Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Barclay, John (Übers. Martin Opitz): Johann Barclaÿens Argenis Deutsch gemacht durch Martin Opitzen. Breslau, 1626.

Bild:
<< vorherige Seite

Das Erste Buch.
was das sie albereit haben vnd besitzen. Diese grosse
Gewaldt aber kompt entweder daher/ daß die Ge-
wonheit solches zu glauben mehr wächset/ vnd täg-
lich grösseren Nachdruck vberkompt/ oder entsprin-
get auß einem vnvorsehn Anfall/ der hefftig vnd geh-
ling vnter Augen kömpt/ vnd die schon angereitzeten
Gemüter gleichsam als mit einem Schwindel er-
füllet. Aber/ möchtet jhr zu mir sagen/ warumb
werden diese krancke Gemüter von einem solchen
Vngewitter nicht gäntzlich verkehret? Das geschie-
het jnen mehrmals; bißweilen aber ist es nur an dem/
daß die blosse Beschawung desselben Dinges/ wel-
ches solchen Leuten zu hefftig im Sinne gelegen/ jrret.
Dann wie die Glieder so von sich selber schwach
sind/ zum off[t]ern die schärffe der herabfliessenden
Feuchtigkeitten also an sich ziehen/ daß in den vbri-
gen gesunden Theilen nichts böses mehr vbrig blei-
bet; So auch dieser Heraleon/ vnd andere die seinen
lustigen Blödigkeit gesellen geben/ nach dem das La-
ster jhrer Sinnen auff einer Lust alleine beruhet/ dar-
durch sie etwas vbriges begehren musten/ so sehen sie
andere Sachen mit grösserer Beständigkeit vnd fast
ohn alle Bewegung an/ erkennen sie/ vnd leben
Menschlicher weise gemäß: daß sich viel verwun-
dern/ daß ein solche Vernunfft die Thorheit nicht
verzehrt/ oder daß diese jene nicht verdunckelt. Ihr
köndtet auch diß sagen/ hub Meleander darzu an/
daß kein Mensch von dieser Art der Narrheit befreyt
verblieben. Dann wer ist es/ der jhm in seinem Kopff

nicht
J

Das Erſte Buch.
was das ſie albereit haben vnd beſitzen. Dieſe groſſe
Gewaldt aber kompt entweder daher/ daß die Ge-
wonheit ſolches zu glauben mehr waͤchſet/ vnd taͤg-
lich groͤſſeren Nachdruck vberkompt/ oder entſprin-
get auß einem vnvorſehn Anfall/ der hefftig vñ geh-
ling vnter Augen koͤmpt/ vnd die ſchon angereitzeten
Gemuͤter gleichſam als mit einem Schwindel er-
fuͤllet. Aber/ moͤchtet jhr zu mir ſagen/ warumb
werden dieſe krancke Gemuͤter von einem ſolchen
Vngewitter nicht gaͤntzlich verkehret? Das geſchie-
het jnen mehrmals; bißweilen aber iſt es nur an dem/
daß die bloſſe Beſchawung deſſelben Dinges/ wel-
ches ſolchen Leutẽ zu hefftig im Sinne gelegen/ jrꝛet.
Dann wie die Glieder ſo von ſich ſelber ſchwach
ſind/ zum off[t]ern die ſchaͤrffe der herabflieſſenden
Feuchtigkeitten alſo an ſich ziehen/ daß in den vbri-
gen geſunden Theilen nichts boͤſes mehr vbrig blei-
bet; So auch dieſer Heraleon/ vnd andere die ſeinen
luſtigen Bloͤdigkeit geſellen geben/ nach dem das La-
ſter jhrer Sinnen auff einer Luſt alleine beruhet/ dar-
durch ſie etwas vbriges begehren muſten/ ſo ſehen ſie
andere Sachen mit groͤſſerer Beſtaͤndigkeit vnd faſt
ohn alle Bewegung an/ erkennen ſie/ vnd leben
Menſchlicher weiſe gemaͤß: daß ſich viel verwun-
dern/ daß ein ſolche Vernunfft die Thorheit nicht
verzehrt/ oder daß dieſe jene nicht verdunckelt. Ihr
koͤndtet auch diß ſagen/ hub Meleander darzu an/
daß kein Menſch von dieſer Art der Narꝛheit befreyt
verblieben. Dann wer iſt es/ der jhm in ſeinem Kopff

nicht
J
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0173" n="129"/><fw place="top" type="header">Das Er&#x017F;te Buch.</fw><lb/>
was das &#x017F;ie albereit haben vnd be&#x017F;itzen. Die&#x017F;e gro&#x017F;&#x017F;e<lb/>
Gewaldt aber kompt entweder daher/ daß die Ge-<lb/>
wonheit &#x017F;olches zu glauben mehr wa&#x0364;ch&#x017F;et/ vnd ta&#x0364;g-<lb/>
lich gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;eren Nachdruck vberkompt/ oder ent&#x017F;prin-<lb/>
get auß einem vnvor&#x017F;ehn Anfall/ der hefftig vn&#x0303; geh-<lb/>
ling vnter Augen ko&#x0364;mpt/ vnd die &#x017F;chon angereitzeten<lb/>
Gemu&#x0364;ter gleich&#x017F;am als mit einem Schwindel er-<lb/>
fu&#x0364;llet. Aber/ mo&#x0364;chtet jhr zu mir &#x017F;agen/ warumb<lb/>
werden die&#x017F;e krancke Gemu&#x0364;ter von einem &#x017F;olchen<lb/>
Vngewitter nicht ga&#x0364;ntzlich verkehret? Das ge&#x017F;chie-<lb/>
het jnen mehrmals; bißweilen aber i&#x017F;t es nur an dem/<lb/>
daß die blo&#x017F;&#x017F;e Be&#x017F;chawung de&#x017F;&#x017F;elben Dinges/ wel-<lb/>
ches &#x017F;olchen Leute&#x0303; zu hefftig im Sinne gelegen/ jr&#xA75B;et.<lb/>
Dann wie die Glieder &#x017F;o von &#x017F;ich &#x017F;elber &#x017F;chwach<lb/>
&#x017F;ind/ zum off<supplied>t</supplied>ern die &#x017F;cha&#x0364;rffe der herabflie&#x017F;&#x017F;enden<lb/>
Feuchtigkeitten al&#x017F;o an &#x017F;ich ziehen/ daß in den vbri-<lb/>
gen ge&#x017F;unden Theilen nichts bo&#x0364;&#x017F;es mehr vbrig blei-<lb/>
bet; So auch die&#x017F;er Heraleon/ vnd andere die &#x017F;einen<lb/>
lu&#x017F;tigen Blo&#x0364;digkeit ge&#x017F;ellen geben/ nach dem das La-<lb/>
&#x017F;ter jhrer Sinnen auff einer Lu&#x017F;t alleine beruhet/ dar-<lb/>
durch &#x017F;ie etwas vbriges begehren mu&#x017F;ten/ &#x017F;o &#x017F;ehen &#x017F;ie<lb/>
andere Sachen mit gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;erer Be&#x017F;ta&#x0364;ndigkeit vnd fa&#x017F;t<lb/>
ohn alle Bewegung an/ erkennen &#x017F;ie/ vnd leben<lb/>
Men&#x017F;chlicher wei&#x017F;e gema&#x0364;ß: daß &#x017F;ich viel verwun-<lb/>
dern/ daß ein &#x017F;olche Vernunfft die Thorheit nicht<lb/>
verzehrt/ oder daß die&#x017F;e jene nicht verdunckelt. Ihr<lb/>
ko&#x0364;ndtet auch diß &#x017F;agen/ hub Meleander darzu an/<lb/>
daß kein Men&#x017F;ch von die&#x017F;er Art der Nar&#xA75B;heit befreyt<lb/>
verblieben. Dann wer i&#x017F;t es/ der jhm in &#x017F;einem Kopff<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">J</fw><fw place="bottom" type="catch">nicht</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[129/0173] Das Erſte Buch. was das ſie albereit haben vnd beſitzen. Dieſe groſſe Gewaldt aber kompt entweder daher/ daß die Ge- wonheit ſolches zu glauben mehr waͤchſet/ vnd taͤg- lich groͤſſeren Nachdruck vberkompt/ oder entſprin- get auß einem vnvorſehn Anfall/ der hefftig vñ geh- ling vnter Augen koͤmpt/ vnd die ſchon angereitzeten Gemuͤter gleichſam als mit einem Schwindel er- fuͤllet. Aber/ moͤchtet jhr zu mir ſagen/ warumb werden dieſe krancke Gemuͤter von einem ſolchen Vngewitter nicht gaͤntzlich verkehret? Das geſchie- het jnen mehrmals; bißweilen aber iſt es nur an dem/ daß die bloſſe Beſchawung deſſelben Dinges/ wel- ches ſolchen Leutẽ zu hefftig im Sinne gelegen/ jrꝛet. Dann wie die Glieder ſo von ſich ſelber ſchwach ſind/ zum offtern die ſchaͤrffe der herabflieſſenden Feuchtigkeitten alſo an ſich ziehen/ daß in den vbri- gen geſunden Theilen nichts boͤſes mehr vbrig blei- bet; So auch dieſer Heraleon/ vnd andere die ſeinen luſtigen Bloͤdigkeit geſellen geben/ nach dem das La- ſter jhrer Sinnen auff einer Luſt alleine beruhet/ dar- durch ſie etwas vbriges begehren muſten/ ſo ſehen ſie andere Sachen mit groͤſſerer Beſtaͤndigkeit vnd faſt ohn alle Bewegung an/ erkennen ſie/ vnd leben Menſchlicher weiſe gemaͤß: daß ſich viel verwun- dern/ daß ein ſolche Vernunfft die Thorheit nicht verzehrt/ oder daß dieſe jene nicht verdunckelt. Ihr koͤndtet auch diß ſagen/ hub Meleander darzu an/ daß kein Menſch von dieſer Art der Narꝛheit befreyt verblieben. Dann wer iſt es/ der jhm in ſeinem Kopff nicht J

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/barclay_argenis_1626
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/barclay_argenis_1626/173
Zitationshilfe: Barclay, John (Übers. Martin Opitz): Johann Barclaÿens Argenis Deutsch gemacht durch Martin Opitzen. Breslau, 1626, S. 129. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/barclay_argenis_1626/173>, abgerufen am 05.08.2020.