräumt, „auf induktivem Wege kann die Ausnahms-
losigkeit der Lautgesetze nicht bewiesen werden“. Wir fragen
unwillkürlich, ob denn dies auf deductivem Wege möglich ist.
Wir sahen soeben, wie die deductive Behandlung der Frage
bei Tobler jene Behauptung durchaus nicht bekräftigte, und
wenn Delbrück doch wieder in dieser Beziehung von Natur-
nothwendigkeit redet, so vermag ich darin den ebenangeführ-

*) Dort heisst es in Bezug auf die Lehre „that the laws of phonetic
change work absolutely and without real exceptions“, „a dogma which is
at least premature and may perhaps be finally found undemonstrable“.
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[12/0020] Fragen zurückgekommen und hat dort weiter ausgeführt, dass eine so strenge und apodiktische Weise in der Behandlung der Lautgesetze in der Sprachwissenschaft, insofern diese es mit etwas historisch gewordenem zu thun habe, nicht am Platze sei. Auch von andern Seiten hat es nicht an Einwendungen und Entgegnungen gegen jene Aufstellungen gefehlt. Ich be- gnüge mich hier, auf folgende Schriften hinzuweisen. Collitz in seiner Recension von Osthoff-Brugmann's Morphol. Unters. Heft 1 in der Zeitschrift für deutsches Alterth. XXIII (1879) S. 320. Whitney unter andern in den Proceedings of the American Philolog. assoc. July 1882 p. XVIII *) Die italieni- schen Gelehrten Fumi, in der Schrift La Glottologia e i Neo- grammatici (Napoli 1881) und d'Ovidio, d'un recente libro di Delbrück etc., Rivista di Filologia Anno X fasc. 5, 6, kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Diese Entgegnungen, vielleicht auch eigne weitere Erwägungen der Sache, blieben selbst auf die ersten Begründer der neuen Lehre nicht ohne Wirkung. Die anfangs schroff und bedingungslos aufgestellte Behauptung wurde vorsichtiger gefasst und zum Theil eingeschränkt. Ich verweise namentlich auf Delbrück's Einleitung in das Sprach- studium. Hier wird trotz aller Bedeutung, welche der Ver- fasser dem neuen Satze beimisst, doch ¹S. 115 = ²S. 116 offen eingeräumt, „auf induktivem Wege kann die Ausnahms- losigkeit der Lautgesetze nicht bewiesen werden“. Wir fragen unwillkürlich, ob denn dies auf deductivem Wege möglich ist. Wir sahen soeben, wie die deductive Behandlung der Frage bei Tobler jene Behauptung durchaus nicht bekräftigte, und wenn Delbrück doch wieder in dieser Beziehung von Natur- nothwendigkeit redet, so vermag ich darin den ebenangeführ- *) Dort heisst es in Bezug auf die Lehre „that the laws of phonetic change work absolutely and without real exceptions“, „a dogma which is at least premature and may perhaps be finally found undemonstrable“.

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Zitationshilfe: Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885, S. 12. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/curtius_sprachforschung_1885/20>, abgerufen am 17.10.2019.