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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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Die Rothe Stadt. XVII.
Verkehr mit den höchsten chinesischen Behörden und das Recht,
bei besonderem Anlass einen diplomatischen Agenten nach Pe-kin
zu senden. -- Als die Alliirten 1860 gegen die chinesische Haupt-
stadt marschirten, war General Ignatief dort als russischer Ge-
sandter anwesend. Ueber dessen vermittelnde Theilnahme am Frie-
densschluss hat der Verfasser ebensowenig Klarheit gewinnen können,
als über den wirklichen Inhalt des von demselben damals ab-
geschlossenen Vertrages, dessen russischer und chinesischer Text
wesentlich von einander abweichen sollen. Ueber die darin stipu-
lirte wichtige Gebietsabtretung, welche Russland einen im Winter
eisfreien Hafen sichert, äusserte sich der Prinz von Kun sehr bitter
gegen englische Diplomaten.

Ueber das Innere der Rothen Stadt giebt es aus den ver-
gangenen Jahrhunderten Berichte, deren Zuverlässigkeit der Ver-
fasser weder bestätigen noch anfechten kann. Ein lebendiges Bild
lässt sich daraus nicht gewinnen; Vieles ist sicher übertrieben. Bei
der Vorliebe, welche die letzten Kaiser für Yuan-min-yuan zeigten,
lässt sich annehmen, dass der Palast von Pe-kin ähnlich verwahr-
lost ist wie andere öffentliche Gebäude; das bestätigen auch die
Aussagen der Chinesen: nur diejenigen Räume seien leidlich er-
halten, welche der Kaiser jährlich während einiger Wochen be-
wohne. Von der Südmauer der Tartarenstadt sieht man das Portal
und mehrere grosse Gebäude, welche, in der Hauptflucht der ganzen
Anlage stehend, denen des englischen Gesandtschaftspalastes gleichen.
Ihre Dimensionen sind gewaltig; das bedeutendste soll die kaiser-
liche Audienzhalle sein; durch das Fernrohr gesehen, scheinen sie
nicht besonders erhalten. Rechts und links von den breiten Ave-
nuen, welche diese Paläste verbinden, stehen Reihen niedriger Ge-
bäude. Alle übrigen Theile der Rothen Stadt verbergen dichte
Wipfel, aus welchen hier und da ein mächtiges goldgelbes Ziegel-
dach hervorsieht. Nur kaiserliche Gebäude und Lamatempel ge-
niessen das Vorrecht der gelben Bedachtung. -- Den breiten schilf-
bewachsenen Wassergraben fasst zu beiden Seiten eine Granit-
wandung ein, auf welcher jenseit die rothe Mauer, richtiger das
um die ganze Verbotene Stadt laufende einstöckige Gebäude fusst.
Auf den Nordecken stehen, wie gesagt, grosse Pavillons mit ver-
schränkten gelben Ziegeldächern, in der Mitte der nördlichen Front
ein mächtiges Portal. Die Ost- und die Westseite bilden endlose

Die Rothe Stadt. XVII.
Verkehr mit den höchsten chinesischen Behörden und das Recht,
bei besonderem Anlass einen diplomatischen Agenten nach Pe-kiṅ
zu senden. — Als die Alliirten 1860 gegen die chinesische Haupt-
stadt marschirten, war General Ignatief dort als russischer Ge-
sandter anwesend. Ueber dessen vermittelnde Theilnahme am Frie-
densschluss hat der Verfasser ebensowenig Klarheit gewinnen können,
als über den wirklichen Inhalt des von demselben damals ab-
geschlossenen Vertrages, dessen russischer und chinesischer Text
wesentlich von einander abweichen sollen. Ueber die darin stipu-
lirte wichtige Gebietsabtretung, welche Russland einen im Winter
eisfreien Hafen sichert, äusserte sich der Prinz von Kuṅ sehr bitter
gegen englische Diplomaten.

Ueber das Innere der Rothen Stadt giebt es aus den ver-
gangenen Jahrhunderten Berichte, deren Zuverlässigkeit der Ver-
fasser weder bestätigen noch anfechten kann. Ein lebendiges Bild
lässt sich daraus nicht gewinnen; Vieles ist sicher übertrieben. Bei
der Vorliebe, welche die letzten Kaiser für Yuaṅ-miṅ-yuaṅ zeigten,
lässt sich annehmen, dass der Palast von Pe-kiṅ ähnlich verwahr-
lost ist wie andere öffentliche Gebäude; das bestätigen auch die
Aussagen der Chinesen: nur diejenigen Räume seien leidlich er-
halten, welche der Kaiser jährlich während einiger Wochen be-
wohne. Von der Südmauer der Tartarenstadt sieht man das Portal
und mehrere grosse Gebäude, welche, in der Hauptflucht der ganzen
Anlage stehend, denen des englischen Gesandtschaftspalastes gleichen.
Ihre Dimensionen sind gewaltig; das bedeutendste soll die kaiser-
liche Audienzhalle sein; durch das Fernrohr gesehen, scheinen sie
nicht besonders erhalten. Rechts und links von den breiten Ave-
nuen, welche diese Paläste verbinden, stehen Reihen niedriger Ge-
bäude. Alle übrigen Theile der Rothen Stadt verbergen dichte
Wipfel, aus welchen hier und da ein mächtiges goldgelbes Ziegel-
dach hervorsieht. Nur kaiserliche Gebäude und Lamatempel ge-
niessen das Vorrecht der gelben Bedachtung. — Den breiten schilf-
bewachsenen Wassergraben fasst zu beiden Seiten eine Granit-
wandung ein, auf welcher jenseit die rothe Mauer, richtiger das
um die ganze Verbotene Stadt laufende einstöckige Gebäude fusst.
Auf den Nordecken stehen, wie gesagt, grosse Pavillons mit ver-
schränkten gelben Ziegeldächern, in der Mitte der nördlichen Front
ein mächtiges Portal. Die Ost- und die Westseite bilden endlose

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[132/0146] Die Rothe Stadt. XVII. Verkehr mit den höchsten chinesischen Behörden und das Recht, bei besonderem Anlass einen diplomatischen Agenten nach Pe-kiṅ zu senden. — Als die Alliirten 1860 gegen die chinesische Haupt- stadt marschirten, war General Ignatief dort als russischer Ge- sandter anwesend. Ueber dessen vermittelnde Theilnahme am Frie- densschluss hat der Verfasser ebensowenig Klarheit gewinnen können, als über den wirklichen Inhalt des von demselben damals ab- geschlossenen Vertrages, dessen russischer und chinesischer Text wesentlich von einander abweichen sollen. Ueber die darin stipu- lirte wichtige Gebietsabtretung, welche Russland einen im Winter eisfreien Hafen sichert, äusserte sich der Prinz von Kuṅ sehr bitter gegen englische Diplomaten. Ueber das Innere der Rothen Stadt giebt es aus den ver- gangenen Jahrhunderten Berichte, deren Zuverlässigkeit der Ver- fasser weder bestätigen noch anfechten kann. Ein lebendiges Bild lässt sich daraus nicht gewinnen; Vieles ist sicher übertrieben. Bei der Vorliebe, welche die letzten Kaiser für Yuaṅ-miṅ-yuaṅ zeigten, lässt sich annehmen, dass der Palast von Pe-kiṅ ähnlich verwahr- lost ist wie andere öffentliche Gebäude; das bestätigen auch die Aussagen der Chinesen: nur diejenigen Räume seien leidlich er- halten, welche der Kaiser jährlich während einiger Wochen be- wohne. Von der Südmauer der Tartarenstadt sieht man das Portal und mehrere grosse Gebäude, welche, in der Hauptflucht der ganzen Anlage stehend, denen des englischen Gesandtschaftspalastes gleichen. Ihre Dimensionen sind gewaltig; das bedeutendste soll die kaiser- liche Audienzhalle sein; durch das Fernrohr gesehen, scheinen sie nicht besonders erhalten. Rechts und links von den breiten Ave- nuen, welche diese Paläste verbinden, stehen Reihen niedriger Ge- bäude. Alle übrigen Theile der Rothen Stadt verbergen dichte Wipfel, aus welchen hier und da ein mächtiges goldgelbes Ziegel- dach hervorsieht. Nur kaiserliche Gebäude und Lamatempel ge- niessen das Vorrecht der gelben Bedachtung. — Den breiten schilf- bewachsenen Wassergraben fasst zu beiden Seiten eine Granit- wandung ein, auf welcher jenseit die rothe Mauer, richtiger das um die ganze Verbotene Stadt laufende einstöckige Gebäude fusst. Auf den Nordecken stehen, wie gesagt, grosse Pavillons mit ver- schränkten gelben Ziegeldächern, in der Mitte der nördlichen Front ein mächtiges Portal. Die Ost- und die Westseite bilden endlose

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 132. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/146>, abgerufen am 18.10.2019.