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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
man erinnert sich zunächst an das lied auf die Gesundheit von Ariphron,
das die Hellenen nach dem essen sangen: ihre art 'gesegnete mahlzeit'
zu sagen; sie waren eben religiöser gestimmt als wir. aber die art, von
der anrufung an eine gottheit auszugehn, ist der alten lyrik überhaupt
eigen. so tut es Pindar mit Tyche, Theia, Eileithyia, die wenig mehr
religiöse persönlichkeit haben als Hygieia und Areta. noch stärker ist
die ähnlichkeit mit den liedern an das Gold und die Weisheit bei Diodor
37, 30, die eben aus später lyrik stammen. Aristoteles bewegt sich auch
hier in den festen formen der zeitgenössischen poesie. das gilt für den
ganzen stil; es ist der des dithyrambos, mit Aristoteles zu reden, und
die probe dieser so bedauerlich wenig kenntlichen poesie ist für uns als
solche interessant.

Das versmass in dem ganzen körper des gedichtes ist ein sehr ein-
fach gehaltenes daktyloepitritisches. nur das erste und letzte glied sind
aeolischer herkunft; es schliesst, durch synaphie gebunden, der alkaische
zehnsylbler, und er beginnt auch, aber um einen vorschlag von zwei kürzen
vermehrt, wenn man will, eine aeolische basis. natürlich bezeichne ich
so nur die erscheinungsform der zeilen, die man beliebig benennen
mag. die ganze weise, solche glieder anzustücken, ist nichts befrem-
dendes. sie hat in dem ithyphallikus der tragischen strophen daktylo-
epitritischen masses ihr analogon, und ich könnte leicht noch mehr bei-
bringen. selbst der strenge Pindar beginnt die daktyloepitriten von Nem. 8
und 10 mit einem aeolischen gliede. abgesondert hat aber auch Ari-
stoteles die erste zeile als fremdartig, denn die zweite allein hat eine
vorschlagssylbe. die schlusssylben der glieder sind überwiegend lang.
katalexen sind sehr selten, und wenn Pindar das daktylische glied als
dimeter trimeter tetrameter gibt, so steht hier nur einmal ein katalek-
tischer dimeter, der auch als anaklasis des epitriten gelten kann, sonst
immer der gewöhnliche trimeter. zweifelhaft ist nur die auffassung eines
gliedes in v. 12.

Areta polumokhthe genei broteio
therama kalliston bio,
sas peri parthene morphas
kai thanein zelotos en Elladi potmos
5 kai ponous tlenai malerous akamantas
toion epi phrena balleis
karpon isathanaton khrusou te kreisso
kai goneon malakaugetoio th upnou.
seu d enekh oi Dios, Eraklees Ledas te kouroi,

III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
man erinnert sich zunächst an das lied auf die Gesundheit von Ariphron,
das die Hellenen nach dem essen sangen: ihre art ‘gesegnete mahlzeit’
zu sagen; sie waren eben religiöser gestimmt als wir. aber die art, von
der anrufung an eine gottheit auszugehn, ist der alten lyrik überhaupt
eigen. so tut es Pindar mit Tyche, Theia, Eileithyia, die wenig mehr
religiöse persönlichkeit haben als Hygieia und Areta. noch stärker ist
die ähnlichkeit mit den liedern an das Gold und die Weisheit bei Diodor
37, 30, die eben aus später lyrik stammen. Aristoteles bewegt sich auch
hier in den festen formen der zeitgenössischen poesie. das gilt für den
ganzen stil; es ist der des dithyrambos, mit Aristoteles zu reden, und
die probe dieser so bedauerlich wenig kenntlichen poesie ist für uns als
solche interessant.

Das versmaſs in dem ganzen körper des gedichtes ist ein sehr ein-
fach gehaltenes daktyloepitritisches. nur das erste und letzte glied sind
aeolischer herkunft; es schlieſst, durch synaphie gebunden, der alkaische
zehnsylbler, und er beginnt auch, aber um einen vorschlag von zwei kürzen
vermehrt, wenn man will, eine aeolische basis. natürlich bezeichne ich
so nur die erscheinungsform der zeilen, die man beliebig benennen
mag. die ganze weise, solche glieder anzustücken, ist nichts befrem-
dendes. sie hat in dem ithyphallikus der tragischen strophen daktylo-
epitritischen maſses ihr analogon, und ich könnte leicht noch mehr bei-
bringen. selbst der strenge Pindar beginnt die daktyloepitriten von Nem. 8
und 10 mit einem aeolischen gliede. abgesondert hat aber auch Ari-
stoteles die erste zeile als fremdartig, denn die zweite allein hat eine
vorschlagssylbe. die schluſssylben der glieder sind überwiegend lang.
katalexen sind sehr selten, und wenn Pindar das daktylische glied als
dimeter trimeter tetrameter gibt, so steht hier nur einmal ein katalek-
tischer dimeter, der auch als anaklasis des epitriten gelten kann, sonst
immer der gewöhnliche trimeter. zweifelhaft ist nur die auffassung eines
gliedes in v. 12.

Ἀϱετὰ πολύμοχϑε γένει βϱοτείῳ
ϑήϱαμα κάλλιστον βίῳ,
σᾶς πέϱι παϱϑένε μοϱφᾶς
καὶ ϑανεῖν ζηλωτὸς ἐν Ἑλλάδι πότμος
5 καὶ πόνους τλῆναι μαλεϱοὺς ἀκάμαντας
τοῖον ἐπὶ φϱένα βάλλεις
καϱπὸν ἰσαϑάνατον χϱυσοῦ τε κϱείσσω
καὶ γονέων μαλακαυγήτοιό ϑ̕ ὕπνου.
σεῦ δ̕ ἕνεχ̕ οἱ Διός, Ἡϱακλέης Λήδας τε κοῦϱοι,
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[406/0416] III. 15. Die gedichte des Aristoteles. man erinnert sich zunächst an das lied auf die Gesundheit von Ariphron, das die Hellenen nach dem essen sangen: ihre art ‘gesegnete mahlzeit’ zu sagen; sie waren eben religiöser gestimmt als wir. aber die art, von der anrufung an eine gottheit auszugehn, ist der alten lyrik überhaupt eigen. so tut es Pindar mit Tyche, Theia, Eileithyia, die wenig mehr religiöse persönlichkeit haben als Hygieia und Areta. noch stärker ist die ähnlichkeit mit den liedern an das Gold und die Weisheit bei Diodor 37, 30, die eben aus später lyrik stammen. Aristoteles bewegt sich auch hier in den festen formen der zeitgenössischen poesie. das gilt für den ganzen stil; es ist der des dithyrambos, mit Aristoteles zu reden, und die probe dieser so bedauerlich wenig kenntlichen poesie ist für uns als solche interessant. Das versmaſs in dem ganzen körper des gedichtes ist ein sehr ein- fach gehaltenes daktyloepitritisches. nur das erste und letzte glied sind aeolischer herkunft; es schlieſst, durch synaphie gebunden, der alkaische zehnsylbler, und er beginnt auch, aber um einen vorschlag von zwei kürzen vermehrt, wenn man will, eine aeolische basis. natürlich bezeichne ich so nur die erscheinungsform der zeilen, die man beliebig benennen mag. die ganze weise, solche glieder anzustücken, ist nichts befrem- dendes. sie hat in dem ithyphallikus der tragischen strophen daktylo- epitritischen maſses ihr analogon, und ich könnte leicht noch mehr bei- bringen. selbst der strenge Pindar beginnt die daktyloepitriten von Nem. 8 und 10 mit einem aeolischen gliede. abgesondert hat aber auch Ari- stoteles die erste zeile als fremdartig, denn die zweite allein hat eine vorschlagssylbe. die schluſssylben der glieder sind überwiegend lang. katalexen sind sehr selten, und wenn Pindar das daktylische glied als dimeter trimeter tetrameter gibt, so steht hier nur einmal ein katalek- tischer dimeter, der auch als anaklasis des epitriten gelten kann, sonst immer der gewöhnliche trimeter. zweifelhaft ist nur die auffassung eines gliedes in v. 12. Ἀϱετὰ πολύμοχϑε γένει βϱοτείῳ ϑήϱαμα κάλλιστον βίῳ, σᾶς πέϱι παϱϑένε μοϱφᾶς καὶ ϑανεῖν ζηλωτὸς ἐν Ἑλλάδι πότμος 5 καὶ πόνους τλῆναι μαλεϱοὺς ἀκάμαντας τοῖον ἐπὶ φϱένα βάλλεις καϱπὸν ἰσαϑάνατον χϱυσοῦ τε κϱείσσω καὶ γονέων μαλακαυγήτοιό ϑ̕ ὕπνου. σεῦ δ̕ ἕνεχ̕ οἱ Διός, Ἡϱακλέης Λήδας τε κοῦϱοι,

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 406. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/416>, abgerufen am 21.09.2019.