Geburtshelfers selbst darstellen, im Becken zu faßen, seine Lage theils zu verbessern, theils und vorzüglich, ihn tiefer in die Beckenhöhle herabzuziehen, und ihn völlig zu entwickeln, ist von äußerster Wichtigkeit, und hat zur Erfindung eines In- struments geführt, welches zweckmäßig angewendet, ohne Widerrede zu den wohlthätigsten gehört, welche das gesammte ärztliche Armamentarium aufzuweisen hat, so daß nur Un- unterrichtete, oder Männer welche dieses Werkzeug nur auf ganz rohe und unvorsichtige Weise handhaben sahen, es als ein nunützes Werkzeug verachten können. -- Merkwürdig ist es demohngeachtet daß die eigentliche Erfindung dieses so wich- tigen geburtshülflichen Apparats in so viele Dunkelheit verbor- gen ist, und nicht uninteressant wird es deßhalb seyn, noch die Geschichte dieser Erfindung etwas ausführlicher hier zu er- örtern. *)
§. 1209.
Es sind nämlich zwar schon von Rueff (1554) ja so- gar bereits von Avicenna Kopfzangen beschrieben worden, welche indeß sämmtlich Steinzangen nicht unähnlich waren, und verletzend wirken mußten, daher auch mit der wahren Geburtszange gar nicht verglichen werden, dürfen. Wahr- scheinlich ist es hingegen daß das Geheimmittel, wodurch Cham- berlaine gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts schwere Geburten erleichtern zu können vorgab, die Geburtszange ge- wesen sey, und eine neuere Nachricht**) macht dieses fast zur
*) Weitläufiger abgehandelt sehe man diesen Gegenstand in: J. Mul- der Geschichte der Zangen und Hebel, übersetzt von Schlegel. Leipz. 1798. und Hinze Versuch einer chronologischen Uebersicht aller für die Geburtshülfe erfundener Werkzeuge. Liegnitz u. Leipzig 1794.
**) In d. Salzburg. med. chir. Zeitung 1809. I. Nro. 7. wird aus den Medico-chirurgical Transactions publ. by. the Lond. M. ch. Soc. Vol. IX. p. I. die Nachricht mitgetheilt, daß man in einem ehemals von P. Chamberlaine besessenen Hause, in einem verbor- genen Fache mehrere Hebel und Zangen vorgefunden habe.
II. Theil. 22
Geburtshelfers ſelbſt darſtellen, im Becken zu faßen, ſeine Lage theils zu verbeſſern, theils und vorzuͤglich, ihn tiefer in die Beckenhoͤhle herabzuziehen, und ihn voͤllig zu entwickeln, iſt von aͤußerſter Wichtigkeit, und hat zur Erfindung eines In- ſtruments gefuͤhrt, welches zweckmaͤßig angewendet, ohne Widerrede zu den wohlthaͤtigſten gehoͤrt, welche das geſammte aͤrztliche Armamentarium aufzuweiſen hat, ſo daß nur Un- unterrichtete, oder Maͤnner welche dieſes Werkzeug nur auf ganz rohe und unvorſichtige Weiſe handhaben ſahen, es als ein nunuͤtzes Werkzeug verachten koͤnnen. — Merkwuͤrdig iſt es demohngeachtet daß die eigentliche Erfindung dieſes ſo wich- tigen geburtshuͤlflichen Apparats in ſo viele Dunkelheit verbor- gen iſt, und nicht unintereſſant wird es deßhalb ſeyn, noch die Geſchichte dieſer Erfindung etwas ausfuͤhrlicher hier zu er- oͤrtern. *)
§. 1209.
Es ſind naͤmlich zwar ſchon von Rueff (1554) ja ſo- gar bereits von Avicenna Kopfzangen beſchrieben worden, welche indeß ſaͤmmtlich Steinzangen nicht unaͤhnlich waren, und verletzend wirken mußten, daher auch mit der wahren Geburtszange gar nicht verglichen werden, duͤrfen. Wahr- ſcheinlich iſt es hingegen daß das Geheimmittel, wodurch Cham- berlaine gegen Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts ſchwere Geburten erleichtern zu koͤnnen vorgab, die Geburtszange ge- weſen ſey, und eine neuere Nachricht**) macht dieſes faſt zur
*) Weitlaͤufiger abgehandelt ſehe man dieſen Gegenſtand in: J. Mul- der Geſchichte der Zangen und Hebel, uͤberſetzt von Schlegel. Leipz. 1798. und Hinze Verſuch einer chronologiſchen Ueberſicht aller fuͤr die Geburtshuͤlfe erfundener Werkzeuge. Liegnitz u. Leipzig 1794.
**) In d. Salzburg. med. chir. Zeitung 1809. I. Nro. 7. wird aus den Medico-chirurgical Transactions publ. by. the Lond. M. ch. Soc. Vol. IX. p. I. die Nachricht mitgetheilt, daß man in einem ehemals von P. Chamberlaine beſeſſenen Hauſe, in einem verbor- genen Fache mehrere Hebel und Zangen vorgefunden habe.
II. Theil. 22
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Geburtshelfers ſelbſt darſtellen, im Becken zu faßen, ſeine
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die Beckenhoͤhle herabzuziehen, und ihn voͤllig zu entwickeln,
iſt von aͤußerſter Wichtigkeit, und hat zur Erfindung eines In-
ſtruments gefuͤhrt, welches zweckmaͤßig angewendet, ohne
Widerrede zu den wohlthaͤtigſten gehoͤrt, welche das geſammte
aͤrztliche Armamentarium aufzuweiſen hat, ſo daß nur Un-
unterrichtete, oder Maͤnner welche dieſes Werkzeug nur auf
ganz rohe und unvorſichtige Weiſe handhaben ſahen, es als
ein nunuͤtzes Werkzeug verachten koͤnnen. — Merkwuͤrdig iſt
es demohngeachtet daß die eigentliche Erfindung dieſes ſo wich-
tigen geburtshuͤlflichen Apparats in ſo viele Dunkelheit verbor-
gen iſt, und nicht unintereſſant wird es deßhalb ſeyn, noch die
Geſchichte dieſer Erfindung etwas ausfuͤhrlicher hier zu er-
oͤrtern. *)
§. 1209.
Es ſind naͤmlich zwar ſchon von Rueff (1554) ja ſo-
gar bereits von Avicenna Kopfzangen beſchrieben worden,
welche indeß ſaͤmmtlich Steinzangen nicht unaͤhnlich waren,
und verletzend wirken mußten, daher auch mit der wahren
Geburtszange gar nicht verglichen werden, duͤrfen. Wahr-
ſcheinlich iſt es hingegen daß das Geheimmittel, wodurch Cham-
berlaine gegen Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts ſchwere
Geburten erleichtern zu koͤnnen vorgab, die Geburtszange ge-
weſen ſey, und eine neuere Nachricht **) macht dieſes faſt zur
*) Weitlaͤufiger abgehandelt ſehe man dieſen Gegenſtand in: J. Mul-
der Geſchichte der Zangen und Hebel, uͤberſetzt von Schlegel.
Leipz. 1798. und
Hinze Verſuch einer chronologiſchen Ueberſicht aller fuͤr die
Geburtshuͤlfe erfundener Werkzeuge. Liegnitz u. Leipzig 1794.
**) In d. Salzburg. med. chir. Zeitung 1809. I. Nro. 7. wird aus
den Medico-chirurgical Transactions publ. by. the Lond. M. ch.
Soc. Vol. IX. p. I. die Nachricht mitgetheilt, daß man in einem
ehemals von P. Chamberlaine beſeſſenen Hauſe, in einem verbor-
genen Fache mehrere Hebel und Zangen vorgefunden habe.
II. Theil. 22
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Carus, Carl Gustav: Lehrbuch der Gynäkologie. Bd. 2. Leipzig, 1820, S. 337. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/carus_gynaekologie02_1820/361>, abgerufen am 28.02.2025.
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