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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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Diese statistische Betrachtung der Dinge hat sich in der1. Abschnitt.
Verbindung
von Statistik u.
Cultur.

Folge bei den Florentinern auf das Reichste ausgebildet;
das Schöne dabei ist, daß sie den Zusammenhang mit dem
Geschichtlichen im höhern Sinne, mit der allgemeinen Cul-
tur und mit der Kunst in der Regel durchblicken lassen.
Eine Aufzeichnung vom Jahre 1422 1) berührt mit einem
und demselben Federzug die 72 Wechselbuden rings um den
Mercato nuovo, die Summe des Baarverkehres (2 Mill.
Goldgulden), die damals neue Industrie des gesponnenen
Goldes, die Seidenstoffe, den Filippo Brunellesco, der die
alte Architectur wieder aus der Erde hervorgräbt, und den
Lionardo Aretino, Secretär der Republik, welcher die antike
Literatur und Beredsamkeit wieder erweckt; endlich das all-
gemeine Wohlergehen der damals politisch ruhigen Stadt
und das Glück Italiens, das sich der fremden Soldtruppen
entledigt hatte. Jene oben (S. 71) angeführte Statistik
von Venedig, die fast aus demselben Jahre stammt, offen-
bart freilich einen viel größern Besitz, Erwerb und Schau-
platz; Venedig beherrscht schon lange die Meere mit seinen
Schiffen, während Florenz (1422) seine erste eigene Galeere
(nach Alessandria) aussendet. Allein wer erkennt nicht in
der florentinischen Aufzeichnung den höhern Geist? Solche
und ähnliche Notizen finden sich hier von Jahrzehnd zu
Jahrzehnd, und zwar schon in Uebersichten geordnet, wäh-
rend anderwärts im besten Falle einzelne Aussagen vor-
handen sind. Wir lernen das Vermögen und die Geschäfte
der ersten Medici approximativ kennen; sie gaben an Al-Der Reichthum
der Medici.

mosen, öffentlichen Bauten und Steuern von 1434 bis 1471
nicht weniger als 663,755 Goldgulden aus, wovon auf
Cosimo allein über 400,000 kamen 2), und Lorenzo magnifico

1) Ex annalibus Ceretani, bei Fabroni, Magni Cosmi vita,
Adnot.
34.
2) Ricordi des Lorenzo, bei Fabroni, Laur. Med. magnifici vita,
Adnot.
2 und 25. -- Paul. Jovius: Elogia, Cosmus.

Dieſe ſtatiſtiſche Betrachtung der Dinge hat ſich in der1. Abſchnitt.
Verbindung
von Statiſtik u.
Cultur.

Folge bei den Florentinern auf das Reichſte ausgebildet;
das Schöne dabei iſt, daß ſie den Zuſammenhang mit dem
Geſchichtlichen im höhern Sinne, mit der allgemeinen Cul-
tur und mit der Kunſt in der Regel durchblicken laſſen.
Eine Aufzeichnung vom Jahre 1422 1) berührt mit einem
und demſelben Federzug die 72 Wechſelbuden rings um den
Mercato nuovo, die Summe des Baarverkehres (2 Mill.
Goldgulden), die damals neue Induſtrie des geſponnenen
Goldes, die Seidenſtoffe, den Filippo Brunellesco, der die
alte Architectur wieder aus der Erde hervorgräbt, und den
Lionardo Aretino, Secretär der Republik, welcher die antike
Literatur und Beredſamkeit wieder erweckt; endlich das all-
gemeine Wohlergehen der damals politiſch ruhigen Stadt
und das Glück Italiens, das ſich der fremden Soldtruppen
entledigt hatte. Jene oben (S. 71) angeführte Statiſtik
von Venedig, die faſt aus demſelben Jahre ſtammt, offen-
bart freilich einen viel größern Beſitz, Erwerb und Schau-
platz; Venedig beherrſcht ſchon lange die Meere mit ſeinen
Schiffen, während Florenz (1422) ſeine erſte eigene Galeere
(nach Aleſſandria) ausſendet. Allein wer erkennt nicht in
der florentiniſchen Aufzeichnung den höhern Geiſt? Solche
und ähnliche Notizen finden ſich hier von Jahrzehnd zu
Jahrzehnd, und zwar ſchon in Ueberſichten geordnet, wäh-
rend anderwärts im beſten Falle einzelne Ausſagen vor-
handen ſind. Wir lernen das Vermögen und die Geſchäfte
der erſten Medici approximativ kennen; ſie gaben an Al-Der Reichthum
der Medici.

moſen, öffentlichen Bauten und Steuern von 1434 bis 1471
nicht weniger als 663,755 Goldgulden aus, wovon auf
Coſimo allein über 400,000 kamen 2), und Lorenzo magnifico

1) Ex annalibus Ceretani, bei Fabroni, Magni Cosmi vita,
Adnot.
34.
2) Ricordi des Lorenzo, bei Fabroni, Laur. Med. magnifici vita,
Adnot.
2 und 25. — Paul. Jovius: Elogia, Cosmus.
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[79/0089] Dieſe ſtatiſtiſche Betrachtung der Dinge hat ſich in der Folge bei den Florentinern auf das Reichſte ausgebildet; das Schöne dabei iſt, daß ſie den Zuſammenhang mit dem Geſchichtlichen im höhern Sinne, mit der allgemeinen Cul- tur und mit der Kunſt in der Regel durchblicken laſſen. Eine Aufzeichnung vom Jahre 1422 1) berührt mit einem und demſelben Federzug die 72 Wechſelbuden rings um den Mercato nuovo, die Summe des Baarverkehres (2 Mill. Goldgulden), die damals neue Induſtrie des geſponnenen Goldes, die Seidenſtoffe, den Filippo Brunellesco, der die alte Architectur wieder aus der Erde hervorgräbt, und den Lionardo Aretino, Secretär der Republik, welcher die antike Literatur und Beredſamkeit wieder erweckt; endlich das all- gemeine Wohlergehen der damals politiſch ruhigen Stadt und das Glück Italiens, das ſich der fremden Soldtruppen entledigt hatte. Jene oben (S. 71) angeführte Statiſtik von Venedig, die faſt aus demſelben Jahre ſtammt, offen- bart freilich einen viel größern Beſitz, Erwerb und Schau- platz; Venedig beherrſcht ſchon lange die Meere mit ſeinen Schiffen, während Florenz (1422) ſeine erſte eigene Galeere (nach Aleſſandria) ausſendet. Allein wer erkennt nicht in der florentiniſchen Aufzeichnung den höhern Geiſt? Solche und ähnliche Notizen finden ſich hier von Jahrzehnd zu Jahrzehnd, und zwar ſchon in Ueberſichten geordnet, wäh- rend anderwärts im beſten Falle einzelne Ausſagen vor- handen ſind. Wir lernen das Vermögen und die Geſchäfte der erſten Medici approximativ kennen; ſie gaben an Al- moſen, öffentlichen Bauten und Steuern von 1434 bis 1471 nicht weniger als 663,755 Goldgulden aus, wovon auf Coſimo allein über 400,000 kamen 2), und Lorenzo magnifico 1. Abſchnitt. Verbindung von Statiſtik u. Cultur. Der Reichthum der Medici. 1) Ex annalibus Ceretani, bei Fabroni, Magni Cosmi vita, Adnot. 34. 2) Ricordi des Lorenzo, bei Fabroni, Laur. Med. magnifici vita, Adnot. 2 und 25. — Paul. Jovius: Elogia, Cosmus.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 79. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/89>, abgerufen am 29.09.2020.