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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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1. Abschnitt.
Die Verfassun-
gen.
Neben dieser Berechnung des äußern Daseins geht
aber jene fortlaufende Schilderung des politischen Lebens
einher, von welcher oben die Rede war. Florenz durchlebt
nicht nur mehr politische Formen und Schattirungen, son-
dern es giebt auch unverhältnißmäßig mehr Rechenschaft
davon als andere freie Staaten Italiens und des Abend-
landes überhaupt. Es ist der vollständigste Spiegel des
Verhältnisses von Menschenklassen und einzelnen Menschen
zu einem wandelbaren Allgemeinen. Die Bilder der gro-
ßen bürgerlichen Demagogien in Frankreich und Flandern,
wie sie Froissart entwirft, die Erzählungen unserer deutschen
Chroniken des XIV. Jahrhunderts sind wahrlich bedeu-

Für Florenz kommen Angaben ganz exceptioneller Art vor,
welche nicht zu durchschnittlichen Schlüssen führen. So jene An-
leihen fremder Fürsten, die wohl nur auf ein oder wenige Häuser
lauten, factisch aber große Compagniegeschäfte waren[.] So auch jene
enorme Besteuerung unterliegender Parteien; wie z. B. von 1430
bis 1453 von 77 Familien 4,875,000 Goldgulden bezahlt wurden.
(Varchi III, p. 115, s.)
Das Vermögen des Giovanni Medici betrug bei dessen Tode
(1428) 179,221 Goldgulden, aber von seinen beiden Söhnen Co-
simo und Lorenzo hinterließ der letztere allein bei seinem Tode (1440)
bereits 235,137. (Fabroni, Laur. Med., Adnot. 2.)
Von dem allgemeinen Schwung des Erwerbes zeugt es z. B.
daß schon im XIV. Jahrh. die 44 Goldschmiedebuden auf Ponte
vecchio dem Staat 800 Goldgulden Jahresmiethe eintrugen. (Va-
sari II, 114, v. di Taddeo Gaddi.
) -- Das Tagebuch des Buo-
naccorso Pitti (bei Delecluze, Florence et ses vicissitudes,
vol. II.
) ist voll Zahlenangaben, welche indeß nur im Allgemeinen
die hohen Preise aller Dinge und den geringen Geldwerth beweisen.
Für Rom geben natürlich die Einnahmen der Curie, da sie
europäisch waren, gar keinen Maßstab; auch ist den Angaben über
päpstliche Schätze und Cardinalsvermögen wenig zu trauen. Der
bekannte Banquier Agostino Chigi hinterließ (1520) eine Gesammt-
habe im Werth von 800,000 Ducati. (Lettere pittoriche, I.
Append.
48.)

1. Abſchnitt.
Die Verfaſſun-
gen.
Neben dieſer Berechnung des äußern Daſeins geht
aber jene fortlaufende Schilderung des politiſchen Lebens
einher, von welcher oben die Rede war. Florenz durchlebt
nicht nur mehr politiſche Formen und Schattirungen, ſon-
dern es giebt auch unverhältnißmäßig mehr Rechenſchaft
davon als andere freie Staaten Italiens und des Abend-
landes überhaupt. Es iſt der vollſtändigſte Spiegel des
Verhältniſſes von Menſchenklaſſen und einzelnen Menſchen
zu einem wandelbaren Allgemeinen. Die Bilder der gro-
ßen bürgerlichen Demagogien in Frankreich und Flandern,
wie ſie Froiſſart entwirft, die Erzählungen unſerer deutſchen
Chroniken des XIV. Jahrhunderts ſind wahrlich bedeu-

Für Florenz kommen Angaben ganz exceptioneller Art vor,
welche nicht zu durchſchnittlichen Schlüſſen führen. So jene An-
leihen fremder Fürſten, die wohl nur auf ein oder wenige Häuſer
lauten, factiſch aber große Compagniegeſchäfte waren[.] So auch jene
enorme Beſteuerung unterliegender Parteien; wie z. B. von 1430
bis 1453 von 77 Familien 4,875,000 Goldgulden bezahlt wurden.
(Varchi III, p. 115, s.)
Das Vermögen des Giovanni Medici betrug bei deſſen Tode
(1428) 179,221 Goldgulden, aber von ſeinen beiden Söhnen Co-
ſimo und Lorenzo hinterließ der letztere allein bei ſeinem Tode (1440)
bereits 235,137. (Fabroni, Laur. Med., Adnot. 2.)
Von dem allgemeinen Schwung des Erwerbes zeugt es z. B.
daß ſchon im XIV. Jahrh. die 44 Goldſchmiedebuden auf Ponte
vecchio dem Staat 800 Goldgulden Jahresmiethe eintrugen. (Va-
sari II, 114, v. di Taddeo Gaddi.
) — Das Tagebuch des Buo-
naccorſo Pitti (bei Delécluze, Florence et ses vicissitudes,
vol. II.
) iſt voll Zahlenangaben, welche indeß nur im Allgemeinen
die hohen Preiſe aller Dinge und den geringen Geldwerth beweiſen.
Für Rom geben natürlich die Einnahmen der Curie, da ſie
europäiſch waren, gar keinen Maßſtab; auch iſt den Angaben über
päpſtliche Schätze und Cardinalsvermögen wenig zu trauen. Der
bekannte Banquier Agoſtino Chigi hinterließ (1520) eine Geſammt-
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Append.
48.)
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[82/0092] Neben dieſer Berechnung des äußern Daſeins geht aber jene fortlaufende Schilderung des politiſchen Lebens einher, von welcher oben die Rede war. Florenz durchlebt nicht nur mehr politiſche Formen und Schattirungen, ſon- dern es giebt auch unverhältnißmäßig mehr Rechenſchaft davon als andere freie Staaten Italiens und des Abend- landes überhaupt. Es iſt der vollſtändigſte Spiegel des Verhältniſſes von Menſchenklaſſen und einzelnen Menſchen zu einem wandelbaren Allgemeinen. Die Bilder der gro- ßen bürgerlichen Demagogien in Frankreich und Flandern, wie ſie Froiſſart entwirft, die Erzählungen unſerer deutſchen Chroniken des XIV. Jahrhunderts ſind wahrlich bedeu- 1) 1. Abſchnitt. Die Verfaſſun- gen. 1) Für Florenz kommen Angaben ganz exceptioneller Art vor, welche nicht zu durchſchnittlichen Schlüſſen führen. So jene An- leihen fremder Fürſten, die wohl nur auf ein oder wenige Häuſer lauten, factiſch aber große Compagniegeſchäfte waren. So auch jene enorme Beſteuerung unterliegender Parteien; wie z. B. von 1430 bis 1453 von 77 Familien 4,875,000 Goldgulden bezahlt wurden. (Varchi III, p. 115, s.) Das Vermögen des Giovanni Medici betrug bei deſſen Tode (1428) 179,221 Goldgulden, aber von ſeinen beiden Söhnen Co- ſimo und Lorenzo hinterließ der letztere allein bei ſeinem Tode (1440) bereits 235,137. (Fabroni, Laur. Med., Adnot. 2.) Von dem allgemeinen Schwung des Erwerbes zeugt es z. B. daß ſchon im XIV. Jahrh. die 44 Goldſchmiedebuden auf Ponte vecchio dem Staat 800 Goldgulden Jahresmiethe eintrugen. (Va- sari II, 114, v. di Taddeo Gaddi.) — Das Tagebuch des Buo- naccorſo Pitti (bei Delécluze, Florence et ses vicissitudes, vol. II.) iſt voll Zahlenangaben, welche indeß nur im Allgemeinen die hohen Preiſe aller Dinge und den geringen Geldwerth beweiſen. Für Rom geben natürlich die Einnahmen der Curie, da ſie europäiſch waren, gar keinen Maßſtab; auch iſt den Angaben über päpſtliche Schätze und Cardinalsvermögen wenig zu trauen. Der bekannte Banquier Agoſtino Chigi hinterließ (1520) eine Geſammt- habe im Werth von 800,000 Ducati. (Lettere pittoriche, I. Append. 48.)

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 82. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/92>, abgerufen am 28.09.2020.