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Baumgart, Hermann: Handbuch der Poetik. Eine kritisch-theoretische Darstellung der Theorie der Dichtkunst. Stuttgart, 1887.

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das Land", oder welche man will, es ergibt sich immer dasselbe Verhältnis.

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Zum Beweise diene ein Lied, welches auf den ersten Blick dem pba_027.004
Lessingschen Begriff von Handlung auf das vollkommenste zu entsprechen pba_027.005
scheint: "Auf dem See."

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Und frische Nahrung, neues Blut pba_027.007
Saug' ich aus freier Welt; pba_027.008
Wie ist Natur so hold und gut, pba_027.009
Die mich am Busen hält! pba_027.010
Die Welle wieget unsern Kahn pba_027.011
Jm Rudertakt hinauf, pba_027.012
Und Berge, wolkig himmelan pba_027.013
Begegnen unserm Lauf.
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Aug', mein Aug', was sinkst du nieder? pba_027.015
Goldne Träume, kommt ihr wieder? pba_027.016
Weg, du Traum, so gold du bist! pba_027.017
Hier auch Lieb' und Leben ist.
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Auf der Welle blinken pba_027.019
Tausend schwebende Sterne; pba_027.020
Weiche Nebel trinken pba_027.021
Rings die türmende Ferne; pba_027.022
Morgenwind umflügelt pba_027.023
Die beschattete Bucht, pba_027.024
Und im See bespiegelt pba_027.025
Sich die reifende Frucht.

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Hier ist erstlich die äußere Handlung der Fahrt auf dem See und pba_027.027
neben ihr und mit ihr verschlungen die innere des Streites der Empfindungen pba_027.028
und des Obsiegens des freudigen Naturgefühls; dazu ist in pba_027.029
dem entzückenden Landschaftsbilde, das sich vor uns entrollt, in dieser pba_027.030
Succession von Worten, deren jedes dem Bilde einen neuen Zug hinzufügt, pba_027.031
jeder dieser einzelnen Züge auf das kunstreichste in einem kleinen pba_027.032
Bewegungsvorgange für sich zur Anschauung gebracht, von der den Kahn pba_027.033
im Rudertakt "dahinwiegenden" Welle bis zu dem die Bucht "umflügelnden" pba_027.034
Morgenwinde und den Früchten, die im See sich "bespiegeln".

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Nun ist es doch aber ganz ohne Frage dieses Bild nicht, bei pba_027.036
aller seiner Schönheit, um dessentwillen Goethe jenes Lied gesungen hat; pba_027.037
und wie will man von dem Gesichtspunkte aus, daß sein Gegenstand eine pba_027.038
"Handlung" sei, ohne pedantischen Zwang zu einer einheitlichen Auffassung pba_027.039
desselben gelangen?

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Wir wissen, Goethe hat das Lied am 15. Juni 1775 auf dem pba_027.041
Züricher See gedichtet, nachdem er mit liebeerfülltem Herzen von Lili

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und des Obsiegens des freudigen Naturgefühls; dazu ist in pba_027.029
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jeder dieser einzelnen Züge auf das kunstreichste in einem kleinen pba_027.032
Bewegungsvorgange für sich zur Anschauung gebracht, von der den Kahn pba_027.033
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Nun ist es doch aber ganz ohne Frage dieses Bild nicht, bei pba_027.036
aller seiner Schönheit, um dessentwillen Goethe jenes Lied gesungen hat; pba_027.037
und wie will man von dem Gesichtspunkte aus, daß sein Gegenstand eine pba_027.038
„Handlung“ sei, ohne pedantischen Zwang zu einer einheitlichen Auffassung pba_027.039
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Zitationshilfe: Baumgart, Hermann: Handbuch der Poetik. Eine kritisch-theoretische Darstellung der Theorie der Dichtkunst. Stuttgart, 1887, S. 27. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/baumgart_poetik_1887/45>, abgerufen am 21.05.2019.