Haben wir die ästhetische Weltanschauung als eine Offenbarung der Geschichte angesprochen, un¬ serer Zeit aber eine solche abgesprochen, so müssen wir dessenungeachtet das Zugeständniß machen, daß das ästhetische Gefühl auch zu unserer Zeit An¬ sprüche mache, Urtheile fälle, zu Handlungen reize, Befriedigung suche. Wir schreiben uns einen Ge¬ schmack zu, um eine schöne That von einer häßli¬ chen zu unterscheiden, um eine Sudelei nicht mit einem Meisterwerk zu verwechseln; und sind wir selbst die Handelnden und die Künstler, so trach¬ ten wir bei unsern Handlungen und Produktionen sowohl nach eigenem, als nach fremdem Beifall, und suchen das Mißfallende nach Kräften zu ver¬ meiden. Was also unterscheidet uns und unsere
Zehnte Vorleſung.
Haben wir die aͤſthetiſche Weltanſchauung als eine Offenbarung der Geſchichte angeſprochen, un¬ ſerer Zeit aber eine ſolche abgeſprochen, ſo muͤſſen wir deſſenungeachtet das Zugeſtaͤndniß machen, daß das aͤſthetiſche Gefuͤhl auch zu unſerer Zeit An¬ ſpruͤche mache, Urtheile faͤlle, zu Handlungen reize, Befriedigung ſuche. Wir ſchreiben uns einen Ge¬ ſchmack zu, um eine ſchoͤne That von einer haͤßli¬ chen zu unterſcheiden, um eine Sudelei nicht mit einem Meiſterwerk zu verwechſeln; und ſind wir ſelbſt die Handelnden und die Kuͤnſtler, ſo trach¬ ten wir bei unſern Handlungen und Produktionen ſowohl nach eigenem, als nach fremdem Beifall, und ſuchen das Mißfallende nach Kraͤften zu ver¬ meiden. Was alſo unterſcheidet uns und unſere
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Zehnte Vorleſung.
Haben wir die aͤſthetiſche Weltanſchauung als
eine Offenbarung der Geſchichte angeſprochen, un¬
ſerer Zeit aber eine ſolche abgeſprochen, ſo muͤſſen
wir deſſenungeachtet das Zugeſtaͤndniß machen, daß
das aͤſthetiſche Gefuͤhl auch zu unſerer Zeit An¬
ſpruͤche mache, Urtheile faͤlle, zu Handlungen reize,
Befriedigung ſuche. Wir ſchreiben uns einen Ge¬
ſchmack zu, um eine ſchoͤne That von einer haͤßli¬
chen zu unterſcheiden, um eine Sudelei nicht mit
einem Meiſterwerk zu verwechſeln; und ſind wir
ſelbſt die Handelnden und die Kuͤnſtler, ſo trach¬
ten wir bei unſern Handlungen und Produktionen
ſowohl nach eigenem, als nach fremdem Beifall,
und ſuchen das Mißfallende nach Kraͤften zu ver¬
meiden. Was alſo unterſcheidet uns und unſere
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Wienbarg, Ludolf: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet. Hamburg, 1834, S. 140. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wienbarg_feldzuege_1834/154>, abgerufen am 21.11.2024.
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