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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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1. Abschnitt.Vergleich mit dem Jammer, den nachher die Truppen der
Fremden über Italien brachten; besonders jene Spanier,
in welchen vielleicht ein nicht abendländischer Zusatz des
Geblütes, vielleicht die Gewöhnung an die Schauspiele der
Inquisition die teuflische Seite der Natur entfesselt hatte.
Wer sie kennen lernt bei ihren Gräuelthaten von Prato,
Rom u. s. w., hat es später schwer, sich für Ferdinand den
Catholischen und Carl V. in höherm Sinne zu interessiren.
Diese haben ihre Horden gekannt und dennoch losgelassen.
Die Last von Acten aus ihrem Cabinet, welche allmälig
zum Vorschein kömmt, mag eine Quelle der wichtigsten
Notizen bleiben -- einen belebenden politischen Gedanken
wird Niemand mehr in den Scripturen solcher Fürsten
suchen.


Das Papst-
thum.
Papstthum und Kirchenstaat 1), als eine ganz aus-
nahmsweise Schöpfung, haben uns bisher, bei der Fest-
stellung des Characters italienischer Staaten überhaupt,
nur beiläufig beschäftigt. Gerade das, was sonst diese
Staaten interessant macht, die bewußte Steigerung und
Concentration der Machtmittel, findet sich im Kirchenstaat
am wenigsten, indem hier die geistliche Macht die mangel-
hafte Ausbildung der weltlichen unaufhörlich decken und
ersetzen hilft. Welche Feuerproben hat der so constituirte
Staat im XIV. und beginnenden XV. Jahrhundert aus-
gehalten! Als das Papstthum nach Südfrankreich gefangen
geführt wurde, ging Anfangs Alles aus den Fugen, aber
Avignon hatte Geld, Truppen und einen großen Staats-
und Kriegsmann, der den Kirchenstaat wieder völlig unter-
warf, den Spanier Albornoz. Noch viel größer war die

1) Ein für allemal ist hier auf Ranke's Päpste, Bd. I, und auf Su-
genheim, Geschichte der Entstehung und Ausbildung des Kirchenstaates,
zu verweisen.

1. Abſchnitt.Vergleich mit dem Jammer, den nachher die Truppen der
Fremden über Italien brachten; beſonders jene Spanier,
in welchen vielleicht ein nicht abendländiſcher Zuſatz des
Geblütes, vielleicht die Gewöhnung an die Schauſpiele der
Inquiſition die teufliſche Seite der Natur entfeſſelt hatte.
Wer ſie kennen lernt bei ihren Gräuelthaten von Prato,
Rom u. ſ. w., hat es ſpäter ſchwer, ſich für Ferdinand den
Catholiſchen und Carl V. in höherm Sinne zu intereſſiren.
Dieſe haben ihre Horden gekannt und dennoch losgelaſſen.
Die Laſt von Acten aus ihrem Cabinet, welche allmälig
zum Vorſchein kömmt, mag eine Quelle der wichtigſten
Notizen bleiben — einen belebenden politiſchen Gedanken
wird Niemand mehr in den Scripturen ſolcher Fürſten
ſuchen.


Das Papſt-
thum.
Papſtthum und Kirchenſtaat 1), als eine ganz aus-
nahmsweiſe Schöpfung, haben uns bisher, bei der Feſt-
ſtellung des Characters italieniſcher Staaten überhaupt,
nur beiläufig beſchäftigt. Gerade das, was ſonſt dieſe
Staaten intereſſant macht, die bewußte Steigerung und
Concentration der Machtmittel, findet ſich im Kirchenſtaat
am wenigſten, indem hier die geiſtliche Macht die mangel-
hafte Ausbildung der weltlichen unaufhörlich decken und
erſetzen hilft. Welche Feuerproben hat der ſo conſtituirte
Staat im XIV. und beginnenden XV. Jahrhundert aus-
gehalten! Als das Papſtthum nach Südfrankreich gefangen
geführt wurde, ging Anfangs Alles aus den Fugen, aber
Avignon hatte Geld, Truppen und einen großen Staats-
und Kriegsmann, der den Kirchenſtaat wieder völlig unter-
warf, den Spanier Albornoz. Noch viel größer war die

1) Ein für allemal iſt hier auf Ranke's Päpſte, Bd. I, und auf Su-
genheim, Geſchichte der Entſtehung und Ausbildung des Kirchenſtaates,
zu verweiſen.
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[102/0112] Vergleich mit dem Jammer, den nachher die Truppen der Fremden über Italien brachten; beſonders jene Spanier, in welchen vielleicht ein nicht abendländiſcher Zuſatz des Geblütes, vielleicht die Gewöhnung an die Schauſpiele der Inquiſition die teufliſche Seite der Natur entfeſſelt hatte. Wer ſie kennen lernt bei ihren Gräuelthaten von Prato, Rom u. ſ. w., hat es ſpäter ſchwer, ſich für Ferdinand den Catholiſchen und Carl V. in höherm Sinne zu intereſſiren. Dieſe haben ihre Horden gekannt und dennoch losgelaſſen. Die Laſt von Acten aus ihrem Cabinet, welche allmälig zum Vorſchein kömmt, mag eine Quelle der wichtigſten Notizen bleiben — einen belebenden politiſchen Gedanken wird Niemand mehr in den Scripturen ſolcher Fürſten ſuchen. 1. Abſchnitt. Papſtthum und Kirchenſtaat 1), als eine ganz aus- nahmsweiſe Schöpfung, haben uns bisher, bei der Feſt- ſtellung des Characters italieniſcher Staaten überhaupt, nur beiläufig beſchäftigt. Gerade das, was ſonſt dieſe Staaten intereſſant macht, die bewußte Steigerung und Concentration der Machtmittel, findet ſich im Kirchenſtaat am wenigſten, indem hier die geiſtliche Macht die mangel- hafte Ausbildung der weltlichen unaufhörlich decken und erſetzen hilft. Welche Feuerproben hat der ſo conſtituirte Staat im XIV. und beginnenden XV. Jahrhundert aus- gehalten! Als das Papſtthum nach Südfrankreich gefangen geführt wurde, ging Anfangs Alles aus den Fugen, aber Avignon hatte Geld, Truppen und einen großen Staats- und Kriegsmann, der den Kirchenſtaat wieder völlig unter- warf, den Spanier Albornoz. Noch viel größer war die Das Papſt- thum. 1) Ein für allemal iſt hier auf Ranke's Päpſte, Bd. I, und auf Su- genheim, Geſchichte der Entſtehung und Ausbildung des Kirchenſtaates, zu verweiſen.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 102. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/112>, abgerufen am 29.09.2020.