Componist oft eine besondere Schönheit angebracht hat, durch eine Unrichtigkeit verdorben würde. In dergleichen Fällen ist der erste Anfänger der Führer, und wenn es auch die Bratsche trift.
§. 12.
Die Noten, welche in eine Schlußcadenz einleiten, werden stark vorgetragen, wenn es auch nicht ausdrücklich ange- deutet ist. Man giebet der Hauptstimme dadurch zu verstehen, daß man eine verzierte Cadenz erwarte, und daß man deswegen anhalten werde. Dieses Zeichen ist besonders bey dem Allegro nothwen- dig, weil die verzierten Cadenzen bey dem Adagio mehr einge- führet sind, als bey jenem. Die Hauptstimme pfleget oft in diesem Falle die letzten Noten vor der Schlußcadenz durch ein schlep- pendes Forte vorzutragen, damit die Begleiter vorher wissen, daß die Cadenz verzieret werden soll.
§. 13.
Wenn die Hauptstimme eine lange Aushaltung hat, welche nach den Regeln des guten Vortrages mit einem Pianißimo anfängt, bis auf ein Fortißimo allmählig anwächset, und wieder nach und nach bis auf ein Pianißimo abnimmt: so richtet sich der Begleiter hiernach auf das genaueste. Er wendet alle Künste, das Forte und Piano herauszubringen, so viel ihm möglich ist, an. Er wächst und fällt zugleich mit; nicht mehr, nicht weniger.
§. 14.
Bey Gelegenheit der abgestossenen und gezoge- nen Noten merken wir an, daß man bey den Accorden, wozu die Grundnoten nicht ausdrücklich abgestossen werden sollen, nicht nöthig hat, alle Stimmen auf das neue anzuschlagen. Die In- tervallen, welche im vorhergehenden Accorde schon da sind, und im darauf folgenden liegen bleiben können, lässet man liegen. Durch diesen Vortrag, wenn er zumal mit fliessenden Progres- sionen in der besten Lage vergesellschaftet ist, erhält die Begleitung eine singende Wirkung. Bey gezogenen Noten ist er unentbehr- lich. Aus dieser guten Ursache sind die meisten Exempel dieses
Buches
Bachs Versuch. 2. Theil. J i
Vom Vortrage.
Componiſt oft eine beſondere Schönheit angebracht hat, durch eine Unrichtigkeit verdorben würde. In dergleichen Fällen iſt der erſte Anfänger der Führer, und wenn es auch die Bratſche trift.
§. 12.
Die Noten, welche in eine Schlußcadenz einleiten, werden ſtark vorgetragen, wenn es auch nicht ausdrücklich ange- deutet iſt. Man giebet der Hauptſtimme dadurch zu verſtehen, daß man eine verzierte Cadenz erwarte, und daß man deswegen anhalten werde. Dieſes Zeichen iſt beſonders bey dem Allegro nothwen- dig, weil die verzierten Cadenzen bey dem Adagio mehr einge- führet ſind, als bey jenem. Die Hauptſtimme pfleget oft in dieſem Falle die letzten Noten vor der Schlußcadenz durch ein ſchlep- pendes Forte vorzutragen, damit die Begleiter vorher wiſſen, daß die Cadenz verzieret werden ſoll.
§. 13.
Wenn die Hauptſtimme eine lange Aushaltung hat, welche nach den Regeln des guten Vortrages mit einem Pianißimo anfängt, bis auf ein Fortißimo allmählig anwächſet, und wieder nach und nach bis auf ein Pianißimo abnimmt: ſo richtet ſich der Begleiter hiernach auf das genaueſte. Er wendet alle Künſte, das Forte und Piano herauszubringen, ſo viel ihm möglich iſt, an. Er wächſt und fällt zugleich mit; nicht mehr, nicht weniger.
§. 14.
Bey Gelegenheit der abgeſtoſſenen und gezoge- nen Noten merken wir an, daß man bey den Accorden, wozu die Grundnoten nicht ausdrücklich abgeſtoſſen werden ſollen, nicht nöthig hat, alle Stimmen auf das neue anzuſchlagen. Die In- tervallen, welche im vorhergehenden Accorde ſchon da ſind, und im darauf folgenden liegen bleiben können, läſſet man liegen. Durch dieſen Vortrag, wenn er zumal mit flieſſenden Progreſ- ſionen in der beſten Lage vergeſellſchaftet iſt, erhält die Begleitung eine ſingende Wirkung. Bey gezogenen Noten iſt er unentbehr- lich. Aus dieſer guten Urſache ſind die meiſten Exempel dieſes
Buches
Bachs Verſuch. 2. Theil. J i
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><p><pbfacs="#f0259"n="249"/><fwplace="top"type="header"><hirendition="#b">Vom Vortrage.</hi></fw><lb/>
Componiſt oft eine beſondere Schönheit angebracht hat, durch<lb/>
eine Unrichtigkeit verdorben würde. In dergleichen Fällen iſt der<lb/>
erſte Anfänger der Führer, und wenn es auch die Bratſche trift.</p></div><lb/><divn="2"><head>§. 12.</head><p>Die Noten, welche in eine Schlußcadenz einleiten,<lb/>
werden ſtark vorgetragen, wenn es auch nicht ausdrücklich ange-<lb/>
deutet iſt. Man giebet der Hauptſtimme dadurch zu verſtehen, daß<lb/>
man eine verzierte Cadenz erwarte, und daß man deswegen anhalten<lb/>
werde. Dieſes Zeichen iſt beſonders bey dem Allegro nothwen-<lb/>
dig, weil die verzierten Cadenzen bey dem Adagio mehr einge-<lb/>
führet ſind, als bey jenem. Die Hauptſtimme pfleget oft in dieſem<lb/>
Falle die letzten Noten vor der Schlußcadenz durch ein ſchlep-<lb/>
pendes Forte vorzutragen, damit die Begleiter vorher wiſſen, daß<lb/>
die Cadenz verzieret werden ſoll.</p></div><lb/><divn="2"><head>§. 13.</head><p>Wenn die Hauptſtimme eine lange Aushaltung hat,<lb/>
welche nach den Regeln des guten Vortrages mit einem Pianißimo<lb/>
anfängt, bis auf ein Fortißimo allmählig anwächſet, und wieder<lb/>
nach und nach bis auf ein Pianißimo abnimmt: ſo richtet ſich der<lb/>
Begleiter hiernach auf das genaueſte. Er wendet alle Künſte,<lb/>
das Forte und Piano herauszubringen, ſo viel ihm möglich iſt,<lb/>
an. Er wächſt und fällt zugleich mit; nicht mehr, nicht weniger.</p></div><lb/><divn="2"><head>§. 14.</head><p>Bey Gelegenheit der <hirendition="#fr">abgeſtoſſenen</hi> und <hirendition="#fr">gezoge-<lb/>
nen Noten</hi> merken wir an, daß man bey den Accorden, wozu<lb/>
die Grundnoten nicht ausdrücklich abgeſtoſſen werden ſollen, nicht<lb/>
nöthig hat, alle Stimmen auf das neue anzuſchlagen. Die In-<lb/>
tervallen, welche im vorhergehenden Accorde ſchon da ſind, und<lb/>
im darauf folgenden liegen bleiben können, läſſet man liegen.<lb/>
Durch dieſen Vortrag, wenn er zumal mit flieſſenden Progreſ-<lb/>ſionen in der beſten Lage vergeſellſchaftet iſt, erhält die Begleitung<lb/>
eine ſingende Wirkung. Bey gezogenen Noten iſt er unentbehr-<lb/>
lich. Aus dieſer guten Urſache ſind die meiſten Exempel dieſes<lb/><fwplace="bottom"type="sig"><hirendition="#fr">Bachs Verſuch. 2. Theil.</hi> J i</fw><fwplace="bottom"type="catch">Buches</fw><lb/></p></div></div></body></text></TEI>
[249/0259]
Vom Vortrage.
Componiſt oft eine beſondere Schönheit angebracht hat, durch
eine Unrichtigkeit verdorben würde. In dergleichen Fällen iſt der
erſte Anfänger der Führer, und wenn es auch die Bratſche trift.
§. 12. Die Noten, welche in eine Schlußcadenz einleiten,
werden ſtark vorgetragen, wenn es auch nicht ausdrücklich ange-
deutet iſt. Man giebet der Hauptſtimme dadurch zu verſtehen, daß
man eine verzierte Cadenz erwarte, und daß man deswegen anhalten
werde. Dieſes Zeichen iſt beſonders bey dem Allegro nothwen-
dig, weil die verzierten Cadenzen bey dem Adagio mehr einge-
führet ſind, als bey jenem. Die Hauptſtimme pfleget oft in dieſem
Falle die letzten Noten vor der Schlußcadenz durch ein ſchlep-
pendes Forte vorzutragen, damit die Begleiter vorher wiſſen, daß
die Cadenz verzieret werden ſoll.
§. 13. Wenn die Hauptſtimme eine lange Aushaltung hat,
welche nach den Regeln des guten Vortrages mit einem Pianißimo
anfängt, bis auf ein Fortißimo allmählig anwächſet, und wieder
nach und nach bis auf ein Pianißimo abnimmt: ſo richtet ſich der
Begleiter hiernach auf das genaueſte. Er wendet alle Künſte,
das Forte und Piano herauszubringen, ſo viel ihm möglich iſt,
an. Er wächſt und fällt zugleich mit; nicht mehr, nicht weniger.
§. 14. Bey Gelegenheit der abgeſtoſſenen und gezoge-
nen Noten merken wir an, daß man bey den Accorden, wozu
die Grundnoten nicht ausdrücklich abgeſtoſſen werden ſollen, nicht
nöthig hat, alle Stimmen auf das neue anzuſchlagen. Die In-
tervallen, welche im vorhergehenden Accorde ſchon da ſind, und
im darauf folgenden liegen bleiben können, läſſet man liegen.
Durch dieſen Vortrag, wenn er zumal mit flieſſenden Progreſ-
ſionen in der beſten Lage vergeſellſchaftet iſt, erhält die Begleitung
eine ſingende Wirkung. Bey gezogenen Noten iſt er unentbehr-
lich. Aus dieſer guten Urſache ſind die meiſten Exempel dieſes
Buches
Bachs Verſuch. 2. Theil. J i
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Bach, Carl Philipp Emanuel: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen. Bd. 2. Berlin, 1762, S. 249. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bach_versuch02_1762/259>, abgerufen am 22.02.2025.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2025 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
(Kontakt).
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2025. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.